15. Die Qual der Liebe
Schlotternd und weinend lag Hermine in ihrem Bett. Die Tränen wollten gar nicht mehr versiegen, ebenso wie diese unglaublich große Scham. Sie konnte nicht beschreiben, wie dreckig und elendig sie sich fühlte.
Hinzu kam eine unangenehme Übelkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Während sie vor wenigen Stunden unter Snapes Berührung erbebt war, ergriff sie jetzt ein Brechreiz, wenn sie daran dachte.
Hermine verstand es einfach nicht. Diese ganze Sache, Snape und vor allem sich selbst. Was war denn nur in ihr gefahren, sich ihm so auszuliefern, sich ihm so anzubieten. Eng umschlang sie ihren Körper, rieb über ihre Oberarme, um so wenigstens ein bisschen Wärme in ihren Körper zu bekommen.
Doch es blieb ein eklig kaltes Gefühl in ihrem Inneren, welches nie wieder zu verschwinden schien. Laut schluchzte die junge Frau auf, Träne um Träne lief ihr über das bereits brennende Gesicht. Ihre Haare klebten ihr an den geröteten Wangen, ihre Augen wirkten verklärt und geschwollen.
Immer und immer wieder erinnerte sie sich an seine letzten Worte. Er würde nie so sein, wie der Snape, den sie gesehen hatte. Diese Worte schmerzten mehr, als sie bereit war, zuzugeben.
Sie hatte sich in den letzten Tagen beinahe zu sehr an den Gedanken gewöhnt, dass diese Vision wahr sein könnte. Diese sanfte Art hatte ihr gefallen. So zart war sie noch nie berührt worden, noch nie hatte man sie so sanft geküsst, wie in dieser Vision.
Und dann wurde sich die junge Frau ihres eigentlichen Problems bewusst. Sie hatte sich in einen Mann verliebt, den es offenbar nur in ihren Träumen gab.
*****
Severus Snape schritt schnellen Schrittes über die Ländereien von Hogwarts. Er hatte an die frische Luft gemusst. In seinen Räumen hatte er zu viel nachdenken müssen. Darüber, was vor wenigen Stunden passiert war.
So viel Genugtuung es ihn noch vorhin bereitet hatte, die junge Gryffindor so erniedrigt zu haben, so schlecht fühlte er sich jetzt. Er war zu weit gegangen, dass wusste er. Doch nun konnte er es auch nicht wieder rückgängig machen. Er konnte es einfach nur vergessen.
Und um dies zu schaffen, stürmte er nun wieder zu der altbekannten Stelle im verbotenen Wald, die ihn schon so vertraut war, wie kaum ein anderer Platz in dieser grausamen Welt.
Dort angekommen, lehnte er sich für einige ruhige Augenblicke gegen einen großen Baum. Er schloss die Augen und sog die frische Nachtluft tief in seine Lunge. Diese angenehme Stille und die sanften Düfte der Natur beruhigten den Tränkemeister allmählich wieder.
Aber dennoch blieb die Frage, warum er so weit gegangen war. Warum er sich bei der Granger abermals nicht unter Kontrolle gehabt hatte, warum gerade SIE ihn so zum Wahnsinn trieb.
„Frauen." Murmelte er nur säuerlich in die Nacht hinein. Sie machten nur Ärger, brachten einen um den Verstand und doch… und doch konnte man ohne sie kaum leben.
Snape hatte in den vergangen 20 Jahren gelernt ohne sie klarzukommen. Doch eine bestimmte Frau hatte er nie vergessen können. Und es hat viele Tage gegeben, an denen er eben diese Frau dafür verdammt hatte, dass sie ihn nicht losließ, dass sie ihn auch nach so vielen Jahren noch beschäftigte.
Und auch wenn Snape es sich oft gewünscht hatte, so hatte er doch nie aufgehört, Lily zu lieben.
Seufzend stieß er sich von der harten Rinde ab und zog seinen Zauberstab aus seinem Umhang. Es war wie eine Droge für ihn, seinen Patronus heraufzubeschwören. Er konnte nicht anders. Er musste sie einfach sehen, andernfalls fühlte er sich leer und ausgelaugt – weniger vollkommen.
Die silberne Hirschkuh erschien vor ihm. Mit grazilen Bewegungen kam sie auf ihn zu, neigte sanft ihren Kopf und berührte mit diesen zart Snapes Hand. Langsam schloss Snape seine Augen und genoss diese sanfte Berührung. Seine Hand strich leicht, beinahe vorsichtig über das weiche schimmernde Fell der Hirschkuh.
Und auch wenn es nur ein Patronus war und er somit nicht wirklich ihr Fell spüren konnte, so konnte er es sich aber vorstellen, wie sich das seidige Haar in seinen Händen anfühlen würde.
Als Severus Snape seine Augen wieder öffnete war die Hirschkuh verschwunden. Stattdessen stand nun Lily vor ihm. Er schluckte hart, als er in ihre grünen Augen blickte.
Wie viele hundert Male hatte er schon in diese blicken dürfen. Doch noch immer verschlug es ihm schlichtweg die Sprache, wenn seine schwarzen Tiefen auf ihre Grünen trafen.
„Du bist zu weit gegangen Sev." Hörte er ihre leicht tadelnde Stimme in seinem Kopf widerhallen.
Beschämt senkte er seinen Kopf, schloss seine Augen. „Ich hatte in diesem Moment so eine enorme Wut in mir." Entgegnete er unsicher. „Ich konnte ihre Blicke, ihre Gedanken nicht mehr ertragen." Vorsichtig hob er seinen Blick wieder.
Ihre Augen begegneten seinen. In ihnen lag ein ungewohnt strenger Glanz. „Sie kann nichts dafür. Das weißt du. Sie will das, was sie fühlt, nicht empfinden."
„Aber es gibt nicht diesen Mann, dem sie in ihren Träumen begegnet ist!" hallte seine Stimme hart in seinem Kopf wider. „Ich hatte mir nicht mehr anders zu helfen gewusst, wie ich sie davon abhalten kann, in ihr Unglück zu rennen."
Lange sah sie ihn an. Ihren Blick konnte er nicht deuten. „Das war nicht der einzige Grund oder?" Fragte Lily. Dieses Mal sanfter.
Der Tränkemeister senkte nur leicht seinen Kopf. Er konnte nicht reden. Nicht darüber.
Er spürte, wie eine kleine Hand sich zart auf seine Wange legte. Vorsichtig blickte er auf und versank sofort wieder in zwei grüne Smaragde. Und er wusste sofort, dass sie in diesem Augenblick all seine Gefühle und Gedanken sehen konnte.
„Du solltest mich endlich vergessen Sev." Ertönte ihre sanfte Stimme abermals in Snapes Kopf.
Ihre Worte waren nicht mahnend oder gar strafend gewesen. Sie hatten eher einen besorgten Unterton getragen.
„Du weißt, dass sich das nicht kann." Erwiderte Snape dieses Mal. Doch von seiner üblichen Schärfe war nichts mehr übrig.
Ein sanftes Lächeln erschien auf Lilys ebenen Zügen. „Du kannst nicht ewig so weiterleben."
Snape hob seine Augenbrauen in ungeahnte Höhen. „Und was soll ich deiner Meinung nach tun?" fragte er nun doch etwas gereizt zurück.
Doch die junge Frau blieb ruhig und besonnen. „Das weißt du ganz genau Sev."
Snape schnaubte daraufhin nur laut auf. „Du weißt, dass ich nie eine andere Frau lieben werde." Erwiderte er mit einer gewissen Trauer in der Stimme.
„Du hast es ja noch nicht einmal versucht."
„Das brauche ich auch nicht!" Seine Stimme war hart. „Ich habe dir vor mehr als 20 Jahren mein Herz geschenkt. Und du hast es bis heute. Wie soll ich da jemals wieder lieben können?!"
Traurig blickte Lily ihr Gegenüber an. Ihr Griff intensivierte sich um sein Gesicht und sie zog es vorsichtig zu sich heran. „Ich möchte, dass du glücklich bist Sev." Flüsterte sie ihm entgegen.
Snape musste hart schlucken. Ihre Nähe war beinahe zu viel für ihn. Und hätte er sich nicht so gut unter Kontrolle gehabt, dann hätte er die junge Frau jetzt geküsst.
„Wenn du bei mir bist, bin ich das." Erwiderte er mit rauer Stimme.
„Aber das bin ich nicht immer." Flüsterte Lily sanft zurück.
Langsam schloss Snape seine Augen. „Die wenigen Momente, in denen du es bist, reichen mir. Davon lebe ich."
Ein trauriges Lächeln erschien auf Lilys elfengleichen Zügen. Vorsichtig zog sie sein Gesicht zu sich heran und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Du solltest dein Herz einer lebenden Frau schenken." Sagte sie sanft. Und noch ehe er darauf etwas erwidern konnte, löste sie sich langsam auf und verschmolz mit der Dunkelheit.
*****
Mit müden Augen und einem flauen Gefühl im Magen saß Hermine am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Sie fühlte sich elendig und schon allein der Gedanke daran, dass sie heute Abend erneut zu Snape musste, bescherte ihr eine heftige Übelkeit, die sie kaum bewältigen konnte.
Leider Gottes hatten sich Harry und Ron an diesem Morgen dazu entschieden, mit der Gryffindor wieder zu reden. Und so musste sich Hermine sinnloses Geplapper über Quidditch und noch sinnlosere Fragen zu ihrem Befinden anhören. Als ob dieses nicht offensichtlich war.
Hermine wusste, dass sie grausam aussehen musste, denn sie hatte die Nacht kaum geschlafen, viel geweint und mindestens ebensoviel geduscht. Ja, die junge Frau hatte die halbe Nacht damit verbracht, sich die Scham von ihrem Körper zu waschen. Doch leider klebte diese immer noch wie ein Ungeziefer an ihrem Körper.
Nach mehreren Stunden unter der Dusche hatte sich ihre Haut schon vollkommen aufgelöst gehabt – doch das Schamgefühl war geblieben.
Lustlos stocherte Hermine in ihrem Rührei herum. Gegessen hatte sie davon noch nichts. Auch ihren sonst so heiß geliebten schwarzen Kaffee hatte sie noch nicht angerührt.
„Mine ist alles in Ordnung?" hörte sie diese Frage schon zum vierten Mal an diesem Morgen.
Wieder schaute sie Harry an und wieder beantwortete sie diese Frage nur mit einem „Sicher".
„Aber du hast kaum was gegessen." Schaltete sich nun auch Ginny mit ein, die an diesem Morgen bis jetzt erstaunlich zurückhaltend gewesen war.
Hermine zuckte daraufhin nur mit ihren Schultern. „Ich glaub, ich hab mir den Magen verdorben." Gab sie halbherzig zurück und schob ihren Teller mit dem Ei von sich.
„Vielleicht solltest du dich krankschreiben lassen." Schlug Harry vor.
„Vielleicht." Erwiderte Hermine ohne wirklich über ihre Antwort nachgedacht zu haben.
Stumm und besorgt sahen ihre Freunde sie an. Hermine hingegen konnte diese Blicke nicht mehr ertragen und so erhob sich schließlich schwerfällig.
„Wir sehen uns." War das einzige, was sie ihren Freunde noch zukommen ließ, bevor sie aus der großen Halle verschwand.
*****
Punkt 20 Uhr stand Hermine wieder vor Snapes Bürotür. Ihr Kopf schwirrte und sie zitterte am ganzen Leib. Sie wusste nicht, was heute auf sie zukommen würde. Würde Snape sie missachten? Sie auf gestern ansprechen? Sie nochmals beleidigen oder demütigen?
Hermine seufzte laut auf. Es brachte alles nichts, sie musste da jetzt rein. Und so klopfte sie zaghaft gegen die Tür. Mehrere Sekunden lang passierte gar nichts, doch dann wurde die Tür abrupt von Snape aufgerissen.
„Rein kommen!" befahl er harsch und ging zurück in sein Büro.
Hermine folgte ihrem Lehrer, achtete aber darauf, einen besonders großen Abstand zwischen sich und ihm zu halten.
Ihr Herz klopfte vor Angst und Aufregung. Was würde jetzt passieren? Was würde er jetzt mit ihr veranstalten?
„Sie werden heute Ordnung in mein Labor bringen." Forderte er mit scharfer Stimme.
Leicht überrascht blickte sie ihren Lehrer an. Das war alles? Mehr wollte er nicht sagen oder machen? Sie hätte ihren Zauberstab verwettet, dass er sie mit dem, was gestern passiert war, aufziehen würde.
„Warten Sie auf eine Extraeinladung?!" schnarrte er sie an, als sich die Gryffindor nicht bewegte.
„Nein Sir." Brachte sie notgedrungen hervor und machte sich dann eilig auf den Weg zu seinem Labor.
„Einen Moment noch!" rief er ihr plötzlich hinterher.
Abrupt blieb Hermine stehen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen, ihre Knie drohten nachzugeben. Sie hatte es gewusst. Er würde es sich nicht nehmen lassen, den Vorfall von gestern noch einmal zu kommentieren.
Langsam drehte sich die Gryffindor zu ihrem Lehrer um und blickte ihn tapfer in die schwarzen Augen.
Seine Mimik war verschlossen. Die junge Frau konnte nicht sehen, ob er im Moment wütend, zornig oder einfach nur gut drauf war, weil er nun die Chance hatte, ihr erneut eins auszuwischen.
„Ihren Zauberstab." Sprach er schließlich mit leiser sonorer Stimme.
Die beiden Worte wollten für Hermine nicht so recht einen Sinn ergeben, da sie mit etwas ganz anderem gerechnet hatte.
„W-was?" stotterte sie hilflos und kam sich dabei ziemlich bescheuert und klein vor.
„Ich möchte Ihren Zauberstab oder glauben Sie etwa, ich lasse Sie die ganze Arbeit mit Magie verrichten?" Das wäre wohl keine Strafe." Entgegnete er mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht.
Mit großen Augen blickte sie ihren Lehrer an. Er wollte nur ihren Zauberstab? Das war alles? Die Gryffindor war mehr als durcheinander. Aber dennoch schaffte es ihr rationaler Teil, ihm den Zauberstab zu überreichen.
Als er ihr diesen abgenommen hatte, sandte er Hermine noch einen bösen Blick, der ihr klar machte, dass sie sich beeilen sollte, bevor er wieder hinter seinem Schreibtisch verschwand.
