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Kapitel 6 – Konkret Denken

Am nächsten Tag war Ginny lang im Bett. Es war schließlich Samstag. Außerdem hatte sie die Nacht sehr schlecht geschlafen und war einige Male aufgewacht, weil sie seltsame Träume hatte: sie wollte einen Zug erreichen, kam jedoch nicht vorwärts weil sie so viel tragen musste. Dann kam jemand und stahl ihren Koffer, aber als sie hinter ihm hinterher rufen wollte hatte sie plötzlich keine Stimme mehr… das war nur einer von mehreren verwirrten Träumen.

Aber irgendwann musste man auch an einem Samstag aufstehen. Immer noch etwas gähnend machte sie sich schließlich auf den Weg in die Große Halle. Es waren nicht mehr sehr viele Schüler dort, am Gryffindor-Tisch traf sie jedoch zum Glück auf Hermine, Harry und Colin. Sie setzte sich dazu und begann, sich ihr Brötchen zu schmieren.

Als sie gerade überlegte, ob sie noch etwas mehr Marmelade brauchte, erklang hinter ihr ein lautes „Ginny!".

Erstaunt drehte sie sich zu ihrem Bruder Ron um. Er sah sie wütend-besorgt an.

„Was denkst du dir dabei?"

„Häh?"

„Wie bitte heißt das! Ich rede von gestern Abend."

„Da war Theater."

„Du hast einen Slytherin geküsst!"

„WAS habe ich?". Sie saß mit offenem Mund da.

„Du hast WAS?", kam es gleichzeitig von ihrer anderen Seite, an der Colin saß.

Inzwischen sahen auch einige andere Schüler zu ihnen. Ginny bemühte sich, ruhig zu atmen.

„Ron, ich habe niemanden geküsst."

„Da hat Dennis etwas anderes erzählt. Er meinte, du seist diesem… Zabini sehr nah gewesen!"

„Er heißt Blaise. Wann bemerkt ihr endlich, dass auch Slytherins Vornamen haben?"

„Wann bemerkst du endlich, dass man Slytherins nicht trauen kann?"

„Herrje, wir haben Theater gespielt! Hörst du, Theater! Das ist alles."

„Das glaubst du!". Ron hatte sich jetzt richtig in Rage geredet. „Die Slytherins spielen doch dauernd Theater. Bei denen weiß man doch nie, ob sie es ernst meinen. Die spielen selbst Theater, wenn sie nicht Theater spielen! Und das Schlimmste, wenn sie Theater spielen, spielen sie vielleicht auch nicht Theater!"

„RON, komm runter!". Böse funkelte Hermine ihn an. „Du redest verworren… außerdem, was ist dabei? Dumbledore hat Recht, wir sollten uns wirklich um etwas mehr Zusammenarbeit bemühen."

„Aber doch nicht…"

„Es reicht.". Müde fuhr Harry sich durch die Haare. Seit dem finalen Kampf hatte er sich verändert. Er war ruhiger und in sich gekehrter geworden. Streit ging er lieber aus dem Weg.

„Ron, ich denke, Ginny kann sehr gut auf sich selbst aufpassen."

„Ich kann sogar für mich selbst sprechen, danke! Ich habe wirklich nicht vor, Blaise zu nahe zu kommen, er ist ziemlich arrogant."

„Hmpf… Colin, wieso hast du ihr gestern Abend eigentlich nicht beigestanden?". Der rothaarige Junge hatte sein nächstes Opfer in dem ruhig kauenden Sechstklässler gefunden.

„Hm? Ich…". Verwundert sahen die anderen ihn an, als er rot anlief. Dann lachte Ginny laut los.

„Ihr solltet euch lieber um IHN Sorgen machen. Ich wette, du hast gestern den ganzen Abend mal wieder mit Nancy Handlesen geübt?"

„Nein…"

Irritiert sah Ginny auf ihren Freund. Der fing plötzlich an zu grinsen.

„Wir haben nicht nur Handlesen geübt…"

Die 4 anderen Gryffindors lachten schallend. Sogar Ron sah wieder fröhlich aus. Vergnügt plauderten sie weiter. Nur Harry beugte sich kurz zu Ginny hinüber: „Pass trotzdem auf dich auf, ja? Man kann nie wissen… besonders nicht bei Slytherins."

Den Rest des Tages verbrachte Ginny mit dem Bearbeiten ihrer Hausaufgaben. Puh, was Harry zu ihr gesagt hatte! Das klang ja fast so, als ob sie was von Blaise wollte. Blaise? Niemals!

Aber ab und zu stahl sich dennoch ein verträumtes Lächeln auf ihr Gesicht. Sie sagte sich, das käme daher, dass sie sich für Colin freute. Aber warum nur ging ihr das Gefühl des warmen Atems eines gewissen dunkelhaarigen Slytherins auf ihrer Wange nicht aus dem Kopf? Sie verscheuchte den Gedanken mit der Erinnerung an ihren Streit. Es war besser auf ihn wütend zu sein, schließlich hatte er sie und ihre Familie wirklich beleidigt. Außerdem, wirklich entschuldigt hatte er sich nicht… nein, sie war immer noch sauer und wollte möglichst wenig mit dem Slytherin zu tun haben!

Die Woche verlief ruhig. Ein paar Mal begegnete Ginny Blaise auf dem Gang. Er grüßte sie wieder mit „Guten Tag.". Es klang jedes Mal neutral und ohne Gefühle. Das stärkte Ginny in dem Glauben, dass der Slytherin sich wohl nicht entschuldigen würde und so etwas wie Reue gar nicht kannte. Sie musste es in der letzten Woche falsch interpretiert haben! Oder etwa nicht? Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm!

Aber jede Woche hat einen Freitag, so auch diese. Zum dritten Mal machte sich Ginny kurz vor 8 auf den Weg in die Große Halle.

Es schienen dieselben Schüler wie letztes Mal zu sein. Kein weiterer war aus der Gruppe ausgestiegen. Dann war das hier wohl die endgültige Gruppe. Ginny zählte. Es waren 5 Hufflepuffs, darunter auch Justin und Hannah, 5 Ravenclaws, die allesamt jünger als Ginny schienen, 4 Gryffindors, darunter sie und Dennis sowie 3 Slytherins. Blaise war auch wieder dabei. Na ja, es hätte sie auch gewundert, wenn er nicht mehr gekommen wäre. Schließlich spielte er sehr gut. Trotzdem, sie würde bestimmt nicht wieder zu nahe zu ihm gehen. Seine Beleidigungen konnte er bei sich behalten! Mit diesem festen Vorsatz betrat sie die Große Halle.

Die Stunde begann. Sie begannen nicht wieder damit, dass sie herum liefen. Stattdessen erklärte Tonks etwas anderes:

„Mir ist vorige Woche etwas aufgefallen. Wenn ihr etwas spielt, dann müsst ihr eine klare Vorstellung von dem haben, was ihr gerade macht. Besonders bei Ginny und Blaise ist es mir aufgefallen: was war eigentlich der Anlass für euren Streit gewesen? Wieso war Ginny wütend?"

„Ich… nun…"

„Ich weiß nicht, worüber wir gestritten haben.". Das war Blaise. Zornig sah Ginny ihn von der Seite an. Das war der Beweis! Er wollte sich wirklich nicht entschuldigen. Na, der konnte bleiben wo der Pfeffer wächst…

„Ja aber, wenn ihr es nicht wisst, wie soll es dann der Zuschauer wissen? Seht ihr das Problem? Wenn man auf der Bühne steht, muss man versuchen, dem Publikum etwas zu vermitteln. Dazu muss man aber erst selbst wissen, was man vermitteln will. Deshalb lautet die Devise beim Theater spielen: Konkret denken! Wenn ihr eine konkrete Vorstellung von dem habt, was ihr spielen wollt, dann seid ihr euch nicht nur in eurer Rolle sicherer, sondern wirkt auch noch überzeugender. Es ist wie bei Verwandlungen: wenn ihr euch nicht genau darauf konzentriert, wie das Produkt aussehen soll, dann bleibt ihr irgendwann in der Verwandlungsphase stehen."

Die Schüler nickten. Manchmal mochte Tonks zwar etwas verwirrend sein, aber das hatten sie verstanden.

Um das konkrete Denken zu üben, ging nun jeder Schüler einzeln vor die Gruppe. Sie mussten sich einen bestimmten Gegenstand überlegen und diesen dann pantomimisch darstellen. Ginny war eine der ersten. Sie entschied sich für einen Löffel. Damit rührte sie nun in einem Topf herum, löffelte etwas von einem Teller und spiegelte sich sogar kurz darin. Die anderen Schüler errieten bald, worum es ging. Tonks hielt sie aber noch auf, als sie schon wieder zurück zwischen die anderen gehen wollte.

„Ginny, was hast du gegessen?"

„Wie?"

„Na ja, was hast du dir vorgestellt, als du gelöffelt hast?"

„Ich… na ja, etwas zu essen!"

„Du könntest noch besser werden, wenn du wirklich konkret denken würdest: Ich esse eine Kartoffelsuppe mit Petersilie. Oder halt so etwas Ähnliches. Versuch es mal! Aber sonst war es schon gut.". Tonks und Ginny lächelten sich an.

So ging es weiter. Jedem Schüler gab Tonks noch einige Hinweise. Langsam kristallisierte sich heraus, wer gut und wer nicht so gut spielte. Eine Drittklässlerin aus Hufflepuff musste fast die ganze Zeit kichern und niemand erkannte ihren Gegenstand. Dafür war Justin eine echte Überraschung. Originell stellte er einen Fußball dar, mit dem er dribbelte, ihn auf seinem Kopf jonglierte und schließlich ein Tor schoss. Die Ravenclaws stellten Bücher, Federn, Pergamente und ähnliches dar.

Als letztes kamen die Slytherins. Alle 3, ein Viert-, ein Fünftklässler und Blaise, waren gut. Auch wenn sie sich für etwas ungewöhnliche Gegenstände entschieden hatten: einen Siegelring und ein Portmonee. Als letztes war Blaise dran. Er schien sich wieder für etwas Schwieriges entschieden zu haben.

Zuerst ging er einige Schritte. Dann blieb er stehen und sah von oben nach unten und wieder zurück. Er trat ein weiteres Stück nach vorn und hob beide Hände, wie als wolle er etwas greifen. Mit einer zuckte er plötzlich zurück. In seinem Gesicht war abzulesen, dass er ärgerlich war. Den Zeigefinger der zurückgezogenen Hand steckte er in den Mund. Dann griff er wieder nach vorn. Er griff nach etwas sehr dünnem. Dann knickte er mit einer Hand ab: anscheinend hatte er es durchgebrochen. Jetzt zog er wieder beide Hände zurück, vorsichtig. In einer hatte er immer noch den sehr dünnen Gegenstand. Er führte die Hand damit kurz unter sein Gesicht. Dann atmete er tief ein. Ja, schnupperte er? Er roch an etwas! Seine Nasenflügel zitterten leicht. Wieder fiel Ginny die Form seiner Nase auf, die so ganz anders war, als man annehmen könnte: jungenhaft, etwas zu breit und rund für aristokratische Züge.

Neben Ginny flüsterte jetzt jemand: „Er mag Blumen, oder? Das ist schon das 2. Mal!"

Ja, das war es. Jetzt drehte Blaise den Gegenstand noch etwas, bewundernd.

Dann meldete sich Tonks zu Wort: „Das war ein wirklich schönes Beispiel. Ich nehme an, du kannst uns genau sagen, was dein Gegenstand war?"

„Eine orange Rose."

„Es war wirklich gut. Seht ihr, wie ich es meine? Hätte er einfach nur an eine Blume gedacht, hätte er sich wohl kaum an den Dornen gestochen. Und ich bezweifle, dass die der bewundernde Ausdruck so gut gelungen wäre, wenn die Blume schon verblüht gewesen wäre!". Tonks zwinkerte ihm zu.

Blaise stand wieder unbeteiligt herum. Es war unheimlich, eben hatte er noch diesen entzückten Ausdruck gehabt, als er auf die „Blume" gesehen hatte und jetzt wieder dieser nichts sagende Ausdruck!

Ginny hasste es, wenn jemand so aussah. Um nicht auf sein Gesicht sehen zu müssen, sah sie sich um. Dabei fiel es ihr auf: Blaise hielt seine Hand immer noch so, als hätte er eine Rose zwischen den Fingern. Dabei war er doch schon fertig?

Jetzt ging er zurück zu den Schülern.

Er stand etwas weiter hinten, da er groß war und über die anderen hinweg sehen konnte. Blaise musste auf seinem Weg zurück auch an Ginny vorbei. Gerade in dem Moment, als er vor ihr vorbei ging, öffnete sich seine Hand. Nein, das konnte nicht sein. Hätte es die Rose gegeben, so wäre sie jetzt direkt vor Ginnys Füße gefallen.

Hatte er sich nicht schon einmal mit einer „Blume" entschuldigt, in der ersten Stunde der Theatergruppe? Aber nein, diese Blume war nicht für Ginny gewesen. Hmpf, wenn sie an die Szene zurück dachte… er hatte sich ziemlich über sie lustig gemacht. Ob das diesmal wieder…? Aber was dachte sie eigentlich! Sie hatte es sich sicher nur eingebildet, dass er gerade in dem Moment die Hand geöffnet hatte!

Während Ginny noch so überlegte, hatten die anderen Schüler einen Kreis um Tonks gebildet. Schnell reihte die Gryffindor sich ein.

Aufmerksamkeit heischend sah Tonks sich um. Ihre Haare waren von bonbonrosa zu signalrot geworden.

„Die 3 bisherigen Stunden mit euch haben mir wirklich gefallen. Es ist lustig, euch zuzusehen. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, habt ihr auch euren Spaß?"

Die Schüler nickten.

„Nun, aber wir sind ja nicht nur deshalb eine Theatergruppe. Womit wir beim Thema wären. Sicher haben sich einige von euch schon gefragt, was wir spielen werden. Schließlich sollen wir am Ende des Jahres zum Gelingen des Großen Festes beitragen. Ich habe bereits in den Sommerferien eine Auswahl Stücke angesehen. Und ich glaube, etwas gefunden zu haben, was wirklich sehr gut zu uns passt!"

Lächelnd sah sie sich um.

„Ich war mir bisher nicht ganz sicher, ob das Stück nicht zu schwer für uns ist. Aber ich bin überrascht. Wir haben einige sehr gute Schauspieler dabei. Deshalb denke ich, wir können es versuchen. Ja, ich meine, wir können es schaffen!"

Die Schüler nickten aufgeregt. Welches Stück würden sie spielen?

„Das Stück, welches ich mir ausgesucht habe, ist sicher keines der konventionellen. Mir gefällt es aber gerade deshalb sehr gut. Aber ich spanne euch auf die Folter. Das Stück, welches wir spielen werden, heißt: ‚Leonce und Lena'."

Die Schüler sahen sich erstaunt an. Ginny kramte in ihrem Gedächtnis. Hatte sie das schon einmal gehört? Es kam ihr nicht bekannt vor.

„Ich denke, kaum jemand wird es kennen. Lasst mich kurz den Inhalt zusammenfassen: 2 Königskinder benachbarter Reiche, beide im heiratsfähigen Alter, sind einander versprochen. Ohne sich je gesehen zu haben. Beide sind gegen diese Zwangsehe und laufen kurz vor der Hochzeit weg. Durch Zufall treffen sie sich an der Grenze, ohne zu wissen, wer der jeweils andere ist. Sie verlieben sich ineinander und kehren zurück, um zu heiraten. Erst dann erfahren sie, dass sie sich von Anfang an versprochen waren.

Der Inhalt erscheint zunächst banal. Es steckt jedoch mehr dahinter, das werdet ihr sehen, wenn wir daran arbeiten.

Ich habe jedem ein Exemplar mitgebracht. Es ist nicht lang, versucht es bis nächste Woche zu lesen! Ihr solltet euch auch überlegen, welche Rolle ihr gerne spielen wollt."

Sie verteilte die Blätter und schloss dann die Stunde, indem sie ihnen allen eine gute Nacht wünschte.

Diskutierend nahmen sich die Schüler ihre Roben und gingen hinaus. Einige waren sich nicht sicher, was sie von dem Stück halten sollten. Aber erst einmal wollten sie es alle lesen.

Ginny konnte es kaum erwarten, in ihren Schlafsaal zu kommen und zu beginnen. Tonks meinte, es stecke mehr dahinter. Sie wollte erfahren, was die junge Lehrerin damit gemeint hatte…

Dort angekommen, zog sie sich schnell aus, um im Bett das Stück zu lesen. Dort hatte sie ihre Ruhe.

Als sie ihre Robe abstreifte und danach ihren Pullover über den Kopf zog, fiel plötzlich etwas auf den Boden. Sie bückte sich. Es schien etwas kleines zu sein. Sie hob es auf. Es war ein orangenes Rosenblütenblatt.

Puh, jetzt ist es raus! Jetzt wisst ihr, welches Stück ich die Gruppe spielen lassen will! An der Stelle der Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Also, wie gesagt, es gibt einige Gründe, wieso ich das Stück so passend finde. Welche alles, erfahrt ihr nach und nach in den nächsten Kapiteln. Gibt echt ne Menge Parallelen!

So, ansonsten: ich hoffe wie immer, euch hat das Kapitel gefallen! Was haltet ihr von Tonks' Wahl? Und war es spannend genug? ;-) Was haltet ihr von dem Schluss?Ich freue mich wahnsinnig über Reviews! Danke an alle bisherigen Reviewer megaknuddel! Reviewt bitte fleißig weiter, ist total aufbauend! ;-) freu und noch mal knuddel