6. Leg dich nicht mit der Dunkelheit an

Kurz erzitterte Hermines Körper unter seinen dunkel geflüsterten Worten, die einen Schauer nach dem anderen durch ihren Körper sandten.

„Sie drohen mir?" flüsterte sie ihrem Lehrer mit brüchiger Stimme entgegen.

Die junge Frau hatte das Gefühl, dass Snape ihr noch ein Stückchen näher kam, obwohl sie sich gleichzeitig ziemlich sicher war, dass dies kaum noch möglich war.

„Ich habe Sie lediglich auf etwas hingewiesen." Sprach er mit ruhiger, kontrollierter Stimme.

Hermine schluckte hart, erwiderte darauf jedoch nichts.

„Und jetzt schlage ich vor, dass Sie mit mir kommen, damit wir endlich mit dem Unterricht anfangen können." Raunte er in einem nun wieder härteren Ton.

Hermine wusste, dass es sinnlos war, darauf zu bestehen, doch noch auf die Toilette zu dürfen. Und so fügte sie sich ihrem Schicksal und folgte Snape schließlich in den Klassenraum. Sie konnte die fragenden und durchbohrenden Blicke ihrer Mitschüler spüren, als sie mit Snape das Zimmer betrat.

„Setzen Sie sich Miss Granger." Sprach er in einem süßlichen Tonfall, der nicht verbergen konnte, wie viel Spaß ihm diese Schmach bereitete.

Hermine schloss nur kurz ihre Augen, bevor sie sich auf ihren Platz in der ersten Reihe setzte. Ihr war schon wieder leicht übel. Und das Wissen, dass Snape sie in den nächsten 90 Minuten nicht in Ruhe lassen würde, machte es auch nicht besser.

„Miss Granger." Ertönte erneut Snapes dunkle Stimme. „Erklären Sie uns doch bitte, wie man einen Trank gegen Lähmungserscheinungen, hervorgerufen durch den Biss einer Vela, braut." Ein süffisantes Grinsen hatte sich auf den Zügen des Professors ausgebreitet und mit einem verräterischen Glanz in den Augen schien er auf eine Antwort der jungen Frau zu warten.

Hermine blickte Snape überrascht an. Na toll. Das machte dieser Mistkerl doch mit Absicht. Er wusste ganz genau, dass sie diesen Trank noch nicht durchgenommen hatten. Und zu Hermines Leidwesen hatte sie eben diesen Trank auch immer in den Zaubertränke Büchern überblättert, da sie es für sehr unwahrscheinlich hielt, von einer Vela gebissen zu werden.

„Ich warte." ließ er nach wenigen Sekunden verlauten.

Hermine unterbrach den Blickkontakt mit ihrem Lehrer und biss die Zähne zusammen. „Tut mir leid Sir, aber ich kann nicht."

Snape kam einen Schritt auf Hermine zu und verschränkte mit einem selbstgefälligen Ausdruck auf dem Gesicht seine Arme vor der Brust. „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?"

Hermines Hände verkrampften sich zu Fäusten. Er wollte sie bloßstellen. Eindeutig wollte er sich für gestern rächen.

Doch Hermine war eine Gryffindor. Und somit versuchte sie wenigstens ihren Stolz zu wahren. Tapfer reckte sie ihr Kinn und begegnete Snapes dunklen Blick. „Weil ich es nicht weiß." Gab sie mit erstaunlich ruhiger Stimme zu und sie merkte, wie einige Mitschüler laut die Luft einzogen, als sie dies zugab.

Ja, damit hatte wohl niemand gerechnet, dass ausgerechnet sie, die Oberstreberin, ihr Unwissen zugab.

„Soso" liebsäuselte Snape mit einem verdächtigen Zucken in den Mundwinkeln. „Es gibt also wirklich noch Dinge, die unsere kleine Miss-Know-it-all noch nicht weiß." Ein gehässiges Funkeln erreichte die junge Frau, die so langsam aber sicher ihre Courage zu verlieren drohte.

„Wie kommt es, dass Sie das nicht wissen?" bohrte Snape immer weiter in der klaffenden Wunde. „Haben Sie etwa ein Buch in der Bibliothek übersehen oder haben Sie es schlichtweg noch nicht geschafft, sich darüber zu informieren."

Zartes Gelächter breitete sich unter den Slytherins aus. Diese Demütigung war ein gefundenes Fressen für die Schlangen und Hermine wusste nur zu gut, dass sie das hier nicht so schnell vergessen würden.

Noch immer blickte Hermine tapfer ihren Lehrer an. Und sie konnte in diesem Moment nicht beschreiben, wie sehr sie ihn für diese Show verabscheute. Doch dann wurde ihr Blick wieder ruhiger und ihre Rehaugen zogen sich zu kleinen Schlitzen zusammen.

„Vielleicht weiß ich nicht, wie man diesen Trank braut." Erwiderte sie schließlich und sofort verstummte das Gelächter wieder und wandelte sich in eine knisternde Stille. „Aber dafür weiß ich so manch andere interessante Dinge."

Niemand in diesem Klassenzimmer wusste, welche Bedeutung hinter ihren Worten steckte. Niemand bis auf Snape. Er wusste ganz genau, dass sie auf Lily anspielte und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Eine erneute Wut packte ihn und er musste sich schier zusammenreißen, um sich die Gryffindor für diese Unverschämtheit nicht vorzuknöpfen.

„So, tun Sie das?" fragte er offensichtlich desinteressiert nach, um den Schein vor der Klasse zu wahren. Aber gleichzeitig wusste er auch, auf welch dünnem Eis er sich befand. Er hatte schon bei Minerva gelernt, dass man einer wütenden Gryffindor alles zutrauen konnte. Und dass Hermine wütend war, konnte er deutlich in ihren braunen Augen sehen.

Kurz stutzte er. Moment mal. Seit wann kann ER Emotionen aus Augen lesen?! Leise schnaubte er über seine eigenen Gedanken auf, bis er schließlich wieder seine volle Aufmerksamkeit auf seine Schülerin richtete.

„Ja, ich weiß eine Menge." Beantwortete sie schließlich seine Frage und blitzte ihn dabei keck an. Mürrisch musste Snape feststellen, dass die Gryffindor nun offensichtlich herausgefunden hatte, dass sie ihn mit ihrem Wissen in der Hand hatte. Und das machte ihn nur noch wütender.

„Wollen Sie eine Geschichte hören? Ich kenne da eine ziemlich interessante." Stichelte nun Hermine weiter und merkte dabei nicht, dass sie schon lange zu weit gegangen war.

Mit einem lauten Knall hatte Snape wie schon am Tag zuvor seine Flache Hand auf ihren Tisch geschlagen. Und das so abrupt und laut, dass Hermine mit wild pochendem Herzen zurückschreckte.

Seine schwarzen Augen blitzen sie wild an und zeigten ihr deutlich, wie sehr er sie hasste. Und Hermine wusste nur zu gut, dass er sie jetzt wahrscheinlich verhext hätte, wenn sie nicht noch um die dreißig Zuschauer gehabt hätten.

„Ich schlage vor" flüsterte er ihr unheilvoll entgegen. „dass Sie sich jetzt wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren Granger."

Beide sahen sich tief in Augen. Keiner von beiden wollte nachgeben, wollte eine Schwäche zeigen. Tief in seinem Inneren ärgerte es Snape gewaltig, dass diese Granger so viel Mut hatte, um ihm entgegenzutreten. Dies hatten bisher nur wenige versucht, aber niemand hatte ihm so lange standhalten können.

„Sie sollten sich jetzt wieder ihrer Aufgabe widmen." Sprach er drohend und forderte Hermine damit auf, den Blickkontakt als erstes zu beenden.

„Sie haben noch gar keine Aufgabe verteilt Sir." Gab Hermine ruhig zurück und trieb damit Snape nur noch mehr in den Wahnsinn.

Mit zusammengepressten Lippen und mahlenden Kiefern kam er Hermine noch ein Stückchen näher. Und nicht zum ersten Mal konnte sie seinen heißen aufgebrachten Atem auf ihrem Gesicht spüren.

„Treiben Sie es nicht zu weit." Drohte er ihr offen, aber in einer Lautstärke, die nur sie vernehmen konnte. Doch noch ehe Sie dazu in der Lage war, etwas zu erwidern, zog er sich zurück, schritt zur Tafel und ließ mit Hilfe seines Zauberstabs die Aufgabe für die heutige Stunde erscheinen.

„Fangen Sie an." Dröhnte er, bevor er im angrenzenden Labor verschwand.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, fiel seine starre Maske aus Hass und Abscheu ab. Und zum Vorschein kam ein ausgezehrter Mann, den offensichtlich etwas beschäftigte. Und dieses Etwas hatte einen Namen. Hermine Granger.

Dieses Mädchen verfügte über ein Wissen, welches sie nur zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Er hatte versucht, sie einzuschüchtern, sie zu demütigen. Doch er hatte ihren Trotz und ihren Stolz unterschätzt.

Das bedeutete, er musste härtere Geschütze ausfahren, um die kleine Gryffindor zu brechen. Denn nur dann hatte er die Gewissheit, dass sie dieses kleine Geheimnis für sich behalten würde.

Eine Stunde später entließ Snape seine Schüler mit ziemlich mieser Laune. Er hätte sogar beinahe versäumt, die heutige Arbeit der Schüler einzusammeln.

Hermine packte eilig ihre Sachen zusammen, aber dennoch war sie wenig erschrocken, als sie ihren Namen donnernd durch den Raum gerufen hörte. Tief einatmend blieb sie stehen, blickte kurz zu ihren Freunden, die sie sowohl bemitleidend als auch leicht verwundert anblickten und drehte sich schließlich zu Snape um.

Ein lautes Krachen in ihrem Rücken sagte ihr, dass ihr Lehrer so eben die Tür verschlossen hatte. Nun war sie ganz alleine mit Snape in einem Raum. Und abrupt kam die panische Angst vor diesem Mann zurück.

Snape bemerkte ihre erneut aufgekeimte Angst und triumphierte innerlich. „Auf einmal so ruhig?" fragte er betont unschuldig.

Die junge Frau vermied es ihren Lehrer anzublicken. Denn nun saß ER am längeren Hebel.

Snape lehnte sich entspannt gegen sein Pult und fixierte die junge Frau mit scharfem Blick. „Ich hoffe ich habe ihre Drohung vorhin falsch verstanden." Meinte er schließlich in einem Plauderton, der so gar nicht zum Thema passen wollte.

Hermine schluckte. Was sollte sie ihm jetzt sagen? Lügen brachte bei Snape überhaupt nichts, wie sie bereits gestern herausfinden musste. Also entschied sich die junge Frau für die Wahrheit.

„Sie haben es nicht falsch verstanden." Erwiderte sie mit leichtem Trotz in der Stimme, aber noch immer traute sich die Gryffindor nicht, ihren Lehrer anzublicken. Verdammt! Vorhin hatte sie sich noch so selbstsicher gefühlt. Und jetzt? Jetzt fühlte sie sich wie ein kleines schleimiges Insekt, welches jeden Moment zerquetscht werden könnte.

Für einen Augenblick entglitten Snape seine Gesichtszüge. Mit soviel Offenheit hatte er bei ihr nun auch nicht gerechnet. Obwohl dies fast schon eine Unverschämtheit war, dass sie ihm so offen gestand, ihm gedroht zu haben, sein Geheimnis auszuplaudern.

„Ich hoffe Sie sind nicht so töricht zu glauben, dass sie damit bei mir etwas erreichen." Gab er nun etwas gereizter zurück.

Vorsichtig blickte Hermine ihren Professor an. „Ich möchte bei Ihnen nichts erreichen." erwiderte sie etwas erbost. Was dachte dieser Mann denn von ihr!?

Snape kniff seine Augen zusammen. Offensichtlich wollte dieses Gör ihn zum Narren halten. „Und was sollte dann dieses Theater gestern mit Ihren Gefühlsduseleien?"

Mit weiten Augen sah sie ihn an. Das war jetzt nicht wirklich sein Ernst oder? Unterstellte er ihr gerade, dass sie… für ihn…?

„Das waren keine Gefühlsduseleien Sir!" Verteidigte sie sich mit in den Hüften gestemmten Armen.

„Ach nein? Und wie wollen Sie mir dann Ihre herzzerreißende Bitte, dass ich auf mich aufpassen soll, erklären? Ganz zu schweigen von der Frechheit mich mehrmals zu duzen." Gab er nun in einem giftigen Tonfall zurück.

Hermine schnappte nach Luft. Dieser Mistkerl, dachte sie nur. „Bilden Sie sich ja nichts darauf ein." Ereiferte sich die junge Frau. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich das nicht gesagt habe."

„Oh sicher." Ätzte Snape zurück. „Die Worte wurden Ihnen von einer dunklen grausamen Macht eingepflanzt."

„Glauben Sie wirklich, ich würde freiwillig so etwas zu Ihnen sagen? Ich bin doch nicht geisteskrank!" wütete die junge Frau zurück und merkte erst im Nachhinein, was sie da eigentlich gesagt hatte.

Snapes Blick wurde nochmals um einiges dunkler, wenn das überhaupt noch möglich war. „Jedenfalls scheinen Sie sich so sehr nach Aufmerksamkeit zu sehnen, dass Sie in Ihrer Verzweiflung sogar vor einem Lehrkörper nicht halt machen."

Hermine stand sprichwörtlich der Mund offen. Wusste Snape überhaupt, WAS er da behauptete?! „Ich lege weder Wert darauf, von Ihnen beachtet zu werden, noch mache ICH Ihnen irgendwelche Avancen!"

„Und warum dann dieses Theater gestern?!" fauchte er zurück.

Hermine stöhnte genervt auf. „Das hatten wir doch schon!"

„Ach hören Sie doch auf mit dieser mir-wurden-die-Worte-eingepflanzt-Nummer. Was wollen Sie mit dieser Masche erreichen Granger!?"

„ICH WILL GAR NICHTS BEI IHNEN ERREICHEN!" schrie sie ihn vor Wut an. Wie kam dieser widerliche Kerl denn nur auf so eine abstruse Idee?

„Ich habe Ihnen schon einmal klar gemacht, was ich vom Lügen halte." Beharrte er weiterhin auf seinen Standpunkt.

„Und ich habe Ihnen schon mehrmals deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie der Letzte sind, dem ich mich an den Hals schmeißen würde!" Kurz hielt die junge Frau inne, als ihr klar wurde, über was sie hier gerade mit ihrem Professor sprach. Doch schließlich siegte die Wut über ihre Scham und somit wurde dieser Gedanke auch ganz schnell wieder gelöscht.

„Und selbst wenn es so wäre." Fügte sie mit einem beißenden Funken in den Augen hinzu. „Seit gestern weiß ich ja, dass Sie glücklich vergeben sind."

Das hättest du nicht sagen sollen, war das Erste, was Hermine dachte, als sich ihr Gehirn wieder einschaltete. Und diese Erkenntnis bestätigte sich, als sie im nächsten Moment ein hartes Stück Holz fest gegen ihre Kehle gedrückt fühlte.

Mit einer immensen Wut im bleichen Gesicht stand Snape vor ihr und musste sich zusammenreißen, um nicht einen Fluch auf die Gryffindor zu feuern. Sie war zu weit gegangen – eindeutig. Er konnte nur noch Hass fühlen. Unendlichen Hass, den SIE in ihm geschürt hatte. Und das mit einer einzigen scheinbar harmlosen Aussage: Er sei glücklich vergeben.

Dabei wusste diese Göre doch gar nicht, wie sehr er litt, wie sehr er sich nach Lily, nach Liebe sehnte. Doch DAS würde sie auch nie erfahren. Nicht sie und auch nicht irgendjemand anderes.

Schwer atmend sahen sich beide an, tief in die Augen des anderen.

„Sie bedrohen gerade eine Schülerin Sir." Presste sie um Ruhe bemüht hervor.

„Nein." Gab er ebenso um Beherrschung bemüht zurück. „Ich bedrohe ein impertinentes Gör, das den Mund nicht halten kann." Zur Unterstützung seiner Aussage verstärkte er den Druck seines Zauberstabes gegen ihren Hals.

„Das dürfen Sie nicht tun." Versuchte es Hermine nun doch mit einem leichten Flehen in der Stimme. Denn mittlerweile schien die reinste Raserei in Snape ausgebrochen zu sein. Und sie wollte um nichts in der Welt Bekanntschaft mit ihr machen.

„Ich bin ein gefährlicher Mann." War das einzige, was er ihr zur Antwort entgegenraunte.

Wieder verschmolzen Ihre Blicke miteinander, keiner wollte den jeweils anderen loslassen. Und plötzlich verspürte Hermine, wie ihre Angst, ihr Zittern und die innere Kälte einer Wärme wich. Eine tiefe innere Wärme, die ihren Körper durchzog. Und mit diesem Gefühl kam auch die Gewissheit, dass er ihr nichts tun würde.

Woher dieses Wissen kam, wusste die junge Frau nicht. Doch noch nie in ihrem Leben war sie sich einer Sache so sicher gewesen.

„Nein, das bist du nicht." Flüsterte sie ihm schließlich entgegen, ohne etwas dagegen tun zu können.

Snapes Augen weiteten sich, als er ihre Worte vernahm. Diese Worte, die so ehrlich, so echt gemeint waren, machten ihn sprachlos. Noch nie hatte ihm jemand so etwas gesagt, noch nie war etwas so ehrlich gemeint gewesen. Er war verwirrt. Das einzige was er schaffte, war sich von der jungen Gryffindor loszureißen und einen größeren Abstand zwischen sich und ihr zu bringen.

„Raus" bellte Snape schließlich, als er seine Fassung wieder erlangt hatte. Dieses eine Wort sauste so gewaltig und zornig durch den Raum, dass auch Hermine wieder Herrin ihrer Sinne wurde.

Was war passiert? Warum hatte sie ihn wieder so vertraut angesprochen? Verwirrt blickte sie ihren Lehrer an. Sie wollte sich entschuldigen, doch als sie die Wut in seinen Augen lodern sah, hielt sie es für besser, seinem Befehl zu folgen.

Ohne noch etwas zu sagen, verließ Hermine schließlich das Klassenzimmer.