Disclaimer:
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Kapitel
28 – Annäherungen?
Wie sie erwartet hatte, schlief
Ginny in der Nacht vom Samstag auf Sonntag schlecht. Ihre Gedanken
kreisten um den dunkelhaarigen Slytherin. Irgendwann gegen 1 Uhr
wurde ihr klar, dass sie die Tatsache akzeptieren musste, dass Blaise
Diamante geküsst hatte. Und um 3 Uhr war sie endgültig
davon überzeugt, sich den Jungen aus dem Kopf schlagen zu
müssen.
Dieser feste Vorsatz half ihr immerhin beim
einschlafen.
Auch am Sonntag kam Ginny aus dem Grübeln
nicht heraus. Sie bekam kaum mit, was um sie herum geschah. Zum Glück
bemerkte ihre Umgebung, dass sie Ruhe benötigte.
Die war nur
leider im Gemeinschaftsraum schwer zu bekommen. Irgendjemand aus den
jüngeren Jahrgängen machte fast immer Krach. Genervt zog
sich die Rothaarige nachmittags zurück.
‚Ich könnte
ein Bad nehmen.', kam ihr ein spontaner Gedanke. Das war
schließlich immer entspannend…
Zum Glück hatte ihr
Hermine das Passwort für das Bad der Vertrauensschüler
verraten. Die „Badewanne" dort war viel schöner.
Im
Bad der Vertrauensschüler angekommen, drehte sie einige der
vielen Wasserhähne auf. Ein Funken Freude regte sich in ihr, als
sie sah, wie das wohlriechende Wasser mit den vielen Schaumblasen das
Becken füllte. Ja, die Idee mit dem Bad war gut gewesen.
Langsam
ließ sie sich in das Wasser gleiten. Es war warm und
wohlriechend. Von Sekunde zu Sekunde entspannter genoss sie ihre
„Auszeit". Leider dauerte dies nicht lange, denn allzu bald
drängten sich wieder Gedanken an Blaise in ihren Kopf.
‚Wieso
hat er Diamante mir vorgezogen?', war die wohl bedeutendste Frage.
Sicherlich, sie war eine Slytherin und hatte wohl eine ähnliche
Erziehung wie er genossen. Und sie war nicht hässlich, wie Ginny
widerstrebend überlegte.
‚Aber das bin ich auch nicht',
schoss es ihr durch den Kopf. Auch wenn es eitel klang… aber es gab
immer wieder Jungen, die es ihr bestätigten. Also durfte sie das
wohl annehmen…
Falls Blaise auf Reinblütigkeit achtete, das
waren sowohl Diamante als auch sie. Oder? Na gut, ihre Familie war
als „Blutsverräter" verschrien. Und sie selbst gab auch
nicht viel auf die Rein- oder Nichtreinblütigkeit. Aber
trotzdem.
‚Vielleicht steht er ja auf blond und nicht auf rot',
kam es ihr in den Sinn. Aber war das nicht wahnsinnig oberflächlich?
Schließlich war man ja nicht nur wegen dem Aussehen mit
jemandem zusammen. Nein, für so oberflächlich schätzte
sie Blaise nicht ein. Er beschäftigte sich durchaus mit tief
greifenden Sachen, das hatte schon die gemeinsame Arbeit an den
Hintergründen des Stücks gezeigt…
Dennoch, er war ein
Slytherin. Sicherlich wäre es ihm peinlich, mit einer Gryffindor
zusammen zu sein. Also doch oberflächlich.
Das Badewasser
wurde langsam kalt. Ginny stieg aus der Wanne und trocknete sich ab.
Sie erwischte sich bei dem Gedanken, was Blaise wohl gerade machte.
Es machte sie wütend, dass sie immer noch so sehr an diesem Kerl
hing. Kämpferisch dachte sie sich:
‚Soll der Kerl doch
machen, was er will. Wenn er denkt, diese Diamante passt besser zu
ihm, bitteschön. Ich werde ihm nicht mehr nachtrauern.'
Als
sie aus dem Badezimmer trat, fühlte sie sich, als hätte sie
mit dem Wasser auch alles Nachtrauern um Blaise weggewaschen.
Die
Woche nahm ihren Lauf. Am Mittwochabend fragte Ron sie, ob sie einen
Spaziergang machen wollten. Ginny sagte zu. So gingen sie kurz darauf
über die Ländereien.
Sie plauderten über dieses und
jenes, über den Zaubertränkeunterricht bei Slughorn und
Verwandlungen bei McGonagall. Dann fing Ron ein neues Thema
an.
„Weißt du, eigentlich bin ich mit dir hier raus
gegangen, um mich bei dir zu bedanken."
Sein Blick ging in die
Ferne. „Wenn du mich nicht ermuntert hättest, hätte ich
mich wohl nie getraut, mit Hermine zu reden."
Ginny war
erstaunt. Ron war ungewöhnlich offen. Ob es an seiner frischen
Verliebtheit zu Hermine lag, dass er so weich gestimmt war?
„Ich
freue mich für euch.", antwortete sie schließlich. Ron
drehte sich zu ihr.
„Ich würde mich auch sehr gerne für
dich freuen", sagte er, „Schließlich will ich doch auch
nur, dass meine kleine Schwester glücklich ist. Es ist wirklich
schade, dass du in letzter Zeit so traurig bist.". Er grinste sie
an. Sie lächelte zurück. Ron war einfach nett.
„Ach
ja, und wenn irgendein Kerl etwas mit dir machen will, was du nicht
willst, dann komme einfach zu mir, und schon…"
„Schon gut,
Ron." Sie musste einfach grinsen.
Freitag, und somit: Probe.
Eine weitere Szene im 2. Akt mit Valerio und Leonce sollte geprobt
werden. Sie war bisher noch nicht gespielt wurden. Ginny überlegte
trotzdem, ob sie hingehen sollte. Schließlich spielte sie
selbst in dieser Szene nicht mit.
‚Ach, das ist kindisch.
Natürlich gehe ich hin.'
Gedacht, getan. Pünktlich um
8 stand sie vor der Großen Halle. Justin und Blaise, die diese
Szene spielen würden, standen da – wie immer mit
größtmöglichem Abstand.
‚Die beiden werden
sicher protestieren, wenn die Bühne zu klein ist.', schoss es
Ginny durch den Kopf. Sie stellte sich zu Justin, da der Slytherin
noch nicht einmal Notiz von ihr genommen hatte.
„Hi
Justin."
„Hallo Ginny, schön, dass du da bist."
Die
beiden lächelten sich an. Das Verhältnis zwischen ihnen war
immer noch etwas gespannt, aber zum Glück wieder
freundlich.
„Na, wie geht's dir so?", fragte Ginny. ‚Oh,
Wahnsinn, tolle Frage…' Ihr war einfach nichts Besseres
eingefallen.
„Ganz gut, und dir?"
„Ja, auch."
Damit
stand das Gespräch. Na gut, vielleicht waren sie doch noch nicht
ganz zu dem alten Plauderton zurückgekehrt.
„Ähm, wann
spielst du wieder eine Szene?", versuchte Justin einen weiteren
Versuch.
„Übernächste Woche. Nächste Woche bist
noch einmal du dran?"
„Ja, genau, mit der Szene von vor 2
Wochen. Wieso warst du eigentlich nicht da?"
Bildete sich Ginny
das nur ein, oder hatte Blaise tatsächlich ein wenig den Kopf zu
ihnen gewendet?
„Ron wollte unbedingt mit mir sprechen, ich
konnte das natürlich nicht übergehen, schließlich ist
er mein Bruder."
„Ach so.", Justin nickte.
In diesem
Moment kam Tonks. Sie begrüßte die drei und ließ sie
in die Große Halle. Nachdem sie zusammen mit Ginny vor der
Bühne Platz genommen hatte, begannen Blaise und Justin ihr
Spiel.
„Siehst du die alten Bäume, die Hecken, die
Blumen?", sagte Leonce alias Blaise, „Das alles hat seine
Geschichten, seine lieblichen, heimlichen Geschichten. Siehst du die
greisen, freundlichen Gesichter unter den Reben an der Haustür?
Wie sie sitzen und sich bei den Händen halten und Angst haben,
dass sie so alt sind und die Welt so jung ist. O Valerio, und ich bin
so jung, und die Welt ist so alt." An dieser Stelle musste Ginny
grinsen. Es war ein schönes Wortspiel. Außerdem steckte
einiges dahinter… dieser Büchner hatte sich sicher einige
Gedanken über das Leben gemacht, um so schreiben zu können.
Blaise fuhr fort:
„Ich bekomme manchmal eine Angst um mich und
könnte mich in eine Ecke setzen und heiße Tränen
weinen aus Mitleid mit mir."
An dieser Stelle unterbrach Tonks.
„Könntest du das vielleicht etwas gefühlvoller
sagen?"
„Ich weiß nicht, was sie meinen.", erklärte
Blaise steif.
„Doch, ich denke, das weißt du. Machs
einfach.", grinste Tonks.
Etwas perplex sah Blaise Tonks an,
hatte sich jedoch sofort wieder gefangen. Wahrscheinlich redete nicht
oft jemand so mit ihm. ‚Würde ihm aber nicht schaden',
grinste Ginny in sich hinein.
Blaise wiederholte den letzten Satz.
Tatsächlich er legte mehr Gefühl herein. Ja, jetzt konnte
man ihm wirklich glauben, dass er sich ab und zu gerne in eine Ecke
setzen würde… aber ein Slytherin und weinen?
Justin fuhr
fort: „Nimm diese Glocke, diese Taucherglocke, und senke dich in
das Meer des Weines, dass es Perlen über dir schlägt."
Der
Dialog zwischen den beiden ging weiter. Ginny fiel auf, dass die
Rollen wirklich gut besetzt waren: Blaise als Leonce, eine ziemlich
schwermütige, teilweise melancholische Figur und Justin als der
fröhliche, unbeschwerte, zu Schabernack aufgelegte Valerio.
Der
Rest der Probe verlief gut. Am Ende wünschte ihnen Tonks wie
immer eine gute Nacht und ging dann.
Auch Justin sagte noch zu
Ginny:
„Schlaf gut."
Dann nahm er sie kurz in den Arm. Auch
Ginny drückte ihn kurz.
In diesem Moment rauschte Blaise an
ihnen vorbei.
Die Probe in der nächsten Woche verlief
ähnlich. Blaise ignorierte seine Umwelt, Justin war nett zu ihr
und Ginny versuchte alles, um die Welt positiv zu sehen. „Das Glück
kommt zu denen, die lachen." hatte Dumbledore einmal gemeint und
Ginny fand den Spruch nicht schlecht. Sicherlich, es war schwer, mit
der Tatsache, dass Blaise sich ihr gegenüber nicht gerade
freundlich verhielt, auszukommen, aber immerhin verstand sie sich
wieder besser mit Justin. Das freute sie, denn der Hufflepuff war
wirklich nett und ein guter Kumpel.
Eine Woche später sollte
die erste Szene gespielt werden, in der Leonce und Lena gemeinsam
auftraten, zusammen mit Valerio und der Gouvernante. Ginny war etwas
nervös. Die Szene war zwar kurz, aber dennoch war es das erste
Mal, dass sie mit jemand anderem als nur Hannah auf der Bühne
stehen sollte. Bereits am Mittwoch begann sie ihren Text zu lernen.
Hoffentlich ging alles gut…
Freitagabend! Theaterprobe! Da sie
heute wieder selbst spielen sollte, war Ginny bereits einige Minuten
früher als sonst da. Kurz nach ihr kamen Hannah und Justin.
Ginny plauderte mit den beiden Hufflepuffs über dies und das.
Blaise ließ sich heute anscheinend mal wieder Zeit. Er kam
erst, als Tonks gerade die Große Halle aufgeschlossen
hatte.
Diesmal stand nur ein Stuhl vor der Bühne – außer
den 4 Schauspielern war nur Tonks da. Blaise und Justin gingen zuerst
auf die Bühne. Justin begann, und als er gesagt hatte:
„Und
ihr seid ein Kartenkönig, und ich bin ein Kartenbube, es fehlt
nur noch eine Dame, eine schöne Dame, mit einem großen
Lebkuchenherz auf der Brust und einer mächtigen Tulpe, worin die
lange Nase sentimental versinkt.",
traten Ginny und Hannah auf
die Bühne. Sofort reagierte Valerio alias Justin:
„und –
bei Gott, da ist sie! Es ist aber eigentlich keine Tulpe, sondern
eine Prise Tabak, und es ist eigentlich keine Nase, sondern ein
Rüssel."
Das alles sagte er zu der Gouvernante, also zu
Hannah. Doch schon wurden sie von Tonks unterbrochen:
„Halt, so
könnt ihr nicht auf der Bühne stehen! Hannah, du verdeckst
Ginny völlig. Ich weiß, es ist nicht sehr viel Platz, aber
ihr müsst darauf achten, dass ihr die anderen nicht verdeckt.
Versucht es noch einmal."
Und so probierten sie es wieder. Es
war wirklich viel schwieriger, zu viert zu spielen. Vor allem, da
immer nur einer redete. Was sollten die anderen während dieser
Zeit machen, wie sollten sie schauen, welche Gesten? Bei einem Dialog
war das viel einfacher. Besonders mit einem Übergang gab es
Schwierigkeiten…
„Für müde Füße ist jeder
Weg zu lang…", begann Blaise
„…und müden Augen jedes
Licht zu scharf, und müden Lippen jeder Hauch zu schwer und
müden Ohren jedes Wort zu viel.", setzte Ginny fort.
An
dieser Stelle sollte sie eigentlich mit Hannah von der Bühne
gehen, doch Tonks rief sie zurück.
„Nein, so geht das
nicht. Leonce und Lena begegnen sich zwar erst das erste Mal, sind
jedoch sofort fasziniert von dem jeweils anderen. Mehr Gefühl!
Was auf der Bühne übertrieben wirkt, wirkt im Zuschauerraum
normal."
Sie versuchten es noch einmal. Wieder war Tonks nicht
zufrieden. Ginny ärgerte sich über sich selbst. Wieso
funktionierte das nicht? Vielleicht musste sie sich mehr in Lena
hinein denken. Sie versuchte, jeden Groll gegenüber Blaise zu
vergessen.
‚Ich bin Lena… ich bin Lena…'
Auch Blaise
schien sich zu konzentrieren. Dann begannen sie den kurzen Dialog
erneut.
„Für müde Füße ist jeder Weg zu
lang…"
Er sagte es anders als vorher. Seine Stimme klang
weicher. Außerdem betrachtete er Ginny mit einem, ja, fast
zärtlichen Ausdruck im Gesicht. Er wirkte, wie als wolle er auf
sie zugehen, traue sich jedoch nicht. Die Worte ergaben eine
vollkommen neue Bedeutung. Ginny fühlte ihr Herz etwas schneller
pochen. Sie fuhr fort:
„…und müden Augen jedes Licht zu
scharf…", hier wand sie ihre Augen schüchtern lächelnd
von Blaise, nein, von Leonce ab, er sie immer noch zärtlich
betrachtete, „…und müden Lippen jeder Hauch zu schwer…",
sie wurde leiser, wusste nicht, wie sie Leonce gegenüber
reagieren sollte – Lena hatte schließlich keinerlei Erfahrung
und reagierte daher sehr schüchtern – „…und müden
Ohren jedes Wort zu viel.". Schüchtern blickte sie noch einmal
auf Leonce/Blaise, spürte dabei, wie sie rot wurde –
schließlich war es ihr doch etwas peinlich, so gefühlvoll
gespielt zu haben – und ging dann mit Hannah von der Bühne.
Kurze Stille. Dann rief Tonks laut:
„Toll! Ihr habt das
super gemacht!" Sie freute sich ehrlich. „Mensch, Ginny, Blaise,
ihr harmoniert wirklich gut miteinander."
Bald darauf war die
Probe vorbei. Wenngleich die Szene kürzer war als die meisten,
hatte es dennoch sehr lange gedauert und Tonks trieb die Jugendlichen
an, bald ins Bett zu gehen. Hannah, Ginny und Blaise verabschiedeten
sich noch voneinander. Eigentlich hatte Ginny angenommen, dass auch
Blaise noch etwas sagen würde. Aber sie sah nur noch seinen
dunklen Umhang in Richtung der Kerker verschwinden.
Wieso verhielt
er sich ihr gegenüber so verschlossen??
Samstagmorgen
erwachte Ginny schlecht gelaunt. Slytherins, solle die mal wer
verstehen… echte Schauspieler, auf der Bühne nett, aber
hintenrum… noch nicht einmal eine ausgiebige Dusche konnte sie so
wirklich aufheitern.
‚Ach, wieso rege ich mich eigentlich so
auf? Schließlich bin ich über Blaise hinweg… aber
trotzdem, etwas mehr Freundlichkeit kann man schon erwarten!
Schließlich müssen wir zusammen auf der Bühne stehen.
Nein, er sollte wirklich freundlicher sein.'
Immer noch etwas
wütend wusch sie ihre Haare. Angeblich sollte das ja entspannend
wirken.
Auch den Rest des Tages besserte sich ihre Laune
nicht. Irgendwann kurz nach dem Mittagessen hatten sich Ron und
Hermine zurückgezogen, um etwas Zeit zu zweit zu verbringen.
Colin war mit Nancy unterwegs. So saß also Ginny allein mit
Harry im Gemeinschaftsraum. Er bemerkte natürlich, dass sie über
irgendetwas verstimmt war.
„Wollen wir einen Spaziergang
machen?", fragte er irgendwann.
‚Ist das denn jetzt so etwas
wie das Allheilmittel?!', fragte sich Ginny perplex. Trotzdem war
sie froh, etwas an die frische Luft zu kommen.
Auf den Ländereien
waren sie schweigsam, redeten kaum etwas, bis sie am See waren. Dort
fragte Harry: „Wollen wir uns setzen?"
„Gut.", sagte Ginny
erstaunt. Sie setzten sich auf einen alten Baumstumpf an das Ufer des
Sees. Wieder schwiegen sie. Irgendwann sagte Harry:
„Du bist
über irgendetwas betrübt."
Es war keine Frage, sondern
eine Feststellung. Das Mädchen wusste nicht, wie sie reagieren
sollte. Schließlich nickte sie langsam. Irgendwie hatte Harry
Recht…
„Du musst mir nicht sagen, was es ist. Vielleicht weißt
du es selbst nicht… ich möchte nur, dass du weißt, dass
immer jemand da ist, mit dem du reden kannst. Ob ich das bin, oder
Ron, oder Hermine, oder Colin… du kannst wohl mit jedem von uns
reden."
Er sah sie aufrichtig aus seinen grünen Augen an.
Ginny schluckte. Wieder konnte sie nicht anders als nicken. Harry sah
auf den See. Dann sprach er weiter:
„Weißt du, es ist mir
klar geworden, dass wir nicht einfach nebeneinander her leben können.
In einer solchen Gesellschaft entsteht Leid, Misstrauen… wir
sollten uns alle mehr um unsere Mitmenschen kümmern, das ist mir
nach diesem Sommer klar geworden. Damit meine ich nicht nur unsere
nähere Umgebung. Wenn wir ein weiteres Unglück verhindern
wollen, müssen wohl alle mehr zusammen wachsen. Es klingt
vielleicht pathetisch, ja. Aber das denke ich."
Er sah sie nun
warm an.
„Ich bin froh, dass du in der Theatergruppe bist. Dort
sind teilweise ganz andere Ansichten vertreten. Vielleicht merkt man
es nicht auf den ersten Blick, aber es kann einem helfen, sich selbst
weiter zu entwickeln. Diese alten Klischees helfen wirklich nicht
weiter… aber wahrscheinlich langweile ich dich mit meinen
Reden."
„Nein, gar nicht…"
Sie saßen eine Weile
stumm nebeneinander, jeder in seine Gedanken versunken. Ja, Harry war
nach dem Finalkampf wirklich nachdenklicher geworden. Hatte er eben
wirklich das gemeint, was sie herauszuhören ahnte? Dass die
Häuser zusammenwachsen müssten, Vorurteile vergessen und
Freundschaften schließen?
Sie betrachtete ihn verstohlen von
der Seite. Und plötzlich war sie sich sicher, dass er eben das
gemeint hatte. Er wollte Frieden, Glück, für sich und die
Menschen in seiner Umgebung. Einer spontanen Eingebung folgend
rutschte sie ein Stück näher zu ihm und umarmte ihn. Sie
murmelte: „Danke."
„Gerne", murmelte Harry verlegen. Dann
hielt er ihr etwas hin, wie um schnell abzulenken, nuschelte
er:
„Hier, das ist ein Lied, welches ich sehr schön finde.
Vielleicht gefällt es dir auch. Ich habe es kurz vor Beginn des
Schuljahres entdeckt, es ist von einer Band namens ‚Schandmaul'.
Du kannst es mit dem magischen Musik-player hören."
Neugierig
steckte sich Ginny die beiden kleinen Teile, die Harry ihr hinhielt,
ins Ohr. Zuerst hörte sie nichts außer einem beruhigenden
Rauschen, es klang wie das Meer, welches an eine Küste läuft.
Dann setzte ein Instrument mit ruhigen, positiven Klängen ein.
Verschiedene Musikinstrumente spielten das Intro. Schließlich
begann ein Sänger mit recht tiefer, träumerischer Stimme
und angenehmer Melodie zu singen:
„Angekommen am Punkt,
an
dem die Füße nicht mehr tragen.
Angekommen am Punkt,
an
dem kein Weitergehen mehr lohnt."
‚Wie bei Blaise und mir…', sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Der Sänger sang weiter:
„Angekommen am
Punkt,
wo alles, was du je gesät,
angesichts der Größe
in
Vergessenheit gerät."
‚Wie der Kuss, der letztlich nur dazu geführt hat, dass wir uns noch mehr gestritten haben…'
„Angekommen am Punkt,
an dem sich alle
Geister scheiden.
Angekommen am Punkt,
an dem der Tatendrang
vergeht."
‚Ja, wirklich, Tatendrang habe ich kaum noch… er ignoriert mich sowieso.'
„Angekommen am Punkt,
wo
jede Flucht ihr Ende findet.
Angekommen am Punkt,
an dem sich
Jagdlust in dir legt."
‚Wir haben uns nichts mehr zu sagen…'
„Angekommen am Punkt,
wo jeder ruhelose
Träumer,
sich eingestehen müsste:
Hier ist Schluss,
hier ist die Küste!"
‚Vielleicht sollte auch ich ihm jetzt aus dem Weg gehen…'
„An diesem Punkt verweil
ich
einen langen Augenblick,
dann dreh ich um und seh nach vorn.
Muss
weiter, muss zurück!"
Ein wunderschönes
Instrumentalspiel erklang. Ginny war verwirrt. ‚Dann dreh ich um
und seh nach vorn. Muss weiter, muss zurück!' Vielleicht
sollte auch sie das machen? Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen.
Was nützte es, Blaise hinterherzutrauern, ihm sauer zu sein,
weil er keinen Schritt auf sie zu machte? Vielleicht war sie
diejenige, die wieder auf ihn zugehen musste? Wenn ihr wirklich etwas
an ihm lag… ja.
Als sie mit Harry zurück zum Schloss ging,
hatte sie neuen Mut gefasst. Wenn der Hippogreif nicht zum Zauberer
kommt, muss der Zauberer eben zum Hippogreif, oder wie war das?
Als
sie Sonntagmorgens erwachte, hatte sie gut geschlafen. Der Probenplan
auf ihrem Nachttisch blinkte. Neugierig sah sie darauf. Aha, eine
Nachricht war gekommen. Sie war offensichtlich von Tonks, denn sie
war in knallrosa:
„Blaise hat am Mittwoch Geburtstag."
Das
war alles. Verwundert sah Ginny darauf. Sagte Tonks bei allen
Mitgliedern der Theatergruppe die Geburtstage an? Vielleicht hatte
sie es bisher nicht mitbekommen. Wer weiß, was sich die –
etwas verrückte – Leiterin dabei gedacht hatte…
Im
Laufe des Sonntag keimte allerdings langsam in Ginny eine Idee. Gegen
Abend dann war sie sich sicher: sie wollte Blaise etwas zum
Geburtstag schenken. Etwas Kleines. Ein Schritt wieder auf ihn zu
sollte es sein. Sie konnten ja so nicht ewig weitermachen…
Dafür
brauchte sie Harrys Hilfe. Bis Mittwoch waren es noch 3 Tage und sie
musste noch einmal nach Hogsmead, um das Geschenk für Blaise zu
besorgen.
So setzte sich abends im Gemeinschaftsraum zu ihm. Er
saß auf einem der gemütlichen Sessel beim Kamin und las in
einem Buch.
„Harry…", begann sie.
Er sah sofort auf:
„Ja?"
„Kannst du mir einen Gefallen tun?"
„Kommt
drauf an, worum geht es?"
„Ich muss morgen nach Hogsmead",
flüsterte sie ihm zu. Es musste ja nicht der gesamte
Gryffindor-Turm mitbekommen, dass sie etwas vorhatte, was eigentlich
gegen die Schulregeln verstieß.
Nachdenklich sah Harry sie
an. Nervös wartete sie auf eine Antwort.
„Wie viele Stunden
hast du morgen?", fragte er schließlich.
„Bis um
4."
„Gut, dann gehen wir halb 5 los."
Gesagt, getan.
Mit Hilfe des unterirdischen Ganges hinter der Statue der Hexe
gelangten sie in den Keller des Honigtopfes. Unauffällig
schlichen sie sich in den Laden, als die Hexe an der Kasse gerade
jemanden bediente. Dann sahen sie sich um. Der Honigtopf war immer
einen Besuch wert…
Dennoch wollte Ginny Blaise keine Süßigkeiten
schenken. Sie konnte sich das bei ihm so schlecht vorstellen. Nachdem
sie also einige Kleinigkeiten für sich selbst gekauft hatten,
gingen sie hinaus.
Es war komisch, in Hogsmead zu sein, wenn sonst
kein Schüler hier war. Die Straßen wirkten so leer.
„Wo
willst du hin?", fragte Harry sie.
„Ich weiß nicht…
Doch, in den Bücherladen.", sprach sie ihre Idee aus.
Die
beiden Jugendlichen gingen zu dem Bücherladen des kleinen Ortes.
Dort war es zwar immer etwas staubig, aber die Auswahl war nicht
schlecht.
Eine Weile stöberte Ginny wenig zielgerichtet
herum. Dann hatte sie eine Idee. Hatte Blaise nicht einmal etwas von
Sartre gelesen? Vielleicht hatten sie so etwas ja auch
hier…
Tatsächlich. Einige Bücher des französischen
Philosophen standen hier. ‚Er ist also wirklich ein Zauberer
gewesen, sonst wären keine Bücher von ihm hier.', fiel
Ginny auf.
Neugierig sah sie, was dort stand. Gut, „Das Spiel
ist aus", aber das hatte Blaise ja bereits gelesen. Ein Buch mit
dem Titel „Geschlossene Gesellschaft" faszinierte sie besonders.
Sie zog es aus dem Regal und begann die Beschreibung zu lesen. Es
ging um 3 tote Personen, die in der Hölle schmoren. Jede der 3
Personen ist hierbei Folterknecht für die anderen: die lesbische
Ines wollte etwas von Giselle, diese wiederum macht sich an Garcin
heran, der allerdings die Anerkennung Ines' will. „Die Hölle,
das sind die Anderen", hieß es.
Am Ende des Buches hatte
der Autor selbst etwas geschrieben. Interessiert las Ginny das.
Sartre meinte, dass in die Beurteilung von einem selbst immer auch
die Meinung der anderen über einen hinein spiele. Hölle sei
nun, zu sehr vom Urteil anderer abhängig zu sein, da die
Beziehungen schlecht sind. Das fand Ginny interessant. Es klang so
„Slytherin". Sie entschloss sich, Blaise das Buch zu
schenken.
Nachdem sie bezahlt hatte, gingen Harry und sie zurück
durch den Honigtopf nach Hogwarts. Zum Glück fragte Harry nicht,
wieso sie unbedingt nach Hogsmead gemusst hatten. Sicher war er
neugierig, aber wenn sie es ihm sagen wollte, würde sie es ihm
auch so sagen.
Am Dienstagabend packte Ginny ihr Geschenk
sorgfältig ein. Sie schrieb eine kurze Notiz dazu: „Alles Gute
zum Geburtstag! Ich hoffe, das Buch gefällt dir. Schlechte
Beziehungen können sehr unangenehm sein. Ich wünsche dir,
dass du nie in einer Hölle landest. G."
Na gut, sie war
nicht ganz zufrieden mit diesem Spruch. Aber etwas Besseres fiel ihr
auch nicht ein.
Nachdem sie das Geschenk fertig hatte, ging sie
zur Eulerei und übergab es einer der Schuleulen. Somit würde
Blaise es am nächsten Morgen, wahrscheinlich zusammen mit
einigen anderen Eulen, bekommen. Wie er wohl reagieren
würde?
Anmerkungen:
Zusatz-Disclaimer: Das Stück
„Leonce und Lena", die Handlung, der Inhalt, Personen,
Handlungsorte, Ideen, Worte, usw usf gehört Georg Büchner.
Das Lied „Großes Wasser" ist von der Band Schandmaul (die
man nur empfehlen kann!!!!). Das Stück „Geschlossene
Gesellschaft" ist von Jean-Paul Sartre. Mir gehört also
nix.
Jaa, ich bin grad kreativ. Diese Kapitel machen mir Spaß,
weil es wieder etwas aufwärts geht Ich hoffe, euch gefällt
dieses Kapitel – schreibts mir doch einfach, wie ihr es fandet g
(Viele Reviews animieren zum schnellen weiterschreiben ). DANKE an
alle Reviewer ds letzten Kapitels!!!! KNUDDEL
