3. Ein zarter Schauer von Gefühlen
Langsam schritt Hermine durch die Gänge von Hogwarts. Sie trug nur ein langes weißes Nachthemd, welches beinahe verführerisch ihren schlanken Körper umspielte. Barfuß lief sie von einem Gang in den anderen. Sie war sehr nachdenklich, beinahe befand sie sich in einem beklemmenden Zustand, den sie nur schlecht beschreiben konnte.
Ihre braunen Augen waren müde, aber dennoch vermochte ihr Körper nicht in den Schlaf finden. Sie war unruhig, aufgewühlt. Zart strich ihre eine Hand an der steinernen Wand entlang. Sie ertastete das raue Gestein, welches sich seltsam angenehm auf ihrer zarten Haut anfühlte.
Die kühle Nachtluft wehte ihr durch die alten Fenster entgegen und trug den herrlichen Geruch von frischen Gras und duftenden Blumen zu der jungen Frau. Einen Moment lang erlaubte sie es sich selbst, stehen zu bleiben, die Augen genießerisch zu schließen und die frische Frühlingsluft in ihre Lunge fließen zu lassen.
Erinnerungen von glücklichen Tagen jagten durch ihren Kopf, die sie ganz schwindelig werden ließen. Sofort schüttelte sie diese Erinnerungen weg und öffnete die sanften Augen, in denen nun ein trauriger Glanz zu finden war.
So schön die Erinnerungen auch waren, so schmerzhaft sind sie nun. Sie atmete einmal tief durch und setzte sich dann langsam erneut in Bewegung. Hermine hatte keine Ahnung, wie lange sie ziellos durch die Gänge gewandert war, als sie am großen Eingangsportal innehielt.
Der Blick lag frei auf die Ländereien von Hogwarts, die von der sanften Dunkelheit umhüllt waren. Doch trotz der Dunkelheit konnte sie deutlich den schwarzen See erkennen, dessen Oberfläche glanzvoll das seichte Mondlicht widerspiegelte.
Majestätisch triumphierten die Berge gen Himmel, die den See säumten und bis zum Horizont reichten. Die kühle Nachtbrise wog die zarten Äste der Bäume und die Grashalme seicht im Rhythmus mit und trieb frische Seeluft zu der jungen Frau.
Ein leises Seufzen entrang sich ihrer Kehle, welches sehnsuchtsvoll in die Nacht getragen wurde. Plötzlich merkte sie, wie sich zwei Arme sanft um ihre Hüfte legten. Hermine musste sich nicht erst umdrehen, um zu wissen, wer es war.
Sie wusste es auch so. Seine Aura, seine Präsenz war deutlich zu spüren und nach all den Jahren hatte sie ein gewisses Gespür für seine Anwesenheit entwickelt. Genießerisch ließ sie sich gegen seine Brust sinken und schloss die Augen. Sein griff intensivierte sich noch ein wenig und sie merkte, wie er sanft sein Kinn auf ihrem Haar bettete.
„So nachdenklich?" erklang nach einer Zeit des Schweigens seine tiefe sonore Stimme, die ihr noch immer durch Mark und Bein ging und ihren Körper zum Vibrieren brachte.
Wieder seufzte die junge Frau. „Ich weiß auch nicht." Meinte sie leise. „Ich bin heute so aufgewühlt."
Zart küsste er sie auf ihr Haar, bevor er erneut sprach. „Und du glaubst, ein Spaziergang so alleine durch das leere Schloss hilft dir bei deinen Grübeleien?"
Auch wenn Hermine mit dem Rücken zu ihm stand, konnte sie deutlich vor sich sehen, wie er bei diesen Worten seine Augenbrauen ungläubig gehoben hatte und sie mit einem zarten, kaum merklichen Lächeln ansah.
„Nein." Erwiderte sie ebenfalls mit einem leisen Lächeln auf den Lippen. „Wahrscheinlich nicht."
Wieder breitete sich ein Schweigen zwischen den beiden aus, welches aber keineswegs unangenehm war. Es war ein harmonisches Schweigen, ein gegenseitiges Verstehen ohne ein Wort reden zu müssen.
Die Wärme seines Körpers übertrug sich auf Hermine und legte sich wie ein schützender Schleier um ihren schlanken Körper. Eine plötzliche Seligkeit packte sie, die sie zufrieden in sich hineinseufzen ließ.
Dieses Gefühl, seine Nähe waren alles, was sie brauchte. Er war ihr Lebensinhalt, ihre Luft zum Atmen. Enger kuschelte sie sich an seinen starken Körper, der noch immer schützend hinter ihr stand – die Arme eng um Hermine geschlungen.
Sie hörte seinen gleichmäßigen Atem, sie fühlte sein Herz klopfen und sie roch diesen so herrlich vertrauten Geruch aus verschiedenen Kräutern und Essenzen.
„Wir sollten wieder ins Bett gehen." Durchbrach er nach einer langen Zeit die Stille.
Die junge Frau hätte am liebsten aufgeschrieen und ihn versucht zu überreden, noch eine Weile mit ihr hier stehen zu bleiben. Einfach so, eng aneinander gekuschelt, die Nähe des anderen genießend.
Doch Hermine merkte, wie bleiern ihre Augen mittlerweile waren, wie sehr ihr Körper nach Schlaf lechzte. Und so fügte sie sich seinem Vorschlag, wand sich aus seinen Armen und drehte sich zu ihm um.
Braune Augen trafen auf tiefschwarze und sofort breitete sich eine Magie zwischen ihnen aus, die beinahe greifbar war. Man hatte das Gefühl, Funken würden in der Luft umher springen. Ausgelöst nur durch die sehnsuchtsvollen Blicke dieser beiden Personen.
Ein seichtes Lächeln umspielte Severus´ Lippen und verlieh ihm einen gar ungewöhnlichen Anblick. Seine Gesichtszüge wirkten in diesem Moment weich und sanft und nicht so hart und mürrisch, wie man es gewohnt war.
Ohne etwas zu sagen, griff er nach ihrer kleinen Hand und verbarg diese schützend in seiner. Anschließend setzte er sich langsam in Bewegung und zog Hermine zart mit sich.
In eigenen Gedanken versunken, liefen sie die langen dunklen Gänge von Hogwarts entlang in Richtung ihrer Privaträume. Doch irgendwann blieb Hermine stehen und hielt somit auch Severus davon ab, weiterzulaufen.
„Was ist los?" fragte dieser mit tiefer Stimme, als Hermine keine Anstalten machte, ihr Innehalten zu erklären.
Mit großen Augen sah sie ihn an. Das sanfte Rehbraun leuchtete mit den wenigen Fackeln, die an den Wänden hingen, um die Wette und eine zarte Röte hatte sich auf ihren Wangen gebildet.
Severus zog abwartend seine Augenbrauen in die Höhe und wunderte sich aufgrund ihres plötzlich so nervösen Verhaltens. Doch er wartete geduldig weiter ab. Er würde sie nicht drängen, endlich zu sagen, was ihr so offensichtlich auf der Zunge lag.
Hermines Herz bebte gefährlich schnell in ihrer Brust und ihr Atem war unregelmäßig. Verdammt, dachte sie nur. Warum musste sie gerade jetzt so aufgeregt sein? Resignierend schloss sie ihre Augen und atmete einmal tief durch, um ihrer Nervosität Herr zu werden.
Dann öffnete sie ihre Augen wieder und blickte abermals in die schwarzen Tiefen von Severus, der noch immer geduldig vor ihr stand und wartete.
Ein leichtes Lächeln umspielte Hermines Lippen und schließlich merkte sie, wie sich der Druck um ihrer Hand verstärkte. Diese kleine, aber doch so bedeutende Geste gab ihr den Mut, endlich das auszusprechen, was ihr schon so lange auf der Seele lag.
Sie senkte ihre braunen Augen tief in seine hinein und hielt ihn somit gefangen.
„Ich liebe dich." Hauchte sie ihm schließlich entgegen und spürte im selben Moment, wie Severus sie an sich heranzog, ihren Nacken sanft mit seiner anderen Hand umfasste und sie zärtlich küsste.
Mit einem Ruck saß Hermine kerzengerade in ihrem Bett. Ihr Atem ging schnell, ihr Puls raste. Sie versuchte sich zu orientieren und erst nach ein paar Sekunden erkannte sie, dass sie in ihrem Schlafsaal war.
Wie paralysiert saß sie in ihrem Bett und versuchte zu ergründen, was sie so aufgewühlt hatte. Und es dauerte auch nicht lange, bis die Erinnerung an den Traum zurückkehrte. Panik kroch in ihr hoch, als sie schließlich das Gefühl hatte, seine Lippen noch immer auf ihren spüren zu können.
Ihre Augen weiteten sich. Oh Gott! Schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte von Snape geträumt. Von SNAPE! Und nicht nur das. Sie hatte… sie hatte…
Hermine brach ihren Gedanken ab, da ihr schon allein davon übel wurde. Wie konnte ihr Unterbewusstsein ihr nur solch einen Streich spielen? Wie konnte ihr Innerstes wagen, ihr so einen Traum aufzuerlegen?!
Genervt stöhnte sie auf und vergrub ihr Gesicht in die Hände. „Was für ein Tag." Nuschelte sie leise in den Raum hinein und in diesem Moment war sie einmal mehr froh, dass sie Schulsprecherin war und somit ihr eigenes Zimmer erhalten hatte.
Sie war bereits in ihrem 6. Jahr auf Hogwarts. War hier aufgewachsen, erwachsen geworden. All die Jahre lang war ihr nie etwas Peinlicheres, Dümmeres und gewissermaßen Unheimlicheres passiert als in den letzten 24 Stunden. Erst flehte sie Snape an, auf sich aufzupassen, dann ließ sie sich von ihm bedrohen, anschließend beleidigte sie ihn aufs Übelste und als ob das noch nicht demütigend genug für ein ganzes Jahr war, träumte sie in derselben Nacht auch noch, dass sie ihm ihre Liebe gestand und er sie küsste.
Ein Schauer aus Ekel und Panik kroch in ihrem Körper hoch, als sie sich gewahr wurde, wie präsent dieser Traum noch immer war. Er hatte sich so real angefühlt, so intensiv.
Wild schüttelte Hermine ihren Kopf. Sie wollte darüber nicht mehr nachdenken. Es war nur ein blöder Traum und damit Basta! Aber dennoch blieb ein träges Gefühl in der Magengegend. Ein Gefühl, ausgelöst durch einen Gedanken, der sich in ihr aufdrängte, den die junge Frau aber noch nicht zulassen wollte.
Nicht jetzt, nicht heute. Denn dass, was sie innerhalb 24 Stunden erlebt hatte, reichte erst einmal für eine lange Zeit.
Laut ausatmend erhob sich Hermine schließlich und schleppte sich mit schweren Gliedern zu ihrem Bad. Ebenfalls ein zusätzlicher Luxus, den man als Schülersprecherin erhielt. Sie drehte den Wasserhahn auf und benetzt ihr Gesicht mit kaltem klarem Wasser.
Anschließend stützte sie sich mit beiden Händen auf das Porzellanbecken ab und betrachtete sich im Spiegel. Sie sah nicht gerade wie das blühende Leben aus, musste sie mit einem leisen Murren feststellen.
Sie war sehr blass, blasser als sonst und unter ihren Augen hatten sich dicke Schatten gebildet. Von ihren zerzausten Locken mal ganz zu schweigen.
Das hatte doch alles keinen Sinn, dachte die junge Frau bei sich, schnappte sich einen Haargummi, um sich die dicken Locken zu einem Zopf zusammenzubinden, ging dann zurück in ihr Zimmer, zog sich ein Pullover und eine Jeans über, schnappte sich ihren Zauberstab und verließ ihren Raum.
Sie wusste, dass sie gerade gegen die Schulregeln verstieß, doch sie musste raus. Raus an die frische Luft, raus aus diesen dicken Mauern, die ihr heute so beengend vorkamen.
Leise schlich sie durch die dunklen und verlassenen Gänge von Hogwarts und betete zu einer hohen Gottheit, welche sie wohl bemerkt den ganzen letzten Tag im Stich gelassen hatte, dass sie keiner erwischen würde.
Weder Filch und seiner seltsamen Teufelskatze noch Snape wollte sie jetzt begegnen. Und als sie genauer darüber nachdachte, kam sie zu dem Schluss, dass sie lieber Filch als Snape begegnen wollte.
Noch so ein Zusammentreffen mit dem Schrecken der Kerker würde sie nicht überleben. Mit klopfendem Herzen hatte sie schließlich tatsächlich das große Portal erreicht, welches sie unerlaubt in die Freiheit entließ.
Sie sog die kühle Nachtluft tief in ihre Lungen und merkte, wie wenigstens ein wenig Leben wieder in ihren Körper zurückkehrte. Es war eine schöne Frühlingsnacht, welche noch die Kühle des vergangenen Winters mit sich trug.
Der tiefdunkle Himmel wurde, ebenso wie der schwarze See und die gewaltigen Schatten der Berge, von dem vollen Mond erhellt.
Wie in meinem Traum, dachte Hermine nur und sofort war dieses Gefühl von Lebendigkeit in ihr wieder erloschen. Sie wusste nicht warum, aber diese Erinnerung an den Traum, der ja genau genommen noch nicht einmal ein Albtraum, sondern – eher im Gegenteil – sehr harmonisch und romantisch war, ging ihr gewaltig an die Substanz.
Denn schon allein ein romantischer Traum von Snape war Grund genug, dass die Übelkeit zurückkam. Hermine atmete tief durch und versuchte sich wieder zu beruhigen. Die angenehme Luft, die nach feuchtem Gras und dem Seewasser duftete, half ihr dabei, sich wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen.
Langsam schlenderte sie am See entlang. Diese beinahe schon erdrückende Stille wurde hier und da von einigen Rufen einer Eule unterbrochen. Auch der Wind sandte ab und an ein leises Rascheln durch die Baumgipfel. Aber ansonsten herrschte eine dröhnende Stille in der schlafenden Landschaft.
Der Spaziergang tat der Gryffindor gut. Sie hatte das Gefühl, ihre ganzen Gedanken und Gefühle könnten sich an der frischen Luft neu ordnen und sortieren. Das durcheinander in ihrem Kopf ließ ein wenig nach und somit steigerte sich auch ihr Gesamtbefinden wieder etwas.
Aber dennoch blieb dieses seltsame Gefühl in der Magengegend, welches sie daran erinnerte, dass sie sich mit den Dingen des letzten Tages noch nicht auseinandergesetzt hat. Und wenn sie ehrlich sein sollte, dann wollte sie das auch nicht. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wer oder was ihr diese bedeutungsschweren Worte Bitte pass auf dich auf eingepflanzt hatte. Und sie wollte auch nicht darüber nachdenken, warum sie gerade jetzt so einen abstrusen Traum mit Snape gehabt hatte.
Nein. Sie wollte wahrlich nicht darüber nachdenken. Und während die junge Frau grübelnd über die Ländereien von Hogwarts spaziert war, hatte sich nicht bemerkt, wie sie die Grenze des verbotenen Waldes überschritten hatte und sich nun inmitten von hohen Bäumen und verflochtenen Gestrüpp befand.
Erst ein lautes Knacken ließ Hermine aufhorchen und sich ihrer jetzigen Situation gewahr werden. Mit leichter Panik musste sie feststellen, dass sie im völligen Dunkel stand, welches nur von dem milchigen Schein des Mondes durchbrochen wurde.
Abermals war ein lautes Knacken zu hören, welches sie zusammenzucken ließ. So leise wie möglich schlich sie über den unebenen Waldboden und versuchte wieder über die Grenzen dieses gefährlichen Terrains zu gelangen.
Die Gryffindor schlängelte sich, ihren Zauberstab zur Verteidigung bereit haltend, gerade an einer Baumgruppe vorbei, die einen Kreis bildete, als sie in der Dunkelheit einen Schatten ausmachen konnte.
Hinter einem dicken Baum blieb sie stehen und als der Mond seinen Schein in den von den Bäumen gesäumten Kreis sandte, erstarrte Hermine und ein gewaltiger Ruck ging durch ihren Körper.
