9. Wütendes Feuer
Der nächste Tag war für Hermine eine Qual. Sie fühlte sich schwach und müde. Ihr taten sämtliche Knochen von ihrem kleinen Stelldichein mit Snape weh und ihr wurde nur übel, wenn sie daran dachte.
Aber beinahe noch schlimmer war die Tatsache, dass sie in genau zehn Minuten Zaubertränke hatte. Und sie hatte absolut keine Ahnung, wie sie sich ihrem Lehrer nun gegenüber verhalten sollte.
„Mine? Geht es dir nicht gut?" riss sie eine freundliche Stimme aus ihren Grübeleinen. Sie blickte Harry flüchtig an, bevor sie ihm antwortete.
„Doch, doch. Alles Bestens. Ich bin nur etwas müde."
„Schwom mieder?" mischte sich nun auch Ron mit ein, der gerade – was für eine Überraschung – mehrere Kekse auf einmal in sich reingestopft hatte und somit kaum zu verstehen war.
„Ron hat Recht." übernahm nun Harry wieder das Wort. „Du bist in den letzten Tagen irgendwie neben der Spur. Hast du irgendwelche Sorgen Mine? Können wir die irgendwie helfen?"
Sorgen? Sie? Nicht doch! Mal abgesehen davon, dass sie Snape seit einigen Tagen seltsame Avancen machte und gestern mit ihm geschlafen hatte. Obwohl – wie wilde Bestien übereinander hergefallen, wäre wohl passender.
Aber sonst hatte sie keine Sorgen. „Alles bestens." Gab sie nur knapp zurück und sie selbst nahm sich das nicht ab.
Jedoch beließen es die Jungs bei einem schiefen Blick und hakten nicht weiter nach. Wofür sie sehr dankbar war.
Zusammen mit den anderen Gryffindors und den Slytherins betrat sie das Klassenzimmer für Zaubertränke. Sie konnte kaum verbergen, wie sehr ihre Knie vor Angst zitterten. Und sie war wirklich froh, als sie endlich saß und das Schlottern somit niemand sehen konnte.
Kaum saß die junge Frau, kam auch schon Snape reingestürmt. Seine Laune schien an diesem Tag besonders schlecht zu sein. Und Hermine konnte sich nur zu gut vorstellen warum.
„Hinsetzen, Bücher auf Seite 247 aufschlagen, durchlesen, brauen und Klappe halten!" waren die einzigen Anweisungen, die er seiner Klasse heute zuteil werden ließ. Sofort war ein Rascheln der einzelnen Buchseiten zu vernehmen. Fleißig und so schnell wie möglich, um nicht ihren Lehrer noch mehr zu verärgern, schlug die Klasse ihre Bücher auf und begann fleißig zu arbeiten.
Nur Hermine schien es irgendwie nicht zu schaffen, ihr Buch aufzuschlagen. Gedankenverloren blickte sie in den Raum hinein. Vor ihrem inneren Auge spielten sich die Bilder der letzten Nacht ab und sie konnte nicht verbergen, wie panisch sie dadurch wurde.
Snape hatte sich mittlerweile mürrisch – und das war noch eine gewaltige Untertreibung – hinter seinem Schreibtisch gesetzt und wollte die Zeit nutzen, um ein paar Aufsätze des dritten Jahrgangs zu kontrollieren.
Doch seine Konzentration ließ heute wirklich zu wünschen übrig. Er legte die Feder beiseite und strich sich mit einer Hand über seine Nasenwurzel. Ein leichter aber jedoch sehr hartnäckiger Kopfschmerz hatte sich seit letzte Nacht bei ihm eingenistet. Und der Grund dafür war klar. Automatisch glitt sein Blick zu Hermine und er hätte sich beinahe selbst vergessen.
Da saß dieses Mädchen doch tatsächlich seelenruhig auf ihrem Platz und starrte mit einem leicht seltsamen Ausdruck Löcher in die Luft. Was glaubte die Granger, wer sie war? Geschmeidig stand er auf und bewegte sich gewohnt lautlos auf die junge Frau zu. Bei ihr angekommen, baute er sich in voller Größe vor ihr auf, verschränkte seine Arme vor der Brust und fixierte seinen Blick auf Hermine.
Doch diese schien seine Anwesenheit gar nicht bemerkt zu haben, ganz im Gegensatz zum Rest der Klasse, der jetzt verstohlen diese Szenerie beobachtete. Als sich Hermine auch nach mehren Sekunden nicht rührte, wurde es Snape zu viel. Er stützte sich mit seinen Händen auf ihrem Tisch ab und beugte sich zu ihr runter.
Hermine merkte plötzlich einen leichten Luftzug und erwachte somit aus ihrer Starre. Doch als sie ihren Kopf drehte und in das wütende Gesicht ihres Lehrers blickte, erstarrte sie erneut.
„Können Sie mir erklären, warum Sie sich meiner Anweisung widersetzen?" fragte er seine Schülerin in einem gefährlich-süßlichem Tonfall.
„Ich… ich habe nicht… ich wollte nicht… ich…" Hermine unterbrach sich selbst. Oh Gott, sie war gerade nicht dazu in der Lage, einen vernünftigen Satz über die Lippen zu bringen und das allein wegen seiner Gegenwart. Seine Nähe verunsicherte sie so sehr, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.
„Haben Sie jetzt auch noch das Sprechen verlernt Granger oder warum stottern sie so wie Longbottom." Höhnte er und sofort brach ein leises Gelächter auf Seiten der Slytherins aus.
Die Gryffindors hingegen blickten zum zweiten Mal in dieser Woche ihre beste Schülerin verwirrt an, die irgendwie völlig durcheinander zu sein schien.
Vorsichtig blickte Hermine ihrem Lehrer in die Augen. Sie glänzten vor Zorn, aber dennoch hatten sie etwas Schönes, beinahe Anmutiges. Seine Pupillen, so schwarz wie ein Stück Kohle, lagen ruhig auf ihr und schienen bis in ihre Seele vorzudringen.
Und ohne es verhindern zu können, verlor sie sich immer mehr in ihnen, wurde mit in die tiefe Schwärze gezogen, die sie nun zu umhüllen drohte. Sie fühlte sich wie in einem Delirium, konnte nicht mehr klar denken, nichts tun. Der einzige Gedanke, den sie fassen konnte, war der Gedanke an ihn – an Snape.
Snape bemerkte plötzlich, wie sich ihr Blick änderte, wie er weicher und beinahe sanft wurde. Sah sie IHN so an? Oder sah sie etwas ganz anderes. Etwas, was ihm verborgen war. Dieser Blick war ihm unangenehm, vor allem jetzt, mitten im Unterricht.
Er fragte sich wirklich ernsthaft, was diese Gryffindor hier für ein Spiel spielte. Was wollte sie damit erreichen?
„Wenn Sie fertig damit sind, mich anzuschmachten, dann können Sie ja endlich mit Ihrer Arbeit beginnen." Richtete er erneut das Wort an die junge Frau. Und diese drohenden Worte, die auch noch die gesamte Klasse mitgehört hatte, schienen sie tatsächlich wieder zur Besinnung zu bringen.
Panisch wandte sie den Blick von ihrem Lehrer ab, als sie merkte, dass sie Snape eben tatsächlich angehimmelt hatte. Oh Gott. Was war denn nur mit ihr los? Sie hatte das Gefühl, dass sie sich seiner Anziehungskraft heute gar nicht entziehen konnte. Was passierte nur mit ihrem Körper, mit ihren Gedanken, mit ihr?
„Es tut mir leid Sir." Entschuldigte sie sich kleinlaut bei ihm und hoffte inständig, dass er es damit gut sein lies.
Doch in Snape brodelte es. Er kam sich verarscht vor. Er war sich sicher, dass diese Gryffindor mit ihm irgend so ein absurdes Spielchen spielte, in dem er die Hauptperson darstellte. Und zu seinem Leidwesen musste er zugeben, dass er zumindest letzte Nacht, dieses Spiel mitgespielt hatte.
„Vielleicht sollten Sie Ihre erotischen Fantasien an einem anderen Objekt ausleben Miss Granger. Ich bin sicher, die Drittklässler haben sicher Interesse an Ihnen."
Ein donnerndes Gejohle schallte durch den Raum und Hermine sank unweigerlich noch mehr in ihrem Stuhl zusammen. Warum tat er das? Warum demütigte er sie jetzt wieder so? Nur weil sie ihn angesehen hatte?
Eine stumme Träne rann ihr die Wange hinunter. Als Snape das sah, riss ihm nun endgültig der Geduldsfaden. Er hasste es, wenn Frauen anfingen zu weinen. Die glauben immer, dass sie damit ein schlechtes Gewissen hervorrufen können. Doch nicht bei ihm. Er war schon lange gegen solches Weibergetue immun.
„Hören Sie auf zu flennen und fangen Sie endlich an!" blaffte er sie erneut an.
Mit einem wütenden Ausdruck in den braunen Augen wischte sie sich die Tränen vom Gesicht, schlug schließlich das Buch auf der angegebenen Seite auf und begann den Text zu lesen.
Doch die junge Frau konnte sich nicht auf die geschriebenen Worte konzentrieren. Noch immer hatten sich die Slytherins nicht beruhigt und beschimpften sie mit derben Ausdrücken, die sie hart trafen. Snape schien das weniger zu stören. Er ließ seinen Slytherins wie immer alles durchgehen.
Die Gryffindors hingegen schienen ratlos. Harry und Ron sahen sich völlig verwirrt an und versuchten so gut wie möglich ihre Freundin gegen Malfoy und Co. zu verteidigen. Doch das ließ Snape natürlich nicht durchgehen und ahndete dies mit einem saftigen Punkteabzug.
Hermine bekam von all dem nur am Rande etwas mit. Sie hatte sich zurückgezogen. Irgendwohin, wo es ruhiger war, irgendwo tief in ihrem Bewusstsein. Ihre Augen flogen zwar über den zu lesenden Text, doch ihr Geist war ganz woanders. Er schwirrte in einer Welt umher, die angenehmer und friedlicher war.
In einer Welt, in der sie abermals zwei Personen antraf. Und wieder waren es Snape und sie selbst. Sie berührten sich zart an den Händen und tauschten tiefe Blicke aus, die Hermine durch Mark und Bein gingen. Diese Liebe zwischen ihnen schien greifbar zu sein. Sie wirkte so echt und wunderschön und Hermine versuchte, diese Szene aufrecht zu erhalten, doch plötzlich wurde sie hart an der Schulter gepackt und von ihrem Stuhl hochgerissen.
Zwei ihr mittlerweile wohl bekannte wütende Augen blickten sie an. Sie brauchte ein paar Momente, bis sie wieder zu sich gefunden hatte und musste geschockt feststellen, dass der Klassenraum bereits leer war. Offensichtlich war der Unterricht schon vorbei. Doch was machte sie dann noch hier?
„Was soll das werden Granger? Haben Sie nun völlig den Verstand verloren oder sind Sie einfach nur so ungezogen?!" stellte Snape sie auch sogleich zur Rede, nachdem er sie wieder aus seinem Griff freigegeben hatte.
Fragend blinzelte sie ihn an. Sie konnte ihm im Moment absolut nicht folgen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so unbeholfen gefühlt wie in diesem Moment.
„Ich habe Sie mehrmals dazu aufgefordert, ihre Arbeit zu verrichten, doch stattdessen haben sie es vorgezogen, lieber in ihre absurden Tagträumereien zu flüchten." Wies er sie scharf zurecht.
Um ehrlich zu sein, verstand er diese Gryffindor im Moment überhaupt nicht. Nicht dass er das je getan hätte. Aber Hermine war eigentlich immer jemand gewesen, der seine Arbeit gewissenhaft – teilweise zu gewissenhaft – und ohne Widerstand erledigt hatte. Und nun, seit ein paar Tagen, schien diese Frau völlig die Orientierung verloren zu haben.
„Ich wollte das nicht Sir. Wirklich… aber ich… ich kann nichts dagegen tun." Wimmerte sie leise.
„Wogegen!?" fragte er scharf und man konnte deutlich hören, dass seine Geduld schon lange am Ende war.
„Gegen diese Bilder." Hauchte sie schwach.
Snape kniff nur verständnislos seine Augen zusammen. Wovon redete sie denn da?
„Was für Bilder Miss Granger! Hören Sie auf in Rätseln zu sprechen." Schnauzte er sie ungeduldig an.
Hermine schluckte. „Sie und ich. Glücklich vereint." Flüsterte sie kleinlaut.
Snape glaubte sich für einen Moment verhört zu haben. Hatte er das eben richtig verstanden? Sie sah sich selbst mit ihm zusammen? Wenn seine Haut nicht schon von Natur aus so blass gewesen wäre, dann hätte sie spätestens jetzt einer Kalkwand Konkurrenz machen können.
„Ich… ich will das nicht mehr sehen." wimmerte sie schließlich wieder. „Immer und immer wieder diese Bilder, diese Worte, diese Liebe… ich will das nicht mehr. NIE MEHR!" schrie sie und schien dabei völlig vergessen zu haben, wo sie sich befand und mit wem sie dort war.
Snape hingegen wurde es nun doch etwas Flau in der Magengegend. Was redete die Gryffindor da nur? Hatte sie jetzt völlig den Verstand verloren?
„Miss Granger" sprach er sie klar und deutlich an, so als ob er sie für schwerhörig oder begriffsstutzig hielt. „Erklären Sie mir, was Sie meinen."
Völlig desorientiert blickte sie ihn an. „Das habe ich doch gerade." Gab sie mit schriller Stimme zurück.
Snape stöhnte daraufhin nur entnervt auf. So ging das doch nicht. Hatte sich eben noch so etwas wie Sorge in ihm breit gemacht, war es jetzt wieder die Wut, die die Überhand gewann. „Ich warne Sie Granger." Spie er ihr voller Abscheu entgegen. „Spielen Sie keine Spielchen mit mir, das kann böse für Sie enden."
Mit wässrigen Augen blickte sie ihren Lehrer an. „Ich spiele nicht mit Ihnen." Gab sie kraftlos zurück. „Aber irgendjemand spielt mit mir."
In Ihren Augen konnte er erkennen, dass sie die Wahrheit sprach. Doch ein gewisses Misstrauen blieb. Er kannte es nicht anders. Er hatte bis jetzt nur einen einzigen Menschen bedingungslos vertraut. Und das hatte darin geendet, dass sich beide nur verletzt und enttäuscht hatten. Die Rede war von Lily.
Und sie war auch die einzige gewesen, die ihn solche ehrlichen Blicke hatte zukommen lassen. Die anderen Frauen sahen ihn immer nur als Statussymbol. Der gemeine Todesser Snape, der undurchsichtige Spion Snape, der kalte Lehrer Snape. Das machte so einige Frauen an. Doch nie wurde er als Mensch gesehen und es hatte ihn auch nie viel ausgemacht.
Doch diese junge Frau vor ihm, hatte eine Wunde eingerissen, die er geglaubt hatte, nie besessen zu haben. Denn es machte ihm etwas aus, wenn man ihm so etwas vorheuchelte, wenn man mit ihm Spiele trieb, die er nicht kontrollieren konnte.
„Bitte helfen Sie mir." Hörte er sie schließlich flehen, was ihn hart schlucken ließ.
„Ich kann Ihnen dabei nicht helfen." Erwiderte er ziemlich harsch, was er im nächsten Moment auch bereute. Doch er hatte absolut keine Ahnung, bei WAS er ihr helfen sollte. Dass die junge Frau Hilfe brauchte, war offensichtlich. Doch wahrscheinlich sollte sie damit lieber zu Poppy oder zu so einem Muggelpsychiater gehen.
„Gehen Sie jetzt." Forderte er.
In Hermine brach etwas zusammen. Er schickte sie weg, ohne ihr zu helfen. Warum? Warum glaubte er ihr nicht? Warum konnte er nicht verstehen, wie peinlich und demütigend diese Aussetzer waren?
Doch Hermine sah auch, dass sie keine Chance hatte, auf Hilfe von ihm zu hoffen. Und so packte sie schließlich ihre Tasche zusammen. Sie war gerade dabei, den Raum zu verlassen, als sie ein dröhnender Schmerz im Kopf packte und sie aufschrieen ließ.
Als Snape den Schrei vernahm, dachte er erst, seine Schülerin wäre über etwas gestolpert, doch als er sich schließlich zu Hermine wandte, sah er, wie sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht und schlotterndem Körper an einem Tisch festkrallte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Sofort eilte er zu Hermine hin. „Miss Granger? Miss Granger was ist los mit Ihnen?" fragte er um Ruhe bemüht. Die junge Frau hatte offensichtlich einen Anfall, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
Mit letzter Kraft blickte die junge Frau ihren Lehrer an. Ihre Augen sahen müde aus, das sonst so leuchtende Braun wirkte dumpf. Mehrere Sekunden lang hafteten ihre Blicke aufeinander, schienen sich einander zu verstehen, bis Hermine schließlich die Kraft verließ und sie in eine tiefe Ohnmacht fiel.
