Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum ist geistiges Eigentum von J.K.Rowling. Mit dieser Geschichte wird kein Geld verdient.

Kapitel 16 –

Es war Sonntagnachmittag und Ginny saß im Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Seit sie aufgestanden war, hatte sie die ganze Zeit Hausaufgaben gemacht und sie hatte allmählich wirklich keine Lust mehr. Irgendwann musste doch mal Wochenende sein, oder?

Daher überlegte sie, was sie stattdessen machen könne. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es Zeit für einen Tee wäre. Moment mal… einen Tee? Natürlich! Sie könnte Tonks besuchen gehen.

Hatte diese nicht auch schon gesagt, dass sie selbst am Sonntag wenig zu tun hatte und gerne Gesellschaft hatte?

Froh, etwas gefunden zu haben, was sie anstatt der Hausaufgaben machen könne, ging Ginny aus dem Gemeinschaftsraum heraus und machte sich auf den Weg zu Tonks.

Sie bog in den Gang zum Zimmer der Lehrerin ein. Als sie vor der Tür stand, hatte sie gerade die hand zum Klopfen erhoben, als diese aufgemacht wurde:

„Ginny! Schön, dass du kommst!"

„Äh, ja, hallo!". Wie machte die junge Aurorin es nur, dass sie schon vorher wusste, dass jemand vor der Tür stand?

Die Gryffindor folgte ihrer Lehrerin in den Raum. Es war unordentlich wie immer. Aber irgendetwas war anders als bei den letzten Besuchen. Irgendwie… dann fiel es Ginny auf: sie konnte immer noch atmen und hatte kein bisschen plüschiges Fell im Gesicht.

„Wo ist Chahan?", fragte sie.

Tonks lachte. „Es scheint, als hätte ich es doch noch geschafft, ihm ein wenig Benehmen bei zu bringen. Schau!". Dabei deutete sie hinter Ginny auf den Boden.

Überrascht drehte diese sich um. Da saß der kleine rosa Knuddelmuff auf dem Boden. Ginny grinste und streckte ihm eine Hand hin, damit er darauf springen konnte.

„Hallo, schön, dich auch wieder zu sehen!"

Der Knuddelmuff hopste auf ihren Arm. Und von da an weiter…

„HMBLMPF!"

„Manches ändert sich einfach nicht.", sagte Tonks seufzend, während sie Ginny half, Chahan aus ihrem Gesicht zu ziehen.

Wenig später saßen beide gemütlich beieinander und tranken eine Tasse Tee. Tonks hatte Chahan zwar zur Strafe erst wegsperren wollen, aber da Ginny ihm verziehen hatte, saß er jetzt doch auf ihrem Schoß und brummte in ihren Bauch herein, was sich fast wie eine kleine Massage anfühlte.

„Ich könnte jetzt die üblichen Erwachsenenfragen stellen, wie es in der Schule läuft und so, aber ich nehme an, damit hast du schon in der Woche genug zu tun und willst nicht auch noch am Wochenende dran erinnert werden?", zwinkerte Tonks ihr zu.

„Ja, da hast du Recht. Wir haben sehr viele Hausaufgaben auf. Und dann noch das Theater, die Treffen mit Blaise… es bleibt wenig Freizeit."

„Oh, eure Rendez-vous in der Bibliothek…"

Ginny wurde rot. Warum musste Tonks bloß auch dieses Wort benutzen?

„Es sind keine Rendez-vous.". Sie versuchte, den bedauernden Tonfall in ihrer Stimme zu unterdrücken. Was machte der da eigentlich? Sie wollte doch wohl kein Rendez-vous mit Blaise Zabini!

„Aber warum denn nicht?", lachte Tonks, „Rendez-vous ist doch das französische Wort für ein Treffen. Und keine Angst, damit sind nicht nur Liebespaare gemeint, sondern alle."

„Oh."; machte Ginny. Verdammt, was war das für ein Kloß in ihrem Hals? Das hatte also Blaise auch bloß gemeint. Ein Treffen, ein Meeting vielleicht. Weil es nötig war, nicht weil einer von ihnen beiden es wollte. Er schon gar nicht. Wahrscheinlich würde er seine Zeit lieber sinnvoller verbringen als mit ihr.

Der Kloß in ihrem Hals wurde größer. Konnte es ihr nicht egal sein, was Blaise über ihre „Rendez-vous" dachte? Das war sowieso ein komisches Wort…

Ginny bemerkte, dass Tonks sie inzwischen komisch anschaute.

„Ist etwas mit dir?", fragte sie.

„Nein, was sollte schon sein?", erklärte Ginny, fieberhaft nach einer Ausrede suchend. „Ich bin vielleicht nur etwas überarbeitet.". Zu ihrer Erleichterung hörte man ihrer Stimme den Kloß im Hals nicht an.

Tonks sah sie nachdenklich an. „Vielleicht hast du dir doch etwas zu viel zugemutet? Hör mal, ich fand es wirklich gut, dass du gestern bei der Probe da warst, aber du hättest nicht kommen müssen, das weißt du? Wenn du wieder so viel zu tun hast, dann mach doch mal eine Woche Pause mit Theater, wenn du nicht dran bist. Niemand ist dir böse, wenn du etwas anderes zu tun hast."

Zögerlich nickte Ginny. Sie hatte zwar nicht vor, das Angebot anzunehmen, aber es war gut zu wissen, dass auch Tonks es ok fand, wenn sie mal nicht konnte.

„Danke."

Die beiden hatten ihren Tee inzwischen ausgetrunken, und Ginny fand, dass es Zeit war, zu gehen. Sie wollte Tonks nicht noch länger zur Last fallen – ein Blick auf deren Schreibtisch bestätigte ihr, dass sie noch eine Menge Aufsätze zu kontrollieren haben musste.

„Ich denke, ich werde jetzt gehen."

Sie stand auf. Tonks folgte ihr zur Tür.

„Es war nett, dass du da warst. Du kannst mich immer besuchen kommen, wenn du möchtest."

Die beiden jungen Frauen verabschiedeten sich voneinander. Dann ging Ginny in den Gryffindor-Turm zurück.

Die nächste Woche wurde nicht weniger stressig als die bisherigen. Ginny hatte relativ viele UTZ-Kurse belegt, daher hatte sie noch mehr zu tun als die anderen.

Ron und seine neue Freundin waren häufig zusammen, die meiste Zeit knutschten sie.

Hermine war erst am Montag wieder aufgetaucht. Ginny hatte versucht mit ihr zu reden, aber sie hatte alle Versuche abgeblockt. Das rothaarige Mädchen war ratlos, was sie machen sollte. Hermine sah traurig aus, verdeckte es aber unter einem freundlichen Lächeln. Wenn Ginny nur wüsste, was mit ihrer älteren Freundin los war! Aber auch Harry hatte keinen Erfolg damit, sie danach zu fragen. Ron war zu beschäftigt. So half Ginny ihr soweit, wie sie ihr helfen konnte: sie drang nicht weiter in sie ein, denn wenn Hermine bereit war, über ihre Sorgen zu reden, würde sie das von selbst machen. Stattdessen setzte sich Ginny häufig einfach nur neben Hermine, lächelte ihr aufmunternd zu, gab ihr stillen Beistand. Die ältere Gryffindor dankte es ihr mit einigen, zaghaften Lächeln.

Allgemeine Aufheiterung verschaffte auch die Ankündigung, dass am Samstag in einer Woche das erste Hogsmead-Wochenende stattfinden würde.

So verging die Woche und schließlich war es Freitag. Ein Blick am Morgen auf ihren Probenplan sagte Ginny, dass die Szene, welche schon in der vorigen Woche geprobt wurde, noch einmal wiederholt wurde: Leonce und Valerio, also Blaise und Justin.

Nach dem Unterricht an diesem Freitag setzte Ginny sich sofort hin, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Bis zum Abendessen war sie längst nicht fertig. Aber sie ging in die Große Halle, um etwas zu essen. Später setzte sie sich wieder an den Berg von Aufsätzen, den sie immer noch zu schreiben hatte: einen Aufsatz über „Der Sport bei Leprechans" für Pflege magischer Geschöpfe und einen über die Verwendung des Purtifatkrauts in Zaubertränken. Zudem musste sie Zauber für Verwandlungen und Zauberkunst üben.

Still saß sie im Gemeinschaftsraum und arbeitete. Sie war so konzentriert, dass sie gar nicht bemerkte, wie sich Colin zu ihr setzte. Erst als er mit ihr sprach, sah sie auf.

„Hi Ginny."

„Oh, hallo. Wir haben so viel auf, ich fass es nicht! Die Aufsätze von Snape sind der Hammer, er will 2 Meter Pergament."

Colin sah auf ihr Blatt. „Ach, Pflege magischer Geschöpfe. Das habe ich schon letzten Samstag gemacht. Aber sag mal, müsstest du nicht bei Theater sein?"

„Was?", fuhr Ginny auf. „Wie spät ist es denn?"

„Gleich dreiviertel 9."

„Oh, mist! Das habe ich jetzt total vergessen gehabt. Mist, mist, mist!"

Sie wollte aufstehen und losgehen, nein, eher los rennen, aber Colin hielt sie zurück.

„Bist du heute überhaupt dran? Dennis musste auch nicht gehen."

„Nein, ich bin heute nicht dran, aber…"

„Na, warum regst du dich dann auf? Du musst doch nicht immer hingehen und heute hast du wirklich viel zu tun."

Freundlich sah der junge Mann sie an

„Vielleicht hast du Recht, Colin."

Sie erinnerte sich an die Worte von Tonks, die ebendies auch gesagt hatte. Und für den heutigen Tag war es sowieso zu spät, noch zur Probe zu gehen. Sie würde mittendrin auftauchen und wahrscheinlich nur stören. Außerdem hatte sie die Szene schon einmal gesehen. Sicherlich, heute würde die Szene wahrscheinlich noch weiter ausgebaut werden, es würde mehr ins Detail gegangen werden. Aber sie hatte heute einfach zu viel zu tun…

So blieb Ginny im Gemeinschaftsraum. Ein klein wenig schlechtes Gewissen behielt sie dennoch. Da sie sich allerdings auf ihren Aufsatz konzentrieren musste, war auch das bald vergessen. Sie konnte ja nachher Jack, den Viertklässler aus Gryffindor, der den Hofmeister spielte und der daher bei der Probe dabei gewesen war, fragen, was passiert war. Oder am morgigen Tag Blaise, wenn sie sich mit ihm traf.

Blaise… bei dem Gedanken an ihn zog sich etwas in ihrem Bauch zusammen. Wie er es wohl fand, dass sie nicht da war? Ach, sicherlich würde er es gar nicht bemerken. Wieso sollte er das auch?

Obwohl sie am Freitagabend nicht bei der Theaterprobe gewesen war, schlief sie am Samstag dennoch lang, da sie lange an ihrem Aufsatz gesessen hatte.

Als sie schließlich aufwachte, fühlte sich Ginny wie zerschlagen. Sie war viel zu spät ins Bett gegangen und hatte nicht gut geschlafen. Um aufzuwachen, beschloss sie, sich schnell kalt zu duschen. Aus der schnellen kalten Dusche wurde nach wenigen Sekunden eine warme, die sich ausdehnte.

Ginny liebte es, sich das warme Wasser über die Haut rieseln zu lassen. Während sie so unter der Dusche stand, dachte sie nach. Ob es richtig gewesen war, gestern nicht zur Probe zu gehen?

Ach, niemand konnte sie schließlich dazu zwingen. oder?

Und was war schon so schlimm, daran, einmal nicht hinzugehen?

Sie sollte sich keine Vorwürfe machen. Zu diesem Ergebnis kam sie nach einiger Zeit.

Dann dachte sie an Blaise. Ob es ihm wohl aufgefallen war, dass sie nicht dagewesen war? Und was er wohl gedacht hatte?

Sie würde es wohl schon noch früh genug erfahren. Schließlich hatte sie heute ein Treffen mit ihm. Ein Rendez-vous.

Ein bitterer Zug zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, als sie an diesen Ausdruck dachte. Konnte der nicht wie jeder normale Engländer von einem Meeting reden? Aber nein, er musste den Franzosen raushängen lassen.

Franzosen sind so viel mehr sexy als Engländer… HALT, STOPP! Hatte sie das gerade wirklich gedacht? Das war ja das totale Klischee! …Deshalb war es ihr wahrscheinlich auch eingefallen. Sie hatte es irgendwo mal gehört und sich jetzt daran erinnert. Deshalb musste sie den Satz jetzt gerade gedacht haben. Falls sie ihn überhaupt gedacht hatte. Also, es konnte ja nicht anders sein, oder? Nein, wieso sollte sie denken, dass Engländer weniger sexy waren als Franzosen. Als ein bestimmter Franzose… mist, wieso schob sich gerade jetzt das Bild seines entblößten Bauches in ihre Gedanken?

Ginny schüttelte den kopf, um nicht weiter zu denken. Das war ja absurd. Um sich abzulenken, wusch sie sich die Haare. Bloß um sich abzulenken. Dabei dachte sie die ganze Zeit kein einziges Mal an Blaise, mit dem sie sich heute Nachmittag treffen würde. Mit frisch gewaschenen Haaren.

Nein, sie dachte kein einziges Mal an ihn. Gar nicht.

Sagte sie sich jedenfalls.

Nach dem Mittagessen übte sie gemeinsam mit Colin einen Spruch für Zauberkunst. Sie hatte den Dreh schneller raus als Colin, mit dem sie dann noch übte. Erst 5 Minuten vor 3 sah sie wieder auf die Uhr. Sie erschrak:

„Ich habe doch das Treffen mit Blaise! Bis nachher, ich muss."

Dann sauste sie los.

Keuchend kam sie in der Bibliothek an und ging zügig bis in den hinteren Teil.

Dort saß Blaise bereits am selben Tisch wie immer. Wieder hatte er das große Buch aufgeschlagen vor sich liegen.

Er sah noch nicht einmal auf, als sie sich zu ihm stellte. Stattdessen sagte er lediglich:

„Du bist zu spät."

‚Er hat mich noch nicht mal begrüßt. Das ist seltsam.', dachte Ginny sich. Sie antwortete ihm:

„Es tut mir Leid, aber jetzt bin ich hier. Können wir anfangen?"

„Ja, jetzt bist du hier. Und wo warst du gestern Abend?".

Erst bei dieser Frage sah er auf und ihr direkt in die Augen.

Ginny schauderte es. Dieser Blick ging ihr unter die Haut. Er war kalt. Außerdem lag etwas in seinen Augen, das sie nicht richtig beschreiben konnte. War es etwa Enttäuschung?

„Ich… musste Hausaufgaben machen.", verteidigte sie sich. Was ging es ihn eigentlich an, ob sie da gewesen war oder nicht?

Aber anscheinend… er hatte es bemerkt. Ihr Fehlen war ihm aufgefallen. Bedeutete das etwa, er hatte darauf geachtet, ob sie kam? Sie vielleicht sogar vermisst? Ihr Herz begann ein wenig schneller zu schlagen bei dem Gedanken daran, dass er sie am gestrigen Abend gerne gesehen hätte.

In diesem Moment fuhr er fort:

„Hättest du deine Hausaufgaben nicht verschieben können? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du als Sechstklässlerin weniger zu tun haben könntest als ich und auch ich kann sowohl in der Theatergruppe mitarbeiten als auch Schule machen, mit glänzenden Noten, wie ich hinzufügen möchte.

Aber natürlich", erklärte er weiter, „bist du auch nicht so intelligent als ich.". Er sah wieder selbstgefällig und arrogant wie eh und je aus.

Wieder spürte Ginny Wut in sich hoch kochen. Was bildete er sich ein?

„Ich kann sehr wohl Schule und die Theatergruppe machen. Gestern Abend habe ich… nur nicht daran gedacht."

„Du hast genauso wenig daran gedacht wie an unser Rendez-vous, nehme ich an? Sonst wärst du nicht zu spät gekommen."

Etwas in seiner Stimme ließ Ginny aufhorchen. Hatte sie sich das nur eingebildet, oder hatte er das Wort Rendez-vous besonders betont? Es interessierte sie nun noch brennender: warum interessierte er sich dafür, ob sie gestern Abend bei der Probe gewesen war oder nicht?

„Ich habe schon gesagt, dass es mir Leid tut, das ich zu spät gekommen bin, zumal es sich nur um wenige Minuten gehandelt haben kann. Allerdings weiß ich nicht, was es dich interessiert, dass ich gestern nicht bei der Probe war?"

Blaise sah sie scharf an. Dann antwortete er:

„Es interessiert mich ebenso, wie mich unsere Rendez-vous interessieren."

War da wieder dieser Unterton gewesen? Ginnys Magen fühlte sich seltsam an. Aber es war nicht negativ… Blaise sprach weiter:

„Wie ich bereits sagte: ich will, dass dieses Stück ein Erfolg wird. Dazu müssen alle Schauspieler gut sein, besonders die Hauptdarsteller. Und einer davon bist auch du. Gestern hättest du einiges lernen können. Wenn du nicht jede Szene verstehst, verstehst du auch deine Rolle nicht – und kannst sie nicht überzeugend spielen. Du solltest das ernster nehmen."

Deshalb also. Er wollte einfach nur, dass sie gut in ihrer Rolle war. Wieder fühlte Ginny einen Kloß im Hals. Die besondere Betonung des Wortes Rendez-vous hatte sie sich sicherlich auch nur eingebildet. Blaise sah in ihr nichts anderes als Lena. Eine Lena, die gut sein musste. Die funktionieren musste. Wie eine Maschine. Nicht wie der Mensch, der sie, Ginny, war.

Wollte sie eigentlich, dass Blaise mehr in ihr sah als nur ihre Rolle? Aber warum?

„Könntest du jetzt aufhören, mich wie ein Rehkitz anzustarren? Wir haben schon genug Zeit verloren.". Der Spott in Blaise' Stimme war nicht zu überhören.

Ginny schluckte. Sollte der Slytherin doch von ihr denken, was er wollte. Ihren Bauch, der sich wieder seltsam anfühlte, diesmal allerdings überhaupt nicht positiv, ignorierte sie. Mit kühler Stimme fragte sie:

„Können wir dann anfangen?"

Dabei versuchte sie, ebenso auszusehen, wie sie sich gerade überhaupt nicht fühlte: überlegen und professionell, und nicht so, als hätte sie gerade wie ein kleines Kind eine Standpauke erhalten.

Nach Blaise' Gesichtsausdruck zu schließen gelang ihr das sogar. Er sah sehr kurz überrascht aus, fing sich jedoch auch schnell wieder und sagte:

„Setz dich. Wir werden uns heute weiter mit der Kritik in Büchners Stück beschäftigen."

Wie konnte ein einzelner Mensch nur so beherrscht und anscheinend schon so erwachsen sein?

Ginny setzte sich zögerlich auf den Stuhl neben Blaise. Sie zog ebenso wie er ihre lange Robe aus und legte sie über ihre Stuhllehne. Dann sah sie ihn an, abwartend, was er sagen würde.

Blaise begann:

„In dem Stück gibt es nicht nur Kritik am politischen System, sondern auch an der Lebensart, der Literatur seiner Zeit. Es gab nicht nur das ‚Junge Deutschland' zu dieser Zeit. Er parodiert in diesem Stück so viel! Man könnte in jeder Szene etwas lesen. Wir werden aber erst mit den wichtigsten Dingen beginnen, die unbedingt verstanden sein müssen."

Er sah sie scharf an. Sie nickte, leicht gereizt. Sie war ja nicht dumm. Blaise fuhr fort:

„Du hast doch sicher gemerkt, dass Leonce und Valerio, aber auch Lena, von Langeweile geplagt sind?"

„Ja, die meiste Zeit des Stückes hindurch."

„Sie sehen diese Langeweile, diesen Müßiggang, den sie betreiben, als falschen Zustand an, wissen jedoch keinen Ausweg. Selbst am Ende des Stückes wird keine Alternative gegeben."

Ginny dachte nach. Dann sagte sie:

„Aber auch ihre Eltern geben ihnen keine Möglichkeiten, aus dieser Langeweile auszubrechen, nicht wahr? Der König Peter, Vater von Leonce, philosophiert die ganze Zeit… mir kam das sinnlos vor, was er gesagt hat."

„Das ist wohl auch großteils von Büchner so gewollt. Der König denkt die meiste Zeit nur über den Sinn des Lebens nach, ohne zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen."

„Ich glaube, er hört sich nur gerne selbst reden.", warf Ginny ein.

„Vielleicht.", sagte Blaise. „Jedenfalls suchen ebendiesen Sinn des Lebens auch Leonce, Valerio und Lena – um ihrer Langeweile zu entkommen."

„Aber sie gehen von verschiedenen Standpunkten aus, oder?"

„Letztlich scheint es aber ihr Schicksal zu sein, ebenso zu werden wie ihre Eltern. Sie werden keinen anderen Weg zu leben finden."

Blaise Ausdruck, welcher im Verlauf der Unterhaltung immer lebhafter geworden war, hatte sich schlagartig wieder verdüstert. Ginny erschrak.

„Ich denke, du überinterpretierst hier das Stück… so weit geht es gar nicht, es ist schon früher Schluss. Man weiß nicht, was nach der Hochzeit von Leonce und Lena passiert", versuchte sie es.

Blaise gab ihr keine Antwort. Er sah immer noch düster aus. Dann, plötzlich, sagte er:

„In dem Buch steht, dass Büchner noch etwas anderes kritisiert. Eine andere Epoche der Literatur. Es steht nur das deutsche Wort dabei: ‚Romantik', mehr nicht. Obwohl ich perfekt Englisch und Französisch beherrsche, bin ich des Deutschen nicht mächtig. Daher habe ich keine Übersetzung des Wortes.", erklärte Blaise. Seine Worte klangen so, dass kein Zweifel daran war, dass er es auch nicht nötig hatte, Deutsch zu können.

„Was ist diese ‚Romantik'?", fragte Ginny neugierig.

„Es ist in diesem Buch nicht erklärt."

„Wozu sind wir schließlich in der Bibliothek? Wir werden es schon heraus finden.", sagte Ginny und sprang impulsiv auf. Sie war gespannt, was es damit auf sich hatte. Ohne nachzudenken packte sie Blaise am Arm, um ihn mit sich mitzuziehen, ebenso, wie sie es häufig bei Colin oder Ron machte.

Blaise jedoch sah sie konsterniert an: „Was soll das werden?"

Augenblicklich ließ Ginny ihn los und wurde etwas rot. Impulsiv, wie sie war, hatte sie kurz vergessen, dass sie hier nicht mit einem Freund, sondern mit Blaise war.

„Ich… ich wollte nach einem Buch über Romantik suchen gehen. Und ich dachte, du kommst mit."

„Natürlich mache ich das.". Der Blick, den er ihr zuwarf, sagte, dass er ihr nicht zutraute, das richtige Buch zu finden. „Aber ich kann sehr wohl allein gehen."

Wieder glaubte Ginny, sich etwas eingebildet zu haben. Oder hatte er wirklich kurz amüsiert ausgesehen?

Jetzt jedenfalls blickte er wieder blasiert und ging voraus, in eben jenen Gang, in dem die Reihe „Bedeutende Werke deutscher Muggelautoren" stand. Als sie diesen Titel las, runzelte sie die Stirn. Wie kam Blaise' Familie, die doch offensichtlich Muggel nicht mochte, an eine solche Reihe?

„Was?", fragte Blaise.

Oh nein, hatte sie etwa laut gedacht? Entsetzt sah sie ihn an. Aber zu ihrem Erstaunen antwortete er:

„Ein Teil unserer Bibliothek stammt aus der Bezahlung von Schulden. Meine Familie hat große Ländereien. In den letzten Jahrhunderten gab es immer wieder Pächter. Falls diese die Pacht nicht mehr bezahlen konnten, wurden sie, teilweise ihre ganze Verwandtschaft, gepfändet. Manchmal gab es nur sinnlose Bücher. Aber meine Familie war zu stolz, diese eingetriebenen Schulden einfach wegzuwerfen.". Es schien für ihn ganz normal. Aber warum hatte er ihr das erklärt? Wohl, um mal wieder klar zu machen, wie wenig er von Muggeln hielt und dass solche Bücher nur durch Zufall in seiner Familienbibliothek standen.

Beide suchten nun nach einem Buch über die Epoche der ‚Romantik'. Die Reihe, die sie schon kannten, konnten sie nicht nehmen, da sie kein bestimmtes Werk, sondern etwas Allgemeines brauchten.

Nach einer Weile sagte Ginny: „Ich denke, ich habe etwas gefunden!"

Das Buch hieß ‚Romantik'. Es stand etwas weiter oben. Da es in der Bibliothek verboten war zu zaubern, die Bücher konnten sehr leicht beschädigt werfen, kam sie nicht heran.

Blaise stellte sich neben sie. Er sagte spöttisch:

„Du könntest sogar Recht haben."

Er war um einige größer als Ginny. Doch selbst er musste sich noch strecken, um an das Buch heran zu kommen.

Dabei rutschte wieder, wie die Gryffindor es schon bei der einen Probe gesehen hatte, sein Pullover hoch.

Die junge Frau starrte auf das nackte Stück Haut, dass sich ihr nun zum Greifen nah zeigte. Auch aus der Nähe wirkte Blaise' Bauch muskulös, seine Haut war braun.

Viel zu schnell jedoch hatte der Slytherin das Buch gepackt und brauchte sich nicht mehr zu strecken. Allerdings hatte er anscheinend mitbekommen, dass Ginny auf seinen bauch gesehen hatte. Spöttisch bemerkte er:

„Ich kann ja verstehen, dass es schwer ist, sich von dem göttlichen Anblick meines Körpers loszureißen, wenn man nur die spröden Engländer gewohnt ist. Aber so oft wie du muss man meinen Bauch auch nicht anstarren."

Ginny wurde rot. Hatte er das bei der Probe auch schon mitbekommen? Ihr blieb aber auch nichts erspart. Blaise' grinste sie nun hämisch an. Na warte, der verdiente eine Abreibung.

„Ich sehe mir lieber deinen Bauch an, als dass ich in deinen selbstgefällig, spöttischen Slytherins-Gesichtsausdruck ansehen muss."

Sie hatte es geschafft: Blaise wusste nicht, was er sagen sollte. Stattdessen wechselte er urplötzlich das Thema:

„Das Buch werde ich mitnehmen und dir dann nächste Woche mehr berichten. Du scheinst ja schon die Last deiner sonstigen Aufgaben kaum auszuhalten."

So hatte er es ihr also doch noch gegeben. Er drehte sich um und wollte gehen. Da fiel Ginny siedend heiß etwas ein.

„Warte!"

„Was ist?"

„Nächste Woche ist doch der Ausflug nach Hogsmead."

„Ja, und?"

Ginny errötete. Warum musste er es ihr auch so schwer machen? „Ich will hingehen."

Blaise sah sie mit einem slytherinhaften Ausdruck an: „Bist wohl verabredet, hm?".

Die Gryffindor versuchte, den Spott zu überhören. „Und was wäre wenn?", fragte sie herausfordernd.

Der dunkel Gelockte überlegte anscheinend kurz. Ihre Bemerkung schien er gar nicht gehört zu haben. „Wir treffen uns dort.", sagte er schließlich.

„Was?", fragte Ginny perplex.

„Wir treffen uns dort", sagte Blaise, wie als wolle er das einem Kleinkind erklären, „Punkt 3 Uhr. Vor den 3 Besen. und sei einmal pünktlich."

Mit diesen Worten drehte er sich um und ging mit federndem Schritt davon. Als er am Ende des Gangs stand, drehte er sich noch einmal um und sagte: „Au revoir.". Perplex antwortete Ginny mit „Tschüß", dann war er verschwunden.

Langsam ging auch die Rothaarige aus der Bibliothek und in den Gryffindor-Turm. Der nächste Samstag konnte ja lustig werden. Erst das Treffen mit Justin, dann das ‚Rendez-vous' mit Blaise. Was da wohl alles passieren würde?

Anmerkungen: Das längste Kapitel bisher!

Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Und, wie hat euch das Kapitel gefallen? Es fiel mir recht leicht, das zu schreiben. Und ich freue mich schon so sehr auf das Hogsmead-Kapitel (vielleicht werden es auch mehrere)! Die Geschichte kommt ins Rollen! Kommt das auch rüber?

Ich hoffe, die Kapitel bleiben in Zukunft in der Länge bzw. länger. Es ist jetzt auch immer mehr zu sagen… (also, meist ')

Bitte schreibt mit eure Meinung zu dem Kapitel! Ich finde es übrigens lustig, wenn Blaise und Ginny nicht wissen, was ‚Romantik' heißt (sie sind schlißelich aus England bzw. Frankreich)

Danke an die Reviewer zum letzten Kapitel: MoonyTatze (ich hab immer etwas Angst, dass Ginny etwas schizo wirkt '), Laura (ich sag auch öfter „Hä?" und bin auch nicht vom Land), ValentineMalfoy (Dumbledore hat erlaubt, dass sich die Häuser untereinander besuchen, von wegem dem besseren Verständnis usw…), crazylolly14 (Blaise is schon toll ), Elanor Ainu (die Sache mit Hermine wird weiter ausgebaut werden, aber in diesem Kapitel halt noch nicht) und Tuniwell (juchhu, noch jemand neues der meine Story liest!).

Freue mich über alle Reviews wahnsinnig doll! Also, an alle (auch die, dies bisher noch nicht oder nicht oft gemacht haben): ran an die Tastatur!