5. Verwirrtheit
Mit großen Schritten und tobend vor Wut stürmte Snape über die Ländereien von Hogwarts. Er konnte spüren, wie sein Blut kochte, wie seine Muskeln sich verspannten und sein aufeinander gepresster Kiefer knirschte.
Wie konnte es diese Göre nur wagen, so mit ihm zu sprechen?! Wie konnte sie es wagen, IHN zu duzen, wie konnte sie es wagen, Lilys Namen auszusprechen, so als ob es das Selbstverständlichste wäre. Wie konnte sie es wagen, ihm bei seinem größten Geheimnis zu stören?!
Als ihm dieser Gedanke kam, blieb er abrupt stehen. Er schnaufte laut und seine schwarzen Augen verengten sich zu Schlitzen, als ihm gewahr wurde, dass dies nun nicht mehr sein Geheimnis war.
Diese Treffen mit Lily waren immer seine einzige Zuflucht, sein kleines Stückchen Normalität gewesen. Wie oft war er nachts in den verbotenen Wald gegangen, um seinen Patronus heraufzubeschwören und zu hoffen, dass sich dieser in Lilys Gestalt wandeln würde.
Wie oft hatte er in ihr wunderschönes Gesicht blicken dürfen, welches im zarten Elfenbein nebelschwadenartig schimmerte. Wie oft hatte er nach ihrem Tod nochmals die Gelegenheit gehabt, ihr in die tiefgrünen Augen zu blicken, welche ihm noch immer den Atem zu rauben schienen. Und wie oft hatte er es sich erlaubt, sich in ihre Arme zu schmiegen, um sich wenigstens für ein paar Minuten menschlich und geliebt zu fühlen.
Und jetzt war alles vorbei. Jedenfalls mit der Sicherheit, dass er ganz ungestört diesen Treffen nachgehen konnte. Jetzt gab es jemanden, der sein Geheimnis, seine Schwäche gelüftet hatte, der ihn gesehen und ihn somit in der Hand hatte.
Und dass dieser Jemand ausgerechnet diese Granger sein musste, setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Völlig entnervt strich er sich über seine Augen und hoffte somit diesen Gedanken wegwischen zu können. Doch vergebens.
Und so setzte sich der Professor für Zaubertränke wieder in Bewegung – mit langsamen, nachdenklich wirkenden Schritten. Er musste dafür sorgen, dass die Granger dieses kleine Geheimnis für sich behielt – und er wusste auch schon, wie er ihr das klarmachen konnte.
*****
Zitternd saß Hermine gegen einen großen Baum gelehnt. Im Moment war es ihr egal, dass sie alleine am Rand des verbotenen Waldes saß. Es war ihr egal, dass sie gegen die Schulregeln verstieß. Das hatte sie schon den ganzen Abend lang getan.
Das einzige was sie in diesen Augenblick beschäftigte, war Snapes und ihr eigenes Verhalten. Es machte ihr angst und sie kam nicht umhin, sich selbst für geisteskrank zu halten. Oder wie sollte sie es sich erklären, dass sie an einem Tag gleich mehrmals Snape so vertraut und beinahe zärtlich angesprochen hatte.
Zärtlich – ihr wurde schon schlecht, wenn sie an dieses Wort in Verbindung mit Snape dachte. Entsetzt über ihre eigenen Gedanken stöhnte sie auf, ließ ihren Kopf gegen die raue Rinde sinken und schloss ihre Augen.
Und wieder sah sie diese sanften grünen Augen von Lily – Lily Potter, geborene Evans. Ihre Schönheit war nahezu greifbar gewesen und der sanfte Schein, der sie ausmachte, hatte sie anmutig erscheinen lassen.
Warum sie? Fragte sich Hermine mit einem Mal. Warum gerade die Mutter ihres besten Freundes, des Jungen, der die Welt vor Voldemort retten soll? Was verbindet diese beiden Menschen miteinander?
Wenn Hermine ehrlich mit sich war, konnte sie sich noch nicht einmal vorstellen, dass Snape sich überhaupt mit jemandem verbunden fühlt. Geschweige denn mit Lily Potter. Traurig öffnete sie wieder ihre Augen. War das wirklich so? Konnte sie sich das tatsächlich nicht vorstellen?
Eine plötzliche Trauer durchzog ihr Herz und sie wusste nicht, woher sie kam. Es war so, als ob nicht ihr eigenes Herz schlagen würde, als ob es ausgetauscht wurden war. Ihre sanften Augen füllten sich mit Tränen und ohne dass sie es hätte steuern können, rann ihr die salzige Flüssigkeit in Strömen über das Gesicht.
Warum sie genau weinte, wusste Hermine nicht. Doch ihr Herz litt, hatte sich zu einem schmerzhaften Muskel zusammengezogen und schuf somit dieses erdrückende Gefühl im Hals und in der Brust. Sie konnte nicht anders, sie musste sich ihrer Trauer einfach hingeben. Eine Trauer, die so fremd und doch so vertraut zu sein schien.
Als sich ein lautes Schluchzen ihrer Kehle entrang, presste sie sich verzweifelt die Hand vor den Mund. Ihr ganzer Körper hatte angefangen zu zittern, sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, konnte einfach nur noch weinen.
Vielleicht war es die Anspannung, die sich in den letzten Stunden in ihr angesammelt hatte. Vielleicht war es diese rührende Begegnung zwischen Snape und der Hirschkuh, die sie so traurig hatte werden lassen.
Doch so sehr sie sich auch bemühte zu ergründen, woher dieses plötzliche Gefühl gekommen war – sie konnte es sich nicht erklären. Abermals schloss sie ihre brennenden Augen. Sie versuchte sich zu beruhigen, sich auf etwas Schönes zu konzentrieren. Doch sie suchte scheinbar vergebens in ihrem Gedächtnis nach einer Erinnerung, die sanft und schön genug war, um sie zu beruhigen.
Doch mit der Zeit bildeten sich verschiedene Formen und Farben vor ihrem inneren Auge. Es wurde heller, freundlicher. Sie konnte zwei Personen schemenhaft erkennen. Sie schienen über eine Wiese zu laufen, hintereinander herzujagen.
Und plötzlich konnte sie auch etwas hören. Lachen. Ein heiteres, ehrliches Lachen. Um genau zu sein, waren es zwei lachende Personen, die sie vernahm. Eine Männliche und eine Weibliche.
Hermine merkte, wie ihr Körper langsam entspannte. Dieses Lachen war ansteckend und befreiend. Doch vor allem war es eins: vertraut. Intensiv hörte sie diesem kehligen Geräusch zu, versuchte zu ergründen, woher sie es kannte. Und plötzlich konnte sie die weibliche Person sprechen hören:
„Ich kann nicht mehr Sev." Lachte die Frauenstimme. „Lass uns ein wenig ausruhen… und hör auf herumzualbern." Tadelte sie ihren Begleiter gespielt erbost.
Hermine riss ihre Augen auf. „Sev" hauchte sie den Namen noch einmal und sie wusste sofort, dass es sich dabei um Severus Snape handelte.
Hermine wurde bleich im Gesicht und eine heftige Übelkeit stieg in ihr auf. Doch nicht die Tatsache, dass Severus Snape scheinbar ausgelassen über eine Wiese getobt war, bescherte ihr diese Übelkeit, sondern die Tatsache, dass die zweite Stimme ihre eigene war.
SIE war mit Severus Snape über eine Wiese getollt, SIE hatte ihn abermals zärtlich angesprochen, ihn „Sev" genannt. Hermine musste tief Luft holen, um sich nicht zu übergeben. Nur mit großer Mühe und all ihrer Selbstbeherrschung, die sie noch aufbringen konnte, schaffte sie es, ihren Magen wieder zu beruhigen.
Erschöpft und völlig durcheinander, ließ sie sich noch weiter hinabsinken, bis sie beinahe auf dem kalten Waldboden lag. Doch das war ihr im Moment egal. Ihr war alles egal, denn allein die Frage, warum sie seit gestern so verwirrt war, pochte unerbittlich in ihrem Gehirn wider. Und eben diese Frage machte ihr gewaltige Angst.
******
Noch sehr erschöpft öffnete die Gryffindor ihre Augen. Orientierungslos blinzelte sie in ihren Raum hinein und starrte an die weiße Decke, die von der aufgehenden Sonne in ein goldenes Licht getaucht wurde.
Vorsichtig erhob sich die junge Frau und stütze ihren Kopf auf die Hände ab. Und keine Sekunde später strömten die Erinnerungen des letzten Tages und vor allem der letzten Nacht auf sie ein.
Abermals kroch eine unangenehme Übelkeit in ihr hoch, doch diese hatte sie Gott sei Dank schneller wieder unter Kontrolle. Ganz im Gegensatz zu ihrem rasenden Puls. Hermine merkte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht kroch. Schon allein die Vorstellung an ihren gestrigen Auftritt, ließ in ihr den Wunsch aufkeimen, einfach von dieser Welt zu verschwinden – oder wenigstens von Hogwarts.
Und als wenn diese Schmach nicht schon schlimm genug wäre, erinnerte sich Hermine plötzlich daran, dass sie in den ersten beiden Stunden Zaubertränke hatte.
Seufzend ließ sie sich in ihre Kissen zurückfallen. Na das konnte ja heiter werden. Zaubertränke bei der Fledermaus war nie ein wirklicher Genuss gewesen. Aber unter den gegenwärtigen Umständen, in denen sich Hermine da hineingeritten hatte, war der Unterricht bei Snape einfach nur ein Horror.
Und wieder krampfte sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Vielleicht sollte sie zu Poppy gehen und sich was Beruhigendes für den Magen geben lassen. Oder aber sie ließ sich gleich krankschreiben. Oder noch besser: für tot erklären. Ja, das wäre wohl das Beste. Denn wenn sie nicht mehr unter den Lebenden verweilte, dann könnte Snape sie auch nicht schikanieren, was er – vor allem nach der letzten Nacht – gewiss tun wird.
In diesem Moment bereute Hermine es, dass sie nicht wirklich so abgebrüht war, um den Unterricht einfach zu schwänzen. Aber was würde das auch schon bringen? Früher oder später würde sie wieder auf ihn treffen. Kurz um: Sie konnte es nicht vermeiden, Snape über den Weg zu laufen.
Und so fügte sich Hermine – ganz Gryffindor – ihrem schweren Schicksal, schlürfte ins Bad, um sich frisch zu machen, zog sich an und ging anschließend in die große Halle zum Frühstück, wo bereits Harry, Ron und Ginny auf sie warteten.
Mit einem kurzen Gruß setzte sich Hermine zu ihren Freunden und goss sich einen hoffentlich sehr starken Kaffee ein. Auf das schwarze Gebräu so fixiert, merkte sie gar nicht, wie entgeistert ihre Freunde sie anblickten. Erst als die Gryffindor nach einem kräftigen Schluck ihre Tasse wieder hingestellt hatte und sich nun ihren Freunden widmen wollte, bemerkte sie deren fragenden Blicke.
„Was ist?" fragte Hermine etwas verwirrt über die seltsamen Gesichter ihrer Freunde. Selbst Ron hatte aufgehört zu kauen. Und wenn Ron das Essen vergaß, dann wurde es echt gefährlich.
„Seit wann kommst du zu spät?" fragte Harry sie in einem vorsichtigen Tonfall.
Verdutzt blickte Hermine ihn an. „Zu spät?" hakte sie nun sichtlich verwirrt nach.
Harry zog seine Augenbrauen zusammen und dachte offensichtlich, dass Hermine ihn nur veräppeln wollte. Doch als sie auch nach einer Minute nichts weiter gesagt hatte, beschloss er, auf ihre letzte Frage einzugehen.
„Ja zu spät." Bestätigte er. „Und das eine ganze halbe Stunde. In vier Minuten fängt der Unterricht an." Informierte er die nun panisch dreinblickende Hermine.
Schnell sah sie auf ihre Armbanduhr, die sie immer trug. Und tatsächlich. In ein paar Minuten begann der Unterricht. Wie konnte denn das schon wieder passieren? Fragte sie sich im Stillen. Hatte sie so lange grübelnd im Bett gelegen? Oder hatte sie so lange im Bad gebraucht? Sie wusste es nicht. Das einzige was sie mit Sicherheit wusste war, dass sie gleich eine Panikattacke bekam, wenn sie sich nicht auf der Stelle beruhigte.
„Hermine?" hörte sie ihren Namen wie durch Watte gesprochen. Doch sie reagierte nicht darauf.
„Hermine!?" wurde sie nochmals gerufen, dieses Mal jedoch mit mehr Nachdruck. Durch den ziemlich strengen Ton Ginnys wachgerüttelt, blickte sie die Rothaarige an.
„W-was? Stotterte Hermine verdattert und hoffte, nicht ein ganz so jämmerliches Bild abzugeben, wie sie es sich gerade vorstellte.
Ginny hob ihre Augenbrauen empor und ohne es zu wissen, hatte sie mit dieser kleinen Geste Hermines Panik nur noch verdoppelt. Denn auch Snape zog seine Augenbrauen immer so hübsch in die Höhe. Und wenn er das tat, bedeutete das nichts Gutes.
„Mine, was ist los mit dir?" fragte nun wieder Harry, der offensichtlich verwirrt über das Verhalten seiner besten Freundin war. Hermine versuchte seine Worte zu erfassen, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen. Denn der Gedanke daran, dass sie gleich Snape gegenüberstehen würde, war so übermächtig, dass er alles andere verdrängte.
Das nächste was die junge Frau realisierte war, wie sie am Ärmel mitgezogen wurde. Irgendwohin, es war ihr egal. Doch plötzlich erlangte sie ihr volles Bewusstsein wieder und ihr wurde gewahr, dass sie gerade von Harry in Richtung Kerker geschleift wurde.
„Nein!" schrie sie laut und bereute es im nächsten Moment sogleich. Harry hatte angehalten und blickte die Gryffindor nun fragend und noch immer verwirrt an.
Hermine schluckte hart. „Ich… ich meine, nein, ich hab was vergessen." Stotterte sie sich etwas Wirres zusammen, befreite sich aus Harrys Griff, drehte sich um und eilte den Kerkergang zurück.
Sie wusste weder, warum sie das tat, noch wohin sie überhaupt wollte. Und ihr war ebenfalls bewusst, dass ihre Flucht alles nur noch verschlimmern würde. Doch es schien so, als ob ihr Körper die Kontrolle über den Verstand genommen hatte und sie somit weit weg von den Kerkern tragen wollte.
Doch weit kam die junge Frau nicht. Nach wenigen Metern, die sie kopflos durch die Kerker gerannt war, wurde sie von etwas Großem gestoppt. Ziemlich unsanft prallte sie gegen einen Körper, der offenbar nur in schwarzen Gewändern gekleidet war.
Ein herber Kräuterduft stieg der jungen Frau in die Nase und sofort wusste sie, in wen sie hineingerannt war.
Oh nein, dachte Hermine nur. Lass das bitte nur einen bösen Traum sein. Langsam, ganz langsam hob sie ihren Kopf. Zentimeter für Zentimeter bewegte er sich immer weiter nach oben. Hermines Herz bebte vor böser Vorahnung. Und als sie schließlich auf zwei zornesfunkelnde Augen traf, schreckte die Gryffindor ein paar Schritte zurück.
Seine tiefen Augen schienen sie abermals zu erdolchen. Seine gesamte Körperhaltung zeigte seine Abwehr, sein verzogenes Gesicht die Abscheu, die er ihr gegenüber empfand.
„Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie jetzt bei mir Unterricht." Schnarrte er mit leiser, Unheil verkündender Stimme.
Hermine biss sich nervös auf ihre Unterlippe. Was sollte sie ihm jetzt sagen? Dass sie fliehen wollte – vor IHM?!
„Wo wollen Sie hin?!" richtete er wieder das Wort an Hermine, als er merkte, dass sie ihm nicht antworten würde.
„Ich… ich wollte…"
„Ja?" fragte er abwartend und mit gehobenen Augenbrauen nach, seine Arme vor dem Körper verschränkt.
„…auf die Toilette." Nuschelte sie ihm entgegen und konnte es nicht verhindern, dabei rot zu werden. Ob dies jetzt vor Scham oder wegen der Lüge geschah, wusste sie nicht. Aber ehrlich gesagt, war das auch egal. Denn ihre zarte Röte, die nun ihr Gesicht überstrich, wurde so oder so von Snape wahrgenommen.
Ein diabolisches Grinsen bildete sich auf seinen harten Zügen. „Sie lügen mich doch nicht etwa an, Miss Granger?" fragte er süßlich. Dieser Tonfall gefiel der Gryffindor überhaupt nicht.
„N-nein Sir." Presste sie mühsam hervor und hoffte, dass er ihr die erneute Lüge abnahm.
Doch das Hoffen hätte sie sich sparen können. Denn sofort war Snape einen großen Schritt auf sie zugekommen und fesselte ihre Augen nun mit seinen. In ihnen konnte sie Wut, Kälte und eine unbändige Kraft erkennen, die ihr angst machten.
Sein warmer Atem strich über ihre Stirn und ihre Wangen, sein herber und unverkennbarer Duft, den er ausströmte, intensivierte sich.
„Ich gebe Ihnen einen guten Rat." Drohte er ihr mit tiefdunkler Stimme, die ihr eine Gänsehaut der Furcht über den Körper jagte. „Wagen Sie es nicht, mich anzulügen Granger. Das wird Ihnen nicht gut bekommen."
