7. Auf der Suche nach dem Fluch
Es war früher Morgen. Das Schloss schlief zum größten Teil noch. Doch eine Person war schon auf den Beinen. Hermine Granger saß mit schweren Lidern und dunklen Schatten unter den Augen in der Bibliothek und blätterte in zahlreichen Büchern herum, die irgendwie das Thema Fluch aufgriffen.
Eigentlich hätte die junge Frau im Bett sein müssen. Erst vor wenigen Stunden war sie von ihrer Strafarbeit bei Filch entlassen wurden. Es war grausam gewesen. Obwohl. Das Attribut eklig würde es mehr treffen. Dieser süffige Hausmeister wohnte in einem noch süffigeren Zimmer tief unter der Erde.
Ein eklig modriger Geruch war ihr entgegengeschlagen und sie hatte Mühe und Not gehabt, nicht das Atmen zu vergessen. Die Aufgaben, die sie die gesamte Nacht durch hatte bewältigen müssen, reichten vom sauber machen des Katzenklos über einfangen und einsammeln riesiger Motten und Spinnen, die sich über die Monate bei Filch eingenistet hatten, bis hin zum Putzen seines Bades.
Hermine hatte keine Beweise dafür, aber sie war sich ziemlich sicher, dass Snape sich diese netten Aufgaben ausgedacht hatte.
Müde gähnte sie in die völlig leere Bibliothek hinein. Sie hatte sich von Madam Pince den Schlüssel geholt, wobei sie von der Bibliothekarin schief angestarrt wurden war. Doch Hermine hatte keine Ruhe gehabt. Auch wenn sie hundemüde war, so hatte sie der Drang nach dem Wissen, was mit ihr los war, schließlich doch aus dem Bett getrieben.
Und nun saß sie hier. Las sich gerade den achten Artikel über Flüche und Banne durch, doch nichts. Kein Hinweis auf das, was gerade mit ihr passierte. Frustriert schnappte sich die junge Frau das nächste Buch. Ein riesiger Totenschädel blickte ihr auf dem Buchdeckel böse entgegen. Das Buch war aus der verbotenen Abteilung. Den Schlüssel dafür hatte sie sich – nun sagen wir mal – ausgeliehen. Madam Pince wusste zwar nichts davon, aber sie würde den Schlüssel wieder zurücklegen.
Die Seiten des großen schweren Lederbandes waren bereits vergilbt und es war schwer zu entziffern, was dort geschrieben stand. Die Gryffindor blätterte durch die einzelnen Kapitel. Flüche durch magische Wesen, verflucht durch die Unverzeihlichen, Fluch der Liebe, Fluch des Todes. Hermine seufzte resigniert. Das war doch alles nichts, dachte sie und blätterte weiter.
Doch als sie die Bezeichnung des nächsten Kapitels sah, gefror ihr das Blut in den Adern. Eine kalte Hand schien nach ihrem Herz zu fassen und es zu zerquetschen. Schwer atmend blickte sie auf ein einziges Wort – Besessenheit.
Warum war sie da nicht gleich drauf gekommen? Das war es. Es konnte nur das sein. Sie war besessen! Schnell überflog die junge Frau den Text, doch so wirklich fassen, konnte sie die Worte nicht.
Zu sehr war sie auf den Gedanken fixiert, von jemandem oder etwas anderem besessen zu sein, beherrscht zu werden. Hermine musste all ihren Willen zusammen nehmen, um nicht ihren Verstand zu verlieren. Was sollte sie denn jetzt nur machen?
Am logischsten wäre es, wenn sie Snape aufsuchen würde. Doch der würde das wieder für ein Hirngespinst von ihr abtun. McGonagall würde bloß die ganze Schule in Alarm versetzen und der Direktor war, so weit sie wusste, zurzeit nicht im Schloss.
Fertig mit den Nerven schob sie das offene Buch von sich und verdeckte ihr Gesicht mit den Händen. Sie musste sich stark zusammenreißen, um jetzt nicht laut loszuheulen. Doch das würde ihr nun auch nicht weiterhelfen.
„Können Sie mir erklären, was Sie zu dieser Zeit hier tun?" ertönte plötzlich eine ihr wohlbekannte Stimme hinter ihr und riss sie somit aus ihren dunklen Gedanken.
Für ein paar Sekunden schien Hermines Herz stehen zu bleiben, als sie schließlich in die schwarzen Augen ihres Professors blickte.
Das war nicht fair, dachte sie nur. Schlief dieser Mann denn eigentlich nie?
„Ich warte auf eine Erklärung." Gab er mit Ungeduld in der Stimme zu bekennen.
Hermine schluckte hart. Gott wie ungerecht diese Welt doch war. „Ich lese." Gab sie schließlich mit leichtem Trotz zurück.
Snape hob daraufhin nur seine Augenbrauen. Er wollte sie schon gerade wegen ihrer Unverschämtheit zurechtweisen, als er die Überschrift des offen liegenden Kapitels sah. Kurz schien er zusammen zu zucken, doch sofort hatte sich der große Mann wieder unter Kontrolle.
Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck sah er die junge Frau an. „Sie halten also immer noch an der Geschichte fest, dass diese Worte nicht von Ihnen kamen?" fragte er ruhig. Doch der zarte Ton in seiner Stimme machte Hermine deutlich, wie viel er von ihrer Vermutung hielt – nämlich nichts.
Hermine zog es vor, zu schweigen. Sie musste sich doch vor ihm nicht rechtfertigen.
„Miss Granger." Blaffte er sie ungeduldig an. „Sie wollen mir doch nicht weiß machen, dass sie glauben, besessen zu sein." Ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel war zu vernehmen, was Hermine nur erbost nach Luft schnappen ließ.
„Machen Sie sich nicht über mich lustig!" ereiferte sich die junge Frau.
Snape räusperte sich daraufhin nur und erlangte somit seine ernste Erscheinung wieder. „Nun Miss Granger." Fuhr er in bester Lehrermanier fort. „Haben Sie den Artikel dazu gelesen?"
Verwirrt blickte sie ihren Lehrer an. „Ähm nun… ich…"
„Also nicht." Fiel er ihr ins Wort. „Denn wenn Sie es getan hätten, dann wüssten Sie jetzt mit Sicherheit, dass Sie gar nicht besessen sein können." Kurz sah er sie von oben herab an, bevor er seinen Vortrag weiterführte. „Oder haben Sie blutunterlaufene Augen, Schwierigkeiten sich auszudrücken oder fahle pergamentartige Haut?"
„Nein Sir." Bestätigte Hermine kleinlaut. Sie fühlte sich in diesem Moment so erbärmlich und klein. Am liebsten wäre sie jetzt in ein tiefes schwarzes Loch gesprungen. Doch leider tat sich der Boden unter ihren Füßen nicht auf.
„Dann hören Sie endlich auf, sich etwas einzureden Granger." Schnarrte er sie an.
Mit einem wütenden Funkeln in den Augen blickte sie ihren Lehrer nun an. „Ich bilde mir das doch alles nicht ein, Sir! Ich will diese Dinge überhaupt nicht sagen. Es kommt einfach so über mich und… und…" hier stockte die junge Frau, als ihr plötzlich was auffiel.
„Und?" fragte er mit gelangweilter Stimme. Herausfordernd blickte er seine Schülerin an. Warum hörte er sich ihr Gelaber überhaupt an? Warum ging er nicht einfach und ließ sie mit ihren Wahnvorstellungen alleine?
„Und es ist nur bei Ihnen." Beendete sie ihren Gedanken und merkte, wie sie dabei rot wurde.
Überrascht blickte Snape seine Schülerin an. Na wunderbar, dachte er nur entnervt. So genau hatte er das gar nicht wissen wollen. „Ich Glücklicher." Schnarrte er nur sarkastisch und verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Ich hab mir das nicht ausgesucht." Giftete Hermine zurück. Der Typ sollte nur nicht glauben, dass sie auf ihn stand. Schon allein der Gedanke war irgendwie völlig eklig.
„Aber anscheinend haben Sie ein schwerwiegendes Problem, wenn Sie Ihre Worte nicht unter Kontrolle haben." Ätzte er zurück.
Hermine schüttelte nur ihren Kopf. Es hatte ja keinen Zweck sich mit ihm zu unterhalten. Und so erhob sie sich und begann in einer stoischen Ruhe all die Bücher wieder einzusammeln. Dass sie dabei auch in die verbotene Abteilung musste, störte sie in diesem Moment nicht im Geringsten.
„Was glauben Sie, was Sie da tun?" fragte der Zubertränkelehrer schließlich. Und Hermine konnte den unterdrückten Zorn in seiner Stimme hören.
„Ich räume die Bücher weg." Gab sie ruhig zurück und sie wusste, dass sie Snape nur noch mehr zur Weißglut trieb. Aber das sollte ihr recht sein.
„Wo haben Sie den Schlüssel zu der verbotenen Abteilung her?" fragte er mit eisiger Stimme.
Innerlich erzitterte Hermine, aber nach Außen hin ließ sie sich nichts anmerken. Im Gegenteil. Scheinbar völlig unberührt ordnete sie weiterhin die Bücher ein. „Habe ich gefunden." Gab sie ohne zu überlegen zurück.
Seit wann war sie eigentlich so frech? Fragte sie sich im nächsten Moment selbst. Doch Snape unterbrach ihren inneren Monolog.
„Sie verlieren gerade Ihren Respekt." Sprach er mit ungewohnt lauter Stimme.
Die junge Frau hielt plötzlich in ihrem Tun inne und drehte sich zu ihrem Professor. „Ich verliere meinen Respekt?" fragte sie mit ungewohnt hoher Stimme. „Ich habe Ihnen immer Respekt gegenüber gebracht. Ich habe immer versucht, Sie bei den anderen zu verteidigen, wenn die mal wieder über sie hergezogen sind. Doch nun weiß ich, dass Sie das gar nicht verdient haben. Denn Sie zeigen keinerlei Respekt gegenüber anderen. Sie bedrohen Schülerinnen mit ihrer Muskelkraft oder ihrem Zauberstab, Sie demütigen, wo Sie nur können. Und Sie erzählen mir etwas über Respekt? Sie respektieren sich doch noch nicht einmal selbst! Vielleicht sollten Sie mal da anfangen!"
„WAS ERLAUBEN SIE SICH GRANGER!" donnerte nun auch Snape los. „Ich habe Sie weder darum gebeten mich zu verteidigen, noch bedrohe ich Schülerinnen!"
„Ach ja?! Und als was würden Sie dann mich bezeichnen?!" schrie sie zurück.
„Als impertinente Nervensäge würde ich sagen." Erwiderte er und kam ihr dabei einen Schritt näher.
Hermine hatte nicht vor, sich einschüchtern zu lassen und so kam auch sie ihm ein Stück entgegen. „Lassen Sie sich mal was Neues einfallen Sir. Es wird langsam langweilig." Sprach sie und musste nun schon ihr Kinn recken, um ihn noch in die Augen blicken zu können.
„Sie vergessen, wer sie sind." Raunte er ihr entgegen.
„Und Sie vergessen, wer SIE sind, Sir." Entgegnete sie ihm mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen.
„Ich weiß, was ich bin Miss Granger." Gab er nun etwas zerknirscht zurück.
„Ich habe damit nicht Ihre Todesserkarriere gemeint." Verteidigte sie sich tapfer.
„Was haben Sie dann gemeint?!" fragte er und beugte sich leicht nach vorne.
„Sie sind Professor." Hauchte sie ihm nun etwas gedämpfter entgegen.
„Was Sie nicht sagen." Gab er ebenso leise zurück, unterbrach aber für keine Sekunde den Blickkontakt.
„Sie haben pflichten." Stammelte sie etwas zusammenhangslos und fragte sich im selben Moment, wann dieses Gespräch so sinnlos geworden war. Was passierte hier eigentlich gerade?
Stumm blickte er seine Schülerin an. Ihre rehbraunen Augen sprachen Bände. Sie zeigten deutlich ihr derzeitiges Gefühlschaos. Sie war neugierig, überrascht und auch ein wenig ängstlich. Doch die Furcht, die sie empfand, galt eher der Situation und nicht ihm. Und DAS waren nicht gerade Dinge, die er in den Augen anderer Vorfand, wenn diese ihn betrachteten.
Er kam in diesem Augenblick nicht umhin, die Gryffindor dafür zu bewundern. So offen, wie sie es tat, sprach nie jemand mit ihm. Entweder schmierten ihm alle Honig um den Mund oder sie mieden ihn gänzlich oder aber sie brachten ihm ganz offen ihre Abneigung entgegen.
Doch diese junge Frau hier vor ihm war anders. Sie gehörte in keine der drei Gruppen. Sie bildete eine vierte, eine völlig neue, in der nur sie vorkam. Sie schien ihn nicht zu fürchten, nicht wirklich. Und er bekam zu seinem Leidwesen immer mehr das Gefühl, dass sie ihn besser kannte, als es beiden lieb war.
Kurz schloss er seine Augen und sog zart den lieblichen Duft aus Vanille und Rose ein, der von der jungen Frau ausging. Dann zog er sich, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Er sagte nichts mehr zu der verbotenen Abteilung, nichts dazu, dass sie mitten in der Nacht in der Bibliothek herumstreunte, nichts zu ihrem letzten Streitpunkt.
Er zog sich einfach zurück und ließ Hermine alleine mit den Büchern zurück.
Stoßartig wich die Luft aus ihren Lungen. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie die Luft angehalten hatte. Seine Nähe eben, war anders gewesen. Seltsam, aber nicht wirklich unangenehm. Und dabei war sie sich nicht wirklich sicher, ob das jetzt ihre Empfindungen waren oder ob ihr diese wieder auferlegt worden waren.
*****
Völlig übermüdet saß Hermine am Nachmittag mit ihren Freunden am See. Die Luft war mild und ein lauer Wind fegte über die Ländereien von Hogwarts. Doch Hermine hatte schon lange aufgegeben, das Gespräch ihrer Freunde zu verfolgen. Sie konnte sich nicht konzentrieren, ihre Augen kaum offen halten und im Nachhinein fragte sie sich, wie sie den Unterricht überlebt hatte.
„Mine?" wurde sie schließlich aus ihren Gedanken gerissen. Müde öffnete die Angesprochene ihre Augen und blickte dabei in zwei Grüne.
„Ginny" gab Hermine nur zurück und sah ihre Freundin abwartend an.
„Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so abgespannt." Gab die Rothaarige mit sorgenvoller Miene zu.
„Sicher." Meinte die Gryffindor nur. „Ich hab die Nacht nur nicht so viel geschlafen."
„Ich meine nicht nur deine Müdigkeit." Gab Ginny ohne Umschweife zu. Eigentlich hatte Hermine ihre Direktheit immer geschätzt. Doch im Augenblick wünschte sie sich, sie wäre wie ihr Bruder Ron, der nie etwas ansprach.
„Was meinst du dann?" versuchte es Hermine mit der ich-weiß-nicht-wovon-du-sprichst-Taktik.
Ginny verdrehte nur ihre Augen. Hermine hätte es gleich wissen müssen, dass man ihre Freundin nicht für dumm verkaufen konnte. Aber dennoch antwortete sie pflichtbewusst auf Hermines Frage.
„Ich meine deine Aussetzer im Unterricht, deine ständigen Streitereien mit Snape, deine Zurückgezogenheit in den letzten Tagen. Ich mache mir Sorgen um dich Mine. Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst."
Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit breitete sich in Hermine für ihre Freundin aus. Natürlich wusste sie, dass sie Ginny vertrauen konnte. Und sie würde ihr sicherlich irgendwann von ihren seltsamen Aussetzern mit ihren Äußerungen erzählen. Aber noch war es zu früh dafür. Sie wusste ja selbst nicht, was sie davon halten sollte, warum ihr Snape manchmal so vertraut, so anders vorkam.
Langsam bekam die junge Frau das Gefühl, dass sie in ihm etwas sah, dass es gar nicht gab. Oh Gott. Vielleicht verlor sie doch ihren Verstand.
„Ich weiß Ginny." Antwortete sie ihrer Freundin schließlich und legte ihr zur Bestätigung dankend die Hand auf den Arm. „Doch ich muss erst einmal selbst klar kommen. Ich kann es nicht wirklich erklären. Ich bin zurzeit wohl einfach nur ein bisschen durch den Wind." Erklärte sie Ginny schließlich und hoffte dabei inständig, dass das der Rothaarigen reichen würde. Zumindest vorerst.
„Also gut." Erwiderte diese. „Da ich dich offensichtlich nicht dazu bringen kann, mir zu erzählen, was dich bewegt, werde ich wohl warten müssen." Sagte sie mit einem zarten Lächeln im Gesicht.
Dankend nickte Hermine ihrer Freundin zu. „Ich denke, ich werde mich jetzt hinlegen." Meinte Hermine nur noch zu Ginny, verabschiedete sich dann noch von Harry und Ron, die sich die ganze Zeit über angeregt über Quidditch unterhalten hatten und ging dann in Richtung Schloss, um den Schlaf nachzuholen, den sie so dringend brauchte.
