10. Ohnmacht

Die junge Frau brach erschöpft in Snapes Armen zusammen. Er fing sie auf, hielt sie fest und versuchte sie wieder zum Bewusstsein zu bringen. Doch ihr Geist blieb verschlossen. Nun machte sich echte Sorge in Snape breit. Mit der jungen Frau auf den Armen verließ er schließlich das Klassenzimmer und eilte die vollen Gänge von Hogwarts entlang.

Er merkte die fragenden Blicke der anderen Schüler und konnte es ihnen noch nicht einmal verübeln. Wann sah man schon mal den Zaubertränkeprofessor mit einer jungen Frau im Arm durch die Gänge laufen.

Mit einer seiner Schultern stieß er die massive Tür zur Krankenstation auf. „Poppy" rief er und sofort eilte die Medihexe herbei.

„Oh mein Gott. Was ist mit ihr passiert?" fragte die Medihexe auch sogleich, während Snape die junge Frau auf eines der Krankenbetten legte. „Sie hatte auf einmal Krämpfe und schließlich ist sie zusammengebrochen." Antwortete er auf ihre Frage.

Poppy fühlte bereits mit einem besorgten Blick Hermines Puls. Snape beobachtete das Ganze mit seltsamen Gefühlen. Er kam nicht umhin, sich schuldig für den Zustand der jungen Frau zu fühlen. Warum hatte er ihr nicht zugehört? Warum hatte er ihr die Hilfe ausgeschlagen, die sie flehentlich eingefordert hatte?

Nach einer viertel Stunde hatte die Medihexe ihre Untersuchung an der jungen Frau beendet und trat zu Snape, der aus einiger Entfernung diese Szenerie besorgt beobachtet hatte.

„Ihr Puls ist sehr schwach." Hörte er schließlich Poppy sagen. Eine kalte Hand schien nach ihm zu greifen. Das durfte nicht sein.

„Was bedeutet das?" fragte er so unbefangen wie möglich zurück.

„Ich kann im Moment nicht viel für Miss Granger tun. Sie ist in eine Art Koma gefallen. All ihre Körperfunktionen sind auf Sparflamme gestellt, ihr Herz schlägt nur sehr unregelmäßig." Erklärte sie mit hörbar zitternder Stimme.

Snape versuchte seine Beherrschung und Ruhe zu wahren, doch er merkte, wie es ihm immer schwerer fiel. „Das bedeutet, wir können nur warten?"

Die Medihexe seufzte. „Ich fürchte ja."

Kurz sah Snape zu seiner Schülerin, die nun in einem weißen Krankenhemd und leichenblass im Bett lag. Sie atmete kaum, wirkte wie tot. Snape musste hart schlucken. Er wandte sich von diesem Bild ab und folgte Poppy in Richtung ihres kleinen Büros, welches sich ebenfalls in der Krankenstation befand.

„Ich werde Albus benachrichtigen, dass er so schnell wie möglich nach Hogwarts kommen soll. Vielleicht kann er uns weiterhelfen." Sprach Snape in einem seltsamen Tonfall, der so gar nicht zu ihm passen wollte.

Poppy nickte ihm zart zu. „Ich werde in der Zeit auf Miss Granger aufpassen."

Dieses Mal war es Snape, der als Bestätigung nur nickte, bevor er die Krankenstation mit großen Schritten und wehendem Umhang verließ.

Mit leerem Blick stand Severus Snape vor seinem Kamin im Wohnzimmer. Er hatte eben mit Albus über diesen kommuniziert. Eine Methode, die nur für ihn und nur für Notfälle gedacht war – und dies war ohne Zweifel der Fall.

Albus hatte die Nachricht sehr besorgt aufgenommen und versprochen, so schnell wie möglich zurückzukehren, um eine Lösung zu finden. Doch so wirklich beruhigen wollte dies Snape nicht. Gleichzeitig konnte er sich auch nicht erklären, warum er sich so unruhig fühlte.

Weil du dich schuldig fühlst. Ätzte sein Gewissen und er kam nicht umhin, diesem beizupflichten.

Snape strich sich mit seiner Hand fahrig durch das schwarze Haar. Er schloss für wenige Augenblicke seine Augen und schien einen Entschluss zu fassen. Er würde dieser impertinenten Nervensäge helfen. Er würde sie wieder aus ihrem Koma hexen und wenn es das Letzte war, was er tat.

Er schritt hinüber zu seinen Privaträumen, um sich ein paar Bücher aus seiner Privatbibliothek zu holen. Er hoffte, dass er in einem seiner zahlreiche Werke etwas über den seltsamen Zustand Hermines finden würde.

Die ganze Nacht über wälzte er Bücher über Flüche, seltene Krankheiten, Vergiftungen, sogar über schwarzmagische Zauberei, die noch nicht einmal in der verbotenen Abeilung zu finden waren. Doch nichts ähnelte annährend dem, was Hermine ergriffen hatten.

Völlig übermüdet und frustriert schlug er den Deckel des letzten Buches zu, welches er nach Informationen durchsucht hatte. Das konnte doch nicht sein, dass es nirgendwo einen einzigen Hinweis gab? Es musste doch so etwas schon einmal gegeben haben.

Snape strich sich über die müden Augen und versuchte seine Gedanken neu zu ordnen. Was ist, wenn der dunkle Lord wirklich dahinter steckte? Doch so wirklich vorstellen, konnte sich der Tränkemeister das auch nicht. Er wäre doch sicherlich eingeweiht worden, oder?

Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten. Vielleicht würde Voldemort beim nächsten Treffen etwas andeuten, vielleicht würde die junge Gryffindor auch morgen schon wieder erwachen… vielleicht aber auch nie wieder.

Sein letzter Gedanke schien ihn nun nicht mehr loslassen zu wollen. Warum hatte er auch nicht auf ihr seltsames Verhalten reagiert. Zumindest in einer Art und Weise die ihr hilfreicher gewesen wäre, als seine zynischen Bemerkungen und nun scheinbar völlig überflüssigen Drohungen.

Genervt von seinen eignen Gedanken, schnappte er sich seinen Umhang und machte sich auf den Weg in Richtung Krankenstation. Er könnte auch genauso gut dort weitergrübeln, jedoch hätte er dann seine Schülerin im Auge.

Mit einem gewaltigen Schwung öffnete er die Flügeltür zur Krankenstation. Es war totenstill in dem großen Saal und er konnte erkennen, dass die Krankenstation bis auf Hermine unbelegt war. Leise ging er zu dem Bett hinüber, welches von weißen Umhängen umgeben war, um es so vor neugierigen Blicken zu schützen.

Er schob den Stoff vorsichtig beiseite und schlüpfte durch. Für einen Moment fragte er sich, warum er hier stand. Doch der Anblick der jungen Frau, die so leichenblass und starr vor ihm lag, ließ ihn dies wieder vergessen.

Ihre Lider lagen schlaff aufeinander, gaben noch nicht mal ein Zucken von sich. Ihre Lippen waren rau und noch bleicher als ihre weiße Haut. Im Kontrast dazu wirkte ihr braunes Haar dunkel und kräftig und verlieh ihr dadurch etwas Porzellanartiges.

„Ihr Zustand ist unverändert." Konnte er plötzlich die Stimme der Medihexe neben sich hören.

Snape atmete laut aus. „Ich habe schon unzählige Bücher durchwälzt. Doch nichts." Gab er mit dunkler Stimme zurück.

„Es muss doch irgendwo schon mal so ein Fall aufgetreten sein. Es kann doch nicht sein, dass das junge Ding jetzt ewig in diesem Zustand bleibt." Mit wässrigen Augen blickte Poppy auf die Gryffindor.

Auch Snape hatte seinen Blick auf Hermine gerichtet. Er hatte Poppy kaum zugehört, denn er dachte angestrengt über etwas nach, was ihm in diesen Augenblick wieder eingefallen war. Er erinnerte sich an den Abend, als er Hermine in der Bibliothek getroffen hatte. Sie hatte ein Buch aufgeschlagen gehabt, in dem es unter anderem um Besessenheit ging.

Und so abwegig und irrsinnig ihm der Gedanke damals vorgekommen war, so möglich war er jetzt. Snape kannte einen guten Trank, der den Geist, welcher in das Bewusstsein eines Menschen eindrang, vernichtet. Ein Versuch war es wert. Vielleicht würde das die junge Frau tatsächlich aus ihrem Koma holen.

Er überlegte kurz, ob er Poppy über sein Vorhaben informieren sollte. Doch schließlich entschied er sich dagegen. Seine Idee, die ja eigentlich von Hermine selbst stammte, würde zu viele Fragen aufwerfen. Und Poppy war nicht gerade für ihre Verschwiegenheit bekannt. Zumindest bei den Dingen, die nicht mehr an die ärztliche Schweigepflicht gebunden waren.

„Ruf mich, wenn es Neuigkeiten gibt." Forderte der Tränkemeister in bestem Lehrerton. Dann wandte er sich vom Krankenbett ab und verließ die Krankenstation in Richtung Kerker.

Da er wusste, dass er sowieso keinen Schlaf finden würde, entschloss er sich, gleich in sein Labor zu gehen und mit dem Trank gegen Besessenheit zu beginnen.

Es war neun Uhr morgens, als Snape sein Labor mit dem fertigen Trank verließ. Es war eine anstrengende und kräftezehrende Nacht gewesen und er konnte nur hoffen, dass es sich gelohnt hatte.

Mit geprüftem Auge hielt er die Phiole, in der die tiefviolette Flüssigkeit abgefüllt war, gegen das Licht. Der Trank war perfekt, das wusste er. Wenn er also keine Wirkung zeigte, dann war es nicht seine Schuld.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus dem kurzen Moment der Zufriedenheit. Er stellte die Phiole auf einen kleinen Tisch ab und ging, nun wieder genervt, wer ihn denn um diese Zeit schon stören könnte, zur Tür, um diese zu öffnen.

Ein besorgt dreinblickender Albus Dumbledore wartete geduldig vor der Tür des Tränkemeisters.

„Hallo mein Junge." Begrüßte er Snape freundlich und trat in die Privaträume des Tränkemeisters ein.

Snape nickte dem Direktor zur Erwiderung nur zu, bot ihm aber einen Platz auf der Couch vor dem Kamin an.

„Wie geht es ihr?" kam Albus auch sogleich zum Punkt.

„Ich war heute noch nicht bei ihr, aber gestern Abend war ihr Zustand unverändert." Informierte er den Direktor über Hermines Gesundheit.

„Und ihr habt noch nichts herausgefunden?" fragte der Direktor weiter. Besorgt lagen seine blauen Augen auf Snape, während er sich langsam über seinen langen weißen Bart strich.

Auch Snape schien für einen kurzen Moment nachzudenken, doch schließlich antwortete er dem Direktor wahrheitsgemäß. „Es gibt eine Vermutung." Gab er zögerlich zu.

Gespannt richtete der Direktor seinen Blick auf den Tränkemeister und bedeutete diesem mit einem leichten Nicken fort zu fahren.

„Miss Granger hat vor ein paar Tagen selbst diese These aufgestellt." Fuhr er mit ruhiger und tiefer Stimme fort. „Sie hatte vermutet, dass sie vielleicht besessen sein könnte."

Eine Weile lang blickte Dumbledore nachdenklich vor sich hin, schien sich diese Information, diese Option durch den Kopf gehen zu lassen. „Ich nehme an, Hermine hatte einen triftigen Grund dies anzunehmen." Stellte er schließlich sachlich fest.

Snape schnaubte leise in sich hinein. Denn so wirklich glauben, dass diese Worte ihr in den Mund gelegt wurden sind, konnte er es noch immer nicht.

„Seit ein paar Tagen hat sich Miss Granger… nun sagen wir mal, sehr seltsam verhalten."

„Inwiefern?" hakte Dumbledore nach.

„Sie hat Dinge gesagt, die sie angeblich nicht sagen wollte." Gab er nun etwas spitz zurück.

Nun offensichtlich noch neugieriger hakte der Direktor erneut nach. „Was genau hat sie denn gesagt?"

„Das ist nicht so wichtig." Versuchte Snape sich noch irgendwie zu retten, doch er wusste, dass Albus nun nicht mehr locker lassen würde.

„Ich denke schon, dass die Worte, die sie gesprochen haben soll, von großer Bedeutung sind Severus." Erwiderte der Ältere mit einem freundlichen Funkeln in den Augen.

Snape knurrte in sich hinein. Dieser alte Mann wusste doch schon wieder alles, noch bevor er es ihm erzählt hatte. „Miss Granger hat mich mehrmals sehr vertraut angesprochen." Meinte er knapp und hoffte nun wirklich, dass dies als Information reichen würde.

„Diese Sache betrifft also auch dich." Stellte Dumbledore nun mit einem Lächeln fest.

Snapes Blick verfinsterte sich deutlich. „Ich weiß wirklich nicht, was daran so komisch ist." Raunte er Albus beleidigt entgegen.

„Gar nichts mein Lieber, gar nichts." Versuchte Albus zu beschwichtigen, was aber nur bedingt klappte. Denn noch immer machte Snape einen sehr zerknirschten Eindruck.

„Würdest du mir verraten, was genau Hermine zu dir gesagt hat?" fragte Albus schließlich doch. Und das nicht ohne ein amüsiertes Funkeln in den Augen.

„Ist das so wichtig?" raunte Snape zurück.

„Nun, das hatten wir doch gerade." Gab Albus ruhig zurück und brachte Snape damit um den Verstand.

„Ich habe dir doch schon gesagt, was Miss Granger so von sich gegeben hat." Ereiferte sich der Tränkemeister.

„Aber nur so im Allgemeinen." Gab der Direktor zurück.

Snape hätte sich die Haare raufen können. Er hatte Albus hierher bestellt, um zu helfen und nicht, um dumme Fragen zu stellen.

„Albus!" fauchte Snape seinen Mentor nun ungehalten an. „Das tut wirklich nichts zur Sache! Und Miss Granger hilft es in ihrem jetzigen Zustand auch nicht weiter."

Abermals strich sich der alte Zauberer über seinen Bart und schien zu überlegen. „Du hast Recht mein Junge." Lenkte der Direktor schließlich ein.

„Was gedenkst du nun zu tun?" fragte Dumbledore schließlich und schielte dabei unverhohlen zu der kleinen Phiole mit dem Trank gegen Besessenheit.

Snape musste den Blick seines Mentors nicht erst folgen, um zu wissen, wo dieser nun hinsah. Und so stöhnte er nur resigniert auf, erhob sich und erfasste die Phiole. „Ich habe Miss Grangers Theorie der Besessenheit verfolgt und ihr einen Trank dagegen gebraut." Erklärte er kurz und knapp.

„Und was ist, wenn Hermines Theorie nicht stimmt?" ließ Albus seine Zweifel verlauten.

„Dann können wir wenigstens diesen Aspekt ausschließen." Konterte Snape mit dunkler Stimme. „Ich werde ihr den Trank jetzt verabreichen." Informierte er den Direktor kurz und machte dabei deutlich, dass er sich von diesem Vorhaben nicht abbringen lassen würde.

„Also schön." Meinte Dumbledore ruhig. „Ich werde dich begleiten."

Snape nickte seinem Besucher nur knapp zu, bevor er sich seinen Umhang überwarf und mit Albus und der Phiole in der Hand seine Privaträume verließ.