11. Nachtwache

Stumm sahen Albus Dumbledore und Severus Snape auf die junge Frau, die so kränklich und schwach vor ihnen lag. Der Tränkemeister hatte ihr vor ein paar Minuten das tiefviolette Gebräu eingeflößt, doch seitdem war noch nichts geschehen.

Keine Bewegung, kein Zucken, noch nicht einmal die kleinste Regung war von Hermine zu vernehmen.

Snape seufzte laut auf. „Damit wäre wohl klar, dass Miss Granger nicht besessen ist."

„Ich weiß nicht, ob ich mich darüber nun freuen soll." Ließ Albus mit besorgter Miene verlauten.

Snape blieb daraufhin stumm, doch auch er überlegte sich gerade, ob das nun gut oder schlecht war. Besessenheit ist nicht gerade das Angenehmste, was einem widerfahren kann und es ist auch nur sehr schwer zu kurieren. Doch immerhin hätten sie dann gewusst, was die junge Frau in dieses tiefe Koma gerissen hatte. Und so standen sie wieder am Anfang ihrer Vermutungen.

*****

Die Tage vergingen, doch an Hermines Zustand änderte sich nicht das Geringste. Tag und Nacht wurde die junge Frau überwacht, mehrmals täglich von Poppy untersucht. Selbst ein Spezialist aus dem St. Mungos konnte nicht weiterhelfen.

Auch Snapes Versuche die Gryffindor wieder ins Leben zurückzuholen, scheiterten kläglich. Er hatte in den letzten drei Tagen unzählige Tränke für alle möglichen Flüche und Krankheiten gebraut, die ihn eingefallen waren. Doch keiner der Zaubertränke hatte auch nur die geringste Wirkung gezeigt.

Harry, Ron und Ginny wachten täglich an Hermines Krankenbett, erzählten ihr Geschichten, berichteten ihr über den Alltag auf Hogwarts, den Unterricht, spielten ihr sogar Lieder vor. Doch nichts halft. Die junge Frau blieb in diesem bewusstlosen Zustand.

Snape hatte in dieser Zeit begonnen, sich Vorwürfe zu machen. Er hasste dieses Gefühl, hatte es noch nie wirklich empfunden und bei einer Schülerin schon mal gar nicht. Aber sein Gewissen war da wohl anderer Meinung und bombardierte ihn mit diesem unangenehmen Gefühl.

Selbst das Brauen der Tränke und die gemeinsamen Nachforschungen nach dem Unbekannten mit Poppy und Albus konnten dieses Gefühl nicht bändigen. Niemand wusste von diesem Gefühl. Noch nicht einmal Albus schien zu ahnen, was Snape fühlte und wie aufgewühlt er war. Und doch verspürte er den Drang, mit jemanden darüber zu sprechen.

Dies war ebenfalls etwas ganz Neues für den Tränkemeister. Er kannte den Drang nicht, sich jemanden mitteilen zu wollen. Er haderte mit sich, doch schließlich traf er eine Entscheidung. Er zog sich seinen Gehrock an, packte seinen Zauberstab ein und verließ seine Wohnräume.

Mit fließenden Bewegungen schritt er über die Ländereien von Hogwarts, die bereits von der Dunkelheit des Abends umhüllt waren. Ein starker Wind fegte über die saftigen Wiesen und ließen Snapes langen schwarzen Umhang sich wie einen Nebelschleier aufbäumen.

Zielstrebig schritt er über die Grenze zum verbotenen Wald, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihn niemand folgte. Bereits nach einigen Minuten hatte er den Platz erreicht, der von den mächtigen Bäumen des Waldes gesäumt wurde.

Er hielt inne und zog seinen Zauberstab. Sofort begann sein Herz wie wild zu schlagen und ein bereits bekanntes Kribbeln zog sich durch seinen schlanken Körper. Dann richtete er den Stab auf einen Punkt in der Luft vor ihm und wisperte „Expecto Patronum".

Ein silberner Strahl löste sich aus der Spitze seines Zauberstabs und formte sich zu einer wunderschönen Hirschkuh. Schlank und grazil stand das weiß leuchtende Wesen vor dem Tränkemeister und blickte ihn mit großen und sanften Rehaugen an.

„Kannst du mir helfen Lily?" fragte Snape in die Stille hinein und versuchte das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. Doch er konnte die Aufregung deutlich in seiner sonoren Stimme mitschwingen hören.

Die Hirschkuh schloss bedächtig ihre Augen, neigte sanft ihren Kopf und verharrte so in dieser Position. Langsam löste sich ein glitzernder Schwaden von dem grazilen Körper des Rehs und umhüllte dieses, bis es vollkommen von dem Nebel verdeckt war.

Nach einer Weile löste sich der weiße Dunst wieder auf und gab die Gestalt einer jungen Frau mit leuchtend grünen Augen frei. Langsam schritt Lily auf Snape zu und erfasste zart seine Hand. „Du machst dir Sorgen um das Mädchen." Hallte es schließlich in Snapes Kopf wieder.

Er hatte vor einigen Jahren herausgefunden, dass ein ausgebildeter Legilimentiker, wie er es war, auch die Fähigkeit besaß, mit Patroni zu kommunizieren – wenn auch nur mental.

Schuldbewusst senkte er seinen Kopf. „Ich fühle mich für ihren jetzigen Zustand mitverantwortlich." Antwortete er auf demselben Weg. Er musste Lily nicht fragen, woher sie davon wusste. Sie war sein Patronus und somit ein Teil seiner Magie, ein Teil von ihm. Ein Patronus besitzt die Fähigkeiten, die Gefühle seines Besitzers aufzunehmen und wiederzugeben.

„Du hättest ihr nicht helfen können." meinte Lily sanft und verstärkte den Druck um seine Hand.

„Aber ich hätte mir wenigstens ihre Sorgen und Vermutungen anhören können." Seine Gedanken waren hart und dies spiegelte sich in der Ausdrucksweise seiner gedachten Worte wieder.

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Ein sanftes Lächeln überzog Lilys Mund. „Du bist nicht der Typ Mensch, der sich die Sorgen anderer anhört. Und schon gar nicht, wenn sie von einer Gryffindor kommen."

„Von einer nervenden, besserwisserischen Gryffindor." Verbesserte er mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Die junge Frau blickte ihr Gegenüber nur schweigend, aber dennoch mit einer herzlichen Güte in den grünen Augen an.

Snape kannte diesen Blick. Er bedeutete nichts anderes, als: Wenn du dich schlecht fühlst, dann mach es wieder gut. Er seufzte leise in die Nacht hinein. „Was soll ich tun?" fragte er leicht resigniert.

„Vielleicht solltest du versuchen, ihr nicht nur durch Tränkebrauen zu helfen." Erwiderte Lily mit einem zwinkernden Auge.

Erbost sah der Tränkemeister sie an. „Ich soll mich um sie kümmern?" fragte er nach und hoffte inständig, dass er Lilys Vorschlag missverstanden hatte.

„Du warst offensichtlich der Grund, warum sie in diesen Zustand gefallen ist. Wahrscheinlich bist du dann gleichzeitig auch das Heilmittel." Erklärte die junge Frau mit ruhiger Stimme.

Snape verzog leicht sein Gesicht. Ihm gefiel diese Idee überhaupt nicht. Er sollte für ihre Heilung verantwortlich sein können? Irgendwie war ihm das zu… persönlich.

„Es ist deine Entscheidung Sev." Setzte Lily noch nach, was ihm nun auch nicht weiterhalf.

Snape schnaubte daraufhin nur und blickte die junge Frau an, als ob sie ihm gerade vorgeschlagen hätte, sich mit James Potter auszusöhnen.

„Ich kann es versuchen." Meinte er nach einer Weile. „Aber ich glaube nicht, dass meine Anwesenheit ihr in irgendeiner Art helfen wird."

Lily nickte daraufhin nur zart, scheinbar zufrieden, dass Severus überhaupt eingelenkt hatte.

Langsam hob sie ihre Hand und strich vorsichtig über seine Wange. Eine gewaltige Gänsehaut durchfuhr seinen Körper und die bereits wohlbekannte Sehnsucht nach Liebe und dieser Frau nahmen wieder Überhand.

„Ich glaube fest an dich Sev." Wisperte sie Snape in sein Ohr, bevor sich Lily wieder auflöste.

Wie jedes Mal nach solch einer Begegnung mit ihr fühlte er sich ausgelaugter und einsamer als zuvor. Und ebenso wie jedes Mal wünschte er sich, er könnte ihr einfach folgen. Irgendwohin, dort wo sie war. Doch dann kam ihm immer der Gedanke, dass auch James dort seine würde und das schmerzte mehr, als alles andere.

Dieses Gefühl der Einsamkeit unterdrückend, machte er sich auf den Rückweg. Er dachte über Lilys Worte nach und wog ihren Vorschlag ab. Er glaubte wirklich nicht daran, dass das etwas bringen würde. Doch er hatte Lily gesagt, dass er es versuchen würde.

Und so lenkte er, als er Hogwarts wieder betreten hatte, Richtung Krankenstation ein. Er hoffte nur, dass Poppy in ihrem Büro schon schlafen würde. Denn er wollte ihr nicht wirklich erklären, warum er mitten in der Nach bei Miss Granger war.

Wirklich erklären konnte er sich das selber nicht. Geschweige denn jemand anderen. Vorsichtig stob er die Flügeltür zur Krankenstation auf und trat mit leisen Schritten ein. Vor dem Büro der Medihexe blieb er stehen und versuchte auszumachen, ob sie noch wach war.

Er musste das Büro beinahe betreten, bevor er einen Blick auf Poppy werfen konnte. Er dankte den Göttern, dass seine Gebete erhört wurden. Die Medihexe schlief tatsächlich tief und fest auf ihrer provisorischen Liege, die sie sich vor Jahren einmal hatte in die Krankenstation bringen lassen.

Leise entfernte sich Snape von ihrem Büro und ging zu dem behangenen Bett rüber. Kurz zögerte er, doch dann schob er den weißen Stoff beiseite und schlüpfte hindurch. Hermine lag unverändert vor ihm.

Nichts hatte sich geändert, ihr Zustand war noch immer sehr labil. Poppy hatte vor ein paar Tagen verlauten lassen, dass sie sich nicht sicher sein konnten, dass Hermine dies überleben würde. Snape war dabei sehr übel geworden und hatte sich nur schwer beherrschen können, sein Frühstück drin zu behalten.

Einen Moment lang war ihm ziemlich unbehaglich zumute, doch schließlich erinnerte er sich, dass die junge Frau wahrscheinlich nie mitbekommen würde, dass er hier war – mitten in der Nacht.

Und so zog er sich einen Stuhl heran, der immer für Besucher bereit stand und setzte sich dicht neben das Bett seiner Schülerin. Doch jetzt wo er hier saß, wusste er abermals nicht, was zu tun war. Was verlangte man von ihm? Was durfte er tun und was war zu vertraut?

Zu vertraut? Meldete sich einmal mehr sein Gewissen. Darf ich dich daran erinnern, dass du bereits über sie hergefallen bist?

Auch wieder wahr, dachte sich der Tränkemeister nur zerknirscht und nahm dann eine entspanntere Haltung ein. Seine Augen fixierten ihr bleiches Gesicht, welches von dem tiefbraunen Haar gesäumt wurde. Eine einzelne Strähne hatte sich in ihrem Gesicht verirrt und wäre Hermine wach gewesen, hätte sie diese sicherlich gestört.

Und ganz nebenbei: Snape störte diese Strähne auch irgendwie. Eine ganze Weile lang starrte er auf die verirrte Locke, doch schließlich überwand er sich und streckte seine Hand aus, um der jungen Frau die Strähne aus dem Gesicht zu streichen.

Ihr Haar fühlte sich trotz allem seidig weich an. Doch als er aus Versehen ihre Haut mit seiner Hand berührte, schrak er ein Stückchen zurück. Sie war eiskalt. Sofort fühlte Snape den Puls der jungen Frau, der zwar schwach, aber immerhin da war.

Aber dennoch machte ihm ihre niedrige Körpertemperatur Sorgen. Noch einmal legte er seine Hand auf ihre Wange und auf ihre Stirn. Doch er hatte sich nicht geirrt. Hermine war eiskalt.

Daraufhin zog Snape seinen Zauberstab und murmelte einen Wärmezauber über die junge Frau. Er war sich bewusst, dass das nicht viel helfen würde, aber irgendetwas musste er doch tun.

Plötzlich erinnerte er sich an Lilys Worte. Wahrscheinlich bist du dann gleichzeitig auch das Heilmittel.

Erneut zögerte er kurz, doch dann gab er seiner inneren Eingebung nach und griff nach ihrer kleinen Hand. Er verbarg diese in seiner und spendete ihr somit etwas von seiner Körperwärme.

„Miss Granger" flüsterte er. „Ich weiß nicht, ob Sie mich hören können, aber Sie müssen kämpfen, hören Sie? Wir können Ihnen nicht helfen. Nur Sie können sich aus diesem Koma befreien." Kurz hielt er inne und horchte, ob noch immer alles um ihn herum ruhig war. Als er nichts Außergewöhnliches vernehmen konnte, sprach er weiter, auch wenn er sich ehrlich gesagt, ziemlich dumm dabei vorkam. Er war halt nicht für solche Dinge geschaffen.

„Ich weiß, dass Sie es schaffen können. Sie sind doch sonst auch so ein penetranter Dickschädel und beißen sich an den Sachen fest, die sie als wichtig und vor allem richtig erachten." Beinahe hätte er selbst über seine Worte schmunzeln müssen. Konnte er sich doch leibhaftig vorstellen, wie erbost und beleidigt ihn diese junge Frau jetzt angesehen hätte, wenn sie seine Worte gehört hätte.

Stille war wieder eingekehrt. Er hatte ihr nichts weiter zu sagen und so verstärkte er nur sanft den Druck um ihre Hand und ließ sich im Stuhl weiter zurücksinken.

Und plötzlich passierte etwas. Etwas, was dem Tränkemeister verborgen blieb, da seine Augen auf das blasse Gesicht der Gryffindor gerichtet waren. Ein zartes blaues Licht löste sich aus Snapes Hand und ging auf Hermines über, kroch den Arm entlang und schien sich dann in ihr aufzulösen. Es war nur ein sanfter Schimmer, aber dennoch bewirkte er etwas Großes. Er weckte Hermines Unterbewusstsein.