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Kapitel 22 – Verwirrung

‚Ächz.'

Ginnys Kopf brummte. Es war Sonntag morgen. Sie fühlte sich wahnsinnig müde und hatte Kopfschmerzen. Aber draußen war es schon taghell, außer ihr war niemand mehr im Schlafsaal. Auch an einem Sonntag musste man irgendwann aufstehen…

Sonntag? Gestern war Samstag gewesen. Samstag, mit dem Treffen in der Bibliothek.

Vielleicht sollte sie doch heute nicht aufstehen?
Ginny hatte einfach keine Lust. Sie hatte fürchterlich schlecht geschlafen, der letzte Tag war schrecklich verlaufen und ob der heutige besser werden würde, war nicht sicher.

Warum also aufstehen?

Sie wickelte sich fester in ihre Decke und versuchte wieder einzuschlafen. Aber da sie nun schon einmal wach gewesen war, ging das nicht so schnell.

Zu viele Gedanken spukten in ihrem Kopf herum. Sie hatte schlecht geschlafen, ja. Aber wieso? Lag es daran, dass sie das Gespräch mit Ron so verwirrt hatte? Oder vielleicht, na ja, vielleicht lag es auch an der Begegnung in der Bibliothek?

Schließlich, wer wäre danach nicht verwirrt gewesen? Sie hatte sich eingebildet gehabt, etwas von Blaise zu wollen. Wenn ein solcher ‚Traum' platzt, ist man danach immer verwirrt und etwas traurig.

Aber dann dachte sie wieder an das Gespräch mit ihrem Bruder. Vielleicht verhielt sich Blaise ja ebenso? Vielleicht versuchte er nur, seine Gefühle zu verstecken und war dabei über das Ziel hinaus geschossen?

Ginny seufzte. Sie sollte wohl doch nicht den ganzen Tag im Bett bleiben, diese Grübelei brachte sie auch nicht weiter. Es war wohl besser, wenn sie sich etwas ablenkte.

Als erstes ging sie unter die Dusche. Heißes Wasser half immer zu entspannen, oder nicht?

Aber während sie so dastand, kamen ihr wieder die Worte, die in der Bibliothek gefallen waren, in den Sinn:

‚…teilweise Schwierigkeiten bei den einzelnen Szenen…'

‚…selbst du kannst nicht alles wissen…'

‚…solltest lernen deine Emotionen zu kontrollieren…'

‚…wenn man keine Gefühle hat…'

SCHLUSS! Schnell trocknete sie sich ab. Sie sollte sich auf etwas anderes konzentrieren. Hausaufgaben?

Ginny setzte sich hin, um ihren Verwandlungen-Aufsatz weiter zu schreiben. Der erste Absatz ging gut, doch dann stieß sie auf ein ihr unlösbares Problem. Dazu würde sie in einem buch nachschlagen müssen…

In ihren eigenen stand leider nichts darüber. Vielleicht sollte sie in die Bibliothek gehen?

Bibliothek. Gestern.

ARGH!

Sie ließ ihren Kopf in ihre Hände fallen. Was war nur los mit ihr? Es gab einfach keine Ablenkung.

Ihre ganzen Gedanken kreisten nur im Blaise. War das normal?

Bevor sie die Frage allerdings für sich beantworten konnte, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr:

„Hey Ginny, ist etwas passiert?"

Sie sah auf und blickte in Colins besorgtes Gesicht.

„Nee, ich bin nur müde.", antwortete sie.

Er blickte sie forschend an.

„Na, wenn das alles ist…", er sah etwas zweifelnd aus, drang aber nicht weiter in sie ein. „Hm, es gibt bald Mittag, wollen wir gehen?

Dankbar für die Ablenkung ging sie mit. Ja, die vielen laut schwatzenden Schüler würden sie schon auf andere Gedanken bringen.

Das Mittagessen hatte gerade erst angefangen, daher waren nur sehr wenige Schüler in der Großen Halle.

Als Ginny sich etwas Auflauf genommen hatte, sah sie sich um. Es war Sonntags-typisch: viele Schüler frühstückten spät, entsprechend spät nahmen sie auch ihr Mittagessen zu sich. Im Gegensatz zu ihr selbst: sie hatte das Frühstück mal wieder ganz vergessen.

Als ihr Blick über den Slytherin-Tisch glitt, blieb die Gabel, die kurz vor ihrem geöffneten Mund wartete, stehen. Sie konnte kaum glauben, wen sie da sah: Blaise. Ginny konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal so früh beim Mittagessen gesehen zu haben.

Aber nicht nur das: er sah irgendwie anders aus. Hatte er schon immer dunkle Ringe unter den Augen gehabt? Auch seine Haare wirkten unordentlicher…

‚Das steht ihm… HALT! Was sind das denn schon wieder für Gedanken?'

„Huhu! Hat jemand dir ne Ganz-Körper-Klammer auf den Hals gejagt?"

Colin wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. Ginny erschrak sich so, dass ihr die Gabel herunter fiel, direkt in den Auflauf und einiges von der Soße auf ihren Pullover spritzte.

„Colin! Was sollte das?". Sie blitzte ihn wütend an. Er sah jedoch ganz und gar nicht schuldbewusst aus – nein, er schien sich eher das Lachen verkneifen zu wollen.

„Das war filmreif.", prustete er schließlich hervor. „Schade, dass ich meine Kamera nicht bei mir hatte."

„SCHADE? Sei froh. Sonst wäre mein Pullover nicht der einzige, der dreckig wäre!"

Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Wahrscheinlich hatte es wirklich lustig ausgesehen…

Der Rest des Mittagessens verlief unfallfrei. Colin machte die meiste Zeit Witze, immer wieder auf ihren ‚filmreifen Gesichtsausdruck' anspielend, dass sie wirklich nach Hollywood gehen könnte und anderes.

„Holy – wood?" Was sollte sie denn in einem… Wald? Noch dazu einem heiligen?

„Ach so… Hollywood ist, ähm, die Filmhauptstadt der Muggel, sozusagen."

„Da gibt es also ganz viele Fotografen wie dich?"

„Ähm, ja.". Ginny hatte den Unterschied zwischen einem Foto und einem Film bei den Muggeln nie verstanden. Wie sollte sie auch? Bei den Zauberern bewegten sich schon die Fotos…

„Vielleicht solltest du da hin gehen!", bemerkte sie in diesem Moment.

Colin schüttelte lachend den Kopf.

So alberten sie weiter herum. Bald gingen sie hoch in den Gryffindor-Turm. Ginny war wirklich froh, einen Freund wie Colin zu haben. Mit ihm verging die Zeit wie im Flug.

Nur ein kleines, seltsames Gefühl in ihrer Bauchgegend war geblieben, dass sie aber nicht näher beachtete.

„Sag mal, findest du auch, dass der eine aus deiner Theatergruppe irgendwie anders aussieht als sonst? Trauriger?"

Es war ein Mittwochabend. Colin und Ginny saßen zusammen über ihren Hausaufgaben. Obwohl Colin eine Freundin hatte, verbrachten sie viel Zeit miteinander. Doch diese Frage jetzt hatte sie überrascht.

„Wie meinst du das?"

„Na ja, weiß nicht, wenn ich ihn so sehe, in der Großen Halle, scheint ihm immer irgendetwas auf der Seele zu liegen…"

Sie kannte das feine Gespür ihres Freundes für solche Situationen. Es war einer der Gründe dafür, warum Colin Wahrsagen gewählt hatte. Vielleicht war es nur Intuition, vielleicht auch mehr.

„Wen meinst du?", fragte Ginny nach.

„Den einen Siebtklässler, weißt du? Den relativ großen."

Blaise? Meinte Colin Blaise? Sie versuchte sich an die paar Mal zu erinnern, die sie ihn seit dem ‚Vorfall' in der Bibliothek gesehen hatte. Hatte er anders gewirkt? Hm… wirkten Slytherins nicht immer irgendwie traurig, einsam? Aber es simmte, glücklich hatte Blaise nicht ausgesehen. Und wenn das sogar Colin aufgefallen war… vielleicht machte er sich ja um irgendetwas Sorgen? Vielleicht… nein, das war absurd. Aber… vielleicht bereute er das, was in der Bibliothek vorgefallen war?

„Weißt du, was mit Justin los ist?"

Was? Irritiert sah Ginny Colin an. Ach so… er hatte von dem Hufflepuff geredet.

Sieden heiß fiel es Ginny wieder ein. Sie hatten seit dem gemeinsamen Tag in Hogsmead kaum ein Wort miteinander gewechselt. Sicher verhielt sie sich ihm gegenüber ungerecht. Sie sollte bald mal mit ihm sprechen…

„Ist was? Du bist so ruhig."

Ginny zuckte mit den Schultern. Woher sollte sie wissen, was los war?

Colin seufzte. „In letzter Zeit versteh ich dich nicht mehr. Du teilst deine Probleme mit niemanden. Vielleicht solltest du das mal machen?"

Es war nur ein Vorschlag. Trotzdem brachte es Ginny aus der Fassung.

„Ich weiß doch selbst nicht, was los ist.", schluchzte sie. Die Gefühle der letzten Zeit entluden sich mit einem Schlag. Sie war durcheinander.

„Ginny!", sagte Colin bestürzt.

„Ist schon okay, Colin.". Sie stand auf und wollte in ihren Schlafraum gehen, um sich wieder zu beruhigen.

„Falls… falls du mit jemanden darüber reden willst… du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst?"

In den Augen des Gryffindors stand jetzt ehrliche Besorgnis. Ginny nickte. Dann ging sie:

„Aber heute nicht…"

In ihrem Schlafsaal warf sie sich auf ihr Bett. Ach, warum war sie heute nur so furchtbar reizbar?

Es war Freitagabend. Sie hatte keine Lust. Einfach keine Lust. In 10 Minuten war es um 8. Sie hatte heute Theater. Sie hätte natürlich nicht hingehen müssen, wenn sie nicht dran wäre. Aber leider war sie das.

Sie probten immer noch den ersten Akt. Und heute sollte die gleiche Szene wie in der letzten Woche wiederholt werden: das hieß also, dass sie und Hannah spielen mussten. Tonks Probenplan mochte verstehen, wer wollte, sie sicher nicht. Ob die Lehrerin auch gewürfelt hatte, um die Termine festzulegen? Zuzutrauen wäre es ihr.

Puh, dann hatte sie ein unglückliches Händchen gehabt.

Ginny wollte heute einfach keine Theaterprobe haben. Sie war nicht konzentriert, sie hatte keine Lust darauf, jemand anderen zu spielen. Noch dazu jemand anderen und deren Probleme. Sie hatte doch mit sich selbst schon genug zu tun!

Außerdem… was war, wenn Blaise da war? Oer noch schlimmer: wenn er nicht da war?

Ihr Herz klopfte hörbar, als sie vor die Große Halle trat.

Da stand Hannah. Und dort… Blaise.

Er stand da, verschlossen wie immer. Wie immer?

Er wirkte genauso wie der Blaise, der zu Schuljahresbeginn dagestanden hatte. War es zwischendurch anders gewesen? Vielleicht nicht deutlich… es konnte auch eine Sinnestäuschung sein.

Bevor sie weiter nachdenken konnte, kam Tonks und schloss die Große Halle auf. Sie und Blaise setzten sich, wie in der letzten Woche, auf die Stühle, während Ginny und Hannah auf die Bühne gingen.

Ginny vermied es, einen Blick auf Blaise zu richten. Dann würde sie sich noch weniger konzentrieren können, als das eh schon der Fall war.

Sie begann ihren Text. Doch als sie an die Stelle kam:

„Sieh, ich wollte, der Rasen wüchse so über mich, und…"

Und… und… und was?

Jetzt hatte sie doch echt ihren Text vergessen. Ginny fühlte, wie sie langsam rot wurde. Hilflos sah sie zu Tonks. Die half aus:

„Und die Bienen summten über mir hin, geht es weiter. Fang einfach noch einmal von vorne an, das kann passieren."

Aufmunternd nickte die junge Lehrerin ihr zu. Ginny nickte zurück und begann wieder von vorne.

Innerlich war sie noch wütend auf sich selbst, dass sie den Text vergessen hatte. Was war heute nur los? Sie konnte sich nicht richtig in Lena hinein versetzen.

Dementsprechend langsam und schleppend spielte sie, immer bemüht, nicht hinunter zu schauen und auf Blaise zu sehen.

Nach einer Weile unterbrach Tonks:

„Halt. Ginny, ist heute etwas mit dir? Ich weiß, dass du das besser kannst, als du es uns heute zeigst! Bitte fangt noch einmal von vorne an. Und Ginny: versuch, auch ins Publikum zu schauen. Denk auch an die Betonung!"

Ginny nickte betrübt. Das wurde doch einfach nichts! Es ging heute nicht.

Sie spielten es einmal durch. Es ging, Ginny bemühte sich zu konzentrieren, aber immer, wenn sie daran dachte, dass sie ins Publikum sehen musste, blickte sie schnell wieder weg, um Blaise nicht zu sehen. Stattdessen starrte sie an einen Punkt auf der Wand hinter Blaise und Tonks. Er war hoch genug, so dass sie die Gesichter nicht sehen musste.

Am Ende seufzte Tonks.

„Hannah, du warst gut heute. Ginny, du hast dir Mühe gegeben. Es war ok. Aber es geht besser. Ich lass es euch nicht noch einmal durchspielen, das würde heute nichts bringen."

Sie verabschiedete sich von den Schülern und ging.

Blaise ging direkt hinter ihr, er war sofort verschwunden.

Ginny fühlte sich jetzt einfach nur noch müde. Ach, das war doch alles traurig! Sie hatte schlecht gespielt heute, sie verstand Blaise nicht und außerdem… die ganze Welt war ungerecht!

Sie verabschiedete sich nur sehr kurz von Hannah und ging dann in den Gryffindor-Turm, wo sie sofort erschöpft ins Bett ging.

Samstagmorgen erwachte sie ebenso, wie sie am Freitag schlafen gegangen war: irgendwie lustlos.

Sollte sie Haare waschen?

Warum denn. Weil es eine Tradition geworden war? Man soll nicht so unflexibel sein, auch Traditionen können mal geändert werden. Und ihre Haare waren noch sauber.

Was sollte sie anziehen?

Hm, das was oben auf dem Stapel liegt sieht gut genug aus.

Was sollte sie bis zum Mittagessen machen?

Einfach Hausaufgaben. Als Schüler hat man ja sonst nichts zu tun.

Irgendwann zerrte sie dann Colin zum Mittagessen. Aber obwohl er Späße machte und versuchte, sie aufzumuntern, gelang ihm das nicht. Als er sich schließlich verabschiedete, da er mit Nancy verabredet war, sank Ginnys Laune noch mehr in den Keller.

Sie setzte sich also wieder an ihre Hausaufgaben.

Als sie irgendwann auf die Uhr sah, erschrak sie unwillkürlich: es war um 3. Aber heute hatte sie kein Treffen in der Bibliothek.

Dennoch fühlte sie sich jetzt ruhelos, als hätte sie etwas vergessen. Weiter an ihren Hausaufgaben sitzen wollte sie nicht.

Sie ging aus dem Gryffindor-Turm. Ohne dass sie es wollte, steuerte sie ganz automatisch auf die Bibliothek zu. Was Blaise jetzt wohl machen würde? Schließlich fielen auch für ihn jetzt die Treffen weg.

Ach, das ist Unsinn!

Sie wollte nicht mehr in die Bibliothek. Das brachte sie nur auf falsche Gedanken.

Plötzlich fiel es ihr ein: hier in der Nähe war doch Tonks Büro!

Sie könnte sich dafür entschuldigen, dass sie gestern so schlecht gewesen war. Das sollte sie ohnehin tun. Und Tonks war eigentlich immer aufmunternd. Schnell ging Ginny dorthin.

„Ginny, hallo!"

„Guten Tag, Tonks!"

„Komm rein. Willst du einen Tee?"

„Ja, gerne."

Die junge Lehrerin war so herzlich wie immer.

„Chahan! Hallo!"

Der kleine rosa Knuddelmuff sprang sofort los, als Ginny ihn entdeckt hatte.

Sie freute sich, dass Tonks' Haustier so süß war. Und was bedeuteten schon einige Sekunden Luft, wenn man so freudig begrüßt wurde?

Nachdem sie Chahan, der gar nicht aufhören wollte zu summen, wieder aus ihrem Gesicht gezogen hatte, setzte sie sich mit Tonks hin, um den Tee zu trinken.

„Ich… was ich noch sagen wollte…", begann sie. Tonks sah sie aufmunternd an.

„Also… es tut mir Leid, dass ich gestern so schlecht gespielt habe. Ich war einfach nicht konzentriert, weißt du? Ich weiß, das sollte nicht vorkommen, aber…"

„Das ist doch nicht schlimm.", unterbrach Tonks sie. „Jeder hat mal einen schlechten Tag. Und Ginny, ich weiß, dass du besser spielen kannst, als du es gestern gezeigt hast. Na und? Einen Tag warst du halt mal nicht so gut. Das ist kein Weltuntergang. Das nächste Mal wird es wieder besser."

„Ich hoffe es.", seufzte Ginny.

„Ich bin mir sicher. Du kannst gut spielen. Jeden, auch den größten Schauspieler, können jedoch einige Probleme von der Bühne ablenken. Manchmal ist es das Publikum."

Tonks zwinkerte ihr zu. Sofort wurde Ginny wieder rot. Wusste die Lehrerin von… wovon eigentlich?

Sie plauderten noch eine Weile weiter.

„Weißt du, wenn man spielt, muss man in eine andere Person schlüpfen, als man selbst ist. Das ist anstrengend. Manchmal hat man dafür einfach nicht die Kraft. Mach dir keine Sorgen, Ginny. Es wird alles gut werden.", grinste Tonks.

Später verabschiedete sich Ginny:

„Danke für den Tee und die Aufmunterung. Es war ein schöner Nachmittag."

„Immer gerne, das weißt du doch."

Sonntag. Ginny hatte lange geschlafen, wie immer. Jetzt saß sie im Gemeinschaftsraum.

Das Gespräch mit Tonks gestern hatte sie aufgemuntert im Hinblick auf die Theaterproben. Aber dennoch… ein unangenehmes Ziehen in der Magengrube blieb immer noch da, wie ein nicht gelöstes Problem, das einen einfach nicht mehr loslässt.

„Ginny?"

„Hm? Was? Oh, ich habe nachgedacht."

Colin war plötzlich neben ihr aufgetaucht.

„Ja, das sieht man. Du starrst seit 10 Minuten Löcher in die Luft."

„Löcher in die Luft?"

„Nur so eine Redensart…", erklärte Colin. „Jedenfalls, du siehst blass aus. Wollen wir nicht etwas an die frische Luft gehen?"

War frische Luft etwa ein Allheilmittel? Aber es simmte, ein Spaziergang wäre jetzt sicher schön. Sie holte ihren Mantel und bald darauf waren sie und ihr bester Freund draußen.

Ein Spaziergang über die Ländereien von Hogwarts war immer schön. Selbst jetzt im Herbst, wenn der Wind kalt über das Gelände strich.

Eine Weile gingen die beiden schweigsam. Irgendwann redete Colin:

„Es ist interessant: erst werden die Blätter bunt, dann braun, dann fallen sie ab, im nächsten Jahr wachsen wieder neue. Eine ständige Veränderung."

Ginny nickte.

„Ginny, ich habe das Gefühl, dass auch du dich verändert hast.", fuhr Colin fort. „Und es ist nicht sehr gut. Was ist los mit dir?"

Die Gryffindor sah ihn an. In seinen Augen sah sie etwas, was nur als Besorgnis gelesen werden konnte. Sie seufzte.

„Ach Colin, ich weiß es selbst nicht."

Schweigend gingen sie weiter. Nach einer Weile hatte Ginny selbst das Gefühl, weiter reden zu müssen.

„Es ist alles so kompliziert, weißt du? Da ist… da ist dieses Problem mit Justin. Ich denke, er könnte mehr in mir sehen als nur eine Freundin – ich aber nicht in ihm. Und dann wieder denke ich, dass ich vielleicht in jemand anderem… also… äh…"

Colin sah sie an. Dann fragte er direkt:

„Bist du verliebt?"

Sie schwieg und biss sich auf die Lippe. „Ich weiß es nicht. Ich denke… nein."

Colin nickte.

„Aber da ist jemand, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht.", platzte Ginny irgendwann heraus.

Wieder nickte Colin.

„Du hast recht, es ist alles sehr kompliziert. Ich kann dir auch nicht helfen, ich kann nicht in dich hinein schauen und dir sagen, was du fühlst. Ich fühle mich auch häufig durcheinander, weißt du? Zu Beginn, mit Nancy, ich dachte, was ist, wenn sie mich nicht mag? Und als wir dann zusammen kamen: was ist, wenn das Ganze nicht hält? Ich habe jetzt noch manchmal Angst. Aber dieses Gefühl… das ist es wert. Ich denke, es war richtig, das Risiko einzugehen und eine Beziehung zu wagen."

Ginny überlegte.

„Was… was denkst du, wenn du an Nancy denkst? Woher weißt du, dass du verliebt bist?"

Selbst Colin, der so viel reden konnte, wurde bei dieser Frage still.

„Es… ist schwer zu beschreiben.", sagte er endlich. „Wenn wir beieinander sind, freue ich mich, bei ihr zu sein. Wenn ich sie schon von Weitem sehe, habe ich ein seltsames Gefühl im Bauch, dass sich rasend schnell ausbreitet. Es ist nicht unangenehm – also, meist nicht. Manchmal ist es unangenehm, wenn sie weggeht. Wenn wir uns nicht sehen, muss ich ständig an sie denken. Ja, eigentlich denke ich fast immer an sie."

Mit großen Augen sah Ginny ihren Freund an. Diese Seite an ihm kannte sie nicht. Schweigend gingen die beiden weiter, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Wollen wir umkehren?", fragte Ginny irgendwann. „Es… danke. Es hat mir geholfen, dass du mit mir gesprochen hast."

„Wirklich?"

Sie nickte.

„Tust du mir noch einen Gefallen?"

„Äh, ja?"

„Rede so bald wie möglich mit Justin. Es ist sicher für ihn im Moment ebenso schwer wie für dich. Ein Gespräch, damit er weiß, was du denkst, kann ihm schon helfen, denke ich."

Ginny nickte.

„So, und jetzt: Wettrennen zurück zum Schloss? Der Erste darf Verwandlungen von der anderen abschreiben!"

„Hey, das ist fies!"

Colin war schon losgerannt. Lachend rannte Ginny hinterher. Colin konnte manchmal ein ziemlicher Kindskopf sein…

In der nächsten Woche, so hatte sie es sich vorgenommen, wollte sie mit Justin reden. Aber irgendwie lief er ihr nicht über den Weg… vielleicht ging sie ihm auch aus dem Weg, wie Colin meinte. Ja, sie hatte Angst vor dem Gespräch, das stimmte.

Erst am Donnerstag traf sie ihn im Gang vor Zauberkunst.

„Justin?"

„Hallo Ginny!". Er lächelte sie zögerlich an.

„Ich… also… hast du mal Zeit?"

„Wann, jetzt?"

„Nee, einen Abend mal oder so…"

„Hm, diese Woche muss ich eien Menge Hausaufgaben machen. Aber vielleicht am Samstag?"

„Ja. Also, äh, Samstag halb 3. Wir… wir treffen uns in der Eingangshalle."

Mit diesen Worten war sie verschwunden.

Als sie Samstagmorgen erwachte, wollte sie am liebsten gar nicht aufstehen. Den gestrigen Abend war sie nicht bei der Theaterprobe gewesen – es war die Szene mit König Peter, bei der sie nicht mitspielte. Sie hatte einfach keine Kraft dafür übrig gehabt, hin zugehen, Blaise zu sehen und die ganze Zeit schweigend neben ihm zu sitzen. Zwar war das ‚Blaise-Problem' etwas in den Hintergrund getreten, da sie so sehr mit Justin beschäftigt gewesen war, aber dennoch… es war nicht nebensächlich, wie ein Ziepen im Bauch immer wieder zeigte.

Jetzt jedoch war Samstagmorgen.

Sie wollte nicht mit Justin sprechen. Aber Colin hatte Recht: sie musste es machen. Für ihn und auch für sich selbst…

Sie überlegte, ob sie sich duschen sollte. Vielleicht war es eine Entspannung… aber die Haare würde sie sich nicht waschen!

Auch dieser Samstagvormittag ging vorüber. Beim Mittagessen schielte sie nervös zum Hufflepuff-Tisch hinüber, aber Justin war nicht dort. Er würde wohl später essen.

Colin versuchte sie abzulenken, machte noch mehr Späße als sonst, aber ihr war nicht danach, mitzuscherzen.

Um viertel 3 sah Colin sie an.

„Ich wünsche dir viel Glück.", sagte er, sanft lächelnd. Sie nickte ihm zu, nahm sich ihre Jacke und ging. Sie hatte beschlossen, mit ihm während eines Spaziergangs zu reden.

In der Eingangshalle wartete er bereits.

„Hallo Ginny!"

„Hi Justin. Wollen wir einen Spaziergang machen?"

Auch der Hufflepuff hatte seine Jacke mitgebracht und so gingen sie hinaus.

Zuerst gingen sie eine Weile ruhig. Ginny bemerkte, dass Justin versuchte, näher an sie heran zu gehen. Sie wich deshalb immer ein Stück weiter aus.

‚Na toll, wenn das so weiter geht, laufen wir hier bald Kreise.'

Sie liefen aber keine Kreise, sondern kamen in die Nähe des Sees. Endlich fing Ginny an:

„Ich… also…"

„Ja? Du wolltest mit mir reden."

„Ja, und zwar wegen… ach, ist das kompliziert! Also, wegen Hogsmead. Wir… waren ja dort zusammen."

Was stotterte sie da eigentlich?

„Also, zusammen hin gegangen, meine ich. Und… ähm…"

Justin sah sie an. In seinem Gesicht konnte sie eine Mischung aus Hoffnung und ängstlicher Erwartung ausmachen.

Verzagt sprach sie weiter:

„Und, ich weiß nicht. Also, es war ein wunderschöner Tag."

Justin nickte.

„Ginny, ich mag dich sehr, das weißt du.", sagte er schließlich vorsichtig.

„Ich… keine Ahnung. Justin, ich mag dich auch. Aber, als Freund, als Kumpel. Ich… ich will dich nicht verletzen! Aber… es ist alles so kompliziert."

Justin war ruhig. Ginny sah ihn von der Seite an. Sein Gesicht hatte nun nicht mehr diesen leichten Ausdruck von Hoffnung. Er wirkte verkrampft. Der Hufflepuff biss sich auf die Lippen. Die selben Lippen, die ihre Wange an dem Tag in Hogsmead so sanft berührt hatten…

„Ich… sollen wir zurück ins Schloss gehen?", fragte sie irgendwann.

„Geh du ruhig. Ich möchte noch etwas draußen bleiben."

Ginny verstand, dass er allein sein wollte. Sie ging. Als sie einen Blick zurück warf, sah sie den Hufflepuff am Ufer des Sees stehen und in die Ferne starren.

„Ich fühle mich so schlecht."

„Das musst du nicht."

Es war Sonntag. Colin versuchte bereits den ganzen Tag, seine Freundin aufzumuntern. Sie hatte Gewissensbisse, weil sie Justin weh getan hatte.

Diese Nacht hatte sie wieder schlecht geschlafen. Sie mochte Justin wirklich und es tat ihr weh, was passiert war. Aber es ging nicht anders.

Außerdem war sie durch die Aufregung über das Gespräch mit Justin von ihren Sorgen wegen... wegen was auch immer abgelenkt gewesen. Das Bauchziepen war in den Hintergrund getreten. Jetzt war es wieder da, erinnerte sie daran, dass sie sich noch einem weiteren Problem zu stellen hatte.

Sie war Blaise in dieser Woche nicht häufig über den Weg gelaufen. Wenn, hatte sie meist in eine andere Richtung gesehen. Sie hatte dennoch gesehen, dass der Slytherin blass aus sah. Das lag sicher am kommenden Winter und an der fehlenden Sonne.

„Woran denkst du?", fragte Colin.

„Nichts."

„Du konntest nicht anders. Du musstest ihm weh tun. Aber dennoch, so ist es besser, als wenn er nichts wüsste."

„Hm."

Donnerstagmorgen ging Ginny wie üblich in die Große Halle zum Frühstücken. Um zum Gryffindor-Tisch zu gelangen, musste sie zwischen dem Slytherin- und dem Hufflepuff-Tisch hindurch.

Sie blickte, wie so oft, auf den Boden. Plötzlich ragte etwas vor ihr auf.

Sie hob den Kopf – und sah direkt Justin an. Er sah auf sie hinunter, schließlich war er ein Stück größer als sie selbst.

Dann, nur mit einem leise gemurmelten „Guten Morgen" drehte er den Kopf weg und ging an ihr vorbei.

Ginny starrte ihm nach. Sein verletzter Gesichtsausdruck war nicht zu übersehen gewesen. Sie fühlte sich schuldig.

Plötzlich spürte sie, wie sie jemand ansah. Sie drehte sich, und tatsächlich:

Am Slytherin-Tisch saß jemand, der sie ansah.

Sie spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann.

Das Ziepen in ihrem Bauch verstärkte sich.

Dort saß Blaise Zabini. Er hatte die Szene zwischen Justin und ihr mitbekommen.

Jetzt wand er sich wieder seinem Frühstück zu. Auch Ginny ging an den Gryffindor-Tisch.

Sie würde am nächsten Tag wieder zur Probe erscheinen. So konnte das nicht weiter gehen.

Am nächsten Tag wurde die selbe Szene geprobt wie in der Woche zuvor, in der Ginny nicht gekommen war: König Peter bei der Ankleide.

Als Ginny hinunter kam, kam ihr Finn entgegengelaufen:

„Hallo, ich bin heute wieder dran! Schön, dass du da bist."

Sie freute sich tatsächlich. Lächelnd unterhielt sich Ginny mit der Hufflepuff, die kaum aufhören konnte zu erzählen. In der letzten Woche hatte es anscheinend gut geklappt mit ihrer Rolle, deshalb war sie nun schon viel selbstbewusster. Ginny freute sich für Finn. Durch das Geschwatze der Kleinen wurde sie abgelenkt. Blaise fiel ihr zwar auf, aber sie sah nicht weiter hin.

Bald kam Tonks und schloss die Große Halle auf, sodass die Schüler hinein gehen konnten. Sie zauberte 3 Stühle. Wie immer setzte sich Blaise auf einen der äußeren, Ginny wählte den anderen äußeren, so dass Tonks in der Mitte saß.

Die Schauspieler machten ihre Sache gut. Man merkte, dass es bereits die dritte Probe für diese Szene war. Finn spielte gut, sie konnte ihren Text und hatte auch eifrig gelernt, was sie wann machen musste. Einmal stolperte sie zwar, aber das war nicht weiter schlimm, wie Tonks ihr sofort versichterte.

Greg, der König Peter spielte, war inzwischen sehr gut geworden. Auch Oliver, der zweite Kammerdiener neben Finn, hatte sich in seine Rolle hinein gefunden.

An einigen Stellen hatte Ginny jedoch Probleme, den Text zu verstehen. Sie hatte darüber bereits bei der ersten Probe dieser Szene mit Blaise diskutiert, dennoch verstand sie einiges nicht. Was meinte der König mit „Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien."?

Verwirrt sah sie, nachdem Tonks erklärt hatte, dass das für heute genüge, immer noch auf ihren Text. Sie stand in der Eingangshalle. Finn hatte sich vereits fröhlich verabschiedet, sichtlich stolz auf ihre Leistung.

Plötzlich trat jemand neben sie. Sie sah auf.

„Blaise!"

„Guten Abend."

Moment mal. Irrte sie, oder hatten sie bereits eine Weile zusammen bei der Probe zugesehen? Warum begrüßte er sie jetzt mit ‚Guten Abend'?

„Wir haben uns heute noch nicht begrüßt.", gab er auf einmal die Antwort.

„Ja, guten Abend."

Das wurde immer seltsamer. Sie sah wieder auf den Text in ihrer Hand. Sie… sie musste es versuchen!

„Ich habe den Text nicht komplett verstanden."

„Das ist schlecht. Das war die vorerst letzte Probe dieser Szene; vielleicht hättest du letzte Woche dabei sein sollen, Professor Tonks hat einiges erklärt."

Es war seltsam, dass er Tonks auch mit ihrem Titel ansprach.

„Du warst letzte Woche dabei?"

„Natürlich."

„Dann hast du auch gehört, was Tonks gesagt hat."

„Das habe ich, in der Tat."

Verstand er denn nicht, was sie ihm sagen wollte?

„Kannst du es mir erklären? Bitte.", fragte sie schließlich. Es hatte sie einiges an Überwindung gekostet. Konnten sie einfach so weiter machen, als wäre nichts passiert? Er hatte ihr wohl verziehen, oder hatte er es einfach vergessen? Empfand er den Streit vielleicht als nicht schlimm? Was auch geschehen war, er war ein Slytherin, er würde es ihr nicht sagen.

Sie hielt die Luft an, während sie auf seine Antwort wartete.

„Der selbe Ort, die selbe Zeit.", erklärte er, immer noch, ohne sie anzusehen.

„Morgen um 3 in der Bibliothek?"

Ein kurzes Nicken kam von ihm. Dann sagte er:

„Ich wünsche dir eine angenehme Nacht und ruhige Träume."

Er hatte sich schon fast umgedreht um zu gehen, als auch Ginny sagte:

„Dir auch. Schlaf gut."

Er ging. Sie auch, in den Gryffindor-Turm. Aber: sie hatte es geschafft. Diesmal war sie nicht zu spät gewesen.

Sie hatte ihm den Abschiedsgruß nicht hinterherrufen müssen. Ein gutes Zeichen?

Anmerkungen:

Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Puh, mal wieder ein langes Kapitel (aber ihr habt auch länger als sonst warten müssen).

Hat es euch gefallen? Ich hoffe, ihr gebt mir viele Reviews! Denn: das niederschmetterndste Review ist kein Review. Wenn kein Review kommt, bin ich überzeugt, das Kapitel war schlecht, weiß aber nicht, woran das lag, und kanns nicht ändern. Also, tut mir nen Gefallen und reviewt! gaaaaanz lieb schau

Was Justin am See gemacht hat? Das ist eurer Fantasie überlassen. Aber vielleicht lest ihr zu der Frage mal: „Justins Liebeskummer oder: Überraschung am See"? ;-) lacht Das wäre eine (un)mögliche Version.

DANKE an: alle Leser. Einfach an alle. Einen Knuddel an: MoonyTatze (jaja, Blaise ist schon schlimm ), Tuniwell (puh, letzte Woche war stressig, SORRY das das Kapitel so spät kommt!), icyeye (jetzt interpretieren sie die Szenen doch, harrharr), Tanea (danke! ), ClaireBlack ( danke!) und Soul-chan (DANKE für das laaange Review; freut mich, dass dir die Kapitel gefallen. Und, also bei dem letzten Kapitel hab ich echt so überlegt, dass Ginny ja so Blaise-fixiert ist, dass sie kaum, etwas anderes mitbekommt… öh… ).