Kapitel I

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Das silbermetallic glänzende Cabrio fuhr mit konstant 80 Meilen über die Route 95. Mittlerweile waren die beiden Personen schon über elf Stunden auf ihrer langen Reise unterwegs. Die Sonne brannte vom Himmel und je mehr sie in Richtung Süden kamen, umso drückender wurde es auch. Aber der frische Fahrtwind, der den beiden Studenten um die Ohren wehte, brachte ein wenig Erfrischung und Abkühlung und sorgte dafür, dass ihnen der Schweiß nicht auf der Stirn stand, wie es sonst sicher der Fall gewesen wäre.

Es war ein Sommer, wie es schon so einige zuvor gegeben hatte, zumindest seitdem die beiden Studierenden die University of Pennsylvania besuchten. Immer zu Beginn der Semesterferien lud Jesse seine beste Freundin Sunny zu sich ins Auto ein und zusammen machten sie sich auf den knapp dreizehn Stunden langen Weg zurück in ihre Heimat – nach Sunbury.

Hier waren sie beide groß geworden, zusammen mit ihren Freunden Jude und Tyler hatten sie eine schöne Viererclique gebildet, die so manchen Schabernack getrieben und in dem Provinzdorf so einiges an Aufsehen erregt hatte. Sie waren bekannt und berüchtigt, obwohl auch viele Dinge, die auf ihrem Mist gewachsen waren durchaus ihre guten Seiten gehabt hatten, wie zum Beispiel das regelmäßige Einkaufen für die älteren Bewohner. Aber junge Leute wurden in dem Ort eben immer ein wenig schief angesehen und da reichte es eben auch schon mal aus, wenn sie einfach ein wenig im Park rumgehangen hatten und im Grunde genommen eigentlich nur einen netten Abend verleben wollten. Aber das gehörte sich halt schon nicht in den Augen der Kleinstadtbewohner. Aber die Vier standen über dem Ganzen und ließen sich ihren Spaß nicht nehmen. Außerdem gab es ja auch noch genug Bewohner im Ort, die wussten, wie nett und hilfsbereit das kleine Grüppchen dann doch noch war. Zumal Jesse auch noch der Sohn des Bürgermeisters war. So einer durfte sich ja schon allein aus Prestigegründen nichts erlauben. Dafür würde der Denay senior sicher schon sorgen. Und so war es letztendlich auch.

Alle Vier hatten ihren Weg gemacht oder genauer gesagt, sie waren gerade dabei etwas Vernünftiges aus ihrem Leben zu machen. Auch wenn sich leider daraufhin die Wege der jungen Leute getrennt hatten. Jesse hatte zusammen mit Sunny ein Studium in Pennsylvania begonnen, er im Bereich Medizin, sie im Bereich Kunst und Tyler und Jude hatte es ganz bis ins Ferne Oklahoma verschlagen und auch die Studienrichtungen unterschieden sich von den der anderen Beiden. Diesmal hatte sich der Mann für Journalismus und die Frau für Architektur entschieden, was wiederum davon zeugte, wie unterschiedlich doch die einzelnen Personen waren, trotz der jahrelangen Freundschaft. Aber wahrscheinlich verstanden sie sich auch gerade deswegen so gut, weil sich einfach die verschiedenen Charaktere so gut miteinander verbanden. Daher war es wohl auch nicht weiter verwunderlich dass sich die beiden blonden Personen, die gerade den Highway entlang fuhren, schon auf die studienfreie Zeit freuten und auf viel, viel Spaß, den sie mit ihren beiden Freunden wieder in der sonnigen Kleinstadt an der Atlantikküste haben würden.

„Hey, nur noch eine gute Stunde und wir sind da", sprach Jesse seine Beifahrerin an, die gerade wieder von einem kleinen Nickerchen erwacht war und lächelte zu der jungen Frau freundlich herüber, die so niedlich aussah, wenn sie sich wie ein kleines Kätzchen reckte. „Echt? Herrlich. So langsam spür' ich nämlich jeden einzelnen Knochen", erklang es daher leicht verschlafen von dem Blondschopf, dem es regelmäßig ein wenig anders in der Gegenwart ihres besten Freundes wurde. Sunny wusste schon gar nicht mehr seit wann sie eigentlich für den Medizinstudenten schwärmte, aber es waren sicher schon so einige Jahre in denen sie niemals den Mut gefunden hatte ihm ihre Gefühle zu gestehen. Aber diesen Sommer sollte alles anders werden. Diesen Sommer würde sie mit der Sprache rausrücken damit es ein unvergessliches Ende nehmen würde.

Während Jesse und Sunny ihre Reise in die Geburtsstadt, die viel eher die Bezeichnung 'Kaff' verdiente, in einem extravaganten silbernen Wagen bestritten, so wie man es von dem Sohn des Bürgermeisters auch nur erwarten konnte, musste ja schließlich auch das Ansehen gewahrt werden, hatten Tyler und Jude beschlossen mit einem etwas unkomfortableren Fortbewegungsmittel ihren Weg ins eigentliche Heim zu finden: Mit dem Zug. Dies bedeutete eine sehr lange Fahrt, in der man trotz erheblicher Langeweile seine Aufmerksamkeit auf das Richtige legen musste um diverse Umsteigemöglichkeiten nicht zu verpassen und somit zu verhindern, dass die gesamte Reisedauer sich noch einmal verdoppelte. Beschweren würden sich die beiden Studenten allerdings nicht. Das kam ihnen gar nicht in den Sinn, denn auch wenn viele wohl schon alleine bei dem Gedanken ächzend Aufstöhnen würden, so konnten Tyler und Jude zwar nicht behaupten, dass ihre Gefühle für diese anstrengende Fahrt entschieden anders waren, doch vertraten die beiden jungen Leute eine Einstellung, die andere viel zu leicht aus den Augen verloren: Man konnte aus allem etwas Positives machen. Man konnte selbst aus einer nervtötenden und langweiligen Zugfahrt, die an den eigenen Kräften zehrte, eine wunderbare kleine Reise machen, die man genoss. Aufgrund von Spaß und unterhaltsamer Zweisamkeit, die wohl nur von einem liebenden Pärchen wirklich verstanden werden konnte.

Tyler und Jude waren schon zusammen gekommen als sie beide noch zusammen mit Jesse und Sunny um die Häuser Sunburys gezogen waren und reichlich Schabernack, aber auch Wohltätigkeiten, getrieben hatten. Tyler war Jesses bester Freund gewesen und Jude Sunnys beste Freundin. Nachdem es zwischen Tyler und Jude geknistert hatte war es wohl unvermeidbar gewesen, dass die vier jungen Leute zu einer Einheit verschmolzen, die sich in Notzeiten unterstützte und in Zeiten der Freude diese miteinander teilte. Dass ihre Viererclique in dem kleinen Küstenort relativ schnell an Popularität gewonnen hatte, obgleich sie bei weitem nicht die einzigen Jugendlichen gewesen waren, hatte ohne Zweifel an der prominenten Beteiligung in Form von Jesse Denay gelegen, denn wer wollte es schließlich nicht gut mit dem Sohn des Bürgermeisters halten, doch im Grunde genommen waren sie alle untereinander gleichberechtigt gewesen. Eben ein Verband, der zusammen hielt und den man noch nicht einmal mit einem Bolzenschneider hätte trennen können. Zumindest hatten sie dies immer gerne behauptet.

Ein amüsiertes Kichern hallte durch das Abteil, das abgesehen von zwei jungen Leuten keine Menschenseele beherbergte. Man könnte sogar denken, dass der gesamte Zug nur diese beiden durch die Gegend kutschierte, näherten sie sich doch allmählich der Endstation. Midway, im lieblichen Georgia. Im Grunde genommen war es das Ende der richtigen Zivilisation, begann hinter der Route 95 doch eine absolute Einöde. Zumindest in jener Richtung in die Tyler und Jude wollten.

"Du Spinner!" Ein kurzer Stubser ließ Tyler leicht mit dem verstaubten Abteilfenster kollidieren, so dass das weiße Shirt leichte graue Striemen an den entsprechenden Stellen davon trug. "Du kannst doch kein Buch darüber schreiben!" Ein verblüffter und zur gleichen Zeit auch etwas unverständlicher Blick traf den Dunkelhaarigen und erneut musste er die Nettigkeit eines Stubsers von seiner langjährigen Freundin über sich ergehen lassen, was allerdings nicht mit einer Beschwerde beantwortet wurde, sondern mit einem herzlichen Lachen über das Unverständnis Judes. "Warum denn nicht", erwiderte er mit einem ausgewachsenen Grinsen im Gesicht, das ihm vom einen Ohr zum anderen reichte. Etwas, das nicht ungewöhnlich für den jungen Mann war, wäre es doch eher besorgniserregend gewesen wenn kein zumindest Lächeln seine Lippen belagert hätte. So war Tyler eben. Humorvoll, aktiv und bei einer Party wohl der erste der vor der Tür stand. So war es vielleicht auch verständlich, dass nur die wenigsten glaubten, dass der 23jährige als ernsthafter Journalist Fuß fassen konnte. Aber wie es aussah überlegte sich Tyler momentan ohnehin eher eigenständiger Autor zu werden.

"Und wenn ich mit dem Buch Erfolg habe, dann scheffle ich Millionen, wenn nicht sogar Milliarden. Und dann kauf ich uns ein hübsches Strandhaus in Los Angeles, wo wir dann Tür an Tür mit Stars wie Tom Cruise, Angelina Jolie und Brad Pitt wohnen werden." Es war schwer zu sagen ob Tyler gerade einen seiner Witze riss oder dies vollkommen ernst meinte, doch für Jude war dies bloße Nebensächlichkeit. Auf ihrem Gesicht bildete sich ein Lächeln, geboren aus Amüsement und unendlicher Sympathie für eben diesen durchgeknallten Journalisten in Spe. "Solange Tom uns dann nicht zu den Scientologen schleppt hab' ich nichts dagegen", ertönten ihre Worte während sich ihre Arme um Tylers Hals legten und sie sich auf seinen Schoß zog. Ihre Gesichter trennten nur noch wenige Zentimeter, so dass der jeweils andere den heißen Atem seines Gegenübers spüren konnte. Grüne Augen trafen blaue. "Versprichst du es mir?"

Das Einsetzen der Bremsen machte sich durch einen leichten Sog bemerkbar, der die beiden jungen Leute etwas nach vorne zog, so dass Jude beinahe von Tylers Knien gerutscht wäre, hätte dieser sie nicht in einer sicheren Umarmung gehalten, die entweder beide auf den Sitzen gehalten oder sie beide auf den nicht gerade sauberen Boden des Zugabteils befördert hätte. Ersteres war der Fall. "Wir sind da", drückte sich Tyler geschickt vor der Ableistung eines Versprechens, wobei er sich geschwind aus dem Griff der jungen Frau befreite um, mitsamt der beiden Reisetaschen, das Abteil, und schließlich auch den Zug zu verlassen. Jude konnte ihm nur leicht Kopf schüttelnd folgen.

Das gleißende Licht, dass von oben auf sie herab schien als sie den Zug verließen brannte in den Augen der beiden Studenten, so dass Jude kurzerhand ihre Sonnenbrille von ihrem Kopf auf ihre Nase fallen ließ, wohingegen Tyler lediglich seine Augen leicht zusammen kniff. "Sweet Home..." Ein Seufzen gefolgt von einem breiten Grinsen, das von dem Dunkelhaarigen nur erwidert werden konnte. Das Klima in Oklahoma war wirklich um einiges angenehmer, auch zu dieser Jahreszeit, aber dennoch waren beide froh fast ihre Heimat erreicht zu haben, denn hier waren ihre Wurzeln, hier gehörten sie hin. Auch wenn man sie so wohl als Provinzler bezeichnen konnte. Das hatte auch seine Vorteile. Irgendwie.

"Meinst du sie haben uns vergessen?", meinte Tyler mit seinem typischen Grinsen auf dem Gesicht während er sich seine schwarze Tasche lässig über die Schulter warf und die rote Judes neben sich auf dem Boden nieder ließ. Die Frage war berechtigt, denn obwohl sie bis zur angrenzenden Straße vorgedrungen waren war nirgendwo das bekannte silberne Cabrio zu erblicken. Dennoch hatte Jude für diese Vermutung nur ein belustigtes Räuspern übrig. "Ach was. Die verspäten sich nur... aber was machen wir denn nur in der Zwischenzeit?" Mit einem provozierenden Blick wand sich Jude ihrem Freund zu auf dessen Gesicht sich ein wohliges Lächeln bildete. "Ich hätte da so eine Idee." Und diese Idee wurde sofort in die Tat umgesetzt ohne sie noch einmal zu erläutern, war es doch auch nur zu offensichtlich gewesen worauf Jude angespielt und was diese Idee Tylers beinhaltet hatte, so dass sich ihre Lippen zu einem Kuss verbanden, in dem gleichen Moment in dem die schwarze Reisetasche geräuschvoll auf dem Boden aufprallte und ein wenig Staub aufwirbelte.

"Oh man, könnt' ihr euch kein Zimmer suchen?!" Man musste nicht lange überlegen zu wem diese unverkennbar markante Stimme gehörte. "Man, du bist doch nur neidisch, Denay, dass Du nicht auch so eine wundervolle Freundin besitzt, wie ich", hörte man Tyler leise lachend antworten, wobei er Jude immer noch fest im Arm hielt. Ein kurzes Streicheln über ihre rechte Wange und dann nahm der angehende Journalist wieder beide Taschen und bugsierte sie in den relativ schmalen Kofferraum des Cabrios. "Wäre gut wenn du dir endlich mal ein vernünftiges Auto zulegen würdest, anstatt dieser schmalen Blechschüssel auf vier Rädern." Mit diesen Worten sprang Tyler schwungvoll in den Wagen und machte es sich hinten bequem. Sunny, die immer noch im Auto saß, drehte sich nach hinten und lächelte ihren guten Freund begrüßend an. "Na habt ihr die Fahrt gut überstanden oder pflastern jetzt irgendwelche Leichen euren Weg hierher", wobei sie sich ein kleines Schmunzeln nicht wirklich verkneifen konnte. Jesse hielt grade Jude die Tür auf, so dass die kleine Runde endlich komplett war und sie sich auf den Weg weiter nach Sunbury machen konnten. Die kleine Stadt selbst verfügte nämlich nicht über einen Bahnhof und so hatten die beiden Pennstudenten ihre Freunde direkt vom Bahnhof in Midway abgeholt. Der letzte Punkt, an dem hier am östlichen Ende von Georgia noch ein Zug hielt. Als nächstes kam man dann nur noch per Bus oder per Auto weiter wenn man nicht in der Einöde versauern wollte.

"Leichen? Wir? Wir können doch noch nicht mal einer Fliege etwas zu leide tun", erwiderte Jude auf die Frage von Sunny, während sie sich auf der Rückbank zurecht setzte. "Ne, war schon in Ordnung. Ein wenig anstrengend zwar, aber nun sind wir ja bald da." Jesse hatte den Wagen gestartet und lenkte ihn sicher durch die kleine Stadt, die allerdings schon um einiges mehr Einwohner zählte als ihre eigene. Auch hier wurde der Sohn des Bürgermeisters von Sunbury von vielen Leuten gegrüsst und man merkte, welchen Einfluß der junge Mann sogar hier hätte, wenn er nur wollte. Aber so etwas zählte für den Medizinstudenten nicht. Und zu allem Unglück seines Vaters machte Jesse auch nicht den Hauch von Anstalten mal später in die Fußstampfen seines Vaters und auch dessen Vaters, der vorher Bürgermeister dieser Küstenstadt gewesen war, zu treten. Nein, seine Ambitionen gingen da in eine ganz andere Richtung und vor allen Dingen raus aus diesem Kleinstadtmief. Das war einfach nichts mehr für den 24jährigen, seitdem er wusste, wie es in einer Großstadt zuging. Und nicht nur ihm ging es so, sondern wohl all seinen Freunden und Begleitern.

Das Cabrio fuhr nun nicht mehr auf dem Highway entlang, sondern musste sich mit kleineren Bundesstraßen begnügen, aber nur so kam man zu dem kleinen Küstenstädtchen, in dem die Vier zu Hause waren. Jude und Tyler waren auf dem Rücksitz anscheinend wieder am knutschen, zumindest klang es vorne so und Jesse und Sunny tauschten vielsagende Blicke untereinander aus. Verbal darüber lustig machen, wollten sie nicht, denn immerhin waren es ihre Freunde und irgendwo war es ja nur verständlich, wenn man diesem Bedürfnis nachkommen wollte. Auf den Straßen war ziemlich viel Verkehr, wie immer wenn man mitten im Sommer in Richtung Küste fuhr, aber dennoch kam die kleine Gruppe zügig voran.

Sunny gähnte halbherzog vor sich hin, Jesse trällerte leise einen Song aus dem Radio nach und Tyler und Jude waren immer noch miteinander beschäftigt, als der Wagen das Ortsschild von Sunbury passierte. Es sah für alle Beteilgten aus wie immer. Keine neuen Läden, keine neuen Lokalitäten, immer noch nur ein Restaurant, nämlich das Sunbury Crab Co, in dem Judes Vater Koch war. Das Einzige, was sich ein wenig von dem typischen Kleinstadtbild abhob waren die Touristen, die sich für einen Tagesausflug hierher verirrten. Viel mehr war dann auch nicht mehr wirklich möglich, schloss schon allein der Mangel an Hotels ein längeres Hiersein total aus. Es gab nur ein paar kleine Privatunterkünfte und die gingen zumeist an altbekannte Urlaubsgäste, also demnach Freunde und Bekannte von den Seelen, die hier schon über Generationen ihr Dasein fristeten. Auch die Familien der Studenten in diesem silbergrauen Cabrio konnten schon auf viele Generationen zurück blicken, die es nie geschafft hatten aus Sunbury herauszukommen. Zum Studium ja, auch zum arbeiten, wie es bei Sunnys Vater zum Beispiel der Fall war, dessen Kanzlei in Midway ansässig war, aber ihre Wohnhäuser waren schon immer in dieser sonnigen Stadt gewesen und es lag jetzt an den jungen Leuten daraus mal was anderes zu machen.

"Also wie sieht es aus? Was machen wir noch, nachdem wir allem Hallo gesagt haben, was Familie heißt?" Tyler hatte sich ein Stück nach vorne gebeugt und schaute seine Mitinsassen der Reihe nach fragend an, während er seine Arme nun auf der Rückenlehne von Jesse abstützte. Dieser schaute kurz in den Rückspiegel und fing an zu grinsen. "Hm, tolles Wetter, zwei heiße Bräute, ein Swimming Pool bei mir zu Hause. Was will man mehr?" Er musste kurz einem leichten Knuff von seiner rechten Seite ausweichen, schenkte Sunny dafür aber dann noch ein besonders liebes Grinsen, bevor er in die Bonnie Reed Passage einbog, um die Erste zu Hause raus zulassen. "Ok, also dann um 8 bei dir?" fragte Jude nochmal genauer nach, bevor sie den Wagen genauso verließ, wie sie am Bahnhof eingestiegen war. Jesse war derweil schon an den Kofferraum getreten und hob die rote Tasche der jungen Frau heraus. "Ja, um 8 klingt gut. Ich werd auch noch ein paar anderen Bescheid sagen. Wir wollen ja schließlich gebührend empfangen werden, oder?" sah er die Brünette lächelnd und zugleich fragend an, wurde aber in dem Moment auch schon von Tyler verdrängt, der sich von seiner Herzensdame schließlich noch gebührend verabschieden wollte. "Mach mal Platz, Denay. It's my Turn", grinste dieser und gab Jude einen intensiven Zungenkuss, den diese auch nur zu gern erwiderte. Und darüber hinaus, letztendlich die Kontrolle über diesen Kuss an sich zog. Es war eben ein ständiges Wechselspiel der Macht zwischen ihnen Beiden.

Nach einer kurzen Weile trennten sie sich wieder und so konnte Sunny auch noch ihrer Freundin eine Umarmung schenken, bevor sich die restlichen drei wieder ins Auto machten um als nächstes den Blondschopf zu Hause abzuliefern. Der Weg zu dem kleinen Einfamilienhaus, mit dem schön gepflegten Vorgarten, dauerte auch nicht wirklich lang. Innerhalb von Fünf Minuten hatten sie das einladende, ja schon beinah spießerhaft wirkende Reich der Evans erreicht und nun lag es an Sunny den beiden Jungs fürs erste Tschüss zu sagen. Aber es war ja nur ein Tschüss für eine kleine Weile. Die zweieinhalb Stunden bis um 8 waren sicher schnell hinter ihnen gebracht. Dennoch drückte Sunny Jesse noch mal fest an sich und auch bei Tyler verfuhr sie so, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer Mom machte, die ihr bereits schon entgegen stürmte. "Sunny, mein Schatz. Da bist du ja wieder. Dad und ich haben Dich ja so vermisst." Und mit diesen Worten wurde der Blondschopf schon bereits ins Haus gezogen und hinterließ nur noch ein amüsiertes Schmunzeln auf den Gesichtern der beiden männlichen Gruppenmitglieder. "Und ich dachte schon meine Mom wäre schlimm", entgegente der Medizinstudent bevor sie sich aufmachten in die nächste Querstraße zu fahren und so das zu Hause von Tyler und Jesse zu erreichen.

Nachdem der Blonde seinen Wagen auf die Garagenauffahrt geparkt hatte, sprang Tyler in altbekannter Manier wieder aus dem Wagen hinaus und das obwohl er doch diesmal sogar auf dem Beifahrersitz saß. "Mein Gott, der Wagen hat auch Türen. Wie oft soll ich es dir noch sagen", kommentierte Jesse das Tun seines besten Freundes, wobei dieser einfach nur frech grinste. "Das ist was für Langweiler und ich bin kein Langweiler. Aber das hab ich dir ja auch schon oft gesagt." Tyler schulterte seine schwarze Tasche, die er gerade aus dem Kofferraum geholt hatte und machte sich nun auch auf die letzten Meter. Jesse und Tyler waren schon seit eh und je Nachbarn und daher betrat er sein Zuhause kurz nachdem Jesse seine Eltern begrüßt hatte. Nun hatte Sunbury also seine berühmteste Viererclique wieder unter Dach und Fach.

Ein tiefes Rot überzog den Himmel, wobei es immer intensiver wurde je weiter es auf dem Horizont zu ging. Wie die Glut eines Feuers stach es hervor und war wohl schon viele Abende für romantische Gefühle bei frisch Verliebten verantwortlich gewesen. Doch am heutigen Abend sollte dieser phänomenale Anblick keine verbundenen Herzen zum rasen bringen. Viel mehr läutete das Naturschauspiel zur absoluten Willkommensparty und lockte viele Leute aus ihren Häusern. Hauptsächlich jene, die auch damals zusammen mit Jesse, Tyler, Summer und Jude zur High School gegangen waren, war die Erinnerung an die super heißen Partys, die von dem Denay-Sprößling organisiert worden waren, wohl immer noch nicht in Vergessenheit geraten, aber auch von der jüngeren Generation waren Vertreter zu gegen wie beispielsweise Tylers jüngerer Bruder Sean, der mit seinen fast 18 Jahren nun kurz vor seinem letzten Jahr auf der Liberty Count High School stand.

„Sag mal... Läuft da eigentlich mittlerweile was zwischen dir und Jesse?" Jude und Sunny bogen gerade von der Ford Morris Road in die Maxwell Street ein, hatten die beiden Freundinnen doch nach einem kleinen Telefonat beschlossen den kurzen Weg zu Fuß zurück zu legen, so wie sie es immer in den damaligen Zeiten zu tun gepflegt hatten als ihr Hauptaugenmerk noch viel zu sehr auf Spaß und Vergnügen gelegen hatte als auf den nervigen Lernstoff der Schule, der einem so unwichtig vorgekommen war. Jude zupfte sich kurz das Oberteil ihres schwarzen Bikini zurecht bevor ihr Blick wieder das Gesicht der besten Freundin traf, das einen etwas wehleidigen Eindruck machte. Ein kurzes Seufzen folgte von der Blonden und mehr brauchte es auch gar nicht um Jude klar zu machen, dass sich rein gar nichts zwischen den alten Freunden entwickelt hatte. „Oh man", lachte Jude auf, wobei sie Sunny mit ihrem Ellenbogen leicht anstubste. „Ich glaub' es einfach nicht! Du bist doch schon seit Jahren in ihn verschossen." In der Tat hatte die Schwärmerei Sunnys für den Bürgermeistersohn bereits früh angefangen, gerade zu dem Beginn ihrer High School Zeit und somit auch gleichzeitig zu den Anfängen ihrer Viererclique und doch hatte es Sunny in all den Jahren nicht geschafft dem blonden Sunnyboy ihre Gefühle zu gestehen, was eigentlich völlig unverständlich war, denn immerhin gehörte Sunny gewiss nicht zu den schüchternen Mauerblümchen, die es in einer Kleinstadt zu genüge gab. Der Blondschopf war immer für einen Spaß zu haben gewesen und auch so war sie wohl auch die mit der größten Klappe in der kleinen Runde, auch wenn Tyler regelmäßig versuchte der Kunststudentin diesen Rang abzulaufen, doch was Liebesdinge anging, da war die 23jährige wirklich ein absoluter Pflegefall. Sie bekam es einfach nicht hin ihre Gefühle zu offenbaren und war schlicht und ergreifend absolut schüchtern.

„Ja ja, lach du nur", meinte Sunny ein klein wenig eingeschnappt klingend wobei sie die Arme leicht bockig vor dem Körper verschränkte. „Du kennst solche Probleme ja gar nicht!" Jude verzog leicht ihr Gesicht, so dass eine Augenbraue in die Höhe gewandert war während sich ihr Mund zu einer kleinen Schnute verzogen hatte. Doch nur all zu schnell lösten sich ihre Züge wieder von dieser verkrampften Haltung und so als würde die Brünette ihrer besten Freundin ein Friedensangebot machen wollen legte sie einen Arm um deren Schulter um sie ein wenig an sich heran zu drücken. Nur wusste jeder, der Jude Howard kannte, dass gewiss kein Friedensangebot oder dergleichen kommen würde. Entschuldigungen und alles was in eine ähnliche Richtung ging waren noch nie die Stärke der jungen Frau gewesen.

„Stimmt, und weißt du woran das liegt? Ich sehe darin kein Problem." Mit einer kurzen Handbewegung zog Jude an dem Träger des hellblauen Bikinis ihrer Freundin und ließ diesen wieder zurück flitschen, so dass Sunny leicht zusammen zuckte und ein wehleidiges Geräusch von sich gab, das sich allerdings mehr nach einer Beschwerde anhörte, hatte es doch nicht sonderlich viel von einem weinerlichen Wimmern, wohl auch schon alleine weil es einfach nur eine neckische Geste von Seiten Judes gewesen war, wie sie früher nur zu oft vorgekommen waren. „Du siehst heute so hübsch aus", setzte die Brünette ihren Vortrag unbekümmert fort, wobei sie sichtbar auf Sunnys Erscheinungsbild deutete, und in der Tat brauchte sich der Blondschopf ganz gewiss nicht hinter anderen zu verstecken. Ohnehin hatte Sunny ja schon immer ein gutes Händchen für Klamotten gehabt ohne dabei zu einer Modetussi zu mutieren. So auch heute, passte doch der hellblaue Bikini perfekt zu ihrer Sonnen gebräunten Haut, ebenso wie der weiße Minirock aus feinen Leinen, der ihre Beine so wundervoll hervor hob.

„Du musst dich einfach trauen, Sunny. Und außerdem wäre Jesse echt blöd wenn er dich abblitzen lassen würde." Ein kurzes an sich drücken erfolgte, was nicht nur mal wieder Erinnerungen weckte, sondern auch mal wieder zeigte wie nah sich die beiden Frauen doch standen, die sich schon seit ihrer Kindergartenzeit kannten und beste Freundinnen waren. Ersteres war zwar nichts besonderes, kannte in einer Kleinstadt wie Sunbury doch ohnehin jeder jeden, aber letzteres war dann doch nicht ganz so selbstverständlich, bedeutete Kennen ja nicht zwangsläufig auch Mögen. „Dir kann doch keine Frau das Wasser reichen", war es den aufmunternden Worten anscheinend noch nicht genug. „Außer ich, aber ich bin ja schon vergeben."

Aus dem Garten der Familie Denay, der hinter dem Haus lag drang schon die laute Musik, die von den Nachbarn wohl nur gebilligt wurde weil es eben der Wohnsitz der Bürgermeisterfamilie war und weil man doch irgendwo Verständnis für die jungen Leute der Stadt hatte, auch weil man wusste, dass solche Partys niemals in Schlägereien oder Saufgelage endeten, wie es in einer Großstadt Normalität war. Für so etwas war die Gästeliste auch viel zu kurz, kam man bei einer wirklich gefüllten Party in Sunbury vielleicht auf 20 Personen. So war dies eben in einer Kleinstadt und es brachte sogar Vorteile, wie zum Beispiel, dass man schneller Orte fand um ungestört zu sein, denn nur weil man in einer Kleinstadt lebte bedeutete dies noch lange nicht, dass auch der natürlichste Trieb klein gehalten wurde. In dieser Hinsicht gab es wohl im ganzen Land, ob in Großstädten oder Kleinstädten, dem Tal oder den Bergen, an der Küste oder in der weiten Steppe, keinen Unterschied.

Als die Tür nach einem kurzen Klingelgeräusch geöffnet wurde war es das Gesicht des blonden Jesses, das vor den beiden Frauen erschien und die beiden einladend anlächelte. „Wie immer die letzten", lachte Jesse über die alte Marotte, wobei er die Tür noch mehr öffnete, so dass die beiden Freundinnen an ihm vorbei ins Haus eintreten konnten. Jude ihrerseits schien kein sonderliches Interesse an der kleinen Neckerei zu finden, erkundigte sie sich doch direkt nach Tyler. „Am Pool, wo denn sonst", grinste Jesse die Brünette an. „Ich glaub' sogar mit Brooke und Morgan." Das bis vor kurzem noch fröhliche Gesicht Judes wandelte sich in ein empörtes, war die Absicht des Blonden doch ohne Zweifel sie aufzuziehen und dennoch war Jude schneller in Richtung Pool verschwunden als man hätte gucken können. Jesse hatte da ein heikles Thema angesprochen, war es doch bekannt, dass gerade Brooke und Morgan immer ein ausgewachsenes Interesse an Tyler gehabt hatten und da wunderte es wohl niemanden wenn Jude ein wenig angefressen auf solche Erzählungen reagierte und den Drang verspürte ihr Revier zu verteidigen.

"Wie kannst Du ihr das bitte antun?" Sunny hatte einen leicht entsetzten Gesichtsaufdruck aufgelegt, während sie Jesse leicht schief von der Seite ansah. Innerlich kopfschüttelnd machte sie sich auch auf den Weg in Richtung Pool um eventuell das Schlimmste zu verhindern. Wer weiß was Jude tun würde, wenn sie ihren Freund in einer präkeren Situation erwischte. "Frauen", seufzte es hinter ihr nur halblaut auf und ein kleines Grinsen zeichnete sich auf dem Gesicht des Medizinstudenten ab. Oh ja, Jesse hatte gerade verdammt viel Spaß, vor allen Dingen wenn er seinen Blick auch noch auf die langen Beine der Frau vor ihm gleiten ließ. Es war wirklich bedauerlich dass der Blondschopf sonst eher Hosen bevorzugte, wo sie doch in so kurzen Röcken eine absolute Topfigur ablieferte. "Sag mal hab ich dir schon gesagt, dass Du heute einfach zum Anbeißen aussiehst?" Ein Arm hatte sich um die Schultern der kleinen Blonden gelegt, während ihr diese Worte ins Ohr geflüstert wurden. "Und hab ich Dir schon gesagt, dass Du Dich heute wie ein absoluter Hohlkopf benimmst", gab diese völlig ungerührt dessen, was sie da gerade gehört hatte zurück. Wenn sie wenigstens der Meinung gewesen wäre, dass Jesse das wirklich ernst meinte, was er da in regelmäßigen Abständen mal von sich gab, aber irgendwie traute sie dem Ganzen nicht so ganz über den Weg. Da half auch nicht dieses nette kleine Frauengesprächen zwischen Jude und ihr vom Hinweg. Dennoch ließ sie es zu, dass Jesse mit ihr Arm in Arm in Richtung Garten und damit zu den anderen ging.

Dort war schon eine rege Wasserschlacht im Gange, bei der Brooke und Morgan anscheinend ziemlich in die Enge getrieben worden waren, zumindest waren beide von oben bis unten klatschnass und Jude hatte ein selbst zufriedenes Grinsen im Gesicht. "Seht her, hier haben wir die Siegerin des Kampfes zwei gegen Eine", erklang die Stimme ihres Freundes und Tyler hielt der Brünetten siegreich ihren Arm nach oben, bevor er ihr einen langen Kuss gab, der eindeutig belegte, zu wem er denn gehörte. Natürlich gefiel ihm die Umschwärmtheit von den anderen Mädels, aber er wusste was er an der Architekturstudentin hatte und würde dieses auch für nichts in der Welt aufs Spiel setzten – Abenteuerlust hin oder her, die ihn ansonsten immer so bewegte. Dafür gab es ja schließlich noch genug andere Ventile. "Ja, mit mir sollte man sich lieber nicht so schnell anlegen", erwiderte Jude und zog sich ziemlich elegant vom Poolrand hoch, um sich kurz danach ein Handtuch um ihren schlanken Körper zu wickeln, sich dann ein Glas Bowle zu holen und sich genüsslich in einen der Liegestühle niederzulassen, wo sie sich ihren Sieg in Gedanken noch einmal genüsslich zu Gute zog. Da mussten die blondierten Tussen doch eine Runde früher aufstehen, wenn sie sich mit ihr anlegen wollten.

"Na, du kleine Furie. Zufrieden?" kam Tyler grinsend auf ihren Stuhl zu, während er seiner Freundin einen lässigen Blick über die Sonnenbrille hinweg zuwarf und an seinem Bier nippte. Er stand drauf, wenn die Brünette eindeutig klar machte, dass er zu ihr gehörte und spielte daher gerne mal dieses riskante Spiel mit dem Feuer, wobei seine Freundin da auch kein Kind von Traurigkeit war und gerne mal ihren so genannten Marktwert testete. Aber über eines war sich dieses Pärchen wirklich einig: Sie blieben sich einander treu. Auch wenn das in manchen Augen vielleicht spießig war. Aber daran hielten sie sich schon seit Jahren und hatten auch nicht vor irgendetwas daran zu ändern. "Die Fronten sind geklärt. Die Party kann also beginnen", antwortete die Studentin auf die Frage ihres Freundes und beugte sich kurz zu ihm herüber, so dass sie das Gesagte mit einem langen Kuss besiegelte, um sich danach wieder in dem Stuhl zurück zu lehnen und ein wenig die anwesenden Partygäste zu beobachten.

Es waren wohl grob geschätzt 20 bis 30 Personen, die sich da im Garten des Bürgermeisters versammelt hatten. Viele davon im Alter der vier Freunde, einige ein wenig jünger. Genauso wie einige direkt aus Sunbury kamen und ein paar seltene Exoten aus den umliegenden Ortschaften. Und zudem gab es eine perfekte Mischung zwischen Mann und Frau, so dass der Spaß schon nahezu garantiert war. Jesse selbst hatte seine alte Anlage in den Garten gestellt, wo einer seiner ehemaligen Klassenkameraden gerade dabei war die neusten Stücke der Charts rauf und runter zu spielen. Helen Denay, Jesses Mom, hatte noch auf die Schnelle eine Firma aufgetan, die ein Buffet für die Partygesellschaft aufgebaut hatte, das wirklich keine Wünsche offen ließ, und zudem auch noch ein paar Leute organisiert, die sich zusammen mit Jesse um die Dekoration des Gartens gekümmert hatten, womit sie auch gerade fertig wurden, als die ersten Gäste auf der Bildfläche erschienen. Nun hatte sich also auch der Medizinstudent zufrieden auf einen der Stühle niedergelassen, ebenso mit einem Bier in der Hand und schaute sich suchend um. Sein Blick, fiel auf seine beste Freundin, die sich gerade mit einem der Nachbarskinder unterhielt, wobei Kind wohl auch schon etwas überholt war, denn Sammy war nun auch schon fast an die Zwanzig ran gereicht und sicher kein Kind mehr. "Hey Blondschopf, komm doch mal her", rief er sie zu sich und setzte dieses unwiderstehliche Lächeln auf, bei dem Sunny immer eine Gänsehaut bekam, wovon der Blonde aber zum Glück nichts wusste.

"Wuff", erklang es dann nach einer kurzen Zeit von Sunny, nachdem sie sich tatsächlich zu dem Pascha auf seinem Stuhl begeben hatte, wobei sie einer neu angebrochenen Wasserschlacht ausweichen musste, und erzeugte damit ein kleines Lachen bei Jesse. Aber seine nächste Reaktion überraschte sie doch leicht und im ersten Moment sträubte sie sich auch ein Stück weit dagegen, als Jesse sie auf seinen Schoß zog. "Hey, was ist denn mit dir los? Du bist doch sonst nicht so anhänglich." Im nächsten Moment hätte sich die Kunststudentin am liebsten auf die Zunge gebissen. Es durfte doch wohl einfach nicht wahr sein. Anstatt sich zu freuen, dass sie ihrem Schwarm auf diese Art ein wenig näher kommen konnte, verbockte sie es beinah durch ihre unbedachten Worte. Aber Jesse schien sich davon nicht stören zu lassen. Ihm war jetzt einfach danach ein hübsches Mädchen an seiner Seite haben zu wollen und von allen hier Anwesenden waren ihm Sunny und Jude die Liebsten. Jude war momentan gut beschäftigt, also blieb noch die Blonde aus dem Team, bei der er sich eh manchmal nicht so ganz klar war, was er eigentlich für sie empfand. Etwa nur Freundschaft oder vielleicht doch mehr? Wie auch immer, jetzt schien ihm auf jeden Fall der Sinn nach ein wenig Nähe und Genuss.

Im Pool wurde die Stimmung immer besser, die Jungs jagten die Mädchen und schmissen sie immer wieder ins Wasser, wobei sich auch das ein oder andere Mal ein Bikinioberteil verschob, was wiederum zum Aufjolen der männlichen Gesellschaft führte. Mittlerweile war die Sonne bereits am untergehen und tauchte die Partygesellschaft in ein wunderschönes warmes rotes Licht. Tyler hatte sich zu ein paar Kumpels gesetzt, mit denen er damals die High School besucht hatte und diskutierte über die NFL und welche Mannschaften es an die Spitze dieser verdient hatten und welche nicht. Das Gespräch war zwar hitzig, blieb aber dennoch friedlich. Was nicht immer so war, wenn diese Jungs zusammen saßen. Jude hatte sich hier und da mit einem ihrer alten Bekannten unterhalten und warf danach einen Blick zu Jesse und Sunny, während sie viel sagend am Lächeln war, saßen die Beiden doch immer noch zusammen und schienen intensive Gespräche zu führen. "Vielleicht bekommt sie es ja doch endlich mal auf die Reihe", murmelte sie halblaut, während sie aufstand und in Richtung Haus ging. Ab und an gab es eben Dinge, die erledigt werden mussten. Auf dem Weg dorthin kam sie natürlich auch am Pool vorbei, an welchem gerade Brooke etwas ungünstig am Beckenrand stand. Nun konnte man der Architekturstudentin sicherlich alles mögliche unterstellen, aber definitiv nicht, dass sie auch nur ein Gramm zu viel auf ihrem durchtrainierten Körper besaß, aber der Weg war dennoch zu schmal für diese beiden Personen. Der Weg würde immer zu schmal sein, wenn Brooke Tyler auch nur ansatzweise zu Nahe kam. "Upps. Sorry", tat die Brünette leicht schockiert, als sie mit ihrer schmalen Hüfte doch tatsächlich aus Versehen gegen die Kehrseite der Blondine stieß und diese daraufhin mit einem dicken Platscher im Pool landete. Dann Jude zuckte nur mit den Schultern und setzte ihren Weg ins Haus des Bürgermeisters fort, während ein freches Grinsen das Gesicht der Studentin zierte.

Mittlerweile war die Gartenbeleuchtung angegangen, so wie die separaten Lichterketten, die nur für die Party aufgehangen worden waren, so dass der Gartenbereich in dem dumpfen Schein des elektronischen Lichtes und dank entsprechenden unterhaltungsspezifischen Ideen der Entwickler solcher Artikel in einem bunten Glanz erschien, der sich deutlich von der Dunkelheit der Nacht, die sich auf den Straßen ausgebreitet hatte abhob. Doch trotz der voranschreitenden Zeit war das lustige Treiben noch nicht einmal geringfügig abgeschwächt, im Gegenteil, schien es doch jetzt erst so richtig los zugehen, war es anscheinend so, dass der Spaßfaktor mit dem aufsteigenden Mond um die Wette lief um den höchsten Punkt zu erreichen. Und der Verlierer musste dem jeweils anderen einen Drink ausgeben.

Jesse legte eine der blonden Strähnen der jungen Frau, die nun schon seit einer geraumen Zeit auf seinem Schoß saß, zu Recht, die der Wind ihm unverschämterweise ins Gesicht geweht hatte. Während um sie herum das totale Chaos in Form von alten Bekannten, die ihren Spaß und ihre Freunde an der organisierten Poolparty hatten, tobte, hatten Jesse und Sunny eigentlich nur miteinander gesprochen, so wie sie es schon so oft getan hatten, auch in Pennsylvania, wo sie zusammen studierten. Dabei hätten sie sich auch einfach mit ihren Freunden in das kühle Wasser begeben und sich an diversen Wasserschlachten beteiligen können, doch anstatt mit dem erfrischenden Nass zu spielen hatten sie einfach auf dem Liegestuhl gesessen, zumindest Jesse mit einem Bier in der Hand und hatten miteinander gesprochen. Über alles mögliche. Sie hatten Erinnerungen aus ihrer Kindheit aufgefrischt, hatten über diverse Personen, unter anderem auch Tyler und Jude gesprochen, und auch ihr Studium hatten sie in ihren Erzählungen nicht ausgelassen. Jesse bedachte den Blondschopf, der halb neben ihm auf dem Stuhl und halb auf ihm lag, mit einem interessierten Blick während Sunny darüber sprach was sie sich später mal so vorstellte wenn sie ihr Studium beendet hatte, wobei ihr Blick dabei belustigt auf dem Pool lag in dem sich eine erneute Wasserschlacht anbahnte. Die Worte, die Sunny von sich gab, erreichten ihn zwar, doch würde Jesse diese wohl unmöglich wiedergeben können. Dafür waren seine Gedanken nicht genug bei diesen Erzählungen. Sie befanden sich eher bei der jungen Frau, direkt bei ihr, wusste Jesse doch einfach nicht was er von Sunny halten sollte. Sie war neben Jude seine beste Freundin und es wäre wohl wirklich gelogen gewesen wenn der Blonde gesagt hätte, dass Sunny nicht außerordentlich anziehend war, oder um es mal in etwas moderneren Worten auszudrücken: Die Frau war einfach nur heiß. Und Jesse stand wirklich auf die witzige junge Frau, die nur selten ein Blatt vor den Mund nahm, nur hatte er sich bis jetzt noch nie wirklich dazu durch gerungen offensichtlich um sie zu buhlen. Ab und zu gab es zwar mal ein paar mehr oder weniger anzügliche Kommentare aus seiner Richtung, doch waren diese stets mit viel Witz durchzogen, so dass man diese wohl kaum ernst nehmen konnte, aber so richtig hatte er ihr noch nie gezeigt wie sehr sie ihm gefiel, und von aussprechenden Worten durfte man noch nicht einmal sprechen geschweige denn denken. Diese hatte es nämlich, welch Wunder, auch noch nicht gegeben. Der Grund dafür war keine Schüchternheit oder Angst vor Zurückweisung. Jesse wusste einfach nicht wie er Sunny einschätzen sollte. Genau das war das Problem für den Bürgermeistersohn. Oft war Sunny absolut offen zu ihm und dann gab es auch wieder Augenblicke in denen sie schon fast abweisend war. Und daraus sollte er schlau werden? Im Leben nicht! Aber genau das war es auch was ihn abschreckte. Er mochte es nicht wenn er etwas nicht abschätzen konnte, denn Jesse war jemand, der gerne die Kontrolle über alles hatte was er tat. Und Ungewissheit bedeutete gewiss keine Kontrolle.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?" Die großen grün-braunen Augen Sunnys blickten den Blonden neben ihr fragend an, der einen geistesabwesenden Eindruck gemacht hatte und sie erst jetzt wieder bewusst anzublicken schien. „Ja klar", kam trotz der plötzlichen Frage die selbstsichere Antwort, hatte Jesse doch ohnehin immer ein Talent dafür gehabt seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, was ihm und auch seine Freunde vor allem auf der High School vor vielen Stunden des Nachsitzens verschont hatte. Doch Sunny kannte Jesse einfach zu gut, kannte sie doch eben dieses Talent und wusste, dass er, auch wenn er so tat, in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer hatte was Sunny eben so munter von sich gegeben hatte. „Du Lügner", kniff die Blondine ihrem besten Freund spaßend in die Seite, konnte sie ihm doch nicht wirklich böse sein, nicht wegen so etwas banalem, doch hätte sie gewusst warum Jesse ihren Worten nicht gelauscht hatte, dann hätte sie wohl laut auf gestöhnt oder sogar ihren Kopf gegen eine Tischplatte gehämmert, so wie man es aus den alten Zeichentrickfilmen kannte, die in der heutigen Zeit nur noch sporadisch über den Flimmerkasten liefen. Doch Gedanken blieben bekanntlich für Außenstehende ungehört und so berührte es auch Sunny nicht, die Jesse stattdessen mit einer ausgewogenen Kitzelattacke für diese Lüge bestrafte, so dass beide in ein amüsiertes Lachen ausbrachen, auch wenn der eine es eher gezwungenermaßen tat.

Ein lauter Schrei ließ Sunny in ihrer Bestrafung innehalten, so dass das erfrischende Lachen des Blonden verstummte, und auch das sonstige Treiben der anderen Gäste war mit einem mal zum Stillstand gekommen. Einzig allein die Musik aus Jesses alter Anlage erfüllte noch die Luft mit einer Geräuschkulisse, doch ansonsten gab keiner der Anwesenden einen Ton von sich, war der Schrei doch so ohrenbetäubend gewesen, dass einem das Herz hätte stehen bleiben können, und nun waren alle Blicke auf die Tür, die ins Haus führte gerichtet, war der Schrei doch eben aus den vier Wänden der Bürgermeisterfamilie gekommen. Es vergingen ein paar Sekunden in denen jeder starrte, aber niemand es für nötig befand mal hinein zu gehe um nach dem Rechten zu sehen, doch war dies nach Ablauf der wenigen Sekunden auch gar nicht mehr nötig, kam doch die Ursache des erschreckenden Schreis aus der Tür in den Garten gelaufen, begleitet von einem erneuten Laut der Furcht. Völlig kopflos war Brooke nach draußen gerannt, so dass sie mit dem Erstbesten, der ihr im Weg stand kollidierte, was in diesem Fall Tylers kleiner Bruder Sean war, der Brooke aus reinem Reflex kurzerhand festhielt um sie alleine mit der Nähe zu einer vertrauten Person zu beruhigen und ihr damit das Zittern zu nehmen, das ihren ganzen Körper gefangen zu halten schien.

„Keine Panik. Alles in Ordnung", erschien die schlanke Gestalt Judes im Türrahmen, die augenscheinlich in ihren Händen etwas vor sich her trug, waren diese doch so gefaltet wie wenn man ein kleines Tier mit bloßen Händen transportieren und gleichzeitig verhindern wollte, dass dieses einem von der Hand sprang. „Miss Hirnlos hat sich nur vor Spidey erschrocken." Und mit diesen Worten öffnete Jude ihre Hände und ließ die kleine schwarze Spinne, die augenscheinlich der Grund für das Theater gewesen war, auf einer der Pflanzen nieder, so dass diese schnell an dem grünen Blatt herauf kletterte und sich ein kleines aber feines Versteck suchte wo sie sicher vor jeglichen Weibern war, die am liebsten schreiend auf so kleinen Wesen wie Spinnen herum trampelten. Dabei hatten die Spinnen, egal welcher Größe, gewiss mehr Angst vor diesen schrecklichen Fratzen als so Frauen wie Brooke vor einem so kleinen, wenn auch zugegeben etwas gruseligen Lebewesen.

Ein großes Gelächter erfüllte den Garten des Bürgermeisters über diese unglaublich dämliche Situation, hatte wohl jeder mit etwas viel schlimmeren gerechnet als mit der Angst vor einer kleinen Spinne. Vor allem die Jungs hatten einen heiden Spaß mit diesem klischeehaften Ereignis und manche machten es sich sogar zu nutze um ein wenig mit Brooke anzubändeln, rein nach dem Motto Ich bin der Beschützer hilfloser Jungfrauen, was die blondierte junge Frau selbstverständlich als absolute Demütigung empfand, und ihr das Gefühl gab am liebsten auf der Stelle im Erdboden zu versinken und niemals wieder hervor zu kommen. Genau das, was Jude hatte erreichen wollen. „Das nächste Mal besorg' ich 'ne Ratte", kündigte Jude im Vorbeigehen ihrer Nebenbuhlerin an um jeden Gedanken auf Rache, egal welcher Art, bereits im Keim zu ersticken, doch schien die Brünette Brooke ein wenig unterschätzt zu haben, oder auch überschätzt, je nach dem wie man dieses Verhalten werten wollte, griff diese Jude doch ohne Ankündigung in die braunen Haare um kräftig daran zu ziehen. Ein schmerzhaftes Fluchen konnte Jude dabei keineswegs unterdrücken, doch schien dies nur der Auftakt zu einer etwas härteren Auseinandersetzung zu sein, erwiderte Jude den Angriff doch ebenfalls mit einem kräftigen Ziehen an den blonden Locken bevor ein Handgemenge entstand, das die beiden Frauen wohl zuletzt zu High School Zeiten ausgetragen hatten, mal ganz abgesehen von der Auswahl an Beschimpfungen, die jeder der beiden in Petto hatte. Man fühlte sich wirklich wie in die Vergangenheit zurück versetzt. Zwei junge Frauen, die sich stritten und um diese herum eine Meute an Schaulustigen, die das ganze Theater mit ihren Rufen und Anfeuerungen nur noch mehr anstachelten.

„Auseinander!" Es war Sunny, die sich durch den gröhlenden Kreis der männlichen Anwesenden gezwängt hatte um die beiden Streithennen auseinander zu bringen, so wie sie es schon auf dem Pausenhof stets getan hatte, war Jude in ihrer kleinen Gruppe zwar immer die ruhigste gewesen, doch wenn sie jemand provoziert hatte, dann war sie schon immer darauf eingegangen, denn gefallen lassen tat sich die Brünette nichts. Weder von Fremden, noch von Freunden und schon gar nicht von Menschen mit denen sie auf Kriegsfuß stand. Es war zwar niemals oft zu einer Handgreiflichkeit zwischen Jude und einer ihrer Kontrahentinnen gekommen, doch wenn, dann hatte meist Sunny die Aufgabe übernommen den Streit zu schlichten, und so war es nun auch, versuchte die Blonde die beiden Frauen doch von einander weg zu bekommen, was sich ohne Hilfe allerdings als mehr als schwierig heraus stellte, so dass der Kunststudentin nichts anderes übrig blieb als selber ein wenig handgreiflich zu werden. Das Ende vom Lied der schlichternen Seele war, dass sie aufgrund eines kleinen Stoßes von Jude oder Brooke, konnte man nicht wirklich genau sagen wer der beiden es nun war, das Gleichgewicht verlor und drohte in den Pool zu stürzen. Reflexartig griff Sunny nach dem ersten was sie in die Finger bekam, was der Unterarm der ehemaligen Schulkameradin war, die ihrerseits Judes Handgelenk in Besitz genommen hatte, so dass es eine Kettenreaktion gab, die alle drei Frauen mehr oder weniger elegant in das kühle Nass des Pools beförderte. Das Spritzen des Wassers ließ allerdings nur wenige der Schaulustigen zurück schrecken. Viel mehr bildete sich buchstäblich die Frage auf ihren Gesichtern ob der Zwist nun im Wasser weitergehen würde oder ob das Element den Streit zum Gefrieren gebracht hatte. Frauen waren in einer solchen Hinsicht ja so schlecht einzuschätzen.

Nach Luft schnaufend erschienen zwei blonde und ein brauner Haarschopf etwa zur gleichen Zeit wieder an die Wasseroberfläche. Kurz starrten sich die drei Frauen an um dann in ein herzliches Lachen auszubrechen. In Sunbury gab es nun einmal keine wirklichen Feindschaften. Es gab nur ab und zu ein paar Punkte, die geklärt werden mussten.