Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum ist geistiges Eigentum von J.K.Rowling. Mit dieser Geschichte wird kein Geld verdient.

Kapitel 24 – Zeit vergeht

Die kommende Woche war ausgefüllt mit Schule, Hausaufgaben und „Snap explodes" am Abend im Gemeinschaftsraum. Tatsächlich kam Ginny kaum dazu, sich viele Gedanken über das Treffen am Samstag mit Blaise zu machen. Nur abends, kurz vor dem Einschlafen, dachte sie manchmal daran. Aber weil sie einfach zu müde war, schlief sie immer bald ein.

Dennoch war sie ausgeglichener, das fiel auch Colin auf. Er freute sich für seine beste Freundin, dass es ihr anscheinend wieder besser ging, obwohl er nicht genau wusste, was mit ihr los gewesen war. Sie würde es ihm sicher irgendwann erzählen – fürs erste reichte es allerdings, dass sie nicht mehr in Tränen ausbrach, schimpfte und sogar häufig lächelte.

Dafür gab es nun ein anderes Sorgenkind im Gryffindor-Turm: Ginnys großer Bruder Ron ließ sich abends kaum noch im Gemeinschaftsraum sehen und lief ansonsten herum wie als hätte er aus Versehen eine Überdosis von Snape Spezialtrank „Schlechte Laune aus der Flasche" eingenommen. Selbst Harry kam nicht wirklich an ihn heran. Auch Ginny hatte es aufgegeben, nachdem sie einige Male einen deutlichen Anschnauzer von ihm bekommen hatte.

Ein Blick am Freitagmorgen auf den Probenplan sagte ihr, dass sie am Abend nicht spielen würde müssen: es kam eine Szene mit dem Präsidenten, Leonce und Valerio dran. Kurz überlegte Ginny sich, ob sie vielleicht doch nicht hingehen wollt, wie sie es sich eigentlich vorgenommen hatte: was war, wenn Justin ihr immer noch so böse war? Dann tat sie diesen Gedanken allerdings ab. Es war wichtig, diese Szene gespielt zu sehen, wie bei jeder Szene, um das ganze Stück zu verstehen! Außerdem spielte Blaise mit…

Der Tag verging schneller, als sie dachte. Bald gab es Abendessen. Es hatte sich das übliche Gefühl der Vorfreude eingestellt, wie immer vor einer Theaterprobe. Geschmälert wurde es lediglich durch die Furcht vor der Reaktion Justins. Sie hatten sich schließlich kaum gesehen, seit sie ihm erklärt hatte, dass sie kein Paar werden würden…

Nach dem Abendessen spielte sie mit einigen anderen eine Runde „Snap explodes". Ginny bemerkte kaum, wie die Zeit verging, bis sie kurz vor 8 auf die Uhr sah.

„Mist, ich muss los!"

Sie rannte hinunter in die Eingangshalle. Tonks hatte gerade die Tür aufgeschlossen und bemerkte sie dann:

„Ginny, schön, dass du auch kommst!"

Die anderen waren anscheinend schon in der Großen Halle. Nur Blaise stand ebenfalls noch draußen. Er nickte ihr zu und ging dann auch in die Große Halle.

‚Ob er auf mich gewartet hat?', fragte sich Ginny kurz. Dann beeilte sie sich, hinter Tonks einzutreten.

Wie üblich setzten sich die beiden Zuschauer auf Stühle vor der Bühne, während die anderen sich hinauf stellten.

Es waren diesmal 3 Schauspieler: Blaise, Justin, und der Ravenclaw, den Ginny von der Feier nach den Castings kannte: er hatte die meiste Zeit an den Knabbereien gegessen… wie war sein Name noch gleich? Ach ja, Carl. Man sah ihm an, dass er gerne aß…

Die 3 Schauspieler sahen inzwischen abwartend zu Tonks. Diese nickte ihnen zu und so begannen sie, die Szene zu spielen.

„Eure Hoheit verzeihen…", begann Carl.

„Wie mir selbst! Wie mir selbst! Ich verzeihe mir die Gutmütigkeit, Sie anzuhören.", unterbrach ihn Blaise.

Der Slytherin spielte mit unnachahmlicher Arroganz. Irgendwie meinte Ginny zu erkennen, dass ihm diese Szene Spaß machte. Wieso sie das dachte, konnte sie selbst nicht genau begründen. Es war nur so ein Gefühl… lag es an dem kurzen Blitzen in seinen Augen? An seinem Tonfall? Seiner Haltung?

„Geruhen Eure Hoheit…", begann der Präsident, also Carl, wieder unterwürfig.

„Aber schnipsen Sie nicht so mit den Fingern, wenn Sie mich nicht zum Mörder machen wollen!", unterbrach ihn Blaise erneut, wütender und auffahrend.

Ja, er hatte durchaus seine Freude daran. Die Szene ging weiter, Tonks musste kaum unterbrechen. Anscheinend hatten sich alle Schauspieler sehr gut auf diese Szene vorbereitet. Auch Carl war unerwartet gut. Das hätte Ginny ihm nicht zugetraut! Als er jedoch zu einer Stelle kam, wo er laut Regie ein Blatt Papier hervor ziehen sollte, sah er Tonks verlegen an. Schnell zauberte sie ihm eines in die Hand und er fuhr fort:

„Erlauben Eure Hoheit…"

Und wieder unterbrach Blaise ihn: „Was? Sie können schon lesen? Nun denn…"

Fast musste Ginny anfangen zu lachen. Diesen spöttischen Tonfall kannte sie nur zu gut. Ja, Leonce hatte einiges von Blaise selbst. Das wurde besonders in dieser Szene deutlich. Inzwischen ging die Szene weiter. Valerio, also Justin, und der Präsident, also Carl, waren abgegangen und Leonce führte einen kurzen Monolog. Und wieder musste Ginny fast lachen, als er sagte:

„Es steckt nun aber doch ein gewisser Genuss in einer gewissen Gemeinheit."

Diese Aussage hätte ebenso gut von einem Slytherin kommen können! Auch Tonks hatte das bemerkt, wie Ginny mit einem Seitenblick feststellte: die Leiterin der Theatergruppe grinste.

Nun trat Justin wieder auf die Bühne. Die Szene ging langsam damit zu Ende, dass Leonce und Valerio sich überlegten, dass sie „was anderes treiben" wollen:

Justin sagte: „Ach, die Wissenschaft, die Wissenschaft! Wir wollen Gelehrte werden! A priori! oder a posteriori?"

Das verstand Ginny wieder nicht. Was meinten sie damit? Was hieß ‚a piori'? Die beiden auf der Bühne beschlossen inzwischen, das kleine Königreich zu verlassen und nach Italien zu gehen.

Als sie geendet hatten, klatschte Tonks spontan in die Hände. Die 3 Schauspielenden sahen sie an. Ginny bemerkte, dass Justin auffällig genau Tonks ansah und nicht einmal ein Seitenblick ihr galt. Es versetzte ihr einen kleinen Stich und sie seufzte.

Währenddessen sagte Tonks: „Man hat gemerkt, dass ihr euch inzwischen in eure Rollen eingefunden habt! Die Szene war gut."

Dann erklärte sie noch einige Feinheiten, die noch verbessert werden konnten, und ließ die 3 die Szene noch einmal spielen.

Danach entließ sie sie mit einem zufriedenen Grinsen:

„Es lief wirklich gut heute! Und jetzt geht rasch in eure Zimmer, es ist spät!"
Vor der Großen Halle trennten sich die Wege der 4 Schüler schnell: Carl und Justin gingen in Richtung ihrer Gemeinschaftsräume ohne sich noch einmal umzusehen. Blaise war hinter Ginny als letzter aus der Halle getreten und schickte sich nun an, ebenfalls in Richtung Slytherin-Kerker zu gehen.

„Gute Nacht", sagte Ginny, als er gerade an ihr vorbei ging.

„Bis morgen." Er nickte ihr zu.

Auf dem Weg in den Gryffindor-Turm fiel Ginny auf, das an diesem Abend aus jedem Haus ein Schüler da gewesen war. Und es hatte keine Duelle gegeben; obwohl Justin Blaise mit seinem Blick fast erdolcht hatte, während dieser den Hufflepuff gekonnt ignorierte… aber wenigstens auf der Bühne lebten sie ihre Abneigung gegeneinander nicht offen aus. Immerhin etwas, auch wenn sie sonst kein einziges Wort miteinander wechselten. Vielleicht nutzte Dumbledores Idee des gemeinsamen Arbeitens und Spaß-Habens ja doch etwas…

Der nächste Morgen war wieder typisch Samstag-Morgen: spät aufstehen, duschen, Frühstück verpassen… inzwischen gab sich Ginny noch nicht einmal mehr die Mühe, doch noch zum Frühstück zu gehen. Sie schaffte es einfach nicht dahin, Punkt. Da konnte sie sich dann auch gleich mehr Zeit lassen, um sich zu Recht zu machen, zu duschen und Haare zu waschen…

Danach ging sie, wie immer, früh zum Mittagessen. Die Hauselfen hatten sich mal wieder besondere Mühe gegeben, und die Rinder-Pastete schmeckte ihr sehr gut.

Als sie dann wieder im Gemeinschaftsraum war, sah sie Colin winken: „Hey, Ginny, mal wieder früh Mittag gegessen? Oder soll ich besser sagen: spät gefrühstückt?" Er zwinkerte ihr zu.

„Spät gefrühstückt? Was meinst du damit? Gibt es Samstag etwa schon früher etwas zu essen?" Sie lachte und setzte sich zu Colin und einigen anderen Sechstklässlern. Sie spielten, wie so oft, „Snap explodes" und da es sehr unterschiedliche Essenszeiten gab, waren die ganze Zeit genug Spieler da. Es gingen welche, neue kamen… Ginny war froh, dass sich die Gryffindors untereinander so gut verstanden. Ob das bei den anderen Häusern genau so war? Bei den Hufflepuffs bestimmt… aber wieso ging das zwischen den Häusern so wenig?

Gegen kurz nach halb 3 bemerkte sie, dass sie in die Bibliothek musste. Oder besser: wollte. Sie freute sich auf das Treffen mit Blaise, auch wenn sie etwas Angst davor hatte, dass sie sich wieder streiten würden. Aber nach dem Gespräch am letzten Sonntag hatte sie Hoffnung.

Wie nun schon so häufig ging sie in der Bibliothek sofort in die hinterste Ecke. Ja, dort saß Blaise.

„Hallo!"

Sie lächelte ihn an.

„Guten Tag. Setz dich."

Puh, diese kühle Begrüßung versetzte ihrer guten Laune fast einen Dämpfer. Sie ließ sich ihm gegenüber nieder. Dann entstand eine peinliche Stille. Verlegen sah Ginny auf Blaise, der in einem Buch las. Ähm, was wollten sie heute eigentlich machen?

Dann sah er auf und ihr direkt in die Augen. Wieder bemerkte Ginny die kleinen braunen und goldenen Sprenkel in seinen grünen Augen.

„Du hast das letzte Mal gesagt, dass du nicht verstanden hast, was König Peter sagt."

„Ähm, ja. Und du hast erzählt, das bezieht sich auf… auf… Kante?"

„Auf Immanuel Kant, ja."

„Wer war das?" Neugierig sah sie ihn an.

„Kant gilt allgemein als einer der bedeutendsten Philosophen der Muggel. Weißt du, was Philosophie ist?"

„Ja, natürlich." Philosophie gab es schließlich auch bei Zauberern. Auch wenn hier teilweise andere Gedanken im Mittelpunkt standen. „Philosophie beschäftigt sich, hm, mit den großen Fragen unserer Existenz… also, nicht nur. Na ja, aber zum Beispiel mit Fragen wie ‚Was ist der Sinn des Lebens?', ‚Was sollen wir tun?' oder ‚Was können wir wissen?', zum Beispiel."

Blaise nickte. Mutig geworden, fuhr Ginny fort:

„Eine wirkliche Antwort kann man auf diese Fragen nicht finden. Also, das glaube ich zumindest. Deshalb denken auch so viele Menschen darüber nach. Percy hat mir davon erzählt… einige beschäftigen sich auch mit der Frage, warum wir zaubern können und die Muggel nicht und ob wir nicht den Muggeln helfen sollen; schließlich könnten wir es. Aber damit wird sich Kant wahrscheinlich nicht befasst haben?" Fragend sah sie den Slytherin an.

„In der Tat, das hat er nicht. Eines seiner Hauptwerke war das Ausarbeiten einer Erkenntnistheorie."

„Erkenntnistheorie?"

„Ja, das kann man umschreiben mit: ‚Wie erkenne ich, was die Wahrheit ist?'"

„Also suchte er auch, wie die Zauberer, nach Wahrheit?"

Blaise nickte. „Und auf den Weg, der zu Wahrheit führt."

„Und was sollte das für ein Weg sein?"

Allmählich begann es spannend zu werden. Ginny beugte sich leicht vor. Auch Blaise hatte ein klein wenig von dem leicht gelangweilten Unterton, der seine Stimme fast immer begleitete, verloren.

„Um das zu verstehen, lese ich gerade dieses Buch. Professor Tonks hat das nicht genau erklärt. Sie meinte nur, er kritisierte sowohl den Rationalismus als auch den Empirismus und versuchte, beides zusammen zu führen."

„Kann ich dir helfen?", fragte Ginny spontan. Abwartend sah sie ihn an.

„Ich denke nicht." Er schob ihr ein Buch zu. „Aber da du sonst eh nichts andere zu tun hast, kannst du es ja versuchen. Hier steht etwas über den Empirismus."

Eine Weile lasen beide schweigend. Dann fragte Blaise:

„Und? Hast du es verstanden?"

Sie nickte. „Ich denke schon. Also, der Empirismus geht davon aus, dass lediglich Beobachtung zu wahrer Erkenntnis führt."

Erstaunt sah Blaise sie an. „Das kann stimmen. Der Rationalismus ist das Gegenteil: nur rationales Denken bringt neue Erkenntnis."

Ginny grinste ihn an. „Na, ganz so dumm bin ich anscheinend doch nicht?"

„Erstaunlich. Bei einer Gryffindor!", gab Blaise zurück.

Um von dem leidlichen Du-bist-so-böse-weil-du-aus-einem-anderen-Haus-bist abzulenken, fragte Ginny:

„Und Kant findet nun Rationalismus und Empirismus falsch?"

„Ja und nein. Das ist schwierig zu erklären."

Erstaunt sah Ginny ihn an. Ein Slytherin konnte etwas nicht auf Anhieb perfekt? Aber nein, sofort erzählte Blaise weiter. Diese Blöße würde er sich nicht geben…

„Er sagt dazu: ‚Gedanken ohne Inhalte sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind'. Das heißt, eine Erkenntnis ist ohne sinnliche Wahrnehmung nicht möglich; sinnliche Wahrnehmung allein jedoch bleibt unstrukturiert, wenn der Verstand ihr nicht Begriffe hinzufügt und durch Urteile und Schlüsse miteinander verbindet!"

Das war schwierig zu verstehen. Nachdenklich spielte Ginny an einer ihrer Haarsträhnen herum.

„Kannst du mir ein Beispiel geben?", fragte sie schließlich.

Kurz überlegte Blaise. Dann meinte er: „Du siehst 5 Hippogreife auf einer Wiese. Etwas weiter davon entfernt siehst du 7 Hippogreife. Deine sinnliche Wahrnehmung zeigt dir die Tiere; aber erst dein Verstand nennt sie ‚Hippogreif'. Und jetzt gewinnst du die Erkenntnis, dass dort 12 Hippogreife sind. Denn 7+512, das ist eine Erkenntnis aus der Mathematik a priori."

„A priori? Das hat auch Büchner verwendet!"

„Genau, damit sind wir beim Stück." Blaise redete jetzt flüssig und sah ihr dabei sogar in die Augen. Das kam selten vor. Anscheinend fand er auch er das ganze spannend.

„A priori ist für Kant eine Erkenntnis ‚An sich', also die unveränderbare Tatsache, etwas, das nicht durch unsere Anschauung geprägt wird, sondern so ist."

„Kant will also zu, ähm, Erkenntnissen ‚a priori' kommen?", wagte Ginny zu fragen.

„Genau! Das ist sein Ziel."

„Und wie? Ich meine, was soll das überhaupt sein… a priori. Etwas, das nicht durch uns geprägt ist?"

„Raum und Zeit. Wir können uns nichts ohne Raum und Zeit vorstellen. Von den anderen Dingen erkennen wir nicht das Ding an sich, sondern nur seine Erscheinung… die kann allerdings von unseren Erfahrungen beeinflusst sein!", antwortete Blaise.

Wieder strich sich Ginny durch die Haare. „Das ist schwierig. Aber warte mal… wenn ich eine Feder schweben sehe, weiß ich, dass jemand sie mit einem Wingardium Leviosa gehoben hat; ich erkenne also, dass die Feder nicht von alleine schwebt – weil mir das meine Erfahrung sagt?"

Wieder nickte Blaise. „So und so ähnlich."

„Und wie kommt man dann zu Erkenntnissen?"

„Hier kommen Kants ‚Kategorien der Reinen Vernunft'. Die stehen hier…"

Blaise schlug ein weiteres Buch auf und suchte eine Seite. Er beugte sich darüber. Neugierig ging Ginny um den Tisch herum und setzte sich. Blaise ließ sie gewähren. Er war heute sowieso freundlicher als sonst… und es schien ihm sogar fast zu gefallen, falls man bei einem Slytherin von so etwas sprechen konnte, mit ihr über Kant zu diskutieren. Jedenfalls stritt er nicht mit ihr…

Still lasen beide. Dann fasste Blaise zusammen:

„Die Kategorien der Reinen Vernunft sind also Quantität, Qualität, Relation und Modalität. Genau so, wie es auch König Peter ins Büchners Stück beschreibt."

„Oder um es mit dem Hippogreif zu beschreiben: in der Kategorie ‚Quantität' ordne ich zu, dass da 12 Hippogreife stehen. Oder als Kants Wort: eine Vielheit.", grinste Ginny.

Wieder war ihr eine Haarsträhne vor das Gesicht gefallen. Frisch gewaschene Haare konnten widerspenstig sein. Sie fuhr fort: „Jetzt verstehe ich auch, was Büchner in dem Stück meint…"

„Hoffentlich. Schließlich habe ich dafür den ganzen Nachmittag geopfert."

Sie saßen nah beieinander. Erst jetzt bemerkte sie, dass es draußen bereits begann, dunkel zu werden. Plötzlich griff er vor. Seine Hand kam ihrem Gesicht näher. Dann spürte sie, wie er ihre Wange berührte. Schnell strich er die Haarsträhne, die dort hing, zurück.

„Das sieht unordentlich aus.", erklärte Blaise.

Aha. Die Reine Vernunft also. Der Erklär-Bär hat immer eine Erklärung parat. Fast musste Ginny grinsen, als sie Blaise bei sich ‚Erklär-Bär' nannte, aber nur fast. Sie hatte diesen Begriff neulich bei Colin aufgeschnappt. Aber irgendetwas in ihr fühlte sich seltsam leer an. Fast wie… Enttäuschung?

„Wir… wir sollten gehen.", meinte sie schließlich hastig. Die Stille war schon fast erdrückend gewesen.

Zu ihrer Verblüffung nickte Blaise. „Es gibt bald Abendessen."

Also hatte er auch dafür eine logische Erklärung. Nein, er nahm den Vorschlag einer Gryffindor nicht einfach an. Er hatte seine eigenen Gründe dafür, genau jetzt zu gehen, wo sie es vorgeschlagen hatte. Vollkommen unabhängig von ihr.

Wobei, er hatte auch bei einigen ihrer Aussagen heute zugestimmt. Aber das war etwas anderes, schließlich war er da so etwas wie ihr ‚Lehrer'…

Vor der Bibliothek trennten sich ihre Wege, denn Ginny ging hinauf in den Gryffindor-Turm, um gemeinsam mit Colin zum Abendessen zu gehen. Nein, der Slytherin sollte nicht denken, sie laufe ihm nach.

So vergingen die Wochen. Weihnachten kam näher.

Ginny und Blaise – nun, man kann nicht sagen, dass sie sich gut verstanden. Aber es kam auch nicht wieder zu einem so großen Streit, wenngleich Ginny manchmal das Gefühl hatte, Blaise den Kopf abreißen zu müssen, weil sein Spott mal wieder zu stark wurde oder der Sarkasmus in seinen Worten alles überdeckte. Sie trafen sich weiterhin samstags in der Bibliothek und redeten über das Stück. Wohlgemerkt, nur über das Stück. Persönliches besprachen sie auch jetzt nicht miteinander, nur die Szenen gingen sie Stück für Stück durch. Ohne dass einer von beiden es gemerkt hätte, waren sie zu einem guten Team geworden – was allerdings auch keiner von beiden zugeben würde. Sie konnten miteinander arbeiten und sich gegenseitig Textpassagen von Hintergrundlektüre zusammenfassen oder erklären. Blaise wirkte zwar immer so, als ob er die Hilfe nicht nötig hätte, aber auch ihm ersparte das eine Menge Arbeit – außerdem musste er ja Ginny helfen, damit sie als Lena gut würde, wie er öfters betonte. Diese wiederum hatte sich ein dickeres Fell zugelegt und erkannte nun sogar, dass der Humor des Slytherins durchaus interessant war – nicht unbedingt sofort verständlich, aber interessant.

Einmal brachte er sie mit einer seiner sarkastischen Aussagen („Natürlich müssen sowohl Leonce als auch Lena von zu Hause weglaufen. Sonst würden sie sich nicht treffen und der Autor müsste sich einen anderen Weg ausdenken, wie sie zusammen kommen.") dazu, dass sie in der Bibliothek laut lachen musste. Blaise konnte das ganze Stück unglaublich ernst nehmen, aber diese trockene, vollkommen realistische Aussage verwunderte dann doch.

„Sei ruhig, Madam Pince wirft uns sonst noch aus der Bibliothek. Können Gryffindors denn nichts ohne den notwendigen Ernst machen?", fragte sie Blaise, wiederum vollkommen ernst.

„Ich… ich muss mal.", keuchte Ginny und lief so schnell, wie es ging ohne den Racheengel Madam Pince aufzurütteln auf die Toiletten, um dort wiederum herzhaft zu lachen. Als sie nach einigen Minuten wiederkam, hatte sie zwar noch ein breites Grinsen auf dem Gesicht, sich aber wieder im Griff. Blaise sah sie zwar mit hochgezogener Augenbraue an, fuhr dann aber fort, als sei nichts geschehen.

Freitags waren beide bei den Proben. Dort lief alles wie immer: sie sprachen kaum ein Wort miteinander. Allerdings fiel es Ginny bald leichter, auch in Gegenwart von Blaise gut zu spielen. Sie konzentrierte sich ganz auf das Stück. Auch die anderen Schauspieler waren mit Feuereifer dabei. Langsam nahm der erste Akt, den Tonks noch vor Weihnachten schaffen wollte, Gestalt an.

Soweit lief also alles gut – was man leider nicht von allem sagen konnte. Ron hatte immer noch schlechte Laune. Wie Ginny nach einer Weile herausfand, hatte sich Sarah von ihm getrennt. Ihr sei die Beziehung zu oberflächlich gewesen. Auch wenn sich Rons schlechte Laune nur langsam besserte, atmeten doch die meisten seiner Freunde auf – niemand hatte das Mädchen sonderlich gemocht. Außerdem keimte in Ginny wieder ein kleiner Funken Hoffnung für Hermine. Diese jedoch meinte, dass sie lieber nicht darüber nachdenken wollte und stürzte sich in Arbeit. Sie wollte nicht ein zweites Mal enttäuscht werden…

Auch Justin war Ginny anscheinend immer noch böse. Inzwischen grüßte er sie zwar wieder, allerdings war das alles. Die Rothaarige war traurig, einen guten Freund verloren zu haben. Auch Hannah fiel auf, dass etwas mit den beiden nicht in Ordnung war und 5 Wochen vor Weihnachten fasste sie sich ein Herz und bat Ginny um ein Gespräch.

Inzwischen war Schnee gefallen. Die beiden gingen an einem Sonntagnachmittag auf einen Winterspaziergang, vorbei an einigen Erstklässlern, die sich Schneeballschlachten lieferten. Lächelnd betrachteten die beiden Mädchen die spielenden Kinder.

„Ist schon eine Weile her, dass ich bei einer Schneeballschlacht mitgemacht habe.", meinte Hannah.

„Geht mir ähnlich."

So plauderten sie eine Weile über alte Zeiten, bis Hannah zum Kern der Sache kam:

„Ginny, was ist eigentlich mit dir und Justin? Ihr hattet euch doch eine Weile so gut verstanden und dann plötzlich… Justin wollte nicht wirklich mit mir darüber reden." Sie sah die Jüngere an.

Die Gryffindor fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Was sollte sie dazu sagen?

„Na ja… ich… also er…"

„Er wollte mehr von dir, aber du nicht von ihm?"

Erstaunt blickte sie die Hufflepuff an. Sie hatte ausgesprochen, was sich Ginny nicht getraut hatte, zu sagen. Das Mädchen nickte. Hannah seufzte.

„Das habe ich mir schon gedacht. Und jetzt redet ihr nicht miteinander?"

Wieder konnte Ginny nur nicken. Dann platzte sie heraus: „Das habe ich doch nicht gewollt."

„Ich weiß. Justin weiß das sicher auch… aber ich denke, er kann im Moment einfach nicht aus seiner Haut heraus, obwohl er sich sicher gerne wieder gut mit dir verstehen würde. Schließlich mag er dich." Sie lächelte die Jüngere an. „Gib ihm noch ein wenig Zeit. Und lächel' ihn einfach immer an. Er wird merken, dass du dich wieder mit ihm verstehen willst. Und sicher bald darauf eingehen. Er ist eigentlich ein netter Kerl!"

Ginny nickte. „Danke… ähm… du und Justin…" Sie wurde rot. Aber Hannah hatte verstanden, was sie fragen wollte.

„Nein", lachte sie, „nein, wir sind kein Paar und auch nicht ineinander verliebt. Wir kennen uns dazu einfach schon zu lange, weißt du? Nach fast 7 Jahren Freundschaft käme es mir seltsam vor, in ihm plötzlich etwas anderes zu sehen… ich glaube an Liebe auf den ersten Blick."

Sie plauderten noch eine Weil weiter und gingen dann, als es kalt wurde, ins Schloss zurück. Ginny befolgte Hannahs Rat, und tatsächlich: wie als ob Justin auf ein Zeichen von ihr gewartet hätte, grinste er bald zurück und sie redeten auch wieder bei den Proben miteinander.

Inzwischen waren es nur noch 2 Wochen bis Weihnachten. Als Ginny an diesem Freitag aufwachte, bemerkte sie, dass auf ihrem Probenplan etwas leuchtete. Sie besah sich das genauer. In einer rosa Schrift stand dort:

„Kommt heute Abend bitte alle zur Theaterprobe! Ich habe etwas anzusagen, was alle Mitglieder betrifft!"

Aha, die Nachricht kam von Tonks. Worum ging es wohl?

Gespannt ging Ginny abends in die Eingangshalle, wo bereits einige andere Mitglieder der Theatergruppe warteten. Langsam wurden es mehr und schließlich tauchte auch Tonks auf und ließ sie in die Große Halle.

„…15, 16, 17. Wir sind vollzählig!", strahlte sie, als sie sich umgesehen hatte. Die Schüler standen im Kreis um sie herum. Die meisten sahen neugierig aus. Was hatte die Leiterin wohl zu sagen? Nur den Slytherins war wie immer keine Gefühlsregung anzumerken.

„Ihr habt euch sicher schon gefragt, warum ich euch heute zusammen gerufen habe.", begann Tonks. „Ich will euch auch gar nicht lange hinhalten. Professor Dumbledore hat erlaubt, dass die Theatergruppe eine Weihnachtsfeier machen darf!" Sie strahlte die Schüler an. „Wir arbeiten gut zusammen, da haben wir uns jetzt auch etwas Spaß verdient! Wir werden uns nächste Woche Freitag 19 Uhr hier treffen und dann gemeinsam feiern. Ihr dürft länger aufbleiben als sonst, das habe ich bereits abgeklärt. Zieht euch etwas Nettes an und bringt gute Laune mit!"

Sie grinste in die Runde. Die meisten Schüler grinsten zurück. Das hörte sich lustig an. Und wenn Tonks eine Feier plante, würde es sicherlich gut werden…

Aufgeregt diskutierten die Schüler miteinander. Was Tonks wohl alles geplant hatte? Und, eine bei den Mädchen sehr wichtige Frage: was sollten sie anziehen?

Auch Ginny überlegte. Viel Auswahl hatte sie nicht… zum Glück war am nächsten Tag ein Hogsmead-Ausflug geplant. Sie würde schauen, ob sie sich etwas Hübsches kaufen konnte.

Da es kurz vor Weihnachten war, drängten sehr viele Schüler aus dem Schloss und nach Hogsmead. In einer Woche würden sie bereits nach Hause fahren; am Abend zuvor war die Theater-Weihnachtsfeier.

Gemeinsam mit Colin, der noch Geschenke für seine Eltern und Dennis kaufen wollte, ging Ginny in das kleine Dorf. Sie hatten nicht viel Zeit, denn um 3 wollte Ginny wieder zurück im Schloss sein, da sie sich dann mit Blaise traf.

Zuerst besorgten sie im Honigtopf etwas Süßes für ihre Geschwister. Danach schlenderten sie umher auf der Suche nach einem Laden, wo man etwas für die Eltern kaufen konnte. In einem Gebraucht-Trödellädchen für alles Mögliche wurden sie schließlich fündig: Ginny fand für ihre Mutter ein Buch aus den jungen Jahren von Stanley dem Schönen und für ihren Vater eine Rolle, die Colin „Klebeband" nannte – was Muggel sich nicht alles einfallen ließen! Auch Colin wurde fündig. Gemeinsam schlenderten sie dann weiter.

„Weißt du schon, was du auf der Weihnachtsfeier anziehst?", fragte Colin. „Dennis hat mir davon erzählt."

„Nein, weiß ich nicht… ich habe nichts Ordentliches!"

„Dann lass uns doch einfach mal schauen!". Und schon zerrte er sie zu dem nächsten Laden: Moden für alle Anlässe.

„Colin! Nein!"

„Kein Widerspruch."

Und schon waren sie in dem Laden. Ginny war es ziemlich peinlich, mit einem Jungen einen Festumhang kaufen zu gehen.

„Machst du das mit Nancy genauso?", knurrte sie.

„Nein, Nancy geht freiwillig mit.", grinste er zurück. „Wir müssen ja nichts kaufen. Aber umsehen kann man sich doch!"

Ergeben seufzte Ginny. Wenn es denn sein musste…

Der Laden führte viele hübsche Sachen. Aber die meisten waren deutlich zu teuer! Gab es hier nichts Gebrauchtes? Auch Colin blickte sich suchend um. Tatsächlich! Dort hingen Umhänge aus zweiter Hand.

Leider sahen die meisten auch so aus. Doch dann entdeckte Ginny einen hübschen Grünton. Neugierig griff sie danach.

Es war ein sehr schlichtes Kleid mit langen Ärmeln und einfarbig in einem dunklen Grün gehalten. Der Stoff war zwar weich, aber nichts Besonderes. Dennoch fand Ginny das Kleid sehr hübsch. Auch Colin sah hin.

„Hey, ich glaube, die Farbe würde dir stehen."

Also probierte sie es an. Als sie aus der Umkleidekabine trat, pfiff Colin anerkennend durch die Zähne.

„Nicht schlecht. Es ist zwar wirklich schlicht, aber es betont deine schlanke Figur. Und die Farbe steht dir wirklich gut."

Ginny errötete dezent. „Aber ist es nicht zu teuer…"

Schnell suchte sie nach einem Preisschild. Da sagte die Verkäuferin:

„Ach, Sie interessieren sich für das Kleid? Das ist nicht teuer. Ich habe es schon lange, aber den meisten ist es zu schlicht, die wollen etwas Aufwändigeres. Deshalb habe ich es irgendwann zu den billigeren gebrauchten Sachen gehängt… es ist nicht teuer."

Tatsächlich, der Preis war wirklich bezahlbar. Trotzdem überlegte Ginny noch.

„Ach komm, nimm es mit!", gab Colin schließlich den Anstoß. „Die Farbe steht dir ausgezeichnet."

Also nickte sie und bezahlte.

Draußen auf der Straße war die Luft sehr erfrischend, nachdem sie doch eine ganze Weile in dem stickigen Laden gewesen waren.

„Puh, jetzt habe ich Hunger!", meinte Ginny. Colin nickte. „Geht mir genauso. Lass uns in die 3 Besen gehen."

Inzwischen war es kurz vor 12. Zum Glück war noch ein einzelner, kleiner Tisch frei. Sie quetschten sich zu ihm durch und setzten sich.

Sie waren noch nicht lange dort, als sie plötzlich eine Stimme hörten.

„Hi! Kann ich mich hierhin setzen? Woanders ist kein Platz mehr!"

Ginny stöhnte innerlich auf. Sarah!

„Na, was habt ihr heute so gemacht?". Sie grinste die beiden an, als wären sie seit Jahren die besten Freunde. Colin, der nichts gegen Sarah hatte, antwortete ihr höflich. Eine Weile unterhielten sich die 2, dann wandte Sarah das Wort an Ginny:

„Du hast ein Kleid gekauft? Darf ich mal sehen?"

„Hm."

Sie öffnete die Tüte und zog das Kleid heraus.

„Oh! Die Farbe ist wirklich schön.", sagte Sarah. Dann sah sie prüfend zwischen dem Kleid und Ginny hin und her. „Aber es ist ziemlich schlicht… warte mal!"

Sie zog ihren Zauberstab hervor und murmelte etwas. Ginny wollte schon entsetzt protestieren, da bemerkte sie, wie sich der Stoff gewandelt hatte. Er hatte einen feinen Glanz bekommen – nicht aufdringlich, sondern hübsch.

„Wie… wie hast du das gemacht?"

„Hey, ich bin nicht umsonst Jahrgangsbeste.", grinste die andere. „Außerdem habe ich 3 ältere Cousinen, die haben mir einiges beigebracht."

„Danke!"

„Keine Ursache. Ich mache das gerne… am liebsten würde ich später in die Modebranche gehen, aber meine Eltern wollen, dass ich etwas Vernünftiges lerne. Deshalb arbeite ich auch in der Schule so viel…"

Interessiert hatten die beiden Gryffindors zugehört. Sie waren zwar in einem Jahrgang, dennoch wussten sie so wenig übereinander. Beide hatten Sarah immer als arrogant eingeschätzt. Das war eine neue Seite an ihr, und sie war nicht schlecht… aber natürlich, es musste ja auch einen Grund gehabt haben, warum Ron etwas mit ihr angefangen hatte. Dumm war er nicht.

„Ich habe da eine Idee!", grinste in dem Moment Sarah wieder. „Ich könnte auch den Schnitt etwas verändern… wie gesagt, mir macht das Spaß und so könnte ich etwas praktische Übung bekommen."

Hm. Es konnte nur besser werden, oder? „Ok, wenn du magst."

Und schon zauberte Sarah eifrig weiter. Ginny hatte sie selten so fröhlich erlebt. Man konnte sich wirklich gut mit ihr unterhalten, wenn sie nicht ständig meckerte! Außerdem half es sicherlich, dass Sarah mal wieder ihr Können demonstrieren konnte… trotzdem, es musste wirklich schlimm sein, wenn die Eltern etwas anderes von einem erwarteten, als man selbst wollte… ihre eigenen waren da zum Glück unkompliziert.

Nach einer halben Stunde war Sarah fertig und gab Ginny lächelnd das Kleid zurück.

Bald darauf musste sich die Rothaarige jedoch schon wieder verabschieden, da sie schließlich in der Bibliothek mit Blaise verabredet war.

Als sie im Schloss ankam, war sie pitschnass vom Schnee. Schnell ging sie in ihren Schlafraum, um sich umzuziehen und die Tasche mit dem Kleid abzustellen. Dann ging sie in die Bibliothek.

Wie erwartet, war Blaise schon dort. Er saß da, in einem Buch lesend. Ginny setzte sich ihm gegenüber hin.

„Hallo!". Durch den schönen Vormittag hatte sie gute Laune.

„Guten Tag."

Blaise dagegen anscheinend nicht. Seine Antwort kam kurz und emotionslos. Ginny seufzte innerlich. War etwas mit ihm?

Sie hatte in den vergangenen Wochen seine Launen respektiert und sich daran gewöhnt. Nicht, dass sie alles verstanden hätte. Aber es war besser geworden. Nicht gut. Aber besser.

Um ihn nicht noch weiter zu reizen, schlug sie ihren Text an der Stelle auf, an der sie in der letzten Woche gestoppt hatten.

„Wollen wir anfangen?", fragte sie.

„Ja."

Schweigend lasen sich beide den Text durch. Es war ein Gespräch zwischen Leonce und Valerio. Nach einer Weile sah Ginny auf:

„Was meint Valerio mit ‚So wollen wir Genies werden'? Die Antwort von Leonce klingt seltsam… er beschreibt eher einen Dichter als ein Genie."

„Dichter sind Genies. Oder halten sich für solche.", erklärte Blaise kurz.

„Also ist es wieder etwas gegen die Romantiker?"

„Ja."

Blaise war heute wirklich ausgesprochen kurz. Es ging noch eine Weile so weiter, dann reichte es Ginny.

„Sag mal, irgendetwas ist doch."

Er sah sie, wohl das erste Mal heute, direkt an. Dann blickte er wieder auf den Text. „Nein. Arbeite weiter, wir wollen irgendwann noch mit der Szene fertig werden."

Diese Slytherins! Ginny atmete ein paar Mal tief durch, um nicht zu platzen. Dann sagte sie ruhig:

„Blaise Zabini, ich werde nicht weiter arbeiten, bis du mir nicht erklärt hast, was für ein Bumbelwy dir über den Fuß gelaufen ist. Hat es etwa etwas mit Tonks' Ankündigung gestern zu tun?"

Diese Idee war ihr spontan gekommen. Letzte Woche war er noch normal gewesen – na ja, so normal, wie ein Slytherin sein kann. Zwischendurch war nichts passiert, außer, dass Tonks gesagt hatte, sie würden eine Weihnachtsfeier machen. Lag es also daran?

„Ich dachte, wir wollten mit der Szene fertig werden?", fragte er kalt. „Wenn wir schon in der Theatergruppe nicht voran kommen, dann doch wenigstens hier."

Ungläubig sah Ginny den Slytherin an. Dann fiel es ihr auf.

„Ach, das ist dein Problem! Du denkst, wir kommen nicht voran mit dem Stück, weil wir Zeit für eine Weihnachtsfeier verwenden? Und das widerstrebt dem Perfektionisten in dir."

Sein Gesicht zeigte keine Regung. Dennoch, oder gerade deswegen, war sich Ginny sicher, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

„Aber Blaise, überleg doch mal! Es ist wichtig, dass wir in der Theatergruppe uns gut verstehen. Man kann viel besser miteinander arbeiten, wenn man nicht ständig streitet. Außerdem kann man dann auf der Bühne auch viel besser miteinander agieren, weil man nicht so gehemmt ist. Es ist wirklich wichtig für die Gruppe, dass wir auch einfach mal nur Spaß miteinander haben… wie bei einer Weihnachtsfeier."

Während ihres kleinen Vortrages wanderte Blaise' eine Augenbraue Stück für Stück nach oben, wie als wolle er fragen ‚Denkst du das wirklich?'. Stattdessen sagte er einfach:

„Aha."

Ginny stöhnte innerlich. „Ja, und deshalb ist es auch wichtig, dass alle Mitglieder kommen.", hier sah sie ihn eindringlich an, „denn alle Mitglieder sind ein Teil der Theatergruppe. Ebenso, wie es wichtig ist, zu den Proben zu gehen, ist auch diese Weihnachtsfeier wichtig. Ganz oder gar nicht." Unbewusst benutzte sie einen der Leitsätze der meisten Slytherins. „Also, äh… bitte komm." Sie wurde rot. Ups. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Sie hatte nicht wirklich einen Slytherin um etwas gebeten? Oh nein… um abzulenken sprach sie schnell weiter.

„Also, äh, an welcher Stelle im Text waren wir?"

Ginny hoffte inständig, dass sich ihre Gesichtsfarbe allmählich wieder normalisierte. Also konzentrierte sie sich ganz auf ihren Text und bald diskutierte sie wieder mit Blaise. Er war immer noch kurz angebunden, wie sie innerlich seufzend bemerkte. Dann waren sie mit der Szene fertig.

Ginny stand auf. „Also, ich, äh, gehe dann mal."

Sie war immer noch etwas verwirrt.

„Bis dann." Er nickte ihr zu.

„Tschüß." Sie ging aus der Bibliothek und in den Gryffindor-Turm. Ob er wohl zu der Weihnachtsfeier kommen würde?

Anmerkungen:

Zusatz-Disclaimer: Das Stück „Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen, Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.

Immanuel Kants Gedanken gehören ihm selbst. Falls etwas falsch wiedergegeben wurde oder nicht verständlich scheint, bitte sagt es mir. Ich bin keine Philosophie-Professorin… und da ich es nur sehr, sehr kurz darstellen wollte (um einiges aus dem Stück zu klären) kann es sein, dass es falsch rüberkommt. Nehmt das Ganze nicht als „perfekt", das ist es sicher nicht: Ginny und Blaise können ja auch mal Fehler machen ;-)

Bitte verzeiht, dass ich hier Kant reingebracht habe. Aber es war mir von Anfang an klar, dass sich Ginny und Blaise auch auf „intellektueller" Ebene näher kommen müssen – das ist jetzt wohl hinreichend geschehen…

Ansonsten: hui, danke für die Reviews! Cool, dass doch noch so viele die Story lesen alle Reviewer knuddel Die Story wird im Übrigen noch ca. 10 oder 12 Kapitel haben – ich habe zwar die Geschichte im Kopf, aber wie sich das ganze während des Schreibens entwickelt… mal sehen! Aber viele Reviews fördern das schnelle Weiterschreiben ;-) Erpressung! alle Leser knuddel