Etwas Hoffnung

Juni

Am Tag seines Geburtstags schlief Draco aus.

Er wusste es, ohne auf die Uhr geschaut zu haben, denn sein Kopf fühlte sich schwer und seine Brust leicht an, und die Art, wie das Sonnenlicht durch den Seetang auf dem Seegrund gefiltert wurde, war heller als sonst, sonnenblumengelb statt gedämpft und trüb. Es kräuselte sich auf seinem Bett und tanzte auf seiner blassen Haut. Er hob seine Hand und sah zu, wie das Licht durch seine Finger glitt.

Wieder ein Jahr vorbei. Weitere dreihundertfünfundsechzig Tage. Weitere zwölf Monate. Die Zeit glitt durch seine Finger, wie der Sand einer Sanduhr. Es hatte ihn schon früher erschreckt, wie schnell sein gestohlenes Leben weiterging, als hätte es den Krieg nicht gegeben, als wäre die Zeit von Hunderttausenden von Menschen nicht brutal verkürzt worden, während er weiterstolperte.

Draco atmete tief durch, die Hand fiel auf seine Brust.

Achtzehn Jahre. Vor ihm erstreckten sich die verantwortungsvollen und anstrengenden Jahre des Erwachsenseins, und obwohl er das Gefühl hatte, neu geboren worden zu sein, ein schreiendes Kind in einer so neuen und unbekannten Welt, fühlte sich Draco gleichzeitig wie derselbe Junge, der am 1. September vor all den Jahren seine zitternden Hände in den Ärmeln seiner Robe versteckt hatte. Die Last der Pflicht hatte ihn immer niedergedrückt, erst sein Name, dann das Mal, und obwohl er mit beidem belastet blieb, lag an diesem Morgen etwas in der Luft, das ihn freier atmen ließ. Seine Zukunft lag vor ihm, eine unendliche, kurvenreiche Straße, aber Draco schwor, dass am Ende ein Lichtschimmer, etwas Hoffnung auf ihn wartete.

Es war ein seltsames Gefühl, eines, das er schon so lange nicht mehr gespürt hatte, aber es war unvergesslich und nicht zu ignorieren. Ein träges Lächeln umspielte seine Lippen.

Draco gönnte sich noch ein paar Sekunden im Bett, die Behaglichkeit und Wärme waren ihm fremd, aber willkommen, bevor er es nicht länger rechtfertigen konnte und aufstand. Es war ein Wochenende, Anfang Juni, der Sommer war im vollem Gange. Er knöpfte sein Hemd zu, dann hielt er abrupt inne, als er im Spiegel den dunklen, offensichtlichen Fleck auf seinem Unterarm sah, wo der Ärmel nach oben gerutscht war.

Fröstelnd starrte er ihn an. Bevor er den Blick abwandte, richtete er sein Hemd und krempelte beide Ärmel bis zu den Ellbogen hoch. Die Creme, die Blaise ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, lag verschlossen in seiner Schublade, und Draco kehrte die Schutzzauber um, nahm die Dose und setzte sich auf sein Bett. Er drehte seinen Arm, die Haut war blass, das Mal dunkel, und er starrte es nur ein oder zwei Augenblicke lang an, bevor er begann, die Creme aufzutragen, und genoss es, wie jede Linie unter seinen Fingern verschwand.

Es war ein seltsames Gefühl, ein Kribbeln, als die Magie wirkte. Es fühlte sich an wie eine zweite Chance.

Draco legte sie zurück in seine Nachttischschublade, verschloss sie wieder und zog sich seine Schuhe an, bevor er ging. Er wusste, dass sich niemand für seinen Geburtstag interessieren oder sich daran erinnern würde, aber er konnte das leicht euphorische Gefühl in seinem Magen nicht abschütteln, den Sieg, dass er bis hierher überlebt hatte, dass es endlich aufwärts ging.

Der Gemeinschaftsraum war fast leer, als er ihn auf dem Weg zum Frühstück durchquerte. Wenn das Sonnenlicht, das sein Zimmer durchflutete, etwas aussagte, waren die meisten Leute draußen oder unten in Hogsmeade. Wenigstens würde das Schloss heute ruhig sein.

Draco fand Blaise sofort, als er die Große Halle betrat, setzte sich neben ihn und nahm sich etwas zu essen. Sein Freund würdigte ihn keines Blickes, sondern schob ihm lediglich eine schwarze Dose zu.

„Alles Gute zum Geburtstag.", sagte Blaise, bevor er mit seinem Frühstück fortfuhr.

Draco starrte das Geschenk an. Er nahm es und steckte es in seine Tasche. „Danke."

Blaise nickte, warf ihm einen Seitenblick zu, lächelte leicht und stieß sie mit der Schulter an. „Hätte nicht gedacht, dass du es bis achtzehn schaffst, Drake."

„Ich auch nicht."

Blaise presste den Kiefer zusammen, das Lächeln verblasste, bevor er mit ruhigerer Stimme sagte: „Aber ich bin froh, dass du es geschafft hast, Kumpel."

Draco schluckte schwer und griff nach Blaises Hand, um seine Knöchel zu drücken, bevor sie sich beide wieder dem Essen zuwandten.

Sie hatten jedoch noch nicht viel gegessen, als Hermine auf die Bank ihnen gegenüber rutschte, grinsend, mit wilden Haaren und rosa Lippen und Wangen.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.", sagte sie strahlend und reichte ihm ein in goldenes Papier eingewickeltes Geschenk, über das er trotzdem mit den Augen rollte.

„Konntest du nicht anders, Granger?"

Ihr Lächeln wurde nur noch breiter und sie zuckte mit den Schultern, nahm sich etwas Frühstück und sagte: „Ich werde noch einen Gryffindor aus dir machen, Malfoy."

Dracos Augen weiteten sich vor Entsetzen, und sie brach in Gelächter aus und warf den Kopf zurück. Er beobachtete sie und riss seinen Blick erst dann von ihr los, als er das Gemurmel am Tisch vernahm. Die Augen zuckten weg, als sie seinen Blick bemerkten, aber es reichte aus, um seinen ganzen Körper angespannt werden zu lassen. Seine Finger gruben sich in das Geschenkpapier.

„Granger.", murmelte er und beugte sich leicht vor. Sie brummte, sah ihn aber nicht an, sondern griff ein Stück weiter unten am Tisch nach dem Speck. „Das ist der Slytherin-Tisch."

Hermine rollte mit den Augen und sagte mit viel Sarkasmus in der Stimme: „Danke für diese Information, Draco. Aufschlussreich wie immer."

Er knirschte mit den Zähnen. Blaise lachte nur.

„Die Kriegsheldin von Hogwarts kann sich hinsetzen, wo immer sie will!", sagte er mit funkelnden Augen und hochgezogenen Augenbrauen. „Stimmt's, Granger?"

„Genau richtig."

Draco schaute vorsichtig zwischen den beiden hin und her, als würden sie sich gegen ihn verschwören, sich zusammentun, um ihn zu Fall zu bringen. Er spürte, wie Hermine ein paar Mal zu ihm blickte und merkte, dass er immer noch das Geschenk in der Hand hielt.

Leicht errötend betrachtete Draco es und fuhr mit seinen Händen über das goldene Papier. Es war tadellos eingewickelt und mit Klebeband versehen, auf Muggelart, nicht dass er etwas anderes erwartet hätte, und er glitt mit dem Finger an der Naht entlang, wobei er darauf achtete, es nicht zu zerreißen. Er stellte sich vor, wie sie auf dem Fußboden ihres Schlafsaals saß, wo an jeder Türklinke, jedem Bettpfosten, jedem Tisch und jeder Schublade ein Stück Klebeband hing, und wie sie mit flinken Fingern das Geschenkpapier an seinen Platz faltete. Seine Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln.

Als das Geschenkpapier abfiel, erstarrten seine Hände. Der Schal war aus Wolle, smaragdgrün und silbern, fein gestrickt, mit kleinen silbernen Schlangen und Blumen in jeder Ecke. Draco fuhr mit den Fingern darüber. Er war viel weicher, als er erwartet hatte, und seine Finger blieben an ein paar Fransen und seltsamen Knoten hängen, wo sie etwas falsch gemacht hatte. Sie hatte keine Magie benutzt. Sie hatte ihn selbst gemacht. Für ihn.

„Ich wusste nicht, was ich dir schenken soll.", begann Hermine nervös, kräuselte die Nase und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ich hatte an eine andere Farbe gedacht, eigentlich blau, weil deine Augen im Licht manchmal blau aussehen, aber dann weiß ich, dass du mich ausgelacht hättest, wenn ich dir etwas geschenkt hätte, das zu deinen Augen passt, also bin ich auf Nummer sicher gegangen –"

„Hermine."

Sie blinzelte und presste die Lippen zu einer Linie zusammen. Draco konnte nicht anders, als sie anzulächeln und griff über den Tisch, um ihre Finger zu drücken. „Es ist perfekt. Danke."

„Ich hatte viel Übung.", gab sie zu und wandte den Blick von ihm ab. „Mit den Sachen, die ich im Laufe der Jahre für die Hauselfen gemacht habe."

Draco rollte mit den Augen und seine Stimme klang verärgert, als er murmelte: „Du und diese verdammten Hauselfen."

Hermine lächelte trotzdem, ihr ganzes Gesicht leuchtete auf, die Augen strahlten, die Lippen waren breit, die Zähne blitzten, und Draco schluckte. Sie leuchtete, wie einer der Sterne, blendend, und erinnerte ihn daran, dass es doch noch Hoffnung gab.

„Es ist unglaublich schwierig, etwas für dich zu kaufen.", sagte sie. „Was kauft man einer Person, die schon alles hat."

Sie lachte ein wenig, strich sich ein paar Haare hinters Ohr, und Draco starrte sie an. Nicht alles, dachte er. Nicht dich.

Die Post kam später als sonst, denn es war Wochenende, und Dracos Augen weiteten sich, als drei Eulen vor ihm landeten, eine ließ einen Brief auf seinen Teller fallen, bevor sie zurückflog und neben seinem Arm landete, die anderen beiden trugen ein auffällig geformtes Paket, eingewickelt in braunes Papier und mit einer Schnur verschnürt; die beiden Vögel krachten auf den Tisch, warfen Kelche und Teller mit Essen um. Blaise warf die Arme in die Höhe, als seine Bohnen über den Tisch flogen. Hermine hatte in weiser Voraussicht ihren Teller und ihr Getränk hochgehoben und zur Seite gehalten, während sie die Lippen aufeinander presste.

Draco schluckte. Die Leute beobachteten ihn jetzt, schauten zu ihm hinüber, aber er beachtete sie nicht. Er nahm den Brief und erkannte ihn sofort, wobei ihm der Atem stockte. Sie schrieb das 'o' seines Namens immer mit einem losen Schwung am Ende. Statt ihn zu öffnen, fuhr er mit dem Daumen über seinen Namen in der Handschrift seiner Mutter, faltete den Brief in der Mitte und steckte ihn in seine Tasche.

Die zweite Lieferung ließ ihn zögern. An der Schnur war ein Zettel befestigt, und Draco konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als er ihn umdrehte und las. Er schüttelte den Kopf. Man musste kein Genie sein, um herauszufinden, was sich unter der Verpackung befand, aber Draco spürte immer noch die Überraschung in seiner Brust, als er den Besenstiel auf dem Tisch vor sich sah. Es war das neueste Modell, glatter, schwarzer Griff, präzise Äste, die zu einer Spitze verliefen.

„Ist das –", begann Blaise, brach aber ab. Es war das erste Mal seit langem, dass er seinen Freund so wirklich nach Worten suchen hörte. Draco konnte ihm keine Antwort geben. „Von wem? Denn nichts für ungut, aber du bist im Moment nicht der beliebteste Kerl hier –"

Er überprüfte den Zettel selbst. „Du willst mich wohl verarschen."

Hermine beobachtete ihn, als Draco sie ansah. Sie zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich habe ihnen gesagt, dass dein Gringotts-Konto bis zum Ende deiner Bewährungszeit gesperrt ist. Offensichtlich interpretieren sie Notwendiges als einen Besen."

Draco starrte sie sehr lange an, bis sie sich auf ihrem Platz bewegte und die Stirn runzelte, bevor er sich von der Bank erhob, den Besen in der Hand, und um den Tisch herumging, um sich vor sie zu stellen. Hermine beobachtete ihn misstrauisch.

Er reichte ihr die Hand. „Du hast es mir versprochen."

Hermine spürte, wie ihre Wangen erröteten. Ihre Augen huschten zu seiner ausgestreckten Hand und wieder zurück. „Ich habe es nicht versprochen.", sagte sie schnell. „Es war eigentlich nur ein Angebot, ein Vorschlag, wenn du so willst..."

„Nun, ich nehme dich beim Wort."

Er wackelte mit der Hand, um seine Worte zu untermalen, und Hermine sah die Selbstgefälligkeit in seinem scheinbar geduldigen Gesicht. Sie schnitt eine Grimasse.

„Hermine.", sagte Draco und schmollte leicht. „Es ist mein Geburtstag."

Er hörte, wie sie schluckte, doch dann berührten ihre Finger zögernd die seinen, ihre Hand glitt in seine, und Draco zog sie auf die Beine und aus der Großen Halle. Er hörte, wie Blaise ihnen etwas hinterher rief und Hermine ihn tadelte und an seiner Hand zerrte, aber er hörte nicht auf, sie weiter zu zerren, bis die frische Sommerluft sie umspült hatte und Schweißperlen auf ihrem Haaransatz standen, hörte nicht auf, bis sie lachte und rannte, um mit ihm Schritt zu halten, hörte nicht auf, bis sie am Quidditchfeld ankamen und er sein Bein über seinen neuen Besen geschwungen hatte und sie ansah.

Ihre Wangen waren rosa, die Augen leuchtend und weit, die Haare wild. Sie atmete schwer, strahlte zu ihm hinauf und er war einen Moment lang erstaunt, wie jung sie aussah, wie frei. Sie sah nicht aus wie eine Soldatin, wie eine Kriegsveteranin, wie jemand, der den Tod miterlebt und überbracht hatte. Sie sah aus wie ein Teenager-Mädchen mit großen braunen Augen und rosa Lippen und einer vergeblichen, verzweifelten Hoffnung in ihrem Herzen, dass die Welt doch ein guter Ort war, dass sie gut zu ihnen sein würde.

Draco streckte seinen Arm aus, um ihr zu helfen, und Hermine bewegte sich ohne große Widerrede, und ließ sich von ihm vor sich auf den Besen ziehen. Er hielt inne. Sie war ihm so nahe, dass er ihr Shampoo und den Jasmin in ihrem Atem riechen konnte, er spürte die Wärme ihres Rückens an seiner Brust, die Weichheit ihrer Locken an seiner Nase. Seine Hand glitt von ihrer Taille und legte sich um ihre Vorderseite, um sie an sich zu ziehen. Draco spürte ihren Puls an jeder seiner Fingerspitzen flattern.

„Bist du bereit, Granger?", murmelte er an ihrem Ohr.

Ihre Hand hob sich und drückte seine. „Immer, Draco."

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, holte er tief Luft und stieß sich ab. Diesmal schrie Hermine nicht. Sie lachte, ihre Euphorie kam über ihre Lippen, verfing sich in der Luft und klang wie Musik in seinen Ohren. Draco umklammerte sie fester und flog höher, schneller. Der Himmel war blau und endlos. Über ihren Köpfen hingen Wolken, die ihre Haut mit Wassertröpfchen belegte, aber der Sommer war leicht und frisch, und die Zukunft fühlte sich offen und zum Greifen nah an, wie alle Freiheit der Welt. Die Sonne wärmte ihre Haut, zwang sie zu blinzeln. Er fragte sich, ob der Himmel ein Ort oder ein Gefühl war, denn ganz sicher konnte kein Gefühl dieses Gefühl jemals übertreffen. Kein Licht würde jemals so blendend sein.

Hermine lehnte ihren Kopf zurück, lehnte ihn an seine Schulter, legte ihr Kinn an sein Kinn und schloss die Augen. Das Lächeln umspielte ihre Lippen. Dracos Blick blieb an ihr hängen. Als sie in den Himmel aufstiegen, drückte er ihr einen süßen, lang anhaltenden Kuss auf die Wange.

Als er sich zurückzog, begegnete er ihrem Blick nur kurz, bevor er nach vorne blickte, den Besen schwenkte und sie in eine Finte fallen ließ. Ein Keuchen wurde aus Hermines Kehle gerissen. Sie stürzten auf den Boden zu, die Erde kam ihnen entgegen. Die Luft strömte nach oben, drückte ihre Körper zusammen und zerrte an ihren Kleidern und Haaren. Draco lehnte sich an sie und drückte sie beide tiefer in Richtung Griff, und sie flogen schneller, fielen schneller. Hermine drückte seine Finger so fest, dass er schwor, sie würden gleich brechen.

Im letzten Moment zog er sich zurück. Sie flogen über den Boden, so tief, dass das Gras ihre Knöchel kitzelte, und Draco kam sanft zum Stehen. Er ließ sie nicht sofort los. Sie keuchten beide, lebendig, das Blut rauschte durch ihre Köpfe.

Sie ließ ihren Kopf wieder gegen seine Schulter fallen, die Augen geschlossen. Draco lehnte seinen Kopf an ihren.

Er wollte sie küssen. Es war schon so lange her, dass er vergessen hatte, wie es sich anfühlte, sie zu küssen, aber er wusste von ganzem Herzen, dass die Freiheit nie süßer schmecken würde als auf Hermine Grangers Lippen. Er wollte sehen, ob er den Jasmin auf ihrer Zunge schmecken konnte.

Aber sie bewegte sich, kletterte vom Besen und seine Hand fiel von ihr weg. Sie stolperte von ihm weg und versuchte vergeblich, ihr Haar zu glätten, und Draco schluckte das Gefühl hinunter, schluckte alles hinunter.

Hermine lachte leicht und schenkte ihm ein wissendes Lächeln. „Ich hasse Fliegen immer noch."

Er zwang seine Mundwinkel, sich zu heben. „Ich schätze, wir müssen uns daran gewöhnen, uns einig zu sein, dass wir uns nicht einig sind."

„Ich schätze, das müssen wir."

Draco umklammerte den Besen fester, seine Knöchel wurden weiß.

„Ich fliege noch etwas mehr.", sagte er und begegnete ihren Augen nur für eine kurze Sekunde, bevor er sich wieder abstieß.

Hermine runzelte die Stirn. Ihre Augen folgten ihm, bis er nur noch ein Fleck am Himmel war, dann machte sie sich auf den Weg zur Tribüne, suchte sich einen Platz und kramte ein Buch hervor, das sie an diesem Morgen in der Tasche ihrer Strickjacke verstaut hatte. Sie behielt ihn im Auge und lächelte, als er in die spärlichen Wolken eintauchte und wieder hervor schoss, wobei die Euphorie selbst aus dieser Entfernung spürbar und ansteckend war. Das Buch auf ihrem Schoß blieb geöffnet, aber sie hatte noch keine Seite gelesen.

Hermine wandte ihren Blick nicht von der Gestalt am Himmel ab, als sie spürte, dass sich jemand neben sie setzte.

„Ist dein Buch interessant?", fragte Blaise freundlich, schlug ein Bein über das andere und verschränkte die Hände um sein Knie. Er blinzelte zu Draco hoch.

Sie räusperte sich, rückte ihr Buch zurecht und blätterte die Seite um. „Sehr, danke der Nachfrage."

„Hast du es schon einmal gelesen?"

Hermine schürzte ihre Lippen.

Blaise fuhr beiläufig fort und lehnte seinen Kopf näher heran: „Ich frage nur, weil mir aufgefallen ist, dass du kein einziges Wort gelesen hast."

Sie verzog das Gesicht, das Sonnenlicht blendete sie, und ihre Verärgerung über Blaise ließ sie die Stirn runzeln. Hermine klappte ihr Buch zu und drehte sich in ihrem Sitz, um ihn anzusehen.

„Was willst du?"

Er hob die Augenbrauen und blickte zu ihr hinunter.

Als er den Mund öffnete, um zu antworten, unterbrach Hermine ihn und sagte: „Wenn es nicht wichtig ist, dann verpiss dich bitte. Ich bin am Lesen."

Blaise stieß einen leisen Pfiff aus und lachte, wobei das Lächeln seine Augen umspielte. Er schüttelte fast zärtlich den Kopf.

„Du hast dich verändert, Granger –"

Sie schnaubte, blies sich eine Locke aus dem Gesicht und sah wieder weg. „Wir haben uns alle verändert."

Blaise grinste. „Ja, aber du –" Er stieß ein leises Lachen aus und Hermine sah ihn böse an. „Es gab mal eine Zeit, da konntest du den Namen Malfoy nicht hören, ohne nach seinem Zauberstab zu greifen."

„Die Dinge haben sich geändert, Zabini."

„Nicht alles."

Hermine sah ihn genau an. Er sah aus wie eine Bronzestatue, dachte sie, gemeißelt aus tadellosen Linien, die Kanten seines Kiefers und seiner Wangen scharf und präzise. Blaise sah sie nicht an, seine Haut glühte in der Mittagssonne, seine dunklen Augen waren unleserlich, als er Draco beobachtete, der so dicht über den Boden raste, dass sie instinktiv ihre Finger in ihrem Rock verschränkte.

„Weißt du –", sagte Blaise, „– das erste Gespräch, das ich mit Draco hatte, handelte von dem zimperlichen kleinen Gryffindor-Schlammblut, das ihn bei einer Zaubertrankprüfung im ersten Jahr übertroffen hatte."

Hermine schnaubte.

„Dann war es Draco, der sich darüber beklagt hat, dass der Erbe von Slytherin nicht einmal seinen Job machen konnte, als er herausgefunden hat, dass du versteinert worden bist."

Ihr Lächeln wurde schwächer. Sie holte tief Luft und umklammerte den Stoff ihres Rocks fester.

„Und im dritten Jahr – verdammt, er hat nicht die Klappe gehalten. Erst war es dieser verdammte Hippogreif, und dann musstest du ihn verprügeln, und ich habe nie das Ende davon gehört! Du hast ihm die Nase gebrochen, weißt du."

„Gut.", sagte Hermine und verschränkte ihre Arme. „Er hatte es verdient."

Blaise' Lippen zuckten. „Da bin ich mir sicher. Er hat Pansy auf dem Weihnachtsball im vierten Schuljahr verlassen. Sie haben sich gestritten. Heftig. Ganz Slytherin hat ihn gehört. Sie haben danach zwei Wochen lang nicht miteinander gesprochen, weil er nicht aufhören hat können, ein anderes Mädchen anzustarren."

Hermine schluckte. Sie schüttelte den Kopf, schloss kurz die Augen und sagte: „Blaise, warum bist du –?"

„Fünftes Jahr – ist dir jemals aufgefallen, dass Draco und Pansy in den Nächten, in denen du auf Patrouille warst, immer unglaublich verspielt in den Korridoren waren? Ich habe ihm gesagt, dass das nicht in Ordnung ist, aber er hat mich nur angeschnauzt und gesagt, es ginge mich nichts an, mit wem er nach der Sperrstunde vögelt. Ich habe ihm gesagt, dass es dich auch nichts angeht."

Blaise richtete seinen Blick auf sie. „Du hast ihn in der sechsten Klasse besucht, nicht wahr?" Das war keine Frage. Er ließ ihr nicht einmal die Freiheit, so zu tun, als ob. „Nachdem Potter ihn aufgeschlitzt hatte –"

„Harry –", begann sie zu seiner Verteidigung und Blaise hielt inne und hob die Augenbrauen. Hermine presste ihre Lippen zu einem Strich zusammen.

„Warum bist du zu ihm gegangen?"

Sie starrte ihn an.

Blaise starrte zurück. „Warum hat Draco dich nicht auf dem Malfoy Anwesen identifiziert?"

Hermine blickte den Jungen über den sie redeten an und wünschte sich, er würde näher kommen, um das Verhör zu unterbrechen, oder so weit wegfliegen, dass jede Antwort, die sie geben könnte, sinnlos wäre.

„Warum hast du bei ihm im Krankenflügel geblieben, Hermine? Warum hast du für ihn ausgesagt? Warum hast du seine Mutter gerettet?"

„Bist du jetzt fertig, Zabini?"

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, angespannt, und sie presste ihre Arme fester an ihre Brust. Blaises Blick war, genau wie seine Fragen, unerbittlich. Seine letzte Frage war die schlimmste von allen, und ihr Magen drehte sich um, wie damals, als sie mit Draco geflogen war und er in der Sekunde vor dem Aufprall ganz plötzlich den Sturzflug abgebrochen hatte.

„Liebst du ihn, Granger?"

Hermine wich zurück, rutschte fast von der Bank, das Buch fiel ihr von den Knien, die Seiten flatterten, der Buchrücken krümmte sich. Sie bückte sich hastig, um es aufzuheben und die schiefen Seiten zu glätten, bevor sie es sich an die Brust hielt und sich so weit wie möglich von ihm entfernt hinstellte.

Blaise beobachtete sie. Seine Lippen waren zusammengepresst, an den Rändern nach unten gebogen, seine Augen hafteten an ihr. Hermine konnte die Traurigkeit darin nicht ertragen.

„Wenn es dir nichts ausmacht, Zabini.", begann sie und strich sich einige Haare aus dem Gesicht. „Ich muss noch woanders hin. Sag Draco, wenn ich ihn später nicht sehe, dass ich ihm einen schönen Geburtstag wünsche. Bitte."

Sie schloss den Mund und nickte, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und schnell von ihm wegging.

„Hermine.", rief er ihr nach, aber sie ignorierte ihn und verschwand aus seinem Blickfeld.

Blaise lehnte sich zurück. Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf, dann kniff er sich in den Nasenrücken. „Verdammte Scheiße, Granger. Alles was du getan hast, ist dich in diesen Idioten zu verlieben."


Jeden Mittwoch gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 31.05.