Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum ist geistiges Eigentum von J.K.Rowling. Mit dieser Geschichte wird kein Geld verdient.
Kapitel 23 – Warum eigentlich immer Streit?
‚Ächz.'
Mühsam schlug Ginny die Augen auf. In ihrem Zimmer war es hell, sie fühlte sich jedoch noch müde. Nein, müde war kein Ausdruck: wie zerschlagen.
Die Nacht war nicht schön gewesen. Sie hatte unruhig geträumt, sich hin- und hergewälzt, war aufgewacht und hatte lange nicht wieder einschlafen können. Die Zeit von 2 bis 3 Uhr verbrachte sie damit, darüber nachzugrübeln, wie Blaise sich ihr wohl gegenüber verhalten würde – in der Zeit von 4 bis 5 Uhr überlegte sie sich, wie sie sich IHM gegenüber verhalten sollte. Ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Der inzwischen schon routinierte Blick auf den Wecker bestätigte ihr, was sie eigentlich gar nicht wissen wollte: für das Frühstück war es schon viel zu spät. Tatsächlich war es bereits dreiviertel 11.
Mühsam quälte sie sich hoch. War im letzten Jahr der Samstag tatsächlich ihr liebster Tag der Woche gewesen? Jetzt jedenfalls war er schrecklich. Einfach nur schrecklich. Am besten erst einmal eine warme Dusche, zum aufwachen… und Haare waschen… fing das schon wieder an! Nein, sie wollte nicht daran denken. Sie wollte nicht wieder diese ewigen inneren Kämpfe – nicht für Blaise. Das hatte ihr schon genug Sorgen und Kummer bereitet.
- Nein, sie wusch sich die Haare nur, damit sie gut duftete und die anderen, äh, weniger auf ihr Gesicht achteten, dass immer noch zerknittert aussah. …Gab es beim Mittagessen eigentlich auch noch Kaffee?
Bald darauf ging die Rothaarige in den Gemeinschaftsraum, wo die meisten anderen Gryffindors saßen. Anscheinend war es noch keine Mittagszeit, wie ihr auch ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigte. Da sie aber keine Lust hatte, mit Hausaufgaben anzufangen, die sie sowieso nicht vor dem Essen fertig bekommen würde, sah sie sich suchend im Raum um, was sie ansonsten machen konnte.
Hmpf. Colin war anscheinend nicht da. Auch Ron war weg. Wieso waren die Kerle eigentlich immer mit ihren Freundinnen unterwegs? Sie kannte die beiden schließlich schon länger und besser. Hatte sie da nicht so etwas wie Gewohnheitsrecht? Nur mühsam konnte Ginny die in ihr aufsteigende Wut unterdrücken.
„Morgen Ginny!", sagte da plötzlich eine Stimme hinter ihr.
„Huch, Hermine! Habe ich mich jetzt erschrocken!"
Die Ältere lächelte sie an. „Ist etwas mit dir? Du siehst so gereizt aus."
„Hm, ja, also, nein.", druckste Ginny herum.
„Macht nichts, das kenne ich. Bei mir liegt es meistens an Schlafmangel."
Froh, eine Erklärung gefunden zu haben, nickte das Mädchen. „Ja, das wird es wirklich sein."
Hermine sah sie prüfend an. „Das ist wirklich alles?"
Schulterzuckend antwortete Ginny: „Also eigentlich habe ich mich geärgert, weil weder Ron noch Colin hier sind. Die sind wohl mal wieder bei ihren Freundinnen…". Dann schlug sie sich mit der Hand vor den Mund. Wie taktlos von ihr, damit in Hermines Gegenwart anzufangen. Doch diese lächelte weiterhin, auch wenn das Lächeln etwas steif wirkte.
„Es ist sicher schön für sie.", sagte Hermine, und fuhr nach einer kleinen Pause bemüht fröhlich fort: „Wollen wir Mittagessen gehen?"
Sie waren einige der Ersten, die in der Großen Halle eintrafen. Am Gryffindortisch saß noch niemand weiter. Also gingen sie an ihren Stammplatz und nahmen sich von dem Essen.
Schweigend saßen sie da, bis sich jemand neben sie setzte.
„Hi! Guten Morgen! Na ihr?"
Colin hatte eindeutig unerträglich gute Laune.
„Guten Morgen.", sagte Hermine lustlos. Selbst wenn sie keine gute Laune hatte, bemühte sie sich um Höflichkeit.
„Tach.", erklärte dagegen Ginny, die gerade ohne Elan an einer Kartoffel kaute.
„Was ist denn mit euch los? Seid ihr in einen Schwarm Trübsinniger Teefliegen geraten?", fragte Colin, während er sich kräftig von dem Essen nahm.
Als Antwort zuckte Ginny nur mit den Schultern
Nach einer Weile erklärte Colin wieder: „Ginny, du bist wirklich ruhig heute, so kenne ich dich gar nicht. Haben denn alle Weasleys heute schlechte Laune?"
Erstaunt sahen Ginny und Hermine den Sechstklässler an.
„Dein Bruder läuft auch rum mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.", informierte er sie.
„Komisch. Ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen.", meinte Ginny.
„Ich auch nicht.", fügte Hermine hinzu.
„Seltsam. Ich habe ihn nur kurz im Korridor im zweiten Stock gesehen."
Den Rest der Zeit aßen alle 3 schweigend, jeder in die eigenen Gedanken versunken.
Sie konnte nicht mehr ruhig sitzen. Sie konnte es einfach nicht mehr! Es war jetzt um 2, und trotzdem war sie schon so aufgeregt wie… lange nicht mehr. Fast wie vor dem ersten Treffen mit Blaise. War es nicht in gewisser Hinsicht so etwas? Das erste Treffen nach ihrem Streit.
„Ginny, was ist denn mit dir los?", fuhr Colin seine hibbelige Freundin an.
„Ich kann mich heute nicht gut konzentrieren.", sagte sie, mit einem bedauernden Blick auf den Kräuterkunde-Aufsatz vor ihr, den sie eigentlich gemeinsam mit Colin ausarbeiten wollte.
„Warum? Und dazu scheinst du total aufgeregt… Moment mal. Heute ist Samstag, oder? Hat es etwas damit zu tun?"
Obwohl sie nicht wollte, färbte sich Ginnys Gesicht rosa. Mist.
„Du… sag nicht, du triffst dich wieder mit Blaise?"
„Woher – woher weißt du das?", platzte Ginny heraus.
Er zuckte die Schultern. „Männlicher Instinkt. Du warst sonst immer samstags aufgeregt, wenn du ihn getroffen hattest."
Verblüfft sah sie ihren Freund an.
„Das hast du mitbekommen?"
„Das war nicht zu übersehen."
Sprachlos saß sie da. War es so offensichtlich?
„Versprichst du mir nur eines?", riss sie Colin aus ihren Gedanken.
„Hm?"
„Ich möchte nicht, dass du wieder 2 Wochen Trübsal bläst."
Jetzt wurde Ginny endgültig feuerrot. „Hm, nein…"
Er sah ihr direkt in die Augen. „Ich möchte mir nur keine Sorgen um dich machen müssen. Und jetzt, geh los! Es ist schon dreiviertel 3."
Er zwinkerte ihr zu. Irgendwie erleichtert stand Ginny auf.
„Danke Colin, du bist ein echter Freund!"
Dann rannte sie aus dem Gemeinschaftsraum, sodass ihr Lavender und Parvati nur verblüfft hinterher sahen.
„Diese Kinder! Werden die eigentlich nie erwachsen?"
Irgendwie hatte die Gewissheit, dass Colin sich um sie sorgte, aus unerklärlichen Gründen Ginnys Laune gehoben. Es tat gut, zu wissen, dass sie nicht allein war.
Mit jedem Schritt, den sie auf die Bibliothek zuging, wurde sie allerdings wieder nervöser und ihre Laune sank weiter. Und was war, wenn Blaise ihr doch noch nicht verziehen hatte, und sie total kalt behandelte?
‚Ach, Unsinn! Ich schaffe das schon.'
Sie holte noch ein paar Mal tief Luft, um sich zu beruhigen. Dann…
„Guten Tag."
Diese spöttische Stimme kannte sie. ‚Das ist jetzt nicht wahr, oder? Sag, dass das nicht wahr ist…'
„Man könnte meinen, du hättest gerade einen Ausdauerlauf hinter dir. Wieso schnaufst du so?"
„Guten Tag, Blaise.", knirschte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Wieso saß der nicht schon längst in der Bibliothek, wie sonst auch! „Ich denke, wir sollten lieber in die Bibliothek gehen und arbeiten, anstatt über meine sportliche Betätigung zu reden, denkst du nicht?"
Der Spott wollte nicht aus seinen Augen verschwinden. „Gut erkannt. Nach dir."
Mit einer lässigen Bewegung zeigte er mit dem Arm zur Tür. Irgendwie fühlte sich selbst diese, eigentlich höfliche Geste, wie Spott an. Was war nur los? Wieso war er heute wieder so… so slytherin?
Sie setzten sich an den nun schon bekannten Platz hinten in der Bibliothek. Diesmal achtete Ginny genau darauf, gegenüber von Blaise zu sitzen, anstatt, wie in letzter Zeit, neben ihm.
„Gut. Ich hoffe, du hast deinen Text dabei?", fragte Blaise, kaum dass sie saßen.
„Ja, natürlich.". Ginny legte ihn vor sich auf den Tisch. Sie merkte, dass sie allmählich ärgerlich wurde. Was sollte das? Sie hatte sich eigentlich bei ihm entschuldigen wollen, aber er gab ihr keine Chance dazu. Stattdessen war er durch und durch Slytherin: jedes seiner Worte schien sie zu verspotten. Aber sie wollte nicht schon wieder streiten.
„Es ist wohl das einfachste, wenn du mir einfach sagst, was du nicht verstanden hast. Ich werde es dir dann erklären."
Na gut, dieser Vorschlag klang halbwegs vernünftig. Ginny begann:
„Was meint der König mit ‚Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien'?"
„Ich glaube, um diese Frage zu klären, muss ich weiter ausholen. Dieser Satz weißt auf eine mögliche Interpretation der ganzen Szene hin."
Aha? Das klang spannend. Neugierig setzte sich Ginny etwas weiter vor.
„Hast du dich auch schon gefragt, wieso König Peter in dieser Szene angezogen wird?"
„Nein."
„Das hättest du aber tun sollen.". Bevor sie noch zu einer ärgerlichen Erwiderung ansetzen konnte, fuhr Blaise bereits fort: „Professor Tonks meint, hier spielt Büchner auf einen damals bekannten Philosophen an. Immanuel Kant."
Also hätte er es selbst nicht gewusst, wenn Tonks es ihm nicht gesagt hätte. Blaise sprach bereits weiter.
„Mit jedem der Kleidungsstücke, die König Peter anlegt, oder besser angelegt bekommt, kommt eine der Kantschen Kategorien der reinen Vernunft hinzu."
Aha. Gut. Was meinte Blaise jetzt damit?
„Wie bitte?", fragte sie daher.
„Hörst du eigentlich nie zu?", fragte Blaise spöttisch. „Ich sagte, dass mit jedem Kleidungsstück…"
Jetzt reichte es Ginny. Wie nahm dieser Kerl sich das Recht heraus, sie so zu behandeln? Sie war nicht dumm, wie er zu glauben schien!
„Das habe ich gehört. Ich habe bloß nicht verstanden, was du gemeint hast.", schnauzte sie ihn, heftiger als beabsichtigt, an.
„Oh, das Weasley'sche Temperament kommt wieder zum Vorschein?"
Verdammt, dieser Kerl war maßlos arrogant! „Was denkst du dir eigentlich dabei, mich die ganze Zeit zu verspotten? Was soll das?"
Jetzt, endlich, hatte sich das leicht spöttische Grinsen, was Blaise fast die ganze Zeit auf dem Gesicht hatte, verzogen. An dessen Stelle war ein Ausdruck getreten, der Ginny wünschen ließ, sie hätte ihn eben nicht fast angeschrieen.
„Was ich mir dabei denke? Was denkst du dir dabei, mir vorzuwerfen, ich sei kein Mensch, nur weil ich nicht ganz so schnell rumbrülle, wie du es vielleicht von deiner Familie gewöhnt bist?", fragte er gefährlich leise. Zwar hielt er sein Gesicht weiterhin unter Kontrolle, aber der Ausdruck in seinen Augen war stechend geworden. Verdammt, sie waren schon wieder kurz davor, sich schrecklich zu streiten!
‚Ich möchte nicht, dass du wieder 2 Wochen Trübsal bläst.', hörte Ginny plötzlich die Stimme von Colin in ihrem Kopf. Mist! Sie wollte nicht mit Blaise streiten. Vor Wut darüber, dass sie einfach nicht normal miteinander umgehen konnten, schossen ihr die Tränen in die Augen.
„Es tut mir Leid, ok? Wirklich."
Ihre Stimme drohte zu kippen. So ging das nicht weiter. Aber, Colin hatte Recht…
„So kommen wir nicht weiter, Blaise. Ich will mich nicht mit dir streiten."
Der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer, ihre Stimme klang schon leicht erstickt. Was sollte sie jetzt machen? Sie konnte nicht weiter hier in der Bibliothek sein. Diese Lautstärke würden andere Schüler hören, was sicher sowohl ihr als auch Blaise nicht Recht war. Dann hatte sie eine Idee.
„In der Bibliothek kann man nicht reden. Komm bitte morgen um 5 an den Baumstamm beim See. Ich… bis dann."
Sie drehte sich um und ging so schnell es in der Bibliothek gerade noch ging, davon, während sie aus ihrer Tasche ein Schneuztuch (oder wie hießen diese Muggeldinger noch gleich?) holte. Zum Glück hatte sie seit dem Vorfall mit Hermine immer welche bei sich, um sich die Nase zu putzen und das Gesicht abzuwischen.
Auf dem ganzen Weg hoch zum Gryffindor-Turm versuchte sie sich zu beruhigen. Was war nur mit ihr los? Es waren einfach ihre Nerven mit ihr durchgegangen. Das lag sicher an der schrecklichen Nacht, aber auch an der Anspannung der letzten Wochen. Vielleicht… war es auch ein bisschen Enttäuschung, dass das Treffen so schlecht lief? Das Blaise sie so seltsam behandelte?
Blaise… was mochte er jetzt nur von ihr denken. Bei dem Gedanken daran wurde ihr vom Weinen gerötetes Gesicht noch eine Spur roter. Er musste sie für eine hysterische Kuh halten – oder noch schlimmeres. Ob… ob er überhaupt kommen würde? Wieso sollte er schließlich? Das Treffen hatte diesmal ja nicht er vorgeschlagen, sondern sie. Und sie war schneller weggerannt, als er ihr eine Antwort geben konnte…
Oh, sie war so dumm! Wenigstens auf die Antwort hätte sie waren müssen! Aber es ging ja nicht, sie war zu durcheinander.
Kurz überlegte sie sich, ob sie wieder umdrehte und ihn fragte, ob er einverstanden war. Aber das wäre jetzt noch schlimmer! Nein, sie musste einfach hoffen, dass er da war…
Das würde eine Nacht werden.
Mit ihrer Vorahnung, dass sie diese Nacht wieder nicht gut würde schlafen können, behielt Ginny Recht. Sie fragte sich die halbe Nacht, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatte, dem Slytherin ein erneutes Treffen vorzuschlagen. Sicherlich würde er nicht kommen… und was wenn doch? Was sollte sie dann zu ihm sagen?
Wieso hatte er eigentlich so gespottet? Natürlich, Slytherins machen das gerne. Aber wieso? Sollte der Spott vielleicht von Blaise selbst ablenken? Versuchte er so, irgendetwas zu überspielen?
Selbst der Schlaf konnte sie nicht ganz aus diesen verworrenen und verfahrenen Gedanken befreien, denn sie träumte immer wieder vom See, von dem Baumstamm und auch von Blaise…
Nach nun mehreren Nächten, in denen sie schon schlecht geschlafen hatte, besonders die letzten 2, fühlte sich Ginny am Sonntagmorgen kaum in der Lage, aufzustehen. Auch eine ‚belebende' Dusche half ihr nicht viel. Zudem duschte sie nicht länger als sonst, da sie ihre Haare nicht schon wieder waschen musste, wie Ginny selbst einsah.
Immer noch gähnend trat sie schließlich in den Gemeinschaftsraum, um sich an den Kräuterkunde-Aufsatz zu setzen, denn sie am Samstag nicht fertig gestellt hatte. Wen interessierte schon „Die magischen Möglichkeiten verschiedener Nadelformen bei Pinus Nigra und Pinus Strobus"?
Im Gemeinschaftsraum war es deutlich ruhiger als sonst. Sie war anscheinend nicht die Einzige, die sich mit ihren Hausaufgaben beschäftigte. Selbst Ron und Harry spielten kein „Snap explodes". Moment mal... wo waren die beiden eigentlich?
Suchend sah sie sich um. Nein, sie entdeckte nur Hermine. Neugierig ging sie zu ihr hin.
„Guten Morgen, Hermine!"
„Oh, guten Morgen. Hast du eigentlich Zaubertränke weiter gemacht? Wenn ja, wirst du das spätestens nächstes Jahr bereuen. Snape ist ein Ekel in der Abschlussklasse, du weißt gar nicht, wie viele Hausaufgaben wir auf haben…"
Wie so oft war die Ältere anscheinend komplett in ihre Hausaufgaben vertieft. Sie bereitete sich wirklich gründlich und gewissenhaft auf die Prüfungen vor, daher machte sie auch alle Hausaufgaben mit größter Sorgfalt und in großer Ausführlichkeit.
„Habe ich, leider. Aber eine andere Frage: hast du Harry und Ron gesehen?", fragte die Rothaarige ganz direkt.
„Wie? Nein, heute Morgen noch nicht."
„Aha. Na gut, wir sollten beide weiter arbeiten."
Erstaunt sah Hermine sie an, dann blickte sie jedoch wieder in ihre Bücher. Auch Ginny ging zurück zu dem von ihr besetzten Tisch.
Seltsam. Wo war ihr Bruder nun schon wieder?
Da ihr Magen schon wieder früh knurrte – sie hatte ja kein Frühstück gehabt – ging Ginny früh in die Große Halle, um Mittag zu essen. Es waren noch nicht viele andere da. Sie setzte sich auf ihren Platz und nahm sich etwas Pastete. Nachdem sie eine Weile gegessen hatte, bemerkte sie, dass sie Durst hatte. Außerdem war sie immer noch müde. Gab es eigentlich beim Mittagessen auch Kaffee? Suchend blickte sie sich um.
Auf dem Gryffindor-Tisch stand jedenfalls keiner. Allerdings war das Haus der Löwen auch nicht dafür bekannt, große Kaffeetrinker hervor gebracht zu haben. Anders war das bei den Slytherins und Ravenclaws. Suchend wanderte Ginnys Blick also zum Ravenclaw-Tisch, und, als sie dort nichts sah, was wie eine Kaffeekanne aussah, schließlich auch durch die noch fast leere Halle an den Slytherin-Tisch.
Dort saßen bisher genau 2 Personen: ein kleiner Zweitklässler und…
Schnell blickte Ginny zurück. So dringend brauchte sie den Kaffee dann doch nicht. Allerdings spürte sie einen Blick auf sich ruhen – aus der Richtung, in die sie eben gesehen hatte. Prüfend drehte sie sich langsam hin… tatsächlich. Blaise Zabini sah sie an. Sie sah ihm direkt in die Augen.
Kurz, beinahe unmerklich nickte er mit dem Kopf. Dann, als wäre nichts gewesen, wandte er sich wieder seinem Teller zu.
Die Gryffindor war sprachlos. War das wieder mal diese Slytherin-Sprache? War das… vielleicht… die Zustimmung, dass er heute kommen würde?
In ihr regte sich etwas. Wie ein kleiner, warmer Ball bewegte sich etwas in ihr. Irgendwie schmeckte die Pastete plötzlich etwas besser. Auch die Wolken, die die verzauberte Decke heute anzeigte, schienen nicht mehr ganz so dicht und verschlossen zu sein. Ein Zeichen für neue Hoffnung?
Schon wieder saß sie im Gemeinschaftsraum über dem Kräuterkunde-Aufsatz. Sie war einfach zu nervös, sie kam nicht wirklich weiter. Es war jetzt halb 3. In 2 ½ Stunden würde sie sich mit Blaise treffen. Ob er wirklich kommen würde?
Plötzlich wurde neben ihr ein Stuhl gerückt. Erstaunt sah sie auf.
„Hi Colin."
"Hi Ginny."
Er sah ernst aus. War etwas passiert?
„Ist etwas?", fragte sie.
„Genau das wollte ich dich fragen."
Verwirrt sah sie ihn an.
„Du siehst schon wieder so trübsinnig aus. Ginny, ich frage mich wirklich, was dein Problem ist!"
Sie errötete leicht. „Colin, ich weiß es nicht!"
„Das hast du mir schon mal gesagt. Ich mache mir einfach Sorgen, ok?"
„Ja, ich weiß. Aber ich kann auch nichts dafür…"
„Doch! Das kannst du! Mensch, Mädchen, niemand muss schlechte Laune haben, wenn er es nicht will! Soll ich ehrlich sein? Es kommt mir so vor, als ob du dich geradezu in Selbstmitleid suhlst. Findest du das gerecht? Deine schlechte Laune wirkt sich schon auf deine Umgebung aus. Und es wird immer schlimmer!"
Sprachlos starrte sie ihren Freund an. Sie hatte gar nicht gewusst, dass er auch so reden konnte. Ja, der stille Junge hatte sich wirklich verändert.
Jetzt sprach er weiter:
„Was auch immer dir auf der Seele liegt: sprich es doch einfach aus! Vielleicht können wir dir helfen."
"Könnt ihr nicht.", erklärte Ginny. Scheiße, niemand konnte ihr helfen! Was würden die anderen sagen… sie hassten Slytherins. Wenn sie herausfanden, dass es an Blaise lag, dass sie in letzter Zeit schlechte Laune hatte, wollte sie nicht wissen, was die anderen ihm antun würden. Colin hatte schon am letzten Tag nicht glücklich damit gewirkt, dass sie sich wirklich mit Blaise getroffen hatte. Wenn er jetzt bemerkte, dass er mit seinen Befürchtungen Recht gehabt hatte?
„Colin, ich… es tut mir Leid."
„Dir tut es Leid, und uns tut es weh, dich traurig zu sehen."
Verflucht, jetzt hatte der auch schon so einen schwarzen Slytherin-Humor. Ein schlechtes Wortspiel.
„Ich… ich will mich nicht streiten.", bemerkte die Rothaarige schließlich.
Er sah ihr in die Augen. Dann seufzte er. „Ich auch nicht."
Er biss ich auf die Lippen: „Vielleicht sollten wir alle dir mehr vertrauen. Ein Streit ist schließlich keine Lösung, damit ist niemandem von uns geholfen."
Erleichtert blickte Ginny ihn an. Sie nickte. „Du hast Recht. Ein Streit ist wirklich keine Lösung."
Wenn sie vorher schon entschlossen war, nicht wieder mit Blaise zu streiten, so war sie es nach dem Gespräch mit Colin umso mehr. So jedenfalls ging es nicht weiter. Sie konnte sich nicht dauernd mit Blaise streiten! Das tat ihr nicht gut – überhaupt nicht. Es musste anders gehen.
„Wenn es auch sonst nichts gibt, so haben wir doch wenigstens die Hoffnung.", murmelte sie einen Spruch, den sie mal ihren Vater hatte sagen hören. Es war wohl das Beste, zuversichtlich in das Gespräch mit Blaise zu gehen. Es konnte nur besser werden! Oder?
Kurz nach halb 5 machte sie sich auf den Weg. Sie brauchte länger, da sie schließlich noch den Weg über die Ländereien zum See gehen musste. Glücklich, bei diesem kalten Wind, der ihr um die Ohren zischte, eine warme Jacke und einen Umhang an zu haben, ging sie zu dem vereinbarten Treffpunkt.
Einige Minuten vor 5 Uhr traf sie dort ein. Komisch. Blaise war noch nicht dort. Leicht beunruhigt setzte sie sich auf den Baumstamm. Wieso war er noch nicht da? Er war doch sonst so ein Pünktlichkeitsfanatiker?
Vielleicht war er wieder aufgehalten wurden. Aber von wem?
Oder… er würde gar nicht kommen. Aber wieso hatte er ihr dann heute Morgen zugenickt? Es hätte ja auch einfach ‚Guten Morgen' heißen können, überlegte sie sich. Oder er wollte sie schlicht und einfach ärgern. Auflaufen lassen. Womöglich sprang gleich Draco Malfoy aus dem Busch und lachte sie aus…
Während sie noch so in ihre Gedanken versunken war, bemerkte sie gar nicht, wie jemand anderes kam. Erst als ein Schatten auf sie fiel, sah sie auf.
„Guten Abend.", sagte Blaise in seinem üblichen leicht gelangweilt-arrogantem Tonfall.
„Oh, ich… guten Abend!", sagte auch Ginny. Sie schielte auf ihre Uhr. Es war Punkt 5 Uhr.
„Du bist pünktlich."
‚Na super. Toller Anfang.', dachte sie sich sofort.
„Ja."
‚Tolle Antwort. Wenn das so weiter geht…'
„Wollen wir ein Stück laufen?", fragte sie, bemüht, irgendeinen Gesprächsanfang zu finden.
„Ja."
‚Wirklich sehr gesprächig heute.'
Nachdem sie eine Weile schweigend gegangen waren, hielt es Ginny nicht mehr aus. Sie musste mit ihm reden, ihm sagen… was eigentlich?
Verdammt, er musste langsam denken, sie würde heute nichts mehr sagen. Sicher würde er gleich umdrehen und gehen…
„Hör mal, es tut mir echt Leid!", platzte Ginny auf einmal heraus. ‚Schlechter Anfang…'
Er zog eine Augenbraue hoch. „Was?"
„Also, ich meine…", druckste sie herum, „Du weißt schon! Vor 2 Wochen, in der Bibliothek… es… es tut mir Leid, was ich gesagt habe."
Sie sah ihn an. Er sah weiterhin schweigend geradeaus.
„Ich meine, die Sache mit dem ‚keine Gefühle haben'… ich habe das nicht so gemeint, ehrlich. Ich wollte das einfach nicht sagen!"
„Dafür klang es aber erstaunlich überzeugt.", antwortete er ruhig. Immer noch sah er sie nicht an.
„Aber das war es nicht. Bloß, du kannst einen manchmal wirklich auf die Spitze treiben, weißt du das? Man selbst ist wahnsinnig wütend, und dich scheint das überhaupt nicht zu kümmern. Ja, eigentlich scheint dich gar nichts zu kümmern… das ist nicht böse gemeint! Aber es dringt nie etwas nach außen…", fuhr Ginny fort. Irgendwie wurde das, was sie daher redete, nicht besser.
„In manchen Fällen ist es besser, seine Gedanken zu verstecken.", erklärte er. Erstaunt, dass Blaise etwas gesagt hatte, starrte Ginny auf den Weg vor sich. Trotzdem entging ihr der kurze Seitenblick, den Blaise ihr zuwarf, nicht.
„Es ist aber nur in manchen Fällen besser.", sagte Ginny schließlich vorsichtig. „Meistens ist es für andere Menschen wichtig zu sehen, was man denkt, wie man sich fühlt… alles das. Man… man kann dadurch leichter miteinander auskommen. Ansonsten weiß man nicht, wie man mit einer solchen Person, die nichts nach außen dringen lässt, umgehen soll, verstehst du? Man hat ständig Angst, etwas falsch zu machen…"
„Ist es nicht eher so, dass man Angst vor dieser Person hat? Weil sie… überlegen ist. Andere geben ihr, indem sie ihr die Gefühle zeigen, eine gewisse Macht, sich ausnutzen zu lassen. Diese Person gibt den anderen diese Macht nicht."
Das war verworren. Ginny musste darüber nachdenken. Doch schließlich antwortete sie:
„Nein, ich denke nicht, dass diese Person überlegen ist. Sie ist eher unterlegen. Sie kann sich anderen Menschen nicht öffnen. Ihr Leid nicht teilen und es so halbieren. Ihre Freude – auch die kann nicht geteilt werden, wodurch sie verdoppelt werden würde. Nein, ich denke, eine solche Person ist unterlegen. Nicht die anderen sind Gefangene der Macht dieser Person – sie ist in sich selbst gefangen. Der Mensch ist nicht nur durch sich selbst bestimmt. Seine Umgebung beeinflusst ihn, und er kann sie beeinflussen. Allerdings nur, wenn er sich öffnet."
Nach diesem Plädoyer suchte sie bewusst Blaise' Blick. Und fand ihn. Er schreckte nicht davor zurück, ihr in die Augen zu sehen. Das war stark von ihm – denn was sie dort fand, konnte wohl fast Verunsicherung genannt werden. Aber er konnte nicht aus seiner Haut. Auf seinem Gesicht lag keinerlei Anzeichen dafür, dass er verstanden hatte, was sie ihm sagen wollte.
Sie waren stehen geblieben. Abrupt bracht Blaise nun den Blickkontakt ab und ging weiter. Ginny folgte ihm.
„Es hat viel mit Schauspielern zu tun.", begann sie irgendwann zögerlich. Als sie merkte, dass er ihr nicht den Kopf abriss und anscheinend sogar zuhörte, redete sie weiter.
„Es ist wie das Spiel auf der Bühne. Man spielt eine Rolle, eine Figur. Ja, man zieht es sozusagen über sich, wie ein Maske.". Sie zögerte kurz. Wie sollte sie weiter machen?
„Jeder Mensch macht das."
Da, wieder ein kurzer Seitenblick von Blaise. Dennoch lief er stumm weiter geradeaus.
„Jeder Mensch.", wiederholte sie. „Jeder spielt teilweise nur eine Rolle. Eine Rolle, welche aufgebaut ist auf den Wünschen und Anforderungen der Umwelt. Bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt. Aber wenn wir lachen oder weinen, zeigen wir wirklich uns. Einige Menschen wollen noch nicht einmal das." An dieser Stelle zögerte sie kurz. „Ich… ich weiß nicht wieso. Es… hat sicher einen Grund."
Der Schluss ärgerte sie. Es war schwach, was sie gesagt hatte. Hatte er trotzdem verstanden, was sie meinte?
Sie wagte kaum, ihn anzusehen. Was war, wenn er jetzt wieder diesen kalten Gesichtsausdruck hatte? Kälter als das ewige Eis?
In Gedanken versunken achtete sie nicht mehr auf den Weg. Plötzlich…
„Huch!"
Sie war über eine alte Wurzel gestolpert. Zum Glück hatte Blaise schnell reagiert und sie am Arm festgehalten. Sie starrte die Hand an, die sie da festhielt. Wenn er wirklich sauer auf sie gewesen wäre, hätte er sie sicherlich einfach fallen lassen, da war sie sich sicher… kaum, dass er ihren Blick bemerkte, hatte Blaise seine Hand auch schon wieder blitzschnell weggezogen.
„Dass Gryffindors aber auch immer so ungeschickt sein müssen.", meinte er mit hochgezogener Augenbraue.
Schon wieder Spott? Diesmal wusste Ginny eine Erwiderung:
„Nein, nur einige kleine, rothaarige Mädchen! Der Rest von Gryffindor ist recht geschickt, wie man zum Beispiel beim Quidditch sieht…"
Ups, ob diese Anspielung darauf, dass Gryffindor Slytherin fast immer schlug, jetzt richtig gewesen war?
„Ja, aber da fliegt auch nicht das ganze Haus, sondern nur einige.", konterte er stattdessen.
Es war fast wie ein der Plänkeleien, die sie hatten, bevor sie sich gestritten hatten. Konnte es sein, dass sie sich tatsächlich wieder so verstehen konnten?
Aber eins war jetzt klar: er versuchte tatsächlich, mit dem Spott seine Gefühle zu überspielen. Ihn darauf jetzt jedoch anzusprechen war ganz sicher falsch. Aber vielleicht machte bereits dieses Wissen den Umgang mit ihm leichter…
„Wir gehen jetzt zum Schloss. Es wird spät.", unterbrach Blaise ihre Gedanken.
Verwundert sah sie ihn an. Er hatte tatsächlich ‚wir' gesagt. Zwar auch in der Befehlsform, soweit das jedenfalls ging, aber eindeutig in der Mehrzahl. Durch ihre bisherige Slytherin-Erfarhugn erkannte Ginny, dass er wohl ihre Entschuldigung angenommen haben musste. Auch wenn die Erklärungen etwas stotternd kamen…
Den Weg zurück gingen sie schweigend. Es war inzwischen dunkel geworden auf den Ländereien. Die Eingangshalle jedoch war hell erleuchtet. Um diese Zeit war niemand mehr hier. Das Abendessen war vorbei. ‚Hoffentlich hat Colin mir einige Brote mitgenommen', dachte sich Ginny.
Plötzlich standen sie an der Treppe, die hinunter in den Slytherin-Kerker führte.
„Danke, dass wir geredet haben.", hörte Ginny sich sagen.
Blaise' Mundwinkel kräuselten sich schon wieder verdächtig in die Höhe: „Hauptsächlich hast ja du geredet." Halt. Hatten seine grünen Augen jetzt kurz gefunkelt? Dieser Slytherin-Humor. Von dem hatte er jedenfalls eine Menge!
„Na ja, dann…"
„Sei pünktlich."
„Wie bitte?", fragte Ginny irritiert. Sofort wurde sie etwas rot. Das klang ja jetzt so, als hätte Blaise' ‚Erziehung' Wirkung gezeigt! Wobei… das hatte sie anscheinend, denn sie hatte nicht ‚Häh?' oder ‚Was?' gesagt… aber augenscheinlich hatte das auch Blaise' gemerkt, denn seine Mundwinkel zogen sich noch ein Stück nach oben.
„Du sollst pünktlich sein. Nächsten Samstag um 3 in der Bibliothek. Ich habe schließlich besseres zu tun, als den ganzen Tag auf dich zu warten."
„Wie? Oh, äh, ja… ich… Gute Nacht!" Mist, das stottern musste sie auch noch irgendwie los werden.
„Gute Nacht." Sein Grinsen wirkte amüsiert. Sicherlich der Spott…
Auf dem Weg hoch in den Gryffindor-Turm dachte sie über seine Worte nach. Wenn man das ganze von Slytherin in ihre Sprache übersetzen wollte, dann würde sie das so deuten, als ob er sich gerade bei ihr entschuldigt hat – schließlich war er auch nicht unschuldig an dem Streit gewesen.
In der vierten Etage stockte sie plötzlich. Moment mal. Was hatte er gesagt? ‚Ich habe schließlich besseres zu tun, als den ganzen Tag auf dich zu warten.' – Implizierte das nicht, dass er den ganzen Tag warten würde?
Das Letzte Stück bis zum Gryffindor-Turm rannte sie. Sie wurde aus Slytherins einfach nicht schlau. Was konnte sie glauben, was nicht?
oder auch: viertel vor 11 ;-)
Anmerkungen: Tädäh!
Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.
SORRY, SORRY, SORRY! Es tut mir wahnsinnig Leid, dass ich ewig nicht geupdatet habe – ich hatte so einen Stress! Ich verspreche, jetzt kommt es wieder häufiger! VIELEN DANK für eure vielen, tollen Reviews! (Nicht zuletzt deswegen habe ich mich dann doch aufgerafft, endlich weiter zu schreiben ;-)) Ich freue mich wirklich über jedes einzelne (auch wenn ich jetzt nicht jedem danken kann)! Ich hoffe, meine Geschichte liest noch jemand? Lasst es mich bitte wissen! Ich musste mich mit dem Kapitel erst mal wieder ‚einarbeiten' (schon allein deshalb werde ich jetzt wieder regelmäßiger updaten!). Und: KEIN Review ist ein SCHLECHTES Review ;-)
KNUDDEL an alle Leser! knuffel
