22. Der neue Regent des Widerstands

Hermine blickte in sanfte mandelförmige Augen. Augen, die einen so hoffnungsvollen Blick trugen. Augen, die so zart schimmerten, dass man nicht mehr wegschauen konnte. Augen, die ihr so bekannt waren, wie keine anderen. Hermine Granger blickte geradewegs in ihre eigenen rehbraunen Augen.

Kurz senkte sie ihre Lider aufeinander, schüttelte verwirrt ihren Kopf, doch als sie ihren Blick erneut hob, stand Hermine noch immer sich selbst gegenüber. Freundlich blickte ihr Spiegelbild sie an. Ein leichtes warmes Lächeln lag auf ihren Lippen.

Nur langsam konnte sich Hermine von ihrem Ebenbild lösen. Beinahe vorsichtig tatsteten ihre Augen sich nun über die gesamte Gestalt der Frau. Sie wirkte reifer und weiser als sie selbst. In ihren Augen lag eine Güte, die sie bei sich selbst noch nicht entdeckt hatte. Ihre Haut war ebenmäßig, der Teint porzellanartig, ihre Haare trugen ein sattes dunkelbraun und gingen ihr bis zu den Hüften, wo sie in fließenden Wellen endeten.

Ihr Spiegelbild war in einem langen Gewand aus weißer Seide gekleidet, welches sich sehr schmeichelhaft um den schlanken Körper wand und ihr dadurch etwas Märchenhaftes verlieh.

Ungläubig schüttelte Hermine ihren Kopf. „Das ist nicht möglich." Wisperte sie zu sich selbst. „Das ist nur ein Traum." Es konnte nur ein Traum sein. Wie sonst sollte sie sich erklären, dass sie sich gerade selbst gegenüberstand?

„Es freut mich, euch auf Hogwarts begrüßen zu dürfen." Sprach Hermines Ebenbild mit sanfter Stimme.

Ein leichtes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als weder Hermine noch Snape etwas darauf erwiderte. „Ich kann verstehen, dass ihr ein wenig durcheinander seid." Gab sie schließlich zu. „Aber vielleicht gebt ihr mir die Chance, das alles zu erklären."

Hermine konnte ihr Gegenüber noch immer nur anstarren. Sie sprach gerade mit sich selbst! Oh Gott! Sie verlor ihren Verstand. Eindeutig!

„Wollen wir uns setzen?" fragte Hermines Doppelgängerin höflich und deutete mit einer zarten Handbewegung auf die Couchgarnitur vor dem Kamin. Ohne auf eine Antwort von den beiden Besuchern zu warten, bewegte sie sich Richtung Sofa.

Mit einem freundlichen Blick forderte sie Hermine und Severus auf, ihr zu folgen. Noch etwas widerwillig setzten sich die beiden in Bewegung und ließen sich auf den dargebotenen Platz nieder.

Die Gastgeberin selbst nahm auf einem der Sessel Platz. Elegant schlug sie die Beine übereinander und legte beinahe grazil ihre Hände in den Schoß. Hermine war schlichtweg verwundert, wie anmutig sich ihr Körper bewegen konnte.

„Möchtet ihr etwas trinken?" fragte ihr Ebenbild in die aufgekommene Stille hinein.

Und dieses Mal schaffte es Hermine wenigsten ihren Kopf zu schütteln. Denn auch wenn sie schrecklichen Durst hatte, trinken war jetzt das Letzte, woran sie dachte. Alles was sie wollte, waren Antworten und Erklärungen.

Dies schien nun auch die ältere Hermine bemerkt zu haben. Wieder erreichte ein sanftes Lächeln die beiden. „Ich sehe schon. Ihr seid noch ein bisschen verwirrt." Kurz hielt sie inne und blickte ihre beiden Gäste nacheinander an, die sich aber weder rührten noch etwas sagten. Und so fuhr die Gastgeberin schließlich fort.

„Dann heiße ich euch erst einmal offiziell herzlich Willkommen im Jahr 2015."

Hermines Augen wurden größer, ihr Unterkiefer drohte ihr herunterzuklappen. „2015?!" wisperte sie ungläubig und hoffte inständig, sich verhört zu haben.

„Ganz recht Hermine. Ich bin dein künftiges Ich." Fügte die Ältere an.

Hermine runzelte die Stirn und so langsam begann ihr Verstand wieder zu arbeiten. „Demnach bin… bin ich… bist du… 35." Stellte sie schließlich fest und die andere nickte ihr bestätigend zu.

„Wie ist das möglich? Ich meine, wie kommen wir hierher? Und… und was machen wir hier?" so viele Fragen gingen der Gryffindor durch den Kopf und diese sprudelten nun aus ihr heraus.

„Ich habe euch hierher geholt." Sprach die Ältere. „Auch wenn es nicht geplant war, dass ihr im verbotenen Wald landet. Eigentlich solltet ihr in Hogwarts erwachen. Das war mein Fehler. Entschuldigt bitte." Ein sanftes Lächeln zog sich über die hübschen Züge der Frau.

Überrascht blickte Hermine ihr älteres Ich an. „Du? Warum?" Es war für die Gryffindor noch immer mehr als befremdlich, mit sich selbst zu sprechen. Doch sie wollte Antworten. Und wenn sie diese nur von sich selbst bekommen konnte, dann sollte das halt so sein.

„Das ist eine lange Geschichte." Erwiderte die Gastgeberin schließlich. „Ich hoffe, ihr habt Zeit." Mit großen braunen Augen blickte sie Severus an, der kreidebleich neben seiner Schülerin saß und die ganze Zeit über noch kein einziges Wort gesagt hatte.

Offensichtlich hatte ihn die zweite Hermine noch mehr aus der Fassung gebracht, als seine Schülerin.

„Severus? Ist alles in Ordnung?" fragte die ältere Hermine und sah ihn besorgt an.

Hatte sie ihn eben wirklich angesprochen? Hatte sie IHN geduzt? Das wurde ja immer besser. Beharrlich erwiderte er ihren Blick, auch wenn es ihm schwer fiel, diesen Augen stand zu halten. Snape hatte das Gefühl, dass diese über die Jahre noch sanfter geworden sind.

„Vielleicht hätten SIE einfach nur die Güte, das ganze Theater hier zu erklären und mich nicht mit nervigen Fragen zu bombardieren." Presste er zischend hervor.

„Wie du möchtest." Erwiderte die Angesprochene daraufhin nur. „Bitte schließt eure Augen."

Hermine blickte ihr anderes Ich verwirrt an. Snape hingegen machte mit einer abweisenden Körperhaltung deutlich, dass er von ihr keine Befehle annehmen würde.

„Ihr könnt mir vertrauen." Fügte sie sanft an. „Ich kann euch auch alles erzählen, aber wenn ich es euch zeige, ist es einfacher, zu verstehen."

Vorsichtig blickte Hermine zu ihrem Lehrer. Er erwiderte ihren Blick und sie konnte deutlich sehen, dass ihm die Situation ganz und gar nicht gefiel. Aber andererseits, was sollte schon passieren? Die ältere Hermine würde ja wohl kaum sich selber schaden. Und so wandte die Gryffindor ihren Blick von Snape ab, sah sich selbst fest in die Augen und nickte der Älteren bestimmt zu.

Als Snape die Entschlossenheit seiner Schülerin spürte, seufzte er entnervt auf. Ihm blieb aber auch gar nichts erspart. Es war schon schlimm genug, mit ZWEI Grangers in einem Raum zu sitzen. Jetzt musste er sich auch noch von der Älteren etwas sagen lassen.

Doch schließlich erkannte auch er, dass er, um an Antworten zu kommen, keine andere Wahl hatte und so schloss er seine Augen.

Keine Sekunde später spürte er ein leichtes Kribbeln, welches seinen gesamten Körper erfasste. Ein leichter Sog erfasste ihn und dann konnte er ihre Stimme in seinem Kopf hören. Hermines Stimme.

„Öffnet eure Augen." befahl diese sanft.

Vorsichtig öffnete er seine Augen. Zu allererst schaute er sich nach seiner Schülerin um. Und zu seiner Erleichterung stand diese direkt neben ihm und blickte ihn nicht minder verwirrt an.

Als sie ihre Blicke voneinander lösten und sich die Umgebung ansahen, krampften sich ihre Herzen zusammen. Sie standen mitten auf einem Schlachtfeld.

„Habt keine Angst. Euch kann nichts passieren." Hörten sie wieder die liebliche Stimme der Älteren.

Wieder sahen sich Snape und Hermine an. Zart nickte er seiner Schülerin zu, um ihr somit zu sagen, dass er da war. Sie nickte zart zurück und setzte sich dann langsam in Bewegung – in Richtung der Schlacht.

Immer weiter drangen sie durch sich duellierenden und mordenden Meuten hindurch. Hunderte Zauberer kämpften verzweifelt gegen die Massen der Todesser. Es war deutlich zu erkennen, dass Voldemorts Anhänger in der Überzahl waren. Denn nicht allein die Todesser kämpften für den dunklen Lord, sondern auch zahlreiche Wesen aus der Zauberwelt. Riesen, Mantikore und Werwölfe hatten sich der dunklen Seite angeschlossen.

Der Orden hatte keine Unterstützung seitens der Zauberwesen erhalten. Alleine und in Unterzahl versuchten sie sich dem übermächtigen Gegner zu stellen.

Mitten auf dem Schlachtfeld blieb Hermine stehen. Mit klopfendem Herzen sah sie sich um. Was sie sah, schnürte ihr die Kehle zu. Sie sah Menschen, die starben. Menschen, die ihr sehr nahe standen, Menschen, mit denen sie so viel erlebt hatte.

Sie musste mit ansehen, wie Mad Eye Moody aus dem Hinterhalt von einem Werwolf angegriffen und regelrecht zerfleischt wurde. Geschockt presste sie sich die Hand vor den Mund. Und auch wenn sie diese grausame Szene nicht mit ansehen wollte, so konnte sie dennoch nicht wegschauen.

Erst als eine Hand ihre erfasste und sie wegzog, konnten sich ihre Augen von den blutenden Überresten des Auroren lösen. Überrascht blickte sie Snape an, der sie nun über die Wiese, auf der der Krieg tobte, zog.

„Sie sollten sich das nicht allzu genau ansehen Miss Granger." Sprach er, während er immer weiter das Schlachtfeld überquerte. Ohne Gegenwehr ließ sich die Gryffindor von ihm hinterher ziehen. Sie war ihrem Lehrer dankbar, dass wenigstens er einen kühlen Kopf bewahrt hatte.

Wieder am Rande der Schlacht angelangt, rang die junge Frau nach Atem. Diese Bilder wollten nicht mehr aus ihrem Kopf verschwinden. Immer und immer wieder sah sie, wie Moody angegriffen und brutal umgebracht wurde.

„Beruhigen Sie sich." Versuchte Snape seine Schülerin zu besänftigen.

Nur langsam kam Hermine wieder zu Atem. Für einen Moment schloss sie ihre Augen, um Kraft für weitere Bilder zu sammeln, die sie hier noch sehen musste. Als sie schließlich die Augen wieder öffnete, fixierten diese sofort eine neue Szenerie, die sich gerade nicht weit von ihnen abspielte.

Wie gebannt blickte sie sich selbst an. Sie war gerade dabei, sich mit Bellatrix zu duellieren. Erstaunt musste sie feststellen, dass sie sich gar nicht so schlecht schlug und Flüche anwandte, die sie entweder nicht kannte oder nahe an der Grenze des Verbotenen waren. Wann hatte sie die denn gelernt?

Ein Fluch, der Bellatrix traf, riss ihr sekundenschnell das gesamte Gesicht auf, setzte den Todesser somit außer Gefecht. Die Gryffindor schrak ein wenig zurück, als sie sich selbst dabei beobachtete, wie sie ihren Gegner bekämpfte – mit dunklen Flüchen!

Doch zum Nachdenken hatte sie keine Zeit, da ihr anderes Ich plötzlich von einem heftigen Fluch niedergestreckt wurde.

Ein riesiger Todesser hatte sich aus dem Hinterhalt angeschlichen und Hermine angegriffen.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht ging sie zu Boden, versuchte noch irgendwie sich zu verteidigen, doch ihr neuer Gegner war zu übermächtig. Brutalität und Tod schienen das einzige zu sein, was er kannte.

Mehrere Flüche auf einmal wurden auf die junge Frau abgefeuert, sodass sie keine Zeit hatte, wieder aufzustehen und sich zu wehren. Nur mit Not konnte die junge Frau immer wieder den Todesflüchen ausweichen, indem sie sich auf dem Boden hin und her rollte.

Hermine schaute sich selbst zu, wie sie um ihr Leben kämpfte. Es war grausam, so etwas mit ansehen zu müssen. Und noch schlimmer war es, dass sie nicht helfen konnte.

Doch auch wenn die Gryffindor sich nicht selbst helfen konnte, so war jemand anderes dazu in der Lage. Der grüne Blitz des Avada Kedavras schnellte durch die Dunkelheit und traf Hermines Angreifer gezielt am Herzen.

Kaum hatte der Blitz den massigen Todesser getroffen, fiel dieser leblos in sich zusammen. Aus dem Schatten trat eine Person, mit der Hermine irgendwie nicht gerechnet hatte. Zumindest nicht die Hermine, die das alles beobachten musste.

Severus Snape ging auf die am Boden liegende Frau zu, reichte ihr seine Hand und half ihr auf. Als sie wieder stand, blickten sich beide Personen einen langen Augenblick einfach nur an, ihre Hände noch immer miteinander verschlungen.

Dann nickte die junge Frau ihrem Retter zu und er ließ sie los, um wieder mit der Dunkelheit zu verschmelzen.

Wie gebannt blickte Hermine auf sich selbst. Was war das denn gewesen. Vorsichtig traute sie sich, Snape anzusehen, der auch prompt ihren Blick erwiderte. Fragend und irritiert sahen sie sich an. Hermine glaubte dieselbe Unsicherheit in seinen schwarzen Augen sehen zu können. Und dann merkte sie noch etwas anderes.

Etwas, was ihr durch Mark und Bein ging. Und auch Snape schien dies nun bemerkt zu haben. Beinahe zeitgleich senkten sich ihre Blicke und verharrten schließlich mit panischem Ausdruck auf ihren Händen – die noch immer in einander verschlungen waren.

Abrupt und wie auf Kommando schraken sowohl Hermine als auch Snape auseinander. Mit einem gequälten Ausdruck blickte Snape seine Hand an, so als ob er gerade in Trollschleim gefasst hätte.

Er konnte nicht verstehen, warum er vergessen hatte, die junge Frau wieder loszulassen. Ihn hatte es schon überrascht, dass er sie überhaupt bei der Hand gepackt und mit sich gezogen hatte. Doch dass er sie seit dem nicht wieder losgelassen hatte, irritierte ihn sehr.

Hermine versuchte indessen diese peinliche Situation zu überspielen. Ihr Blick schweifte nun wieder im Kampfgetümmel umher. Noch immer waren sie hier. Das bedeutete, dass ihr älteres Ich wollte, dass sie noch etwas sahen. Etwas Bestimmtes. Doch was sollte das sein?

Ein heftiger Blitz schoss plötzlich mitten auf die Wiese ein. Sofort hob sich ihr Blick gen Himmel. Doch dort waren keine Gewitterwolken zu sehen. Eine kalte Hand packte schließlich ihr Herz und zerdrückte dieses. Eine fesselnde Panik kroch in ihr hoch und aus einer inneren Eingebung heraus, lief sie los.

Die Gryffindor drängte sich durch das Getümmel, durch die Meute, die mit dem Blitz aufgehört hatte zu kämpfen. Alle blickten jetzt nur noch in eine Richtung, schienen wie erstarrt zu sein. Von der Angst getrieben, rannte Hermine, so schnell sie konnte. Und als sie sich endlich durch die Massen gekämpft hatte, bestätigte sich ihre schlimmste Vermutung.

Sie musste mit ansehen, wie Harry in diesem Moment vor den Füßen Voldemorts tot zusammenbrach. Erstarrt blickte sie auf den Leichnam ihres Freundes, mehrere Sekunden lang.

Doch dann riss sie sich aus ihrer Starre und stürmte auf Harry zu, sackte vor ihm zusammen. Sie wollte ihn schütteln, ihn wieder aufwecken, doch die Erinnerung ließ Berührungen nicht zu. Sie selbst war wie ein Geist, wie ein Lichtbild, was durch alles hindurchfassen konnte.

Tränen rannten der jungen Frau nun unaufhaltsam über das Gesicht, immer und immer wieder schrie sie nein! Bettelte, flehte, dass irgendjemand ihrem Freund helfen konnte. Dass noch ein Wunder geschehen würde. Doch dies blieb leider aus.

Snape, der das ganze aus einigen Metern Entfernung mitverfolgt hatte, schloss seine Augen. Das wollte sie uns also zeigen, dachte er bei sich selbst. Den Tod von Harry Potter und somit den Sieg von Voldemort.

Hart musste er schlucken. Lilys Sohn hatte seine Bestimmung nicht erfüllen können. Auch er war ein Opfer des Krieges geworden. Und sein Tod hatte ein neues Zeitalter eingeläutet. Ein dunkles, mordendes Zeitalter, in dem der dunkle Lord über jedes Lebewesen herrschte.

Schwach öffnete er wieder seine Augen und sah prompt der älteren Hermine in die tiefen Augen, die ihn mitfühlend anblickten. Snape brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass die Ältere ihn und Hermine wieder zurückgeholt hatte.

Vorsichtig blickte er zu seiner Schülerin, die schluchzend mit verquollenen Augen neben ihm saß. Sie tat ihm leid und dieses Gefühl irritierte den Tränkemeister erneut. Was war hier eigentlich los?

„Es tut mir leid, dass ihr das mit ansehen musstet." Durchbrach die Ältere schließlich die Stille. Lange verweilten ihre braunen Augen nachdenklich auf Snape und Hermine. Aber die beiden erwiderten diesen Blick nicht.

Doch die nächsten Worte der Älteren ließen sowohl die Gryffindor als auch den Tränkemeister geschockt aufsehen.

„Das war leider erst der Anfang."