Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum ist geistiges Eigentum von J.K.Rowling. Mit dieser Geschichte wird kein Geld verdient.

Kapitel 20 – Erkenntnis

Diesen Abend konnte Ginny noch lange nicht einschlafen. Immer wieder grübelte sie über die Szene am See nach. Dabei war doch nichts passiert, oder?

War wirklich nichts passiert? Die Gryffindor fühlte ein seltsames Prickeln im Bauch, wenn sie daran dachte, wie Blaise den Umhang um ihre Schultern gelegt hatte.

‚Schluss damit! Morgen ist Unterricht, ich brauche meinen Schlaf!'

Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte zu schlafen. Aber aus irgendeinem Grund kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu einem bestimmten Slytherin… es war wie verhext! Erst spät schlief sie erschöpft ein.

Der Montagmorgen begann schrecklich. Irgendwann wachte Ginny auf, es war noch dunkel im Zimmer.

‚Hm, ich habe bestimmt noch 2 Stunden oder so zu schlafen… ob das reicht, um danach wach zu sein?'

Sie drehte sich auf die andere Seite und ihre Augen fielen zu. Plötzlich….

‚ARGH! Das ist doch jetzt nicht wahr, oder?'

Ihr Wecker klingelte. Ohne dass sie es mitbekommen hatte, waren die anderen Mädchen aus ihrem Zimmer, die früher aufstanden, bereits gegangen.

Nachdem sie sich aus dem Bett gequält hatte, kam sie entsprechend zersaust in der Großen Halle beim Frühstück an.

„Morgen.", muffelte sie Colin zu, der aus irgendeinem Grund selbst am Montagmorgen hellwach aussehen konnte.

„Guten Morgen, Ginny!"

Er schenkte ihr ein Glas Saft ein. „Oder möchtest du lieber Kaffee?"

„Hey, sehe ich so schlimm aus?"

„Soll ich ehrlich sein?"

„Ach, gib den Kaffee her."

Einige Minuten frühstückten sie schweigend. Nach wenigen Minuten fragte Colin:

„Mit dir ist heute nicht so viel anzufangen, oder?"

Sie schüttelte die Kopf. Sie war einfach zu müde… und ein anderes, seltsames Gefühl war da auch in ihrem Bauch.

Geistesabwesend sah sie auf die Uhr.

„Oh mist! Zaubertränke fängt gleich an!"

Die beiden hatten gar nicht gemerkt, dass sich die Große Halle allmählich geleert hatte. Bedauernd sah Ginny auf ihren Kaffee. Den würde sie jetzt nicht mehr trinken können… wobei, bis sie im Kerker war, würde noch einige Zeit vergehen. Und es waren noch einige Minuten bis zum Unterricht… sie beschloss, die Tasse einfach mitzunehmen. Bevor der Unterricht begann, würde sie sie einfach wegzaubern.

So machte sie sich, mit einer Tasse in der Hand, auf den Weg in den Kerker, ab und zu stehen bleibend, um einen Schluck zu trinken – der Kaffee war noch sehr heiß und so hatte sie erst die Hälfte der Tasse leer.

Sie ging die Treppe in die Kerker hinunter. Ganz versunken in Gedanken achtete sie nicht auf den Weg, bis…

„Hey!"

„Ah!"

Sie war mit jemandem zusammen gestoßen. Und dabei fast gefallen – hätte dieser jemand sie nicht am Oberarm festgehalten.

Moment mal. Diese Hand kannte sie.

„Blaise!"

„Dir wünsche ich auch einen Guten Morgen.", antwortete der Slytherin sarkastisch.

Ginny errötete. Noch mehr, als sie bemerkte, dass Blaise sie immer noch festhielt. Nicht mehr ganz so kräftig wie eben, aber…

Er bemerkte ihre Blicke – und ließ los.

‚Bilde ich mir das nur ein oder schaut er mich wirklich nicht an?'

Ja, Blaise schien die Wand hinter ihr tatsächlich äußerst interessant zu finden. Ihr fiel auf, dass auch Blaise nicht ausgeschlafen aussah, sondern im Gegenteil müde. Verpeilt, um es genau zu sagen.

„Ich wollte nicht, dass du den Kaffee verschüttest.", sagte er brüsk.

‚Hä? Was soll das denn jetzt schon wieder?'

Jetzt sah Blaise sie eindeutig nicht mehr an. Nach wenigen Augenblicken drehte er sich stattdessen um, sagte „Tschüß.", und ging.

„Blaise!", rief sie, einer spontanen Eingebung folgend.

Er stoppte, drehte sich allerdings nicht um. Sie rannte die wenigen Stufen bis zu ihm herauf.

„Da! Lass es dir schmecken."

Mit diesen Worten drückte sie ihm die Kaffeetasse in die Hand. Dann, um nicht sehen zu müssen, wie er sie jetzt ansah, drehte sie sich schnell um und rannte die Treppe hinunter.

Was würde er jetzt denken? Dass sie seltsam war? Dass sie nicht alle Tassen in der Kommode hatte? Wäre er jetzt zornig auf sie? Bestimmt. Oder würde er sie auslachen? Eher das.

‚Warum mache ich auch immer solche bescheuerten Aktionen?'

Da klang es plötzlich hinter ihr her:

„Ist da Zucker drin?"

‚Was?' „Was? Äh, nein."

„Gut.". Damit setzte er die Tasse an und trank. Als sie alle war, was nur wenige Sekunden dauerte, ließ er sie mit einem Wink seines Zauberstabs verschwinden und ging weiter die Treppe hinauf.

Plötzlich drehte er den Kopf und rief ihr zu:

„Du solltest dich beeilen, damit du nicht zu spät kommst."

Fassungslos starrte Ginny ihm hinterher, als er um die nächste Ecke bog. Dann drehte sie sich um und rannte zum Zaubertrankunterricht. Da sollte noch mal einer sagen, Frauen wären kompliziert! Die waren nichts im Vergleich zu Slytherins.

Der Montag verlief ruhig. Ginny ging sehr früh schlafen, um ihr Defizit aufzuholen. Auch Dienstag passierte nicht viel.

Am Mittwochabend saßen die meisten Gryffindors in ihrem Gemeinschaftsraum. Auch Colin war hier. Gemeinsam mit Ginny hatte er an einer Hausaufgabe für Zauberkunst geübt.

„Uff!", sagte er, als er sich später in seinen Sessel fallen ließ. Die Rothaarige setzte sich in den Sessel daneben.

„Ganz schön anstrengend.", meinte sie.

Colin nickte. Er hatte sich zurück gelehnt und die Augen geschlossen.

„Sechstklässler sein ist komisch. Man muss schon für die UTZ lernen und trotzdem hat man noch so viel vor sich. Die Siebtklässler haben es besser.", erklärte er.

„Denkst du? Die müssen sich nun für einen Beruf entscheiden. Und außerdem lernen die noch viel mehr als wir.", gab Ginny zu bedenken.

„Ja, sieh dir zum Beispiel mal Hermine an. Sie sitzt den ganzen Tag nur über ihren Büchern."

Ginny schwieg. Was sollte sie darauf auch antworten? Sie wollte nicht die Probleme ihrer Freundin an Colin weiter erzählen, da dieser das sicher unangenehm wäre.

„Was ist eigentlich in letzter Zeit mit ihr los?", fragte er gerade. „Sie sieht meist so bedrückt aus."

Er sah sie an. Dann meinte er:

„Du weißt es, oder? Keine Angst, du musst es mir nicht erzählen, Frauenprobleme, nehme ich an." Er grinste sie an. „Aber sie ist diese Woche schon fröhlicher, also muss ich mir keine allzu großen Sorgen machen?"

Erleichtert, dass ihr Freund verstand und nicht seiner Neugier freien Lauf ließ, nickte Ginny. „Ich denke, Hermine weiß, was sie tut. Große Sorgen müssen wir uns um sie nicht machen."

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Plötzlich sagte Colin:

„Und was ist mit dir?"

Irritiert blickte Ginny ihn an. „Wie meinst du das?"

„Du bist auch etwas verändert."

Was sagte er da? Verändert sich nicht jeder? Ihr fragender Gesichtsausdruck brachte Colin dazu, weiter zu erzählen:

„Na ja, du scheinst oft mit den Gedanken woanders zu sein. Und… ach, ich kann das nicht erklären. Liegt es daran, dass du so viel zu tun hast?"

„Ich weiß nicht, was du meinst.", antwortete Ginny.

„Hat es etwas mit Theater zu tun?"

„WAS?". Was sollte das mit ihrem Hobby zu tun haben? Außerdem war sie nicht verändert.

„Na ja, du bist immer, wenn ihr gerade Theater hattet, irgendwie… ja, ich finde kein Wort, aber ‚irritiert' trifft es, denke ich, am besten. Oder aufgeregt. Und diese Treffen mit dem Slytherin…"

„Er heißt Blaise.", warf Ginny ein.

„Jedenfalls, danach bist du auch immer so, ja, aufgeregt."

Ginny starrte ihren besten Freund an.

„Ist das echt so?"

Er nickte. Als er ihren perplexen Gesichtsausdruck bemerkte, musste er lachen und sagte:

„Mensch, jetzt sei doch nicht gleich geschockt. Das ist doch nichts Schlimmes! Ich habe mich nur gewundert, das ist alles. Aber anscheinend ist da nichts, sonst hättest du es mir wohl gesagt."

Ginny grinste: „Bist du dir da sicher?"

„Hey, du kannst immer zu mir kommen, wenn etwas ist. Wozu bin ich denn die Kummerkastentante?"

Dazu setzte er ein so drolliges Gesicht auf, dass Ginny lauthals lachen musste.

Sie alberten noch eine Weile herum, bis sie schlafen gingen.

Im Bett dachte Ginny über die Worte ihres Freundes nach. War es wirklich so auffällig, dass sie verwirrt war, wenn sie Blaise getroffen hatte? Aber wieso? Und was meinte Colin mit ‚aufgeregt'…

Diesen Freitag sollte die nächste Szene des ersten Aktes geprobt werden. Ginny war immer noch nicht dran. Dafür hatte Justin wieder einen Einsatz. Außerdem spielte, wie Ginny ein Blick auf den Probenplan verriet, auch Blaise mit. Und eine weitere Person aus Slytherin: Diamante.

Pünktlich zu um 8 ging Ginny die Treppe hinunter in die Eingangshalle. Die anderen Schüler standen bereits dort: Blaise, Diamante und Justin.

Letzterer kam sofort auf sie zu.

„Hey Ginny, schön dich zu sehen!"

Ein ehrliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Ginny lächelte zurück.

„Hi Justin! War deine Woche anstrengend?"

„Du weißt gar nicht, wie!". Er machte ein gequältes Gesicht, aber der Schalk blitzte immer noch aus seinen Augen. „Ohne Verwandlungen wäre das Leben einfacher."

Ginny musste lachen. „Ja, stimmt."

In diesem Moment kam Tonks und begrüßte die 4 Schüler. Sie gingen in die Große Halle.

Die Bühne war, wie immer, aufgebaut. Tonks zauberte 3 Stühle.

Sie, Ginny und Justin, der in der Szene erst später kam, setzten sich, während Diamante und Blaise auf die Bühne gingen. Da Tonks wieder einen Außenplatz gewählt hatte, saß Ginny in der Mitte zwischen ihr und Justin.

Die Szene begann. Leonce, also Blaise, war wütend. Er suchte nach Ablenkung:

„Sind alle Läden geschlossen? Zündet die Kerzen an! Weg mit dem Tag! Ich will Nacht, tiefe ambrosische Nacht. Stellt die Lampen unter Kristallglocken zwischen die Oleander, dass sie wie Mädchenaugen unter den Wimpern der Blätter hervorträumen. Rückt die Rosen näher, dass der Wein wie Tautropfen auf die Kelche sprudle. Musik! Wo sind die Violinen? Wo ist Rosetta?"

Während Blaise sprach, bemerkte Ginny, wie Justin vorsichtig die Hand etwas näher zu ihr hin geschoben hatte. Schüchtern betrachtete sie sie. Ob sie vielleicht… langsam, millimeterweise, schob auch sie ihre recht Hand etwas näher zu ihm.

Auf der Bühne währenddessen kam Diamante, welche bisher am Rand der Bühne gewartet hatte, vor. Sie ging langsam, zierlich und aufreizend gleichzeitig, auf Blaise zu.

„Leonce!", sagte sie schmeichelnd.

„Rosetta!". Blaise schien sich zu freuen, Diamante, also Rosetta, zu sehen.

„Leonce!"

„Rosetta!"

„Stopp!", sagte Tonks. „Bis hierhin war es wirklich gut. Diamante, du solltest vielleicht nicht ganz so aufreizend sein. Blaise, pass auf dass du nicht zu herablassend wirst. Schließlich ist Rosetta die Ablenkung, die du gesucht hast. Bitte noch einmal von vorne!"

Blaise begann. Leise flüsterte Justin Ginny etwas zu:

„Sie sind nicht schlecht, oder?"

„Nein, sie geben sich Mühe. Hoffentlich klappt es bei dir nachher auch so gut!"

Sie lächelte ihn an. Da! Was war das? Ihre Hände hatten sich gefunden. Vorsichtig hatte Justin ihre genommen. Jetzt begann er mit dem Daumen sanft über ihren Handrücken zu streichen.

„Ich freue mich wirklich, dass du heute Abend hier bist.", sagte er leise.

„Hey!"

Vor Schreck zuckten die beiden auseinander. Erschrocken sah Ginny auf die Bühne, wo Blaise stand und sie verärgert ansah.

„Könnt ihr nicht ruhig sein?", sagte er in seinem arrogantestem Tonfall. „Das ist unhöflich."

Schuldbewusst saß Ginny da. Natürlich, es war schwerer sich zu konzentrieren, wenn das Publikum nicht aufpasste und stattdessen Gespräche führte.

Ihre Hand lag jetzt wieder bei ihr im Schoß. Nachdem Blaise den Moment zwischen ihr und Justin gestört hatte, konnte sie nicht einfach wieder seine Hand nehmen.

Die beiden auf der Bühne waren indes an der Stelle angelangt, an der sie unterbrochen wurden:

„Leonce!"

„Rosetta!"

„Ja, das war schon besser.", sagte Tonks.

Die beiden spielten weiter. Sie machten ihre Sache wirklich gut.

„So liebst du mich aus Langeweile?", sagte Diamante gerade.

„Nein, ich habe Langeweile, weil ich dich liebe.", antwortete Blaise. „Aber ich liebe meine Langeweile wie dich. Ihr seid eins. O dolce far niente! Ich träume über deinen Augen wie an wunderheimlichen tiefen Quellen, das Kosen deiner Lippen schläfert mich ein wie ein Wellenrauschen."

„Halt!", rief Tonks. „Habt ihr die Regieanweisung gelesen? An dieser Stelle umfasst Leonce Rosetta. Du könntest sie etwas zu dir ziehen, Blaise. Und nach ‚ein zierlicher Hiatus' von Leonce küsst ihr euch."

‚Was?'. Erstaunt sah Ginny zu Tonks. Die grinste.

Blaise jedoch nickte. Er wirkte professionell. Nachdem Diamante seine Zustimmung gesehen hatte, nickte auch die kurz.

Blaise fing bei seinem letzten Satz wieder an. Dann, danach, umfasste er Diamantes Taille. Er fuhr fort:

„Komm, liebe Langeweile", an dieser Stelle zog er sie ein Stück zu sich heran, sodass sie nun zu ihm aufschauen musste, da sie kleiner war als er, „deine Küsse sind ein wollüstiges Gähnen, und deine Schritte sind ein zierlicher Hiatus."

Sie ging einen kleinen Schritt näher an ihn heran und verringerte so den Abstand. Ginny bemerkte, wie sie den Atem anhielt. Diamante beugte ihren Kopf etwas nach oben. Blaise lächelte, ja, er lächelte und beugte sich selbst etwas zu ihr hinab. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Dann legte er seine Lippen auf ihre. Sie küssten sich wirklich. Nach kurzer Zeit, die Ginny ewig vorkam, trennten sie sich wieder voneinander, wobei sie immer noch so nah beieinander stehen blieben.

Ginny war geschockt. Sie blinzelte. Verdammt, was sollte das? Es war nur ein Theaterkuss. Es war nur Blaise.

Warum tat ihr das trotzdem so weh?

Sie wollte nicht, dass er Diamante küsste.

Sie wollte das nicht.

Sie wollte nicht, dass er irgendjemanden küsste.

Irgendjemanden…

Wie es wohl wäre, wenn sie den Kuss von ihm bekommen hätte?

‚Was denke ich denn da? Hilfe, was denke ich da?'

Erschrocken sah Ginny sich um. Wenn nun jemand Gedanken lesen konnte? Nein, anscheinend nicht.

Trotzdem. Wo kamen diese Gedanken her?

Hm… was hatte Colin zu ihr gesagt? Sie sei mit den Gedanken manchmal woanders. Und nach Theater immer verwirrt, vorher aufgeregt.

Passte das nicht alles zusammen?

Die Gedanken an ihn. Die spontanen, verrückten Aktionen in seiner Nähe. Dass sie sich so tollpatschig fühlte, wenn er da war. Die Aufregung. Und jetzt das: sie wollte nicht, dass er Diamante küsste.

Sie war sehr verwirrt. Da bemerkte sie, dass Justin neben ihr sie besorgt ansah:

„Ist etwas mit dir? Du bist etwas blass.", flüsterte er.

„Nein, ich… geht schon."

Justin! Er war… nett. Sie betrachtete die Hand, die in ihrem Schoß lag. Die vor einigen Minuten noch Justin berührt hatte. Nein, sie bedauerte es nicht, dass sie jetzt in ihrem Schoß lag.

Ja, Justin war nett. Ein guter Freund. Aber nicht mehr. Es war ihr schon am letzten Hogsmead-Wochenende aufgefallen, aber sie hatte es nicht wahrhaben wollen.

Gedankenverloren sah sie auf die Bühne. Dort stand Blaise. In seinem dunklem Pullover, der dazu passenden Hose. Den aristokratischen Gesichtszügen. Nur die Nase fiel heraus: sie war spitzbübisch, jungenhaft, nicht so schmal wie man annehmen könnte. Dazu die dunklen, grünen Augen. Seine Haare, diese dunklen Locken… die leicht gebräunte Haut.

Aber… war das alles? Da war seine Vorliebe, sie an Pünktlichkeit zu erinnern, sie aufzuziehen. Ginny hatte sich inzwischen daran gewöhnt; das war seine Art des Humors, den er manchmal auch anders unter Beweis stellte. Er hatte mehr unter seiner Oberfläche als seine arrogante Art es annehmen ließ, da war die Gryffindor sich inzwischen sicher. Das zeigten die Gespräche über das Stück. Er konnte tiefgründig sein…

In diesem Moment sah Blaise sie an. Nur kurz. Hatte sie es sich eingebildet? Jetzt betrachtete er die Wand hinter ihr.

Ginny war sehr verwirrt.

Sie hatte…. hatte sie sich verliebt?

Viel bekam Ginny von der Szene nicht mehr mit. Sie zwang sich aufzupassen, aber ihre Gedanken waren ständig an anderen Stellen als ihr Körper. Inzwischen spielten Justin und Blaise; Diamante hatte sich neben Ginny gesetzt.

Doch irgendwann ging auch diese Probe zu Ende. Tonks verabschiedete sie und wünschte ihnen eine gute Nacht. In der Eingangshalle trennten sich die Wege. Diamante rief:

„Blaise, kommst du?"

Ihre Stimme war, wenn sie nicht auf der Bühne stand, leicht schleppend. Die beiden Slytherins verschwanden in den Kerkern.

Nun standen noch Justin und Ginny da. Verlegen starrte sie auf den Boden.

„Ja dann… gute Nacht."

Sie drehte sich schleunigst um und wollte gehen.

„Du… also… gute Nacht.", antwortete auch Justin. Es hörte sich etwas verletzt an. Ginny widerstand dem Drang, sich noch einmal umzusehen.

Das würde noch schwer werden. Aber heute Abend hatte sie einfach keine Kraft mehr.

Traurig fiel sie später in ihr Bett. Was sollte das nur? Warum musste die ganze Welt nur so ungerecht sein? Justin war jetzt bestimmt verletzt, da sie so schnell gegangen war. Und Blaise… bei dem Gedanken zog sich ihr Magen leicht zusammen. Sie hatten am nächsten Tag wieder ein Treffen, in der Bibliothek, um das Stück zu besprechen und zu interpretieren.

Sie seufzte und drehte sich auf die andere Seite. War das nun gut oder schlecht?

In dieser Nacht schlief Ginny sehr unruhig. Sie hatte wirre Träume. In einem dachte sie, ein Riesenkraken strecke seine Tentakel nach ihr aus, dann wieder träumte sie, sie sitze unter einem Baum am See und warte… auf irgendetwas, sie wusste selbst nicht auf was.

Sie wachte mehrmals auf und brauchte teilweise lange, um wieder einzuschlafen. So kam es, dass sie den Samstagmorgen regelrecht verschlief. Erst halb 11 wachte sie auf.

‚Das sollte nicht zur Gewohnheit werden.', dachte sie nach einem kurzen Blick auf die Uhr.

Immer noch gähnend stand sie auf.

Ein Blick in den Spiegel weckte sie zumindest ein wenig auf. Vor Schreck. Dass sie in dieser Nacht schlecht geschlafen hatte, sah man ihr deutlich an.

‚Ich sollte duschen um aufzuwachen.

Und um gut zu riechen.

Hey, ich dusch mich nicht für Blaise.

Nicht nur.'

Sie gab es auf, gegen ihre eigenen Gedanken anzukämpfen. Dazu war es einfach noch zu früh am Morgen. Also, zu kurz nach dem Aufstehen.

‚Wenn ich dusche, kann ich auch gleich meine Haare waschen.'

Hm, machte sie das wirklich nicht für Blaise?

Der hatte das gar nicht verdient.

Aber ihre Haare waren nun einmal dreckig, also mussten sie gewaschen werden…

‚Werde ich denn nie wieder normale Samstage haben?'

Nachdem sie gewaschen, geföhnt, gezähneputzt, gekämmt und angezogen war, war es Zeit, zum Mittagessen zu gehen. Für das Frühstück hätte sie deutlich früher aufstehen müssen.

Am Gryffindor-Tisch traf sie Colin, der sie erstaunt musterte.

„Mensch Ginny, du hast dich ja richtig schick gemacht."

„Was? Aber das ist doch nichts Besonderes."
"Aber es steht dir."

Sie hatte, nach einiger Überlegung, einen knielangen, dunkelgrünen Rock mit passendem weißen Pullover ausgewählt. Der Pullover hatte vorne und hinten einen V-förmigen Ausschnitt, vorne tiefer als auf dem Rücken. So war es warm und dennoch nicht zugeknöpft.

Zum Glück bestand für die Hogwarts-Schüler am Wochenende kein Zwang, die Schuluniform zu tragen, auch wenn es gerne gesehen war.

Ginny setzte sich zu Colin an den Tisch. Hungrig nahm sie sich Pastete.

Colin erzählte gerade, was er heute noch alles machen musste. „Und du?"

„Hm, hab um 3 wieder ein Treffen."

„Wegen Leonce und Lena?"

„Ja."

Colin sah sie forschend an. Schnell widmete sich Ginny wieder ihrer Pastete. Zum Glück entschloss sich Colin, nichts weiter zu sagen und widmete sich wieder seiner Pastete.

Um halb 3 saß Ginny wie auf glühenden Kohlen. Verdammt, es musste doch bald um 3 sein? Oder vielleicht… vielleicht war es auch ganz gut, dass es noch dauerte, bis es um 3 war?

Verdammt, wie sollte sie sich Blaise gegenüber verhalten?

Ganz normal natürlich.

Aber was war normal?

Wenn sie an ihn dachte, hatte sie ein seltsames Gefühl im Magen. Es war nicht unangenehm, eher ein leichtes Ziehen. Es war einfach kompliziert.

Blaise war ihr absolut nicht so egal, wie sie es die ganze Zeit gedacht hatte – wie sie es sich die ganze Zeit hatte vormachen wollen. Nachdem sie sich das nun eingestanden hatte, kam ihr der Umgang mit ihm auf einmal so schwierig vor. Was, wenn sie sich blamierte?

‚Das habe ich wohl schon oft genug.', dachte sie, leicht seufzend.

ARGH! 10 Minuten vor 3! Sie musste los.

Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Tür zur Bibliothek. Sie ging durch die Buchreihen bis ans Ende.

Dort, an dem Tisch, wo sie immer saßen, war Blaise.

„Äh, hi!", sagte sie. Sie ließ sich auf den Stuhl neben ihm nieder.

„Hallo."

Er sah noch nicht einmal auf, sondern starrte weiter in sein Buch.

„Wollen wir anfangen?", fragte sie.

Endlich sah er auf. „Ja."

Gespannt sah sie ihn an.

‚Nein, nicht auf seine Augen sehen, ich sollte mich auf das konzentrieren, was er sagen will!'

Schnell sah sie auf seinen Mund. ‚Doch besser auf seine Augen sehen.'

„Also, wir beschäftigen uns heute mit dem Aufbau des Stückes. Was weißt du?"

Ginny kam sich vor wie eine Schülerin – wobei, das war sie eigentlich. Aber, war Blaise ihr Lehrer? Nein, solche gut aussehenden Lehrer gibt es gar nicht… ‚Böse Gedanken! Konzentration!'

„Das Stück besteht aus 3 Akten.", sagte sie.

„Das war's?"

Er sah sie wieder so spöttisch an. Verdammt, sie hasste es, wenn er sie so ansah! Also, irgendwie hasste sie es… ‚ARGH!'

„Die Handlung setzt sehr abrupt ein.", erklärte Blaise. „Alle wichtigen Entscheidungen passieren spontan."

„Aha. Ja, jetzt wo du es sagst.".

Ginny reflektierte das, was sie von dem Stück wusste. Blaise hatte Recht.

Der sah inzwischen wieder in sein Buch. Bildete sie sich das nur ein, oder vermied er es, sie anzusehen?

„Außerdem steht hier, dass der Inhalt an klassische Verwechslungskomödien anknüpft. Als Beispiel steht hier ‚Wie es euch gefällt' von William Shakespeare."

„Shakespeare? Das kommt mir bekannt vor. Wie wird der geschrieben?"

Ohne nachzudenken rückte sie näher an Blaise, um auch in das Buch sehen zu können. Sie merkte es erst, als ihre Schulter an seine stieß.

‚Oh… bei… Merlin'

An der Hitze in ihrem Gesicht spürte Ginny, dass sie rot angelaufen war. Zum Glück sah Blaise sie nicht an. Er zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.

„Dort: Shakespeare."

Sie beugte sich etwas vor. Eine Strähne löste sich aus ihrem Haar und fiel ihr vors Gesicht. Schnell strich sie sich zurück, bevor sie das Buch berührte.

„Ich habe das schon einmal gelesen. Shakespeare ist ein sehr berühmter Muggel-Autor. Mein Vater hat meiner Mutter mal einen Roman von ihm geschenkt. Sie war begeistert."

„Was weißt du noch über ihn?"

„Wenig. Wir sollten etwas in der Bibliothek suchen gehen."

Während des ganzen Gesprächs hatten beide nur in das Buch gesehen.

‚Warum sieht er mich nicht an?', fragte sich Ginny. ‚Und warum sehe ich ihn nicht an?'

Ein Blick aus ihren Augenwinkeln gab ihr die Antwort: wenn sie Blaise jetzt ins Gesicht sehen würde, würde sie wohl kein vernünftiges Wort mehr heraus bringen.

Abrupt stand sie auf, um nach Büchern suchen zu gehen. Genau das hatte Blaise auch vorgehabt. Da sie in unterschiedliche Richtungen hatten losgehen wollen, stießen sie zusammen.

Blitzartig wichen beide einen Schritt zurück. Ginnys Herz schlug schnell. Sie war gegen Blaise gelaufen. Oder er gegen sie? Jetzt standen sie voreinander: beide waren ein Stück zurück gewichen, dennoch war die Lücke zwischen ihnen kaum 30 cm groß. Sie hob ihren Kopf. Und sah ihm direkt in die Augen.

Keiner von beiden sagte etwas. Ginny brachte einfach kein Wort heraus. Sie schluckte.

Dann räusperte sich Blaise:

„Wir wollten nach Büchern über Shakespeare suchen."

Ginny nickte.

Sie gingen, diesmal in entgegengesetzter Richtung, los. Bald hatten sie das Regal über Englische Muggelliteratur gefunden.

Ginny sah sich um. Über Shakespeare gab es hier eine Menge: von Biographien über seine Werke bis hin zu Interpretationshilfen. Was würden sie davon wohl brauchen?

Sie griff ziellos nach einigen Büchern und blätterte in ihnen herum. Es gab wirklich eine Menge. Blaise, der nicht weit von ihr entfernt stand, versuchte sie nicht zu beachten. Nach einiger Zeit fragte sie ihn:

„Hast du schon etwas?"

„Wie?"

Er blätterte gerade in einem Buch herum. Aber jetzt schlug er es zu und wollte es wieder weg stellen. Ginny sah auf den Titel:

„Jean-Paul Sartre. Das ist nicht Shakespeare, oder?"

„Das Buch muss falsch einsortiert gewesen sein. Es stand hier."

„Aha. Und deshalb liest du ein Buch von einem Muggel?"

„Sartre war kein Muggel. Er war Zauberer."

Verblüfft sah Ginny ihn an.

„Mein Vater kannte ihn. Komischer Kauz; er zog es vor, in der Welt der Muggel zu leben."

Neugierig geworden kam die Gryffindor näher.

„Kann ich mal sehen?"

Er reichte ihr wortlos das Buch.

„Jean-Paul Sartre: Les jeux sont faits", las Ginny vor. „Was heißt das?"

„Das Spiel ist aus.", übersetzte Blaise.

Das Buch war auf Französisch. Enttäuscht wollte Ginny es wieder hinstellen, aber Blaise sagte:

„Nein, warte."

Schnell griff er nach dem Buch. Es war nur klein. So umfasste er halb Ginny Hand, als er es nehmen wollte.

Seine Hände waren warm, aber nicht feucht, sondern angenehm. ‚Moment mal, was denke ich da eigentlich?'

Aber schnell hatte er wieder losgelassen – hatte sie Blitze in den Fingern?

„Was ist?", fragte sie, um eine feste Stimme bemüht.

„Ich wollte das Buch ausleihen.", sagte Blaise. Sein Stimme klang neutral. Aber wieder schien er die Bücher hinter Ginny für äußerst interessant zu halten, denn er blickte die ganze Zeit darauf.

„Dann… mache ich die Shakespeare-Vorbereitung. Für nächsten Samstag.", erklärte Ginny, während sie das Buch in ein Regal legte.

„Gut.", sagte Blaise, wobei er das Buch nahm. „Das ist deine Muttersprache, das solltest du können."

„Danke, dass du mir so viel zutraust.", erklärte Ginny sarkastisch.

„Du bist eine Gryffindor.", sagte er, als ob das ein Grund dafür wäre, ihr nichts zuzutrauen.

„Du bist ein Slytherin.", erwiderte sie.

Endlich sah er nicht mehr die Bücher an, sondern sie. Sofort wünschte sie sich, er würde immer noch hinter sie sehen. Sein Blick war absolut undeutbar und – verwirrend.

Löwe und Schlange? Kann das gut gehen?

Plötzlich sagte er: „A bientôt.", und drehte sich um, um zu gehen.

„Muss ich dir das ‚Tschüß' eigentlich immer hinterher rufen?", fragte Ginny, leicht hilflos, wie sie auf seine abrupte Art reagieren sollte.

Er drehte den Kopf zurück: „Nein. Wenn du nicht immer zu spät wärst und früher reagieren würdest, müsstest du das nicht."

Dann ging er.

Zu spät? Etwas regte sich in Ginnys Gedächtnis. Sie versuchte, es zu unterdrücken und sah stattdessen weiter nach Shakespeares Werken. Nachdem sie ‚Wie es euch gefällt' und eine Biographie gefunden hatte, ging sie. Das Gefühl, etwas vergessen zu haben, blieb.

Erst abends im Bett fiel ihr auf, was Hermine gesagt hatte: Hermine war auch ‚zu spät' gewesen…

Anmerkungen:

Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Ich habe die deutsche Original-Übersetzung für den Titel genommen

Und, wie fandet ihrs? Bitte reviewt! Eure Meinung bedeutet mir viel. (Deshalb wird es jetzt wahrscheinlich doch die Justin-Kraken-Version nicht geben, muhaha! Aber wirklich, Reviews sind toll! Ich freu mich immer so, wenn ich eins bekomme… )

Vielleicht gibt es ‚Neueinsteiger' bei der Geschichte? Sagt mir doch mal eure Meinung! Büdde! alle, auch die schon ‚erfahrenen' Reviewer, ganz lieb anschau

Danke an: MoonyTatze (hoffe, deinem Kopf geht's besser! mitleid), crazylolly14 (freu mich, dass du das Kapitel mochtest!), h0n3ym0on (danke! strahl), andrea06 (ja, ich wär auch seeehr gerne Ginny ), BBabygirl90 (), Elanor Ainu (ich finds traurig, dass niemand meine Justin-Kraken-Version mag! ;-)), Tuniwell (:-)) und sunny (tja, hier ist das neue Kapitel! Hoffe, es gefällt!).