17. Unsicherer Einklang
Mit einem Buch in der Hand lag Hermine in ihrem Bett und versuchte sich irgendwie zu beschäftigen. Bereits den ganzen Tag lag die Gryffindor nun schon in ihrem Bett. Sie hatte Snapes Rat befolgt und war sofort zu Poppy gegangen, die sie auch sogleich mehrere Tage krankgeschrieben hatte.
Das hatte wiederum Hermine so überhaupt nicht gefallen. Sie konnte es sich nicht vorstellen, mehr als einen Tag sinnlos im Bett herumzuliegen. Schon allein diese sechs Stunden, in denen sie nun schon mal liegend, mal sitzend verweilte, wurden langsam aber sicher unerträglich.
Zwar hatte Hermine in der Mittagspause Krankenbesuch von Harry, Ron und Ginny bekommen, doch dieser war auch nicht gerade entspannend gewesen. Die Jungs waren natürlich wie immer davon überzeugt, dass Snape diesen Anschlag, wie sie es so schön nannten, geplant hatte.
Da halfen auch nicht Hermines Beteuerungen, dass es ihr eigenes Verschulden gewesen war und dass Snape ihr das Leben gerettet hatte. Aber ebenso gut hätte sie auch gegen eine Wand sprechen können, denn die Worte waren bei den Jungs noch nicht einmal ansatzweise angekommen.
Und so war sie auch ziemlich erleichtert gewesen, als ihre Freunde wieder zum Unterricht mussten. Seit diesem Besuch gingen der jungen Frau ihre Freunde nicht mehr aus dem Kopf. In den letzten Wochen hatte sich viel zwischen ihnen verändert – und das leider nicht zum Guten hin.
Seit sie diese seltsamen Visionen von Snape hatte, verschloss sie sich immer mehr vor ihren Freunden. Sie wusste, dass sie nicht mit Ron und Harry darüber reden konnte. Sie würden ihr gar nicht richtig zuhören, da schon allein bei der Erwähnung von Snapes Namen der Verstand der beiden abschaltete.
Und mit Ginny konnte sie irgendwie auch nicht darüber sprechen. Sie wusste nicht warum, aber Hermine war sich ziemlich sicher, dass die Rothaarige sie für verrückt erklären würde, wenn sie ihr von ihren Visionen berichten würde, in denen es einen romantischen Snape gab.
Und so blieb der Gryffindor nichts anderes übrig, als alleine mit diesem Problem fertig zu werden. Wie genau sie das schaffen sollte, wusste sie noch nicht. Aber Hermine hoffte, dass sich diese Visionen irgendwann geben und ihr Problem sich somit in Luft auflösen würde.
Genervt und von der Langeweile überfallen, klappte die junge Frau ihr Buch zu und legte es beiseite. Es hatte keinen Zweck, jetzt etwas zu lesen. Sie konnte sich sowieso nicht konzentrieren.
Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Es war bereits 19.34 Uhr. Erstaunlich spät, aber dennoch zu früh, um schlafen zu gehen. Hermine stöhnte laut auf. Wie sollte sie diesen Tag nur rum kriegen? Warum konnte sie nicht einfach die Zeit vorstellen? Wenn sie doch wenigstens etwas zu tun hätte.
Sie schloss ihre Augen und dachte nach. Und plötzlich riss sie ihre Augen auf, blickte nochmals zu ihrem Wecker und sprang dann schließlich aus dem Bett.
Dies bereute sie auch sogleich, da ein heftiger Schwindel sie packte. Doch nach mehreren Sekunden des Verharrens lies dieser wieder nach und die junge Frau war dazu in der Lage sich anzuziehen.
Sie kämmte sich noch schnell die Haare und strich sich ein wenig Make-up ins Gesicht, um wenigstens ein wenig frisch auszusehen, warf sich dann ihren Umhang über und verließ ihre Räume.
Ein paar Minuten später stand sie vor Snapes Büro. Kurz fragte sie sich, was sie hier eigentlich tat, doch schließlich siegte ihr innerer Drang und so klopfte sie beherzt an die Tür.
Nach ein paar Momenten der vollkommenen Ruhe konnte sie hören, wie sich Schritte nährten. Und schließlich öffnete sich die Tür und ein sehr überraschter Tränkemeister stand ihr gegenüber.
„Was machen Sie hier Granger?" fragte er sie mit einem fauchenden Unterton.
„Strafarbeit." war das Einzige, was sie herausbrachte, da sein scharfer Ton sie ziemlich verunsichert hatte.
Snape hob daraufhin nur seine Augenbrauen. „Sie sind krankgeschrieben." Erwiderte er nur kühl und verschränkte dabei seine Arme vor der Brust. „Also verschwinden Sie und legen Sie sich wieder in Ihr Bett."
Hermine schluckte schwer. Er schickte sie weg? Das konnte er doch nicht machen. „Bitte Sir." Flehte sie ihn mit zittriger Stimme an. „Ich muss irgendetwas tun. Ich sterbe sonst vor Langeweile."
Stumm fixierten seine schwarzen Augen die junge Frau. Und nach mehreren Sekunden nahmen diese einen belustigten Glanz an, der Hermine sehr irritierte.
„Sie flehen mich tatsächlich an, Ihre Strafarbeit abzuarbeiten?" Sein Amüsement war deutlich aus seiner dunklen Stimme zu hören.
„Ja Sir." Bestätigte sie seine Frage nur knapp und zog dabei eine Schnute.
„Na wenn das mal nicht ein bedeutender Tag in meinem Leben ist." Erwiderte er ironisch. „Den sollte ich mir rot im Kalender anstreichen."
„Sie besitzen keinen Kalender." Meinte Hermine nur trocken und das Funkeln in seinen Augen schien sich noch einmal zu intensivieren.
„Wie Sie meinen." Sprach er und ging zurück in seine Räume. Doch er ließ die Tür offen und erlaubte der Gryffindor somit einzutreten.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen folgte sie ihrem Lehrer. Sie war wirklich mehr als überrascht von seiner Art heute. Irgendwie war das auch ein bisschen unheimlich.
„Sie wissen ja, wo das Labor ist." Meinte er nur und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
Hermine wollte gerade in das angrenzende Labor schreiten, als Snape sie noch einmal aufhielt. Als die Gryffindor ihren Namen hörte, drehte sie sich zu ihrem Lehrer um.
Dieser hatte sich mittlerweile wieder von seinem Stuhl erhoben, war zu der Gryffindor gegangen und hielt ihr nun ihren Zauberstab hin. „Damit nicht noch einmal so ein Unglück passiert."
Hermine wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Ihr Lehrer schien es sich offenbar heute vorgenommen zu haben, sie völlig durcheinander zu bringen. Und er hatte durchaus Erfolg damit.
„Danke" sagte sie mit einer nicht zu überhörenden Überraschung in der Stimme und nahm Snape den Zauberstab ab. Dieser nickte daraufhin nur und ging wieder auf seinen Schreibtisch zu.
Fleißig arbeitete Hermine in Snapes Labor weiter. Mit Hilfe des Zauberstabs ging die Arbeit doppelt so schnell voran und war somit auch nicht ganz so ermüdend.
„Sie sollten für heute aufhören." Erklang plötzlich Snapes dunkle Stimme hinter der jungen Frau.
Erschrocken drehte sie sich zu ihrem Lehrer um und hätte dabei beinahe schon wieder eine Phiole herunter geschmissen, wenn Snape diese nicht so geistesgegenwärtig aufgefangen hätte.
„Warum so schreckhaft?" fragte er schließlich mit ungewohnt ruhiger Stimme, nachdem er die Phiole wieder zurück ins Regal gestellt hatte.
Hermine hatte noch immer mit ihrem wild klopfenden Herzen zu kämpfen. Wie schaffte es dieser Mann nur, sich immer so lautlos zu bewegen? „Müssen Sie sich immer so anschleichen?"
Entschuldigend hob er daraufhin nur seine Hände. Anschließend verließ er sein Labor wieder, aber nicht ohne der jungen Frau zu bedeuten, ihm zu folgen.
Mit einer hartnäckigen Unsicherheit folgte Hermine ihm in sein Büro. Sie wusste nicht, was heute los war, aber irgendetwas zwischen Ihnen war anders. Irgendwie friedlich. Und sie musste zugeben, dass ihr diese Stimmung sehr angenehm war.
Auch Snape hatte mittlerweile mit dieser seltsamen Stimmung zu kämpfen. Er hatte das Gefühl, dass sich eine ziemlich unnachgiebige Harmonie zwischen sie beide geschummelt hatte. Denn so sehr er sich auch bemühte, er konnte zu der Gryffindor nicht eklig sein.
Im Gegenteil. Er fand sie heute irgendwie sogar sympathisch. Ein wenig schüttelte ihn der Gedanke schon. Denn wann hatte er zuletzt jemanden sympathisch gefunden?
„Setzen Sie sich." Sagte er schließlich zu seiner Schülerin. Er hatte das dringende Bedürfnis, mit ihr zu reden – und zwar jetzt.
Abermals ein wenig von seinen Worten überrannt, blickte sie ihn mit großen braunen Augen an. Snape blieb dieser Blick natürlich nicht verborgen. Und so seufzte er nur, als er Hermine abermals einen Platz vor seinem Schreibtisch anbot. „Wir sollten reden."
Hermine schluckte. Warum auf einmal dieser Stimmungswandel? Warum reden? Unsicher nahm sie schließlich auf dem dargebotenen Stuhl Platz.
Auch Snape hatte sich mittlerweile gesetzt und blickte die junge Frau nun mit tiefen Augen an. „So sehr ich mich auch dagegen wehre, ich kann nun nicht mehr leugnen, dass da etwas zwischen uns ist, was offensichtlich nicht von uns ausgeht."
Hermines Herz bebte, ihre Hände waren schweißnass. Was war hier los? Was passierte hier gerade mit Ihnen? Sprachlos blickte sie ihren Lehrer einfach nur an.
„Diese Stimmung, die heute zwischen uns herrscht, ist weder gut noch echt." Sprach er in bestem Lehrerton weiter. Und doch glaubte Hermine auch in seiner dunklen Stimme so etwas wie Unsicherheit herauszuhören.
„Woher auf einmal dieser Sinneswandel?" fragte Hermine schließlich frei heraus. Immerhin war er es immer gewesen, der sich wehement gegen Hermines Theorie gewehrt hatte.
„Weil das nicht ich bin!"
Lange blickte Hermine ihren Lehrer einfach nur an. Doch schließlich richtete sie abermals das Wort an ihn. „Und was ist, wenn Sie doch so sind? So aber nicht sein wollen?"
Ein lautes abfälliges Schnauben war die einzige Antwort, die sie daraufhin bekam. Hermine seufzte frustriert auf. „Wäre das wirklich so schlimm?" hakte sie vorsichtig nach.
Plötzlich funkelten seine Augen wieder zornig auf. „Miss Granger, ich hätte weder mit Ihnen geschlafen noch würde ich mich Ihnen gegenüber so… zahm verhalten, wenn da nicht irgendeine… Macht seine Finger mit im Spiel hätte."
„Nein vielleicht hätten Sie das nicht." Pflichtete ihm die junge Frau bei. „Aber ich denke nicht, dass Sie völlig anders gehandelt haben, als sonst auch."
Dunkel blickte Snape seine Schülerin an. „Glauben Sie eigentlich, was Sie da sagen?" fuhr er sie etwas ungehalten an.
Hermine zuckte daraufhin nur mit ihren Schultern. „Ich…ich hatte nicht das Gefühl, dass sie völlig die Kontrolle über Ihr Tun abgegeben haben."
Ruhig blickten sie sich einander an. Mehrere Sekunden lang, dann senkte Snape seinen Blick. Er musste ihr Recht geben – leider. Er fühlte nicht freiwillig so, aber dennoch ließ er es zu. Warum auch immer.
„Was auch immer es ist." Unterbrach er nach mehreren Minuten die Stille. „Wir sollten herausfinden, was es ist, dass Sie und irgendwie auch mich beeinflusst."
Stumm nickte sie Snape zu. Es gab dazu nichts mehr zu sagen. Nachdenklich blickte die junge Frau in den Raum hinein. Ob sie es je herausfinden würden, wer oder was Hermine das Leben seit Wochen so schwer machte? Sie war nur froh darüber, dass Snape jetzt wenigstens eingelenkt hatte und sie nicht mehr für völlig durchgeknallt hielt.
„Und was gedenken Sie, sollten wir jetzt tun?" fragte dieses Mal die Gryffindor in das Schweigen hinein.
„Wir?" fragte er mit gehobener Augenraue leicht erstaunt zurück.
Hermine verzog ihr Gesicht. „Ja wir. Immerhin sind wir beide betroffen."
Snape hob seine Hand, um etwas zu erwidern, doch Hermine fuhr ihn dazwischen. „Nein, ich will nichts hören." Gab sie keck zurück. „Ich möchte und ich werde Ihnen bei der Suche nach… nach was auch immer helfen, ob es Ihnen gefällt oder nicht."
„Mit gefällt es sogar ganz und gar nicht." Gab er nur gelassen zurück, doch die typische Häme fehlte dieses Mal in seiner Stimme.
Hermine konnte sich daraufhin ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie war diese ganze Situation hier so surreal, dass es einfach nur noch zum Lachen war.
„Was gibt es da zu grinsen?" fragte er seine Schülerin, doch ein leichtes Lächeln konnte sich selbst der Zaubertränkemeister nicht verkneifen. Irgendwie war das hier mehr als nur verrückt.
„Ich glaube, die Antwort wissen Sie." Gab sie ruhig zurück, doch das Grinsen wollte einfach nicht aus ihrem Gesicht verschwinden.
Mit einem Mal wurde Snape wieder ernster. „Eins sage ich Ihnen Granger. Wenn ich nicht mehr unter diesem seltsamen Einfluss stehe, dann gnade Ihnen Gott. Denn es passt mir nämlich ganz und gar nicht, dass ich mich Ihnen gegenüber so verhalte."
„Na toll." Meinte die junge Frau nur. „Sie schaffen es auch, jeden harmonischen Moment zu zerstören. Machen Sie das mit Absicht oder können Sie einfach nicht anders?" herausfordernd blickte Hermine ihren Lehrer an.
Dieser schien mittlerweile wieder zu seiner alten Form zurückgefunden zu haben, denn seine Augen spiegelten nun so eine Kälte wieder, dass es Hermine unangenehm den Rücken runter lief.
„Das Gespräch ist damit beendet." Ließ er mit strenger Lehrerstimme verlauten und wies mit seiner Hand zur Tür.
Das war eindeutig ein Rauswurf. Doch Hermine wusste, dass es keinen Zweck hatte, jetzt noch mit ihm zu reden. Und so erhob sie sich nur seufzend und verabschiedete sich mit einem halbherzigen Gute Nacht bei ihrem Professor.
Als die Gryffindor verschwunden war, fegte Snape in einem Anflug aufwallenden Zorns seinen Schreibtisch leer. Dieses Gespräch war alles andere als optimal verlaufen. Er fand diese Alleswisserin nervend, er mochte sie noch nicht einmal und doch… und doch tat er Dinge, die er sich nicht erklären konnte, die er unter normalen Umständen nie getan hätte.
Dabei dachte er besonders an die verhängnisvolle Begegnung an der Schlossmauer. Auch nach so vielen Wochen lies ihn die Frage nicht los, warum er sich hatte dazu hinreißen lassen? Sie war seine Schülerin! Und eine nervende noch dazu. Ihr Äußeres war auch nicht gerade sehr faszinierend.
Er musste dieses Theater beenden. Je schneller desto besser. Und er würde alle Hebel in Bewegung setzen, damit SIE nicht mehr so einen Mist reden und ER sich wieder normal verhalten würde. Und er würde gleich damit anfangen.
