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Kapitel 21 – Wie es euch gefällt

Wie so oft ging Ginny die Treppe hinunter in die Eingangshalle. Es war Freitagabend – Probenzeit.

Aber heute war etwas anders als in den letzten Wochen: ihr Probenplan hatte sich am Dienstag laut und vernehmlich gemeldet: „Du spielst Freitag! Du spielst Freitag!". Das verhexte Pergament war erst ruhig geworden, als sie ihren Text geholt hatte und lernen wollte.

Zum Glück hatte das nicht lange gedauert, denn sie würde die Szene proben, die bereits bei dem Vorsprechen dran gewesen war: Lena und die Gouvernante im Garten.

Noch etwas war anders als sonst: in ihrem Bauch tanzten Schmetterlinge wild herum. Blaise würde heute nicht spielen müssen – ob er dennoch kam?

Es war seltsam: sie hatte ihn die ganze Woche nicht gesehen. Sie waren sich weder auf dem Gang begegnet noch hatte sie ihn beim Essen in der Goßen Halle bemerkt. Sicher, sie wusste, dass die Slytherins andere Gewohnheiten hatten als die Gryffindors: während die Schüler aus dem Haus des Löwen zwar die letzten beim Frühstück, jedoch die ersten bei Mittagstisch und Abendessen waren, hielten es die Schüler des Hauses der Schlange umgekehrt. Sie blieben lieber unter sich; auch Ravenclaws und Hufflepuffs bevorzugten ähnliche Zeiten wie Gryffindors.

Dennoch war es seltsam, dass sie Blaise die ganze Woche nicht gesehen hatte.

War er ihr aus dem Weg gegangen?

Sie schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein. Außerdem, wieso sollte er?

Als sie in der Eingangshalle ankam, war es 10 Minuten vor 8. Sie war etwas früher los gegangen, damit sie auf keinen Fall zu spät käme – schließlich würde sie heute selbst spielen.

Wie erwartet war die Große Halle noch nicht aufgeschlossen, denn Tonks kam immer punktgenau.

Allerdings wartete bereits eine weitere Person davor. Sie stellte sich daneben.

„Guten Abend, Blaise.", sagte sie. Hatte man das Zittern in ihrer Stimme gehört?

„Guten Abend."

Er starrte weiter geradeaus.

‚Verdammt, er sieht mich noch nicht mal an.'

Sie hatten sich eine Woche nicht gesehen. Er hatte sie anscheinend nicht vermisst. Ginny fühlte einen kleinen Kloß im Hals, der langsam größer wurde.

„Du spielst heute?", fragte in diesem Moment der Slytherin.

Er sah sie kurz von der Seite an. Sie nickte.

Wieder herrschte Stille zwischen ihnen. Ginny fühlte sich unbehaglich. Was war nur los?

Sie beschloss, das Schweigen zu brechen:

„Hast du das Buch schon gelesen, was du dir letzten Samstag ausgeliehen hast?"

„Ja. Es ist gut geschrieben."

Als er den letzten Satz sagte, sah er sie an. Auch seine Haltung war, soweit das möglich war, lässiger geworden. Vorher hatte er steif gewirkt.

„Und du? Ich hoffe, du machst die Shaksbier Vorbereitung gut."

„Er heißt Shakespeare."

„Egal, es ist nur ein Muggel."

Ginny rollte mit den Augen. Das war die typische Slytherin-Arroganz. Man merkte Blaise an, dass er nicht gerne verbessert wurde. Er starrte wieder geradeaus.

Die Gryffindor wollte schon zu einer saftigen Erwiderung ansetzen, als Tonks kam, neben ihr Hannah, die die Gouvernante spielte.

Sie begrüßten sich und gingen in die Große Halle.

Es war ein seltsames Gefühl, nicht unten neben Tonks auf den Stühlen zu sitzen, sondern auf der Bühne zu sein. Stattdessen saß jetzt Blaise neben der jungen Lehrerin.

Ginny hatte Angst. Was war, wenn sie sich jetzt blamierte? Blaise hatte bei den Proben immer so professionell gewirkt. Sie selbst fühlte sich nicht im Mindesten so. Eher schüchtern. Konnte man so Theater spielen?

Da rief Tonks:

„Fangt einfach an, ok?"

Jetzt war es wohl soweit. Ginny holte tief Luft. Sie konzentrierte sich und versuchte sich die Situation der Lena vorzustellen: sie würde von ihren Eltern zwangsverheiratet werden…

„Ja, jetzt! Da ist es. Ich dachte die Zeit an nichts.", begann sie.

Sie hatte nun die Situation, in der Lena, nein, sie selbst war, ganz klar vor Augen. Es fiel ihr leicht, ihren Part zu spielen. Auch Hannah war sehr gut.Sie war rührend besorgt.

Dennoch unterbrach Tonks sie: „Ihr seid gut. Aber Ginny, du könntest noch etwas melancholischer sein. Und Hannah, sei du ruhig auch etwas trauriger."

Die beiden nickten. Dann spielten sie weiter.

Ginny zog ihren Verlobungsring vom Finger:

„Dieser Ring sticht mich wie eine Natter."

„Aber – er soll ein wahrer Don Carlos sein!", sagte Hannah ihren Text. Sie spielte damit auf den Verlobten an. Als Ginny kurz einfiel, wer den Leonce spielte, fühlte sie Röte in sich aufsteigen. Kurz fiel ihr Blick auf den Slytherin, der vor der Bühne saß. Er hatte ein seöbstgefälliges Lächeln im Gesicht – natürlich gefiel ihm seine Rolle, in der er mit Don Carlos verglichen wurde. Dieser eingebildete, arrogante… aber immerhin konnte sich Ginny so wieder konzentrieren:

„Aber – ein Mann…" Mann? Blaise?

„Nun?"

„Den man nicht liebt.", erklärte Ginny. Ja, an dieser Stelle konnte sie Lena wirklich sehr gut verstehen. Einen Unbekannten lieben? Niemals. Aber der Leonce war ja Blaise… Unsinn! Sie vermied den Blick zu ihm. Sie war höchstens etwas verliebt, wie es Teenager in ihrem Alter nun mal sind. Schnell weiter im Text:

„Pfui! Siehst du, ich schäme mich."

Es passte Ginny, dass sie gerade diesen Satz sagen musste. Sie und Hannah spielten weiter bis zum Ende der Szene.

Am Ende erklärte Tonks, was sie noch ändern mussten. Zu Ginny sagte sie:

„Du solltest aufpassen. Ich hatte manchmal das Gefühl, du seist mit den Gedanken abgeschweift. Es war nicht auffällig, aber dennoch sollte es nicht vorkommen."

Ginny senkte den Kopf, damit niemand sah, dass sie rot geworden war. Ups. Zum Glück beherrschte keiner der anderen Legilimentik. Hoffte sie.

Aber es war ärgerlich. Jetzt sorgte dieser Slytherin schon dafür, dass sie nicht richtig spielen konnte – und das, obwohl sie gerade, weil er es gesehen hatte, perfekt sein wollte. Das alles war schrecklich verwirrend.

Sie und Hannah spielten die Szene ein weiteres Mal. Diesmal bemühte sich Ginny, sich zu konzentrieren und es gelang etwas besser.

Sie war zufrieden mit sich. Es war noch nicht vollendet gewesen, aber es war ja auch erst die erste Probe. Auch Tonks meinte sowohl zu ihr als auch zu Hannah, dass sie gut gespielt hätten. Dann verabschiedete sie die Schüler:

„Es ist spät, geht jetzt besser in eure Betten und schlaft. Tschüß!"

Mit diesen Worten ging sie. Die Schüler standen vor der Halle. Auch Blaise verabschiedete sich schnell:

„Guten Abend."

Er ging. Ginny konnte es nicht fassen. Kein Wort darüber, wie sie gespielt hatte? War es so schlecht gewesen? Kein Zeichen von ihm, dass es ihm gefallen hatte? Und er hatte sich wieder so schnell umgedreht, dass sie ihm keinen Abschiedsguß sagen konnte. Verdammt, musste sie ihm den wieder hinterherrufen? Begriff er denn nicht, wie sehr sie das hasste: ihm, während er wegging, auf den Rücken zu sehen und ein klägliches ‚Tschüß' hinterher zu rufen?

Diesmal wollte sie das nicht machen. Dann lieber gar kein Abschiedsgruß.

Blaise war bereits einige Meter entfernt. Plötzlich drehte er den Kopf zurück. Hannah stand mit dem Rücken zu ihm, daher sah sie es nicht. Aber Ginny bemerkte es sehr wohl. Ihre Blicke trafen sich. Er nickte ihr kurz zu, fast unsichtbar. Ebenso, kaum merklich, nickte sie zurück. Dann verschwand er auf einer Treppe hinunter in den Kerker.

Hannah hatte von der Sache nichts mitbekommen. Sie erzählte, wie sie es fand, auf der Bühne zu stehen:

„…Und es ist doch etwas ganz anderes als Improvisation, wenn du einen vorgegebenen Text und Charakter hast, oder?"

Nur mühsam kehrte Ginny aus ihren Gedanken zurück: „Ja, finde ich auch.", antwortete sie.

„Was ist mi dir?", fragte Hannah forschend, „Du wirkst abwesend. Bist du müde?"

„Ja, das wird es sein. Ich werde wohl jetzt schlafen gehen."

Hannah lächelte: „Das wird das Beste sein. Gute Nacht!"

Sie verabschiedeten sich und gingen in ihre Schlafsäle. Erschöpft fiel Ginny in ihr Bett. Es war doch etwas ganz anderes, ob man selbst spielte oder nur zuschaute. Selbst spielen war bedeutend anstrengender… und verwirrender.

Pünktlich, wenige Minuten vor 3 Uhr, kam Ginny am nächsten Tag in der Bibliothek an. Bis es soweit war, hatte sie das übliche Samstag-Morgen-Spielchen gespielt: spät aufstehen, Frühstück verpassen, Haare waschen (‚Oder doch nicht? Ach, inzwischen ist es ja Tradition, dass ich meine Haare samstagmorgens wasche, und Traditionen soll man nicht brechen.'), Mittagessen und auf um 3 warten.

Jetzt ging sie, mit 2 Büchern und ihrem Text unter dem Arm, in den hinteren Teil der Bibliothek. Wie immer erwartete sie Blaise anzutreffen, doch als sie hinter der letzten Regalreihe abbog, war der Tisch, an dem sie üblicherweise saßen, leer.

Verwundert sah sie sich um. Hatte sie sich in der Zeit geirrt? Nein, es war 3 Uhr. Oder wollten sie sich an einem anderen Ort treffen? Nein, davon wüsste sie. Hatte Blaise vielleicht heute keine Zeit? Das hätte er ihr sagen sollen!

Vielleicht war er einfach nur etwas zu spät. Ungewöhnlich, soll aber selbst in den besten Familien vorkommen.

Ginny setzte sich also hin und öffnete ihr Buch.

Nach wenigen Minuten spürte sie, wie sie beobachtet wurde. Sie hob den Kopf:.

„Hallo."

„Hi Blaise. Du bist spät."

Sie war nicht schadenfroh oder so. Aber irgendwie war es ein gutes Gefühl, dass diesmal nicht SIE zu spät war, sondern ER.

Blaise zuckte nur mit den Schultern und setzte sich auf den Stuhl neben sie.

„Warum kommst du so spät?"

Sie fragte nur aus Interesse. Nicht um ihn zu ärgern. Natürlich nicht. Wieso sollte sie? Er machte das ja auch nie bei ihr, oder?

„Ich hatte noch etwas zu erledigen."

„Du solltest das Theater wichtiger nehmen.", antwortete sie.

Nein, keinerlei Schadenfreude oder Ironie, ganz und gar nicht… ach, was machte sie sich etwas vor? Er war zu spät gekommen – und sie nicht! Hahahahahaha.

Blaise sah sie nun äußerst arrogant an:

„Glaube nicht, du könntest mich auslachen, nur weil ich einmal zu spät komme."

Ups, hatte er das gehört? Er fuhr fort:

„Wenn du es genau wissen willst, ich wurde aufgehalten. Und jetzt lass uns anfangen."

Blaise war nun eindeutig verstimmt. Ginny bemerkte es an seinem Tonfall, der immer hochnäsiger wurde. Sie fühlte sich nun auch nicht mehr so gut. Wieso war er aufgehalten wurden? Und vor allem: von wem? War sie, äh, waren ihre Treffen ihm so unwichtig?

Mühsam wandte sie sich dem Buch zu.

„Wir wollten heute über Shakespeare reden.", fing sie an.

„Er war einer der berühmtesten englischen Muggelautoren des 17. Jahrhunderts. Hauptsächlich schrieb er Stücke für die Bühne, aber auch Sonette und anderes. Weil er so berühmt war, wird er auch heute noch nachgeahmt und seine Stücke sind Vorlage für viele andere, auch aktuelle. Besonders Romeo und Julia wird häufig verwendet.", sprudelte Ginny hervor.

Blaise hörte ihr aufmerksam zu, wie sie bemerkte. Jetzt hob er eine Augenbraue, wie um zu fragen: ‚Und weiter?'

„Eines seiner Stücke, ‚Wie es euch gefällt', soll als Vorlage für Büchner gedient haben, als er Leonce und Lena schrieb. Er hat es daran angelehnt, wahrscheinlich war ‚Wie es euch gefällt' seine Inspiration, mit dem Stück zu beginnen."

„Worum geht es bei diesem Stück?"

Erstaunt sah Ginny aus den Augenwinkeln auf Blaise. Seine Stimme hatte wieder normal geklungen. Also hatte er ihr verziehen?

„Das Stück ist ziemlich kompliziert. Die Haupthandlung ist: Orlando, ein junger Adliger, muss fliehen. Sein Bruder Oliver hat ihn um sein Erbteil betrogen. Zuvor hat sich Orlando in das Mädchen Rosalinde verliebt. Diese wiederum flieht auch, zusammen mit ihrer Cousine Celia, und verkleidet sich als Knabe, um nicht erkannt zu werden. Na ja, es kommt, wie es kommen muss: Orlando und die verkleidete Rosalinde begegnen sich, es gibt ein langwieriges Versteckspiel. Dann rettet Orlando seinen Bruder Oliver vor wilden Tieren, dieser verliebt sich in Celia, und am Ende heiraten sowohl Orlando und Rosalinde als auch Oliver und Celia."

Blaise nickte. „Die Parallelen zu ‚Leonce und Lena' sind also, dass auch Orlando nicht weiß, mit wem er redet, da Rosalinde als Knabe verkleidet ist."

„Ja, so kann man es sagen."

Der Slytherin hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Musste er ja. Er war einer der besten Schüler des Jahrgangs. Ginny konnte sich noch erinnern, wie sich Hermine einmal aufgeregt hatte, weil Blaise eine bessere Arithmantik-Arbeit als sie geschrieben hatte.

„Gut. Das war es dann also für heute?"

„Äh, ja.", antwortete Ginny auf seine Frage.

Er nickte. Dabei sah er auf den Tisch. Sein Buch hatte er heute nicht mitgebracht.

„Was machen wir nächstes Mal?", fragte Ginny, um die Stille zu durchbrechen.

„Mehr über die Interpretation und die Hintergründe steht nicht in dem Buch.", erklärte Blaise einfach.

Ginny nickte. Aha.

Moment mal. Hieße das…? Aber…!

„Heißt das, wir haben nichts mehr zu besprechen?"

Sie wollte nicht aussprechen was sie dachte: ‚…uns nicht mehr treffen?'

Blaise sah sie nicht an. Plötzlich sagte er:

„Ich habe bemerkt, dass du teilweise Schwierigkeiten bei den einzelnen Szenen hast."

Worauf wollte er hinaus?

„Du müsstest sie allerdings verstehen. Wir sollten sie gemeinsam interpretieren."

Sie starrte ihn an. Er schlug also tatsächlich eine Fortsetzung ihrer Treffen vor?

„Wenn du denkst, dass das nützlich ist.", antwortete sie vorsichtig.

„Ich denke es nicht nur, ich weiß es."

Er hatte wieder seinen arroganten Tonfall angenommen. Wieso musste er bloß so furchtbar… Slytherin sein?

Unbeabsichtigt aggressiv fuhr sie ihn an: „Selbst du kannst nicht alles wissen. Wann verstehst du das endlich? Auch Slytherins sind nicht unfehlbar."

Er drehte sich zu ihr. Sein Gesichtsausdruck war undeutbar. Eine gewisse Härte, die Ginny schon fast verschwunden glaubte, war zurück gekehrt:

„Du meinst damit, wir sollten die einzelnen Szenen nicht interpretieren?". Er sprach es in beiläufigem, fast lässigen Tonfall.

Musste der denn alles falsch verstehen?

„NEIN! Das habe ich nicht gemeint!"

Sie war lauter gworden, als sie wollte. Blaise sah sie nun eindeutig geringschätzig an:

„Du solltest lernen, deine Emotionen zu kontrollieren."

Dieser Kerl trieb sie in den Wahnsinn. Die Gryffindor bemerkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Fast war sie überzeugt gewesen, auch Slytherins haben Gefühle. Fast hatte sie geglaubt, an der Gesellschaft eines bestimmten Slytherins Freude zu haben. Fast hatte sie gedacht, sie hätte sich verliebt…

Alles war innerhalb weniger Minuten unwichtig geworden, weil sich ihr Gegenüber weigerte, menschlich zu reagieren, menschlich zu sein.

„Wenn man keine Gefühle hat, kann man sich natürlich gut unter Kontrolle halten.", sagte sie ihm noch. Dann drehte sie sich um und ging so schnell wie möglich aus der Bibliothek. Er ging ihr nicht hinterher.

Sobald sie draußen war, begannen ihre Tränen zu fließen. Warum musste das alles so schrecklich falsch laufen? Erst war alles gut, und jetzt? Vor einer Woche noch hatte sie das Gefühl gehabt, sie sei ihm nicht gleichgültig. Und von einem Tag auf den nächsten hatte er sich wieder in ein gefühlloses Monster, in einen Slytherin, verwandelt.

Ihrem Gesicht sah man sicher an, dass sie geweint hatte – noch weinte. In den Gryffindor-Turm würde sie also besser nicht gehen. Aber wohin sonst? Wo war es ruhig, wo war sie allein?

Ihr fiel nur der See ein. Dort wäre es jedoch kalt und sie hatte keinen Mantel dabei. Aber frische Luft würde ihr sicher gut tun…

Sie ging hinaus.

Zum Glück war ihr Pullover dick. Dennoch zog sie fröstelnd die Schulter zusammen.

Als sie bei ‚ihrem' Baumstamm ankam, erkannte sie, dass sie nicht die Einzige war, die die Idee gehabt hatte, hierher zu kommen.

„Ron? Was machst du hier?"

„Ginny?"

Die beiden Geschwister starrten sich an.

„Ist die nicht kalt?", fragte Ron.

„Hm… ein bisschen."

Sofort zog Ron seinen Umhang aus: „Hier, nimm."

„Ach was, das brauchst du doch nicht.", protestierte seine Schwester.

„Doch, das ist Selbstschutz. Wenn du krank wirst, bringt mich Mum um."

Zögerlich lächelnd nahm sie also den ihr angebotenen Umhang und legte ihn sich um die Schultern. Puh, es war wirklich besser, bei so einem Wetter etwas Warmes zum Anziehen zu haben…

Ron sah sie derweil forschend an.

„Stimmt etwas nicht mit dir?"

Ups. Man sah ihr sicherlich noch an, dass sie geweint hatte. Sie drehte sich von ihrem Bruder weg.

„Nein, schon in Ordnung."

Er sah sie dennoch an.

„Du, hör mal, ich bin kein großer Experte für Frauenprobleme, aber glücklich sieht anders aus."

In Ginnys Hals bildete sich schon wieder ein Kloß.

„Es ist wirklich nichts…"

Mist. Ihre Stimme klang zu kratzig. Ron kam besorgt näher.

„Hey, Ginns, was ist denn los?"

Ginns, so hatte er sie immer genannt, als sie beide noch jünger waren und miteinander gespielt hatten.

„Hat dir jemand weh getan?"

Bei diesem Worten klang Rons Stimme schon wütend. Ginny schüttelte schnell den Kopf, weil sie wusste, was passieren würde, wenn sie ‚Ja' sagen würde. Ron konnte ganz schon ausrasten. Jetzt jedoch seufzte er.

„Hör mal, ich versteh dich nicht, wenn du nicht mit mir redest. Ich bin ein Mann."

„Was?"

„Äh… ich bin ein Mann?" Er wurde rot. „Na ja, fast."

Sie lächelte ein wenig.

„Wieso bist du hier, allein am See?", fragte sie ihn.

Ihr Bruder sah beschämt zu Boden. „Also…", druckste er rum.

„Ja?"

„Ich… ach, ich bin kein Mädchen, ich kann einfach nicht über so etwas reden."

„Über was?"

„Na… du bist gemein. Über meine… Probleme, meine Gefühle und so Zeugs."

Er druckste ziemlich rum. Es war süß, wie er da stand und nicht wusste, was er sagen sollte. Ginny lächelte. Manchmal wirkte ihr großer Bruder noch so jung…

Jetzt sha er sie erleichtert an:

„Hey, du lächelst ja wieder. Wenns dir besser geht, können wir ja auch wieder hoch zum Schloss. Es wird allmählich kalt."

„Bei dir auch alles ok?"

„Klar. Ich bin ein Mann, ich kann meine Probleme lösen."

Er wirkte etwas verloren, als er das sagte. Ginny beschloss dennoch, nicht weiter in ihn einzudringen. Sie kannte ihn seit Jahren, er erzählte wenig.

Sie konnte sich vorstellen, wie schwierig es für Hermine gewesen sein musste. Ron sagte nichts, sicher hatte er auch alles versucht, um seine Gefühle zu überspielen, um weiter ‚cool' zu sein.

…Moment mal. Konnte das sein? Wäre es vielleicht möglich, dass auch Blaise… ‚Ach was. Das bildest du dir ein.

Und was, wenn doch?'

Was wäre, wenn auch Blaise einfach seine Gefühle überspielt?

Spräche dafür nicht dieser abrupte Wechsel zu seiner Emotionslosigkeit?

Aber es konnte nicht sein.

Er war ein Slytherin. Slytherins haben keine Gefühle.

Aber das war ein Vorurteil und das wusste sie.

Allerdings… Blaise war heute zu spät gekommen. Ihre Treffen waren ihm also unwichtig. Außerdem hatte er sie fast die ganze Zeit nicht angesehen.

‚Schluss jetzt! Ich bilde mir da etwas ein. Blaise… will sicher nichts von mir. Wieso sollte er? Ich sollte nicht weiter darüber nachdenken, das führt zu nichts. Er ist in der Theatergruppe, ich bin in der Theatergruppe, vielleicht begegnen wir uns noch ab und zu auf dem Gang, aber das wars.'

Die beiden Geschwister waren inzwischen fast im Gryffindor-Turm angekommen.

Beide waren den ganzen Weg über in Gedanken versunken gewesen. Sie sah Ron kurz von der Seite an. Was er wohl für ein Problem hatte?

Als sie an diesem Abend ins Bett ging, hatte sie sich vollends davon überzeugt, dass weder Blaise von ihr noch sie etwas von Blaise wollte. Es war bloß eine kurze Verliebtheit gewesen. Wie es bei Teenagern üblich ist. Heute finde ich in gut, am nächsten Tag mag ich ihn mehr, am dritten finde ein, ein anderer sieht süß aus. Ganz normal.

Wenn es so normal war, warum konnte sie dann nicht einschlafen? Warum dachte sie die ganze Zeit an die Auseinandersetzung in der Bibliothek? Hätte sie etwas besser machen können?

‚Schluss! Ich sollte wirklich schlafen.'

Grimmig drehte sie sich auf die andere Seite.

Nein, verdammt, es war nicht normal. Sie wusste es selbst. Ach, hätte sie ihm nur nicht diese Worte gesagt! Was sollte sie jetzt nur machen? Sich entschuldigen? Sie bezweifelte, dass der Slytherin das annehmen würde. Dazu war er zu stolz. Was sollte sie nur machen… mit diesem Gedanken schlief sie schließlich erschöpft ein.

Dass sie sich die ganze Nacht im Bett herumwälzte, war am nächsten Morgen nur an dem zerwühlten Bettlaken zu erkennen.

Anmerkungen: Tadah, hier ist das neue Kapitel!

Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Wie es euch gefällt' ist von Shakespeare.

Achtung, Inhalt ist wirklich seeeehr gekürzt…

Ich hoffe, niemand ist mir jetzt böse… (Das nächste Kapitel wird nicht allzu lange auf sich warten lassen! )

DANKE an alle Reviewer! Ihr seid so süß! knuddel Hab mich total gefreut! Danke an: Tanea (das ist so lieb!), Elanor Ainu (die Sache mit dem Kraken habe ich echt im Hinterkopf gehabt! ), Tuniwell (danke!), sunny (gern geschehen!), ClaireBlack (danke! ), icyeye (freu dich auf die nächsten Kapitel!) und MoonyTatze (anscheinend ist der Ruck nicht bei Blaise angekommen…)!