2. Die Flucht nach Vorne

19.59 Uhr. Nervös stand Hermine vor Snapes Büro und versuchte sich weitestgehend zu beruhigen. Doch so wirklich wollte ihr das nicht gelingen, was angesichts der Tatsache, dass sie wahrscheinlich die ganze Nacht lang bei Snape sein würde und irgendwelche grausamen Dinge tun musste, nicht verwunderlich war.

Tief einatmend und ihre Augen ein letztes Mal schließend, um doch noch ein wenig Selbstbeherrschung zu wahren, hob sie ihre Hand und klopfte zweimal gegen die dicke Holztür.

Keine drei Sekunden später wurde diese so wild aufgerissen, dass die junge Frau einen Schritt zurückwich.

„Reinkommen!" zischte Snape befehlshaberisch und starrte sie mit seinen dunklen Augen wütend an.

Hermine schluckte hart. Na das konnte ja heiter werden, dachte sie noch ironisch, bevor sie in sein Büro trat.

Ohne weiter auf sie zu achten, stürmte Snape zu seinem Schreibtisch, setzte sich dahinter und widmete sich seinen Studien. Etwas verdattert stand Hermine nun mitten in seinem Büro und wartete darauf, dass er ihr die Strafarbeit mitteilen würde. Doch nichts geschah.

Mehrere Minuten lang passierte gar nichts. Hermine hatte den Eindruck, dass er sie völlig ausgeblendet hatte. Ein wenig verwirrte sie sein Verhalten schon. Doch schließlich, als sie schon langsam glaubte, dass dieses Beine-in-den-Bauch-stehen ihre Strafe war, warf er lauter als nötig seine Schreibfeder auf sein Pult, lehnte sich auf seinen Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie mit seinen schwarzen Augen erzürnt an.

„Nun." Richtete er schließlich nach langem Schweigen das Wort an die junge Frau. „Ich höre."

Leicht verwirrt blickte sie ihren Professor an. „W-was wollen Sie denn hören, Sir?" fragte sie kleinlaut zurück.

Missbilligend schnalzte Snape mit seiner Zunge. „Stellen Sie sich nicht so blöd an Granger." Raunte er ihr bitterböse zu. Und als Hermine auch darauf nichts erwiderte, fügte er sichtlich um Beherrschung bemüht an: „Ich möchte wissen, wie Sie es wagen konnten, so mit mir zu sprechen!"

Abermals musste die junge Frau hart schlucken. Sie wusste, dass Snape seine Beherrschung gänzlich verlieren würde, wenn er keine zufrieden stellende Antwort von ihr erhielt. Aber diese hatte sie leider nicht. Es gab keine vernünftige Erklärung für diesen einen Satz, für diese Bitte.

„Ich… ich kann es Ihnen nicht erklären." Flüsterte sie und hoffte inständig, dass diese Worte nie bei ihm ankommen würden. Doch dem war leider nicht so.

„Wie bitte?!" presste er mit zischendem Ton hervor und erhob sich dabei geschmeidig wie eine Raubkatze von seinem Stuhl.

Panisch sah Hermine ihren Lehrer an und versuchte sich irgendwie zu erklären, was aber die ganze Situation nur noch verschlimmerte. „Ich… ich kann es wirklich nicht, Sir. Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das gesagt habe, aber Sie müssen mir glauben, dass… dass ich Ihnen gegenüber nicht… nicht respektlos sein wollte." Stotterte sie unbeholfen vor sich hin. Verdammt! Wo war denn nur ihre Souveränität geblieben, die sie sonst immer an den Tag legte?

Langsam kam Snape auf sie zu. Nur wenige Schritte vor ihr blieb er stehen und fesselte sie mit seinem schwarzen Blick, der ihr die Luft zum Atmen zu nehmen schien.

„Sie behaupten also, dass nicht Sie diese lächerlichen Worte gesagt haben, sondern jemand anderes durch sie gesprochen hat?" fragte er in einem seltsamen Tonfall.

Unsicher nickte Hermine. „So… so ungefähr Sir."

Mehrere Sekunden lang sah er sie einfach nur an und Hermine dachte schon, er würde ihr wirklich Glauben schenken. Doch dann plötzlich machte er einen gewaltigen Schritt auf sie zu, fasste sie grob an ihren Umhang und zog sie nah zu sich heran.

In diesem Moment konnte Hermine seine gewaltige bedrohliche Aura fühlen, die ihr eine Angst durch den Körper jagte, die sie so noch nie empfunden hatte. Seine tiefen hypnotisierenden Augen schienen sie zu erdolchen, ihr Innerstes mit einem gewaltigen Hass zu vergiften. „Halten Sie mich nicht zum Narren Granger. Das könnte Böse für Sie enden." Drohte er ihr mit dunkler Stimme. Dann stieß er sie mit einem angewiderten Gesichtausdruck von sich, sodass Hermine beinahe ihr Gleichgewicht verloren hätte.

„Glauben Sie wirklich, ich wüsste nicht, dass das wieder so ein wahnwitziger Streich von Potter, Weasley und Ihnen war?!" raunte er ihr zu.

Wie paralysiert schüttelte Hermine ihren Lockenkopf. Das war nicht wahr. Das war einfach nicht wahr. Dachte sie nur immer und immer wieder, doch aussprechen, konnte sie diese Worte nicht.

„Oder haben Sie eine Wette verloren Granger, in der Sie mich bloßstellen sollten?" ätzte er weiter.

Überrascht blickte sie Snape an. Ihn bloßstellen? Hatte sie ihn tatsächlich mit diesen Worten getroffen? Mutig blickte sie in seine Augen. Wütend funkelte ihr das tiefe Schwarz entgegen, doch für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, ein verletztes Aufblitzen erkannt zu haben.

Die junge Frau war verwirrt. Hatte sie sich das eben nur eingebildet oder hatte sie ihn tatsächlich mit diesen Worten gekränkt?

„Ich wollte Sie nicht bloßstellen." Erklärte sie mit fester Stimme, in der sie all ihren noch vorhandenen Mut hineingelegt hatte. „Es tut mir leid."

„Halten Sie gefälligst den Mund sie impertinente Person!" donnerte er plötzlich los, sodass Hermine abermals zusammenzuckte.

So langsam wurde Hermine wütend. Wie konnte er es wagen, ihr so etwas zu unterstellen?! Sie war eine Gryffindor und keine Slytherin!

„Für Ihre Respektlosigkeit und Ihre bösartigen Absichten werden sie heute Abend Filch zur Seite stehen." Legte er ihre Strafe fest, drehte sich um und zeigte Hermine damit deutlich, dass dieses Gespräch für ihn beendet war.

Doch Hermine sah das ganz und gar nicht so. Sie wusste nicht wirklich warum, aber irgendwie hatten seine letzten Worte sie so wütend gemacht, dass sie jegliche Angst vor ihn verloren hatte. Sie fühlte sich in ihrem Stolz und als Gryffindor gekränkt und das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen.

„Das ist nicht Ihr Ernst!" entwischte es auch sogleich ihren sonst nicht so vorlauten Mund.

Mit einem gewaltigen Ruck hatte sich Snape wieder zu der Gryffindor umgedreht und sie mit seinem dunklen Todesblick fixiert. „Wie bitte?" hakte er mit leise säuselnder Stimme nach, so als ob er sich vergewissern wollte, dass er auch richtig gehört hatte.

Kurz hätte Hermine sich für ihren Widerstand treten können. Doch nun, wo sie schon dabei war, konnte sie ihren Widerspruch auch noch genauer ausführen. „Ich habe mich Ihnen gegenüber weder respektlos verhalten, noch habe ich mit bösen Absichten gehandelt, Sir." Verteidigte sie sich tapfer.

Wieder kam er wie ein Panther auf sie zu geschlichen, hielt dieses Mal jedoch einen weitaus größeren Abstand. „Und wie kommen Sie zu dieser durchaus heroischen Annahme Miss Granger?" fragte er mit süßlichem Tonfall, welcher der Gryffindor so gar nicht gefiel.

„Nun" erwiderte sie und straffte dabei ihre Schultern, um selbstsicherer zu wirken. „Ich bin eine Gryffindor und keine Slytherin." Entgegnete sie schnippisch.

Stille.

Sekunden lang.

Das hättest du nicht sagen sollen, bemerkte ihre innere Stimme besserwisserisch. Denn nun hast du ihn tatsächlich in seiner Ehre gekränkt.

„Sie vergreifen sich im Ton Miss Granger." Erwiderte Snape schließlich nach einem ziemlich dröhnenden Schweigen.

Wieder setzte sich sein großer schlanker Körper in Bewegung. Langsam begann er die junge Frau zu umkreisen, wie ein Raubtier seine Beute. „Sie als Gryffindor halten sich also für etwas Besseres. Sie glauben, dass wir Slytherins immer böse Absichten verfolgen, dass nur Slytherins etwas gegen Schwächere, wie Schlammblüter oder Minderheiten haben." Bei diesen Worten, hatte er sie einmal umrundet und stand nun wieder direkt vor ihr.

Er konnte den herrlichen Zorn, der durch die Erwähnung des „bösen" Wortes geschürt worden war, deutlich spüren, er konnte es in ihren braunen Augen brodeln sehen. Und er wusste, dass ihre Leidenschaft ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu zügeln war, dass sie einfach aus der jungen Frau heraus stob.

Hermine spürte ihre eigene Wut. Wut, die sie jeglichen Respekt verlieren ließ. Doch das war ihr in diesen Moment völlig egal. Sie hasste ihn für seine Worte, für SEINE Respektlosigkeit. Und diese Wut brachte auch die nächsten Worte hervor, die Hermine unter anderen Umständen nie gesagt, wahrscheinlich noch nicht einmal gedacht hätte.

„Glauben Sie allen Ernstes, dass ich Sie freiwillig angefleht habe, auf sich aufzupassen? Glauben Sie wirklich, ich könnte dazu in der Lage sein, mich um Sie zu Sorgen, Sie anzuflehen, sie zu bitten?! DAS IST EINFACH NUR LÄCHERLICH!" schrie sie ihn zum Schluss hin entgegen.

Kaum hatte sie jedoch das letzte Wort ausgespieen, bereute sie es auch schon wieder. Aus einem Reflex heraus presste sie sich die Hand vor den Mund. Doch es nützte nichts mehr. Die Worte waren bereits gesagt.

Schwer atmend blickte sie den scheinbar erstarrten Snape an. Er bewegte sich nicht, schien noch nicht einmal zu atmen. Und eben diesen Zustand nutze die junge Frau auch.

Ohne weiter darüber nachzudenken, wandte sie sich um, riss die schwere Kerkertür auf und stürmte in den langen dunklen Gang. Ihre schnellen Schritte hallten an dem kalten Gemäuer wider, ihr Atmen kondensierte in der kühlen, feuchten Luft.

Ihre Schritte wurden immer schneller, bis sie irgendwann rannte. Die Gänge entlang, die Treppe zum Erdgeschoss hinauf, an der großen Halle vorbei, die große Treppe davor empor. Die Gryffindor hatte die letzten Stufen gerade erklommen, als eine raue Hand sie grob am Arm packte und herumriss.

Ein erstrickter Schrei entrang sich ihrer Kehle, der bei dem Anblick von zwei dunklen tiefen Augen aber sofort erlosch. Schwer atmend und der Panik nahe blickte sie ihn an. Sein wütender stechender Blick schien sie zu durchleuchten, sie zu erstechen. Sein Griff war noch immer hart um ihren zarten Arm gepresst und er gedachte nicht daran, dies zu ändern.

Er beugte sich zu ihr nach vorne, sodass sein Gesicht ihrem sehr nahe war. Sein heißer Atem strich beinahe brennend über ihr Gesicht und bescherte ihr eine Gänsehaut, die unheimlich ihren Körper entlang schlich.

„Ich warne Sie ein letztes Mal. Legen Sie sich nicht mit mir an. Sie können dabei nur verlieren." Und mit diesen beinahe geflüsterten Worten ließ er sie abrupt los, drehte sich um und verschwand mit wehendem Umhang in der Dunkelheit.

Zitternd und unfähig sich zu bewegen, stand sie wie ein Häufchen Elend mitten auf dem Gang. Sie wagte sich nicht zu rühren, kaum zu atmen. Der Schreck wich nur langsam aus ihren Knochen, die Panik zog sich nur allmählich zurück.

Sie hatte sich tatsächlich mit Snape angelegt. Oh Gott. Sie hätte wissen müssen, dass sie den Kürzeren ziehen würde. Und jetzt? Jetzt hatte sie sich gerade den übelgelauntesten und unberechenbarsten Lehrer der ganzen Schule zum Feind gemacht. Super Hermine! Hast du wirklich toll gemacht.

*****

Völlig entnervt und mit einem pochenden Kopfschmerz in der Schläfe schloss er die Kerkertür zu seinen Räumen hinter sich. Erschöpft lehnte er sich gegen diese und schloss seine Augen.

Nur langsam verringerte sich seine Wut. Wie konnte es diese Göre wagen, ihm Parole zu bieten. Nie hatte es auch nur ein Schüler gewagt, ihm zu widersprechen, ihn so respektlos zu behandeln. Von ihrem seltsamen Scherz vom Vormittag ganz zu schweigen.

Bitte pass auf dich auf.

Hallten die Worte in seinen Ohren wider. Sie hatten sich so ehrlich, so besorgt, so gut – viel zu gut angefühlt. Es ist ja nicht so, dass er sich in den letzten Jahren nach diesen Worten gesehnt hätte. Aber selten hatte er solch liebevollen Worte gehört, die nur für ihn bestimmt waren.

Er stöhnte genervt auf und stieß sich von der Tür ab, gegen die er immer noch lehnte. Sich die Schläfe massierend schritt er zu einem kleinen Regal, welches am anderen Ende des Zimmers stand. Er öffnete dieses und holte eine Flasche mit altem Whiskey hervor.

Snape schenkte sich ein Glas voll, schwenkte dieses kurz in der Luft umher und genoss den herben Geruch des Getränks, bevor er es in einem Zug leerte. Anschließend ließ er sich in seinen Sessel, direkt vor dem Kamin, fallen, schenkte sich noch ein Glas mit dem herrlichen Gebräu ein und lehnte sich zurück. Er versuchte wirklich alles, um sich zu entspannen. Doch sein Körper schien diesen Versuch zu ignorieren. Zu groß war die Wut auf die Granger, die Schmach ihrer letzten Worte und die Verletztheit über ihre Bitte, die nicht ernst gemeint war.

Er schnaubte. Warum sollte auch jemand solch eine an ihn gerichtete Bitte ernst meinen? Wer würde denn schon wollen, dass ein Ex-Todesser, für viele wahrscheinlich noch immer aktiver Todesser, auf sich aufpasst?

Versinken wir jetzt im Selbstmitleid? Meldete sich sein Inneres plötzlich zu Wort.

Wieder schnaubte er. Er und Selbstmitleid. Pah! Er kannte dieses Wort doch gar nicht. Sollte ihn die Granger doch weiterhin so verarschen. Ihm war es egal. Wenn sie ihren Spaß dabei hatte bitte. Er würde sicherlich auch seinen Spaß haben, wenn er ihre Bestrafung dafür auswählen konnte.

Dieser Gedanke trieb ihn ein wahrlich böses Lächeln auf die Lippen. Selbstgenießerisch schwenkte er sein Glas und beobachtete dabei die sich mitbewegende braune Flüssigkeit darin, die durch das Kaminfeuer bernsteinfarbend glänzte. Ja, er würde sicherlich seinen Spaß haben, dieser Gryffindor zu zeigen, wo ihre Grenzen liegen.