20. Düsternis

Hermine blickte Severus an. Sie fühlte sich grausam. Grausam, weil sie ihn beschuldigt hatte, noch immer aktiv für Voldemort zu arbeiten, grausam, weil sie ihn dazu gezwungen hatte, ihr sein Innerstes zu offenbaren, grausam, weil er sich noch immer quälte, weil er eine Frau liebte, die nie wieder bei ihm sein würde.

Sie wollte etwas sagen. Irgendetwas, um das auszudrücken, was sie gerade fühlte und dachte. Doch sie schaffte es nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Plötzlich sah sie, wie er seinen Zauberstab auf ihre Stirn richtete und einen Spruch murmelte. Binnen weniger Sekunden verschwand der reißende Schmerz und die Blutung stoppte. Ein weiterer Spruch verschloss auch die Wunde an ihrem Schienbein.

Hatte Hermine geglaubt, sich nicht noch schuldiger fühlen zu können, dann wurde sie nun eines Besseren belehrt. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen und ihr Gewissen schrie sie förmlich an, was für eine blöde Kuh sie doch war. Doch sagen konnte sie noch immer nichts. Noch nicht einmal ein einfaches Danke brachte die Gryffindor zustande.

Stattdessen blickte sie ihren Lehrer mit ihren braunen Augen an und hoffte, dass er in diesen lesen konnte, was sie im Moment fühlte. Doch Snape war selber viel zu aufgewühlt, als dass er irgendetwas in ihrer Mimik hätte lesen oder deuten können, auch wenn er beharrlich ihren Blick erwiderte.

„Gehen wir." Sagte Snape schließlich, um diese unangenehme Stille, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte, zu durchbrechen. Er wusste genauso wenig wie Hermine, wie er sich nun verhalten sollte.

Er hatte ihr etwas von ihm offenbart, was niemand wusste, was niemand je hätte erfahren sollen. Im Nachhinein bereute er seinen übereilten Entschluss. Diese Gryffindor wusste nun eindeutig zu viel über ihn und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Und er hatte das Gefühl gehabt, dass er nicht anders gekonnt hatte.

Er ließ seinen Patronus verschwinden, der noch immer neben Hermine verharrte und setzte sich anschließend langsam in Bewegung, darauf bedacht, die Gryffindor nicht noch einmal aus den Augen zu verlieren. Schweigend bahnten sich die beiden einen Weg durch die Dunkelheit.

Auch wenn sie sich im verbotenen Wald befanden und weder wussten, wo sie waren, noch wer sie hierher gebracht hatte, so war doch dieses dröhnende Schweigen zwischen ihnen das, was Hermine am Meisten zu schaffen machte.

Sie konnte deutlich spüren, wie angespannt er war. Seine Haltung war aufrecht und wirkte verkrampfter als sonst. Seine Hände waren zu Fäusten geballt.

Immer und immer wieder konnte Hermine den Schmerz fühlen, den Snape empfunden hatte, als er von Lilys Tod erfahren hatte. Er hatte ein großes Opfer gebracht. Und das nur, damit sie ihn glaubte, damit sie ihn wieder vertraute. Und Hermine fragte sich schon die ganze Zeit über warum?

Die junge Frau hielt dieses Wirrwarr in ihren Gedanken nicht mehr aus und so blieb sie stehen, den Blick auf ihren Professor gerichtet. „Es tut mir leid." Flüsterte sie durch die Stille des verbotenen Waldes.

Auch Snape hielt nun inne, doch er drehte sich nicht zu der Gryffindor um. Kurz schloss er seine Augen, als er ihre Worte hörte. Sie waren ehrlich gemeint, kamen aus ihrem tiefsten Inneren. Aber dennoch konnte er nicht darauf reagieren. Dieser Ort hatte eine seltsame Macht über seine Gefühle. Es war so, als ob der verbotene Wald ihn empfindlicher werden ließ, als ob er ihn etwas empfinden ließ, was er gar nicht fühlen wollte, was noch nicht einmal seine Gefühle waren.

Er atmete einmal tief durch und nahm dann seinen Schritt wieder auf, ohne auf die Entschuldigung seiner Schülerin einzugehen.

Hermine hingegen stand wie angewurzelt an der Stelle fest und betrachtete mit traurigem Blick ihren Lehrer, der nun wieder weitergegangen war. Sie hätte heulen können. Warum war sie denn so dermaßen sensibel? Und dann auch noch bei Snape – wegen Snape!

Sie schluckte den dicken Klos, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, verbissen runter und setzte sich nach mehreren Augenblicken auch wieder in Bewegung. Schnell hatte sie Snape eingeholt, da er seinen Schritt mit einem wieder Mal verlangsamt hatte.

Schließlich blieb er abermals stehen. Einen Augenblick lang passierte gar nichts, doch dann drehte er sich abrupt zu Hermine um. Seine Augen blitzten sie seltsam an, sodass es Hermine den Atem verschlug.

„Wagen Sie es nicht noch einmal, einfach so davon zu laufen! Ich habe die Verantwortung für Sie! Wenn Ihnen etwas passiert, bin ich meinen Job los. Ganz zu schweigen von den Vorwürfen, die ich mir dann machen würde!"

Hatte er das eben wirklich gesagt? Snape stutzte, versuchte seinen Verstand wieder zu ordnen. Doch was er auch tat, er kam nicht umhin, seine Frage zu bejahen. Er musste so schnell wie möglich weg von diesem Ort. Er hatte einen seltsamen Einfluss auf ihn und das war gar nicht gut.

Stumm blickte Hermine ihn an. Er würde sich Vorwürfe machen, wenn ihr etwas zustoßen würde? Warum? Aber vor allem fragte sich die junge Frau, warum sie diese Aussage so rührte. Innerlich rief sie sich selbst zur Raison. Sie atmete tief durch und versuchte ihre Gefühle, die sie zu überrollen drohten, zu kontrollieren.

Kurz schloss sie ihre Augen und atmete tief durch. Und als sie ihre Augen wieder öffnete, erstarrte die junge Frau. Direkt hinter Snape blitzten ihr drei Zahnreihen weißer scharfer Zähne aus der Dunkelheit entgegen.

Panisch starrte sie auf das geifernde Maul, welches sich gefährlich und röchelnd immer wieder weiter öffnete.

Snape, der ihren starren Blick bemerkt hatte, drehte sich langsam um und richtete seinen Blick auf die Stelle, die Hermine offensichtlich so zu schaffen machte. Ein verwesender Atem stieg ihm entgegen und ein gelbes Augenpaar blitzte ihn gefährlich an.

Noch ehe Snape realisieren konnte, dass er gerade im Angesicht einer Bestie stand, hob diese ihre mächtigen Klauen und riss ihn damit zu Boden. Die scharfen Krallen bohrten sich schmerzhaft in seine Brust und rissen diese immer weiter auf.

„Verschwinden Sie!" schrie er Hermine entgegen, die noch immer wie festgewurzelt mehrere Meter von ihm entfernt stand.

Doch die Gryffindor reagierte nicht. Selbst ihre Augen bewegten sich nicht, fixierten nur gebannt dieses schaurige Wesen, welches das Gesicht eines Mannes, den Körper eines Löwen und den Schwanz eines Drachen besaß.

Trotz der großen Angst, die Hermine lähmte, arbeitete ihr Verstand auf Hochtouren. Und er offenbarte ihr die schlimmste Vermutung. Snape wurde gerade von einem Mantikor angegriffen. Einer Bestie mit reißend scharfen Zähnen und giftigen Stacheln, die tödlich sein konnten.

Die tödlich sein konnten… wiederholte ihr Geist immer und immer wieder. So lange, bis die junge Frau endlich reagierte. Ein gewaltiger Ruck ging durch ihren Körper. Mit einer einzigen fließenden Bewegung hatte sie ihren Zauberstab gezogen und auf das Wesen gerichtet, welches gerade seine Zähne schmerzhaft in Snapes Schulter grub.

„Bombarda!" schrie Hermine und ein gewaltiger blauer Blitz löste sich aus der Spitze ihres Zauberstabs. Der Lichtstrahl schlug mit einer gewaltigen Kraft im Rumpf des Mantikors ein und zersprengte seinen Torso förmlich.

Mit einem lauten schmerzerfüllten Gebrüll ließ das Wesen von Snape ab und sackte zur Seite. Doch Hermine traute der Bestie nicht und so schickte sie einen weiteren Bombarda hinterher, der dem Mantikor das Gesicht zerriss.

Jämmerlich heulte das Wesen auf, bevor es in sich zusammensackte und leblos neben Snape liegen blieb.

Sofort eilte Hermine zu ihrem Professor, der sich unter Schmerzen versuchte aufzusetzen. Doch seine Schulter blutete stark und der Schmerz ließ ihn schwarz vor Augen werden. Sanft drückte Hermine ihn mit einer Hand zu Boden, während sie ihre andere Hand auf die blutende Wunde gepresst hatte.

„Bleiben Sie ruhig liegen." Wies sie ihn leise an. „Ich werde versuchen, die Blutung zu stoppen."

Mit geschlossenen Augen lag Snape auf dem kalten Waldboden und ließ die notdürftige und durchaus schmerzhafte Verarztung seiner Wunde über sich ergehen.

„Wo haben Sie diesen Fluch her?" fragte er sie schließlich mit zusammengebissenen Zähnen, um sich ein wenig von dem Schmerz abzulenken.

Ein leises Lächeln bildete sich auf Hermines Zügen. „Von Harry." Gab sie ruhig zurück und beobachtete genau seine Mimik, die sich allein bei diesen Namen stark verzog.

Er zog seine Brauen nach oben und sein Mund verformte sich zu einer seltsam gequälten Grimasse. „Warum wundert mich das jetzt nicht." Erwiderte er leicht pikiert, worüber Hermine erneut lächeln musste.

„Hören Sie auf, so zu grinsen." Wies er sie an. Jedoch fehlte die gewohnte Schärfe in seiner Stimme.

Dieses Mal war es Hermine, die erstaunt ihre Augenbrauen hob. „Sie beobachten mich heimlich?" Fragte sie unschuldig zurück.

Snapes Mundwinkel zuckten verdächtig, doch schnell hatte er wieder seine verbissene Miene aufgesetzt. „Glauben Sie wirklich, ich würde Ihnen uneingeschränkte Freiheiten lassen?"

„Nein, nicht wirklich." Seufzte Hermine theatralisch und zog das Stück Stoff, welches sie um Snapes Wunde gewickelt hatte, fester als nötig.

Ein böses Zischen seitens Snape ließ sie triumphierend Lächelnd.

„Ups." Meinte sie nur unschuldig.

Snape funkelte seine Schülerin empört an. Dieses kleine Biest, dachte er nur bei sich, doch die Wut auf die junge Frau, wollte sich nicht so wirklich einstellen.

„Können Sie aufstehen?" fragte ihn Hermine nun wieder etwas ernster.

Er nickte ihr nur flüchtig zu und erhob sich, wenn auch etwas schwerfällig. Und auch wenn er höllische Schmerzen hatte, so biss er die Zähne zusammen und straffte seine Haltung. Das wäre ja noch schöner, wenn er in Gegenwart einer Frau – der Granger – herumjammern würde.

Doch Hermine wusste ganz genau, dass er nur so tat, als ob alles in Ordnung wäre. Und nur mit Mühe konnte sie sich einen Kommentar wegen seiner Sturheit verkneifen. Doch sie wollte ihn nicht erneut zu nahe treten. Es reichte, dass er ihr bereits seine Seele offenbart hatte. Da musste sie nicht noch Salz in die Wunde streuen und seinen Stolz gänzlich zerstören.

„Wir sollten endlich versuchen, aus diesem Wald herauszukommen." Presste Snape, mühsam seine Schmerzen unterdrückend, hervor.

Hermine nickte ihn lediglich beipflichtend zu. Das war mit Abstand die beste Idee, die ihr Professor bis jetzt gehabt hatte.

Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung, doch die beiden sollten nicht weit kommen. Ein bedrohliches Grollen, irgendwoher aus dem Dickicht, ließ sie inne halten. Sie blickten einander an und mussten feststellen, dass sie die gleiche schlimme Vermutung teilten.

„Nicht bewegen." Flüsterte Snape ihr zu.

Doch selbst wenn Hermine gewollt hätte, sie wäre nicht dazu in der Lage gewesen, auch nur einen Schritt zu gehen. Versteinert stand sie neben Snape, blickte ihn mit großen braunen Augen an, die ihm deutlich sagten, welche Angst sie gerade verspürte. Und er konnte ihr diese Emotion nicht verübeln.

Erneut war ein Grollen zu hören, dieses Mal näher und… hinter ihnen. Snape und Hermine hatten gar nicht mehr die Zeit, sich noch umzudrehen. Von schweren Körpern wurden sie zu Boden gerissen.

Abermals konnte Snape diesen beißenden Geruch nach totem Fleisch riechen. Abermals blickte er in zwei gelbe Augen und abermals fletschten ihn drei Reihen scharfer Reißzähne entgegen. Wenn Hermine nicht in derselben lebensbedrohlichen Lage und diese Situation nicht so gefährlich gewesen wäre, dann hätte Snape genervt aufgestöhnt und mit den Augen gerollt.

Wie groß war denn bitte die Wahrscheinlichkeit, erst von einem Mantikor und ein paar Minuten später von einer ganzen Meute angegriffen zu werden? Offenbar waren die Wesen vom Todesschrei des ersten Mantikors angelockt worden.

Und nun saßen Hermine und Snape in der Falle. Zwei Wesen hielten sie beharrlich mit ihren Klauen gefangen, weitere zwei kreisten sabbernd und lechzend um die beiden Menschen herum.

Hermine wimmerte, versuchte verzweifelt irgendwie an ihren Zauberstab heranzukommen. Doch das Gewicht des Mantikors drückte schwer auf den zierlichen Körper der jungen Frau. Panisch blickte sie in die glühenden Augen über ihr, die sie gierig anstarrten.

Der Mantikor bleckte seine schneidenden Zähne und die giftigen Stacheln seines Schwanzes peitschten gefährlich nahe an Hermines Gesicht vorbei. Ein lautes kräftiges Brüllen entrang sich aus dem Maul des Wesens, sein Gesicht dabei gen Himmel gereckt.

Beinahe geschmeidig hob der Mantikor seine Tatze an, riss sie in die Luft, fuhr seine gewaltigen Krallen aus und ließ diese mit vollem Schwung wieder auf Hermines Körper gerichtet zusausen.

Hermine hatte kaum noch Gelegenheit nachzudenken, als sie die Klauen des Wesens sah, die auf sie zukamen und sich jeden Moment in ihr Fleisch bohren und sie töten würden. Reflexartig schloss sie ihre Augen, versuchte sich innerlich irgendwie auf den nahenden Schmerz vorzubereiten. Doch dieser blieb aus.

Ein heller Lichtblitz traf den Mantikor plötzlich an der Brust und schleuderte ihn von der jungen Frau runter. Dasselbe passierte mit dem Wesen, welches Snape gefangen hielt. Weitere Lichtblitze folgten, die gezielt die Mantikors am Herzen trafen und ihnen somit das Leben heraussaugten.

Nur schemenhaft konnte Hermine zwei Gestalten erkennen, die sich scheinbar mühelos diesen Bestien gegenüberstellten. Ihre Hände schützend über ihr Gesicht gelegt und die Augen krampfhaft geschlossen, wartete Hermine ab, bis die Lichtblitze erloschen und wieder Ruhe auf dem ´Schlachtfeld´ einkehrte.

Ihr Körper hatte angefangen zu zittern, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Zusammengekauert lag sie am Boden, ihr Herz trommelte wild gegen ihre Brust. Die seltsame Stille, die nun eingekehrt war, machte ihr beinahe noch mehr Angst, als das laute Gebrüll der Wesen.

Plötzlich nahm Hermine eine Bewegung vor ihren Augen wahr. Vorsichtig öffnete sie diese und erblickte eine ihr dargebotene Hand, um ihr aufzuhelfen.

Langsam glitt ihr Blick dem Arm hinauf, bis ihre Augen direkt in das Gesicht einer Person blickten, mit der sie so gar nicht gerechnet hatte.