TEIL 2
19. Etwas Neues
Erschöpft ruhte Hermines Kopf an Severus´ Schulter. Ihr Puls normalisierte sich almmählich wieder, doch dieses unglaubliche Gefühl, welches er gerade in ihr ausgelöst hatte, blieb.
Snape war nicht gerade zimperlich mit ihr umgegangen. Romantik und Zärtlichkeit schienen ein Fremdwort für ihn zu sein. Aber dennoch konnte sich die junge Frau nicht beklagen. Er hatte im Voraus seinen Standpunkt klar geäußert. Das, was zwischen ihnen war, ist rein körperlicher Natur.
Und Hermine war es recht. Sie hatte auf dem Gebiet Beziehung wahrscheinlich so wenig Erfahrung wie Snape selbst. Und sie hatte nicht vor, ihre ersten Versuche in Richtung Liebe ausgerechnet mit ihm zu wagen.
Aber um ein paar sexuelle Erfahrungen zu sammeln, war ihr Professor durchaus eine gute Wahl gewesen. Er konnte Dinge mit seinen Händen anstellen, die ihr allein bei dem Gedanken daran, eine Gänsehaut par excellence bescherten. Er wusste genau, was er tat. Und das war ungemein reizvoll.
Auch wenn dies nun schon zum zweiten Mal passiert war, so wusste die Gryffindor dennoch nicht, wie sie sich nun verhalten sollte. Jetzt wo die Spannung abgefallen und die Leidenschaft gestillt worden war, kam der Verstand zurück und hämmerte unerbittlich auf Hermine ein.
Vorsichtig löste sie sich von seiner warmen Schulter, ihren Blick irgendwohin gerichtet, nur um ihn nicht in die Augen sehen zu müssen. „Soll ich gehen?" fragte sie unsicher in den Raum hinein.
„Willst du denn gehen?" kam prompt die Gegenfrage zurück.
Hermine wusste es ehrlich gesagt selber nicht. Eigentlich hätte sie jetzt fliehen sollen. Weg von ihm, von dieser Situation. Doch ein Teil in ihr wollte in seiner Nähe bleiben.
Unsicher zuckte sie daraufhin nur mit ihren Schultern. „Es wäre schon… seltsam, jetzt einfach so zu gehen." Vorsichtig traute sie sich in seine schwarzen Augen zu schauen, die sie nun streng anblickten.
„Auch wenn es nur Sex war." Stammelte sie noch etwas verlegen hinterher, als ihr klar wurde, dass sie gerade auf Kuschelkurs ging.
„Ich schlage vor, wir ziehen uns erst einmal wieder an." Meinte er mit ruhiger Stimme, ohne irgendwie auf das Gesagte von Hermine einzugehen.
Die Gryffindor nickte daraufhin nur, erhob sich ziemlich schnell von seinem Schoß und kramte hastig ihre Sachen zusammen. Es war ihr plötzlich unangenehm, sich unbedeckt vor ihrem Lehrer zu zeigen. Sie hatte bereits ihre Unterwäsche und ihre Bluse wieder an, als eine Hand an ihrer sie inne halten ließ.
Erschrocken blickte sie auf und musste abermals in diese magischen Augen blicken, die sie jedes Mal zu hypnotisieren schienen.
„Ich habe nicht gesagt, dass du dich beeilen musst." Gab er schließlich mit rauer tiefer Stimme zu.
Die junge Frau schluckte hart. Was sollte sie denn mit dieser Aussage nun wieder anfangen? Sie verstand diesen Mann einfach nicht und das führte dazu, dass sie sich nun noch unwohler fühlte, als noch zuvor.
„Mir ist aber kalt." Gab sie etwas kleinlaut zurück und vermied es bei dieser Flunkerei, Snape in die Augen zu blicken.
Er hob verwundert seine Augenbrauen und atmete laut aus. Es war eindeutig, dass der Zauber der vergangenen Minuten nun gänzlich verflogen war. Zurückgeblieben war seine Schülerin, die nicht mehr wusste, wo sie noch hinschauen sollte, geschweige denn, wie sie jetzt mit ihm umgehen sollte.
Und auch wenn er selber den Drang verspürte, sie wegzuschicken, um wieder seine Ruhe zu haben, so konnte er sie dennoch nicht einfach so gehen lassen. Nicht in diesem Zustand, nicht nachdem, was sie eben getan hatten.
Und so sprang er gewissermaßen über seinen eigenen Schatten, ließ die junge Frau wieder los und bewegte sich in Richtung seiner Küche. „Ich werde uns einen Tee zubereiten und in der Zeit kannst du dich fertig ankleiden."
Verwundert blickte sie Snape hinterher und erst jetzt fiel ihr auf, dass er bereits schon wieder völlig angezogen war. Wann hatte er dass denn geschafft? Hermine schüttelte nur verwundert ihren Kopf, bevor sie schließlich in ihre Jeans schlüpfte und sich ihre Strickjacke überzog.
Kaum hatte sie sich wieder auf dem Sofa niedergelassen, betrat auch Snape wieder seinen Wohnraum mit einem Tablett in den Händen – was wohl bemerkt, ein ziemlich befremdlicher Anblick für Hermine war.
Schweigend schenkte der Tränkemeister sich und seiner Schülerin Tee ein und setzte sich, in einem gewissen Abstand zu ihr, auf das Sofa.
Vorsichtig nippte die junge Frau an dem heißen Getränk und hoffte inständig, dass sie nicht allzu befangen wirkte. Doch genau das tat sie. Und Snape hatte die Unsicherheit der Gryffindor natürlich auch mitbekommen.
„Warum auf einmal so befangen?" fragte er schließlich, nachdem er seine Teetasse wieder abgestellt hatte.
Vorsichtig blickte Hermine ihn an. „Diese Frage ist jetzt nicht Ihr Ernst oder?"
Abermals hob er überrascht seine Brauen. Aber nicht aufgrund ihrer Frage sondern eher aufgrund der Tatsache, dass sie wieder zu dem distanzierten Sie übergegangen war. Aber ihm sollte es nur recht sein. Je mehr Distanz desto besser.
„Nun, noch vor ein paar Minuten wollten Sie noch unbedingt bleiben." Sprach er mit gleichgültiger Stimme. „Und jetzt benehmen Sie sich wie ein Kleinkind."
„Ich benehme mich wie ein Kleinkind?!" wiederholte Hermine erbost seine letzten Worte.
„Wenn Sie sich wie ein erwachsener Mensch verhalten würden, dann wären Sie jetzt nicht so furchtbar pikiert über das eben passierte." Gab er noch immer mit viel zu ruhiger Stimme lehrerhaft zurück.
Hermine merkte, wie sie rot wurde. Warum musste dieser Mann auch immer so direkt sein und die Dinge beim Namen nennen?! „Es ist nur normal, dass man sich nach … nach so etwas peinlich berührt fühlt." Ereiferte sie sich mit verschränkten Armen vor der Brust.
„Sie haben vorher gewusst, worauf Sie sich da einlassen."
„Wir hatten doch gar keine andere Wahl!"
„Man hat immer eine Wahl."
„Wollen Sie mir damit sagen, dass Sie das eben freiwillig getan haben?!"
„Nun, ein gewisser Teil schon." Erwiderte er mit tiefer Stimme und ließ Hermine dabei nicht aus den Augen. „Aber wie ich Ihnen bereits schon einmal gesagt habe, bin ich auch nur ein Mann."
„Dass müssen Sie mir nicht andauernd auf die Nase binden." Ätzte sie ihn gereizt an. Wie oft wollte er ihr denn noch klar machen, dass er sie nicht leiden konnte, für ein Schläferstündchen aber durchaus gut genug war.
„Ich wollte nur sicherstellen, dass Sie unsere Art der Beziehung auch verstanden haben." Erwiderte er wie beiläufig und nippte abermals an seinem Kräutertee.
„Keine Sorge. Ich könnte mich nie in Sie verlieben. Sind Sie nun beruhigt?"
„Ich war nie beunruhigt." Gab er trocken zurück und brachte damit die junge Frau beinahe um den Verstand.
Nur mit all ihrer Willenskraft schaffte sie es, ihren Lehrer nun nicht mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund anzustarren. Stattdessen widmete sie sich nun auch lieber ihrem Tee.
Schließlich hatten beide für sich beschlossen, es nun dabei zu belassen und lieber in einvernehmlicher Stille ihren Tee zu trinken. Und bald merkten sowohl Snape als auch Hermine, dass diese ganze Aufregung, der ständige Streit und diese seltsame Anziehungskraft zwischen ihnen, ihren Tribut forderten.
Ihre Augenlider wurden immer schwerer und ihre Körper wurden in einer angenehmen Schwere gebettet. Und langsam glitt jeder für sich entspannt hinüber in die Welt der Träume.
Vorsichtig öffnete Hermine ihren Augen. Es war stockfinster und ziemlich kühl, doch ihre Augen waren noch zu schwer und zu müde, um ihre Umgebung genauer zu erfassen. Nur langsam erwachte ihr Körper aus diesem tiefen Schlaf. Stück für Stück kehrten die Empfindungen in ihre Gliedmaßen zurück.
Doch was sie nun spürte, ließ ihr Herz aufhören zu schlagen. Ihre Hände ertasteten nicht den erwarteten weichen Stoff des Sofas, sondern körnige, harte Erde. Auch ihr Geruchssinn erfasste nicht den herben Kräuterduft, der sich stets in Snapes Räumen ausbreitete. Stattdessen roch sie feuchte, moosige Luft.
Weit riss sie ihre Augen auf, doch sie konnte absolut nichts sehen. Um sie herum herrschte eine undurchdringliche Dunkelheit. Hastig tastete sie sich an ihrer Jeans entlang und schließlich erfasste sie das, was sie gesucht hatte – ihren Zauberstab.
„Lumos." Murmelte sie.
Das Erste was sie sah, war ein großer dunkler Schatten direkt vor ihr, doch bereits eine Sekunde später wurde ihr Licht wieder gelöscht. Panik kroch in der jungen Frau auf. Was war passiert? Wo war sie?
„Wollen Sie uns umbringen?" schnarrte ihr plötzlich eine vertraute Stimme entgegen. „Mit dem Licht locken Sie noch alle möglichen Kreaturen an."
Sofort wurde ihr Herzschlag wieder ruhiger. Sie war nicht allein. Immerhin war Snape noch bei ihr.
„Wo sind wir?" fragte sie mit leicht bebender Stimme in die Dunkelheit hinein.
„Dreimal dürfen Sie raten." Kam es leicht gereizt zurück.
Hermine atmete laut aus. „Im verbotenen Wald." Gab sie leise zurück und sie war sich ziemlich sicher, dass sie mit ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.
„Ich sehe, Sie haben Ihren brillanten Verstand noch nicht eingebüßt." Kam es etwas sarkastisch zurück.
„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ihre Gemeinheiten." Giftete Hermine zurück. „Sagen Sie mir lieber, wie wir hierher gekommen sind."
„Das würde ich auch gerne wissen. Ich kann mir nicht wirklich erklären, warum ich jetzt mit Ihnen hier im Wald hocke."
„Na von alleine sind wir wohl kaum in den verbotenen Wald gelaufen." Meinte Hermine mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme.
Snape verdrehte daraufhin nur seine Augen. Warum musste er ausgerechnet mit der Granger hier landen? „Sarkasmus steht Ihnen nicht." Giftete er schließlich zurück.
Als Hermine daraufhin nichts erwiderte, beschloss er, endlich mal über die wichtigen Dinge zu sprechen. „Wir sollten versuchen, uns zu orientieren und dann so schnell wie möglich nach Hogwarts zurückkehren." Schlug er in einem diplomatischen Tonfall vor.
„Orientieren?" fragte Hermine mit hörbarem Missgefallen in der Stimme. „Wie bitte wollen Sie das machen? Wir stecken wahrscheinlich tief im verbotenen Wald, weit weg von Hogwarts."
„Hören Sie auf rum zu jammern." Wies er sie streng zurecht. „Ich glaube behaupten zu können, mich durchaus gut hier auszukennen. Also stehen Sie endlich auf, damit wir uns auf den Weg machen können."
Erst wollte Hermine etwas erwidern, doch dann hielt sie inne und bemerkte, dass sie tatsächlich noch immer auf dem feuchten Waldboden hockte. Mit säuerlicher Miene, die Snape leider nicht sehen konnte, erhob sich die junge Frau und stellte sich neben ihren Lehrer.
Ihre Augen hatten sich mittlerweile wenigstens ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt, denn sie konnte Snapes Gestalt schemenhaft erkennen. Ruhig blickte sie ihren Lehrer an und sie hatte das Gefühl, dass auch er sie ansehen würde.
„Was glauben Sie, wer oder was uns hierher gebracht hat?" durchbrach die junge Frau zögerlich die Stille.
Sie konnte ihn laut atmen hören und glaubte zu sehen, wie er sich mit seiner Hand über die Augen rieb. „Ich weiß es nicht." Gab er schließlich leise zurück. „Aber es ist wohl offensichtlich, dass es etwas mit Ihrem… unserem Problem zu tun hat."
Ein paar Sekunden ließ sie seine Worte auf sich wirken, doch dann drang die Frage an die Oberfläche, die ihr schon die ganze Zeit auf der Seele lag. „Glauben Sie, Voldemort hat etwas damit zu tun?"
Sie konnte ihn heftig einatmen und schließlich leicht zischen hören, als sie den Namen des dunklen Lords aussprach. Innerlich zuckte auch Hermine durch diese Reaktion zusammen. Sie hatte ja nicht gewusst, was dieser Name bei ihrem Professor bewirkte.
„Es ist möglich." Antwortet er ihr schließlich kurz und sehr reserviert.
Hermine überfiel eine plötzliche Angst bei dem Gedanken daran, was Voldemort alles mit ihnen anstellen würde, wenn er wirklich der Grund war, warum sie hier waren. Aber Hermine konnte sich auch niemand anderen vorstellen, der sie in der tiefsten Nacht in den verbotenen Wald zauberte.
Doch was konnte Voldemort von ihnen wollen? Warum sie und warum Snape? Er war doch ein Todesser, einer seiner engsten Vertrauten, soweit sie wusste. Und genau dieser Aspekt ließ ihr plötzlich das Blut in den Adern gefrieren. Ohne es steuern zu können, ergriff ein grausamer Gedanke ihren Verstand und sie hatte keine Chance, ihn abzuschütteln.
„Können wir los?" hörte sie ihn fragen, doch seine Worte schienen von weit her zu kommen. Wie erstarrt stand sie inmitten der Dunkelheit und versuchte ihren inneren Kampf wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Miss Granger?" fragte Snape nach, als er keine Reaktion von seiner Schülerin erhielt. Nachdenklich runzelte er die Stirn, als sie auch auf seinen zweiten Versuch nicht reagierte.
Er nährte sich der Gryffindor und berührte sie vorsichtig an ihrer Schulter. Doch kaum hatte seine Hand diese berührt, sprang Hermine wie von der Tarantel gestochen beiseite und blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie atmete schwer, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. „Das war alles geplant." Sprach sie in die Stille hinein.
Snape sah seine Schülerin leicht überfordert an. Was hatte diese Frau denn jetzt schon wieder? „Ich verstehe Sie nicht ganz. Was war geplant?"
„Das alles!" erwiderte sie beinahe hysterisch. „Diese Gefühle, diese Sache zwischen uns, DAS HIER!"
„Miss Granger beruhigen Sie sich." Versuchte er sie wieder zur Vernunft zu bringen. Scheinbar hatte sie sich da etwas in ihr intelligentes Köpfchen gesetzt, was er noch nicht so ganz nachvollziehen konnte.
„Sie haben das alles mit ihm geplant!"
Langsam wurde es Snape zu bunt. Was unterstellte die Gryffindor ihm denn eigentlich. „Verdammt noch Mal was habe ich mit wem geplant Granger!" schrie er sie nun an.
„Sie haben mit Voldemort geplant, mich aus dem Weg zu räumen!"
Fassungslos sah er die junge Frau an. Das glaubte sie jetzt nicht wirklich oder? Wusste sie eigentlich, was sie ihm da unterstellte?"
„Ich war vielleicht mal ein aktiver Spion, aber das ist schon lange her. Und mal abgesehen davon. Was sollte der dunkle Lord oder ich davon haben, Sie aus den Weg zu räumen?!"
Hermine schwieg.
„Glauben Sie wirklich, ich würde mir die Mühe machen, sie zu verführen, mit Ihnen zu schlafen, um Sie anschließend im verbotenen Wald zu verschleppen und das in einen Teil, den noch nicht einmal ich selbst kenne? Verdammt noch mal benutzen Sie Ihren Verstand Granger!"
Hermine zuckte zusammen. Diese ganze Situation überforderte sie. Sie wusste nicht, ob sie Snape trauen konnte oder nicht. Ob er Spion für die Todesser oder für den Orden war. Sie wusste gar nichts mehr. Nur noch, dass sie hier weg musste.
Ohne noch weiter darüber nachzudenken, rannte sie los. In die Dunkelheit hinein. Sie bahnte sich einen Weg durch das dicke Gestrüpp und durch diese erdrückende Dunkelheit. Sie hörte nichts weiter als ihren eigenen aufgebrachten Atem.
Ohne zu wissen wohin, lief sie immer weiter. Ihre Lunge schmerzte bereits reißend, ihre Beine drohten nachzugeben. Doch sie wollte weg. Weit weg, irgendwohin, wo es sicher war. Wo das war, wusste sie nicht, aber es war ihr egal. Hauptsache dort lauerten keine Gefahren auf sie.
Doch plötzlich verhedderten sich ihre Beine in eine gewaltige Wurzel. Ihre Arme wirbelten herum, suchten verzweifelt nach Halt, doch sie schafften es nicht, diesen irgendwo zu finden. Und so zog das mächtige Wurzelwerk die junge Frau nach unten und ließ sie hart auf den kalten Boden aufschlagen.
Ein brennender Schmerz ging ihr durch Mark und Bein. Vorsichtig hob sie ihren Kopf, mit dem sie auf dem Boden aufgeschlagen war. Sie merkte, wie ihr Blut heiß über die Schläfe lief. Sie wollte aufstehen und trotz ihrer Verletzungen weiterlaufen, doch die Panik, die ihren schlanken Körper gepackt hatte, hielt diesen in eine beklemmende Starre.
Ihre Beine verweigerten der jungen Frau den Dienst und so sackte sie zitternd auf den Waldboden zurück. Ihr Herz trommelte wild gegen ihre Brust und machte ihr das Atmen schwerer. Hinzu kam ein heftiger Weinkrampf, der plötzlich ihren Körper erfasst hatte und diesen nun heftig durchschüttelte.
Zusammengekauert hockte sie an einem großen Baum, der ihr wenigstens ein wenig Schutz bot. Doch Hermines innere Verzweiflung stieg von Sekunde zu Sekunde mehr an. Tausende Fragen schossen ihr durch den Kopf. Wo war sie nur? Würde sie hier je wieder rauskommen? Würde sie diese Nacht überleben? Wo war Snape? War er auf ihrer Seite?
Wild wirbelten die verschiedensten Gedanken durch ihren Kopf, sodass sie sich diesen mit beiden Händen hielt, um den unangenehmen Schwindel zu bändigen.
Sie konnte sich nicht beruhigen. Immer lauter wurde ihr Schluchzen und dadurch auch die Furcht, von jemandem oder etwas entdeckt zu werden. Voller Angst vergrub sie ihr Gesicht in die Hände, presste krampfhaft ihre Lippen aufeinander und hoffte, diese schwarze Hölle irgendwie zu überleben.
Plötzlich vernahm sie ein schwaches Licht, welches einen zarten Schein auf die Gryffindor warf. Vorsichtig und mit klopfendem Herzen blickte die junge Frau auf und blickte geradewegs in das Antlitz einer silber-bläulich schimmernden Hirschkuh.
Sie kannte dieses Tier. Es war Snapes Patronus. Und trotz allem stieg ein warmes, schützendes Gefühl in Hermine auf. Die Anwesenheit dieses grazilen Wesens beruhigte sie, auch wenn es lediglich eine Lichtgestalt war.
Langsam kam die Hirschkuh auf Hermine zu. Kurz verharrten ihre Blicke ineinander, doch dann senkte das Tier sanft seinen Kopf und schloss für einen Moment seine Augen. Und dann passierte etwas, was Hermines Herz bis in die letzte Faser erwärmte. Die Hirschkuh legte sich dicht neben Hermine, so als ob sie die Gryffindor mit ihrem glänzenden Fell wärmen wollte.
Dieser magische und so friedliche Moment ließ Hermine vergessen, wo sie war. Es war einfach ein unbeschreiblich fremdes und dennoch so vertrautes Gefühl, neben einem Patronus zu liegen und zu wissen, dass dieses sanfte Licht einen gewissen Schutz bot.
Erst ein lautes Knacken eines Zweiges führte Hermine wieder in die dunkle Gegenwart zurück. Erschreckt sah sie auf und blickte direkt ihren Lehrer an.
Als Snape seine Schülerin neben seiner Hirschkuh gekuschelt vorfand, konnte er die Erleichterung, die sich in ihm breit machte, nicht leugnen. Schon allein dieser Anblick berührte ihn auf eine unerklärliche und völlig unbekannte Weise.
Als sie seine Anwesenheit bemerkt hatte, blieb er sofort stehen. Er wollte es vermeiden, dass sie erneut vor ihm floh. Er sah Hermine in die Augen und er konnte so viel Angst und Unsicherheit darin erkennen, die ihn nicht unberührt ließen.
Auch wenn er es nach so vielen Jahren gewohnt war, von jedem mit Argwohn betrachtet zu werden, so kam er nicht umhin zuzugeben, dass ihr Misstrauen ihn verletzte.
Hermine war immer eine der wenigen gewesen, die ihn nie so angesehen hatte, wie die anderen. Sie hatte immer eine gewisse Neutralität ihm gegenüber ausgestrahlt. Und das hatte er, wie er jetzt erkennen musste, sehr an ihr geschätzt. Doch offensichtlich hatte seine grausame Vergangenheit nun auch die junge Frau eingeholt.
Und nun saß sie zitternd und mit ängstlichem Blick vor ihm und schien offenbar auf eine Strafe zu warten.
Erschöpft schloss Snape seine Augen, um sich wieder zu sammeln. Auch wenn es ihm schwer fiel, so wusste er, dass es doch nur einen Weg gab, um die Gryffindor davon zu überzeugen, dass er nicht ihr Feind war.
Und auch wenn es ihm unendliche Überwindung kostete und er nichts mehr hasste, als eben dies zu tun, so ging er dennoch direkt vor Hermine auf die Knie, blickte sie mit tiefen Augen an und als er stumm ihr Einverständnis erhalten hatte, legte er ihr seine Hände an die Schläfen und erteilte ihr somit Einblick in seine Seele.
Hermine sog stark die Luft ein, als sie seine kühlen Hände an ihren Schläfen fühlte. Sofort brach ein bunter Wirrwarr von den unterschiedlichsten Erinnerungen und Emotionen über Hermine ein. Doch es waren nicht ihre eigenen Empfindungen, denen sie nun beiwohnte. Es waren die ihres Lehrers.
Kurz erhielt sie Einblick in seine Kindheit. Sie sah nicht viel, aber was sie sah, erschütterte sie zutiefst. Es waren dunkle Erinnerungen. Ohne Freude, ohne Liebe. Doch es war offensichtlich, dass Snape ihr diese Erinnerungen nicht zeigen wollte. Wie ein rasender Zug eilten die Bilder seines Lebens an Hermine vorbei.
Doch dann verlangsamte sich die Bilderflut und bei einer einzigen Erinnerung blieben Snapes Gedanken stehen. Hermine hatte nun Einblick in eine Szene, die alles in Snapes Leben verändert hatte.
Severus stand am Fenster in Dumbledores Büro. Dieser saß bewegungslos auf seinem Stuhl, die Hände in seinem Schoß ineinander verschlungen. Der gütige Blick des alten Zauberers lag traurig und besorgt auf Severus.
Mehrere Minuten lang passierte gar nichts. Weder der Tränkemeister noch Dumbledore bewegte sich. Beide verharrten in ihrer Position, die Zeit schien still zu stehen.
„Es tut mir leid Severus." Sprach Albus seinen Schützling schließlich mit gedämpfter Stimme an. Doch Snape reagierte noch immer nicht,
Sein dunkler Blick war starr aus dem Fenster gerichtet. Doch er nahm die Landschaft, die Berge, den See gar nicht richtig wahr. Sein Blick war verschleiert, er konnte kaum hindurch sehen.
„Severus." Erklang abermals die Stimme des Direktors. „Du hättest es nicht verhindern können."
Severus´ Hände krampften sich bei diesen Worten fest zusammen, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Seine Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in sein Fleisch, rissen es auf, sodass es zu bluten anfing. Doch dieser Schmerz war nichts im Vergleich zu seinem Inneren.
Diese Qual war kaum auszuhalten. Er konnte nicht atmen, nicht schlucken, nicht blinzeln. Andernfalls würde eine salzige Flüssigkeit ihren Weg nach außen finden, die sein Körper schon lange nicht mehr produziert hatte.
„Hast du mich gehört?" hakte der Direktor nochmals nach.
Mit einem gewaltigen Ruck wandte sich Snape zu Dumbledore um. Sein Blick war gnadenlos, seine Mimik versteinert. „Wage es ja nie wieder, mir so etwas zu sagen." Sprach er mit dunkler drohender Stimme. Noch nie hatte er mit Albus in diesem Ton gesprochen, doch in diesem Moment hatte er all seinen Respekt und all den Dank für seinen Mentor vergessen.
„Du weißt genauso gut wie ich, dass ich für Lilys Tod mitverantwortlich bin! Dass ich es hätte verhindern können! Ohne meine Feigheit, ohne meinen Verrat an die gute Seite wäre sie noch am Leben! Und du wagst es mir zu sagen, dass ich es nicht hätte verhindern können?!"
Schwer atmend stand er Albus gegenüber. Sein gesamter Körper bebte und in diesem Augenblick konnte Hermine tiefen Hass – seinen Hass – fühlen. Hass gegenüber einer Welt, die so ungerecht war. Hass gegenüber Voldemort und seinen Anhängern, die ihn soviel versprochen und dabei soviel genommen hatten. Hass gegenüber sich selbst.
Hermine war erschüttert über soviel Hassgefühl, Wut und Zorn. Doch noch mehr traf sie ein zweites Gefühl, welches sich langsam und zart aber unaufhaltsam durch diese gigantische Welle des Zorns kämpfte.
Es war ein so warmes und berührendes Gefühl. Eine Emotion, die stark und intensiv war und ihn gleichzeitig so schwach werden ließ. Es war die Liebe, die er für Lily Potter empfand. Eine tiefe und unerschütterliche Liebe, die überdauern und ihn auf ewig gefangen halten würde.
Hermine wollte diesem Gefühl nachgehen, mehr darüber erfahren, doch plötzlich riss sich Snape von der jungen Frau los. Er sprang auf und brachte einen angemessenen Abstand zwischen sich und Hermine.
Mit großen glänzenden Augen blickte sie ihn an. Unglaube und Überraschung waren darin zu finden, aber auch eine Emotion, die er sich so erwünscht, mit der er aber nicht umgehen konnte. Verständnis.
