26. Höllenwesen
Zeitgleich blickten Snape und Hermine auf die tödlichen Krallen, die auf sie zugerast kamen. Sie hatten kaum noch Zeit zu reagieren, doch innerlich stellten sich beide auf ihre letzten Sekunden ein.
Reflexartig schloss Hermine ihre Augen. Sie wollte weder sehen, wie Snape von den scharfen Krallen aufgeschlitzt noch wie sie durchbohrt wurde. Ihr Herz raste und ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander.
Erst ein lauter schmerzerfüllter Aufschrei ließ sie zusammenzucken und ihre Gedanken abschalten. Dieser Schrei ging ihr durch Mark und Bein. Ein kalter Schauer lief ihr den Rück hinunter, als sie im ersten Moment dachte, dass dieser Schrei von Snape kam.
Doch ihr Verstand sagte ihr, dass dies nicht Snapes Stimme gewesen war, die so laut und quälend durch den Wald geschallt war. Vorsichtig und heftig atmend öffnete sie ihre Augen. Sie blickte in die Richtung, aus der das Wesen sie angegriffen hatte und was sie sah, ließ sie erschrocken schlucken und erleichtert durchatmen zugleich.
Die grausame Kreatur lag blutend und bewegungslos am Boden, die Gliedmaßen von sich gestreckt, die toten Augen weit geöffnet. Nur wenige Meter daneben standen die Regentin, Lupin, Shacklebolt, Tonks und Ron.
Hermine war so erleichtert, dass Snape und ihr nichts passiert war, dass sie die seltsamen Blicke ihrer Retter im ersten Moment nicht wahrnahm. Doch irgendwann registrierte sie den leicht irritierten Ausdruck seitens Ron, die ernsten Blicke von Shacklebolt und Lupin, das leichte Lächeln von Tonks und die seltsam funkelnden Augen von ihrem älteren Ich.
Irritiert blickte sie an sich herunter und was sie sah, ließ sie ihre Augen ungläubig weiten. Da waren Hände um ihre Taille geschlungen – jedoch nicht ihre eigenen. Vorsichtig hob sie ihren Blick und als sie in die schwarzen Augen von Snape sah, die sie nicht minder überrascht – wenn nicht sogar ein wenig panisch – anblickten, musste sie hart schlucken.
Snapes und Hermines Körper hatten sich derart ineinander verschlungen, dass es für einen Außenstehenden doch sehr seltsam aussehen musste. Aber in diesem Fall wäre der Spruch Es ist nicht so, wie es aussieht durchaus wahr.
Weder die Gryffindor noch ihr Lehrer hatten bemerkt, wie sie sich im Anblick des Todes schützend umeinander geklammert hatten. Nun, wo sie beide doch noch lebten, war diese Position jedoch mehr als peinlich.
Mit einem leisen Räuspern löste sich Snape so würdevoll wie möglich aus der Umarmung und versuchte erst gar nicht, in die seltsamen Gesichter der anderen zu blicken.
Hermine hingegen konnte nun nichts mehr dagegen tun, dass sie hochrot anlief. Ihr Blick war peinlich berührt zu Boden gerichtet, ihre Hände vergrub sie hastig in ihren Umhang.
„Geht es euch gut?" durchbrach die Regentin mit sanfter Stimme schließlich diese peinliche Stille.
Vorsichtig blickte Hermine ihr älteres Ich an. Die sanften braunen Augen beruhigen die Gryffindor wieder ein wenig und so war sie wenigstens zu einem zarten Nicken in der Lage.
„Wir hatten schon gedacht, wir kommen zu spät." Richtete sie erneut das Wort an Hermine und Severus.
Beinahe beschämt, dass die Regentin und die anderen Mitglieder der KRÄHE abermals ausrücken und sie retten mussten, blickte sie auf den Waldboden. „Danke" murmelte sie daraufhin nur und wünschte sich in diesem Augenblick nichts mehr, als endlich von diesem Ort wegzukommen.
Ihr älteres Ich schien diesen Gedanken gelesen zu haben. „Lasst uns zurückgehen." Meinte sie nur und schritt langsam voraus.
Hermine warf Snape, der sie noch immer ein wenig betreten anblickte, einen flüchtigen Blick zu, bevor sie der Regentin folgte. Als die junge Frau mit ihm und den anderen wieder auf den eigentlichen Pfad trat, eröffnete sich ihr ein grausamer Anblick.
Überall lagen die Leichen der widerwärtigen Kreaturen verstreut. Es mussten an die hunderte sein, die hier ihr Leben gelassen haben. Fragend blickte sie ihr älteres Ich an. „Wart ihr das?" fragte sie halb erstaunt, halb erschrocken. Denn Hermine konnte sich kaum vorstellen, dass fünf Mann gegen solch eine Hundertschaft irgendeine Chance hatten.
Die Regentin nickte nur zart. „Es brauchte nur einen Fluch, um diese Wesen außer Gefecht zu setzen."
„Was für einen?" hakte Hermine etwas unsicher nach.
Kurz war es still, doch dann beantwortete die Regentin schließlich doch Hermines Frage. „Den Avada Kedavra." Erwiderte sie mit ernster Stimme.
Mit großen Augen blickte sie den Rücken ihres älteren Ichs an. Und diese schien, auch wenn sie den aufgewühlten Blick der Gryffindor nicht sehen konnte, ihre nächste Frage dennoch zu erahnen.
„Ein wenig Macht, die ich von Severus erhalten habe, kann ich noch anwenden." Erklärte sie mit bedachter Stimme. „Ich habe die Fähigkeit, meine Magie in einem einzigen Avada Kedavra so zu bündeln, dass ich mehrere hunderte Lebewesen auslöschen kann, wenn es nötig ist."
Hermine musste schwer schlucken. Dieser Fakt erschrak sie ein wenig. Ihr älteres Ich war dazu in der Lage, so viele Leben auf einmal zu töten. Das war mehr als unheimlich.
„Keine Angst." Entgegnete sie mit einem beruhigenden Lächeln auf den Lippen, als sie sich zu Hermine umdrehte. „Ich habe den Todesfluch bisher nur zweimal angewandt. Und das erste Mal in seiner einfachen Form. Aber ich denke, heute war die gebündelte Form von Nöten." Eine Traurigkeit streckte sich mit einem Mal über ihre Augen, dass es Hermine das Herz zusammenzog.
Entschlossen packte Hermine die Regentin bei der Hand und drückte diese vorsichtig. Ein gequältes Lächeln überzog daraufhin die Lippen der Älteren. Dankend nickte sie der Gryffindor zu, bevor sie weitergingen.
„Was sind das für Wesen." Fragte Hermine schließlich nach. Denn eins wusste sie gewiss. In der Gegenwart gab es diese Monster mit Sicherheit noch nicht.
„Es sind arme Kreaturen." Antwortete die Ältere mit ruhiger Stimme. „Wir nennen sie nur die Höllenwesen. Sie kommen aus der Unterwelt, wurden von Voldemort dort befreit und unter seiner Herrschaft versklavt. Sie sind willenlos und folgen nur Voldemorts Befehlen. Das macht sie so gefährlich."
„Ihre Gesichter." Meinte Hermine mit einem nicht zu unterdrückenden Schauer in der Stimme. „Sie sahen so menschlich aus."
„Diese Wesen waren auch einmal menschlich. Doch sie haben sich dem Teufel verschrieben, sind dafür in die ewige Verdammnis gekommen. Es sind sowohl Zauberer als auch nichtmagische Menschen."
„Können sie zaubern?" fragte Hermine mit einem Schaudern in der Stimme nach.
„Nein." Kam es ruhig zurück. „Aber sie haben enorme körperliche Kräfte, die man nicht unterschätzen sollte. Ihre gewaltigen Krallen tragen ein hochgiftiges Sekret in sich. Nur ein Tropfen reicht und man stirbt einen qualvollen Tod. Ihre Zähne sind schärfer als die eines Werwolfes und sie besitzen eine Muskelkraft, die sich mit Magie durchaus messen kann. So gesehen sind sie gefährlicher als es die Todesser waren."
„Waren?" hakte Hermine mit einem überraschten Blick nach.
„Es gibt keine Todesser mehr." Erklärte die Regentin, während sie immer weiter durch den verbotenen Wald schritten. „Sie wurden vor Jahren von Voldemort ausgelöscht und zu Höllenwesen umgewandelt."
„Warum?" Hermine verstand den Sinn der Sache nicht so ganz. Todesser waren doch dank ihrer schwarzen Magie mehr als gefährlich gewesen.
„Sagen wir mal, sie waren zu intelligent für Voldemort. Todesser waren mächtige Zauberer gewesen, teilweise mit brillantem Verstand. Das wurde Voldemort irgendwann zu gefährlich. Die Höllenwesen waren da schon mehr nach seinem Geschmack. Sie sind die perfekte Armee. Sie fügen sich nur ihm, sind kräftig aber besitzen keinen Funken Intelligenz. Sie fragen nie nach und das einzige Ziel was sie verfolgen, ist zu morden und zu foltern."
Eiskalt lief Hermine der Schauer den Rücken runter. Diese Wesen machten ihr angst. Ihr gefiel diese ganze Welt hier nicht. Es war eine graue, grausame und tödliche Welt.
Snape hatte die Unterhaltung der beiden Frauen stumm mitverfolgt. Was er da hörte, gefiel ihm genau so wenig, wie Hermine. Die Entwicklung, die Voldemort gemacht hatte, war zweifelsfrei bedrohlich. Er hatte Wesen geschaffen, die kaum noch zu besiegen waren. Außer man besaß solch eine Magie wie die Regentin.
Stumm blickte er diese an, als sich eine Frage in seinem Kopf bildete. Er zog seine Stirn in Falten, überlegte, ob er sie fragen sollte. Und schließlich entschied er sich auch dafür. „Was passiert, wenn du diese Magie verloren hast? Wenn du nicht mehr die Fähigkeit besitzt, solch einen mächtigen Todesfluch heraufzubeschwören?"
„Dann sind wir alle verloren." Kam auch prompt die Antwort zurück, die sowohl Snape als auch Hermine innehalten ließ.
Die Regentin merkte das Stocken ihrer beiden Gäste und drehte sich mit schimmernden Augen, in der trotz alledem noch so viel Hoffnung stand, um. „Damit das nicht passiert, habe ich euch hierher geholt. Ihr müsst die Vergangenheit ändern. Nur so kann verhindert werden, dass diese Kreaturen je erschaffen werden."
Skeptisch blickte Snape die Regentin an. Er wusste nicht warum, aber er fühlte sich ihr gegenüber irgendwie unentspannt, wenn nicht sogar leicht gereizt. „Aber du willst uns doch nicht weiß machen, dass nur du diese Kreaturen erledigen kannst."
„Nein." Erwiderte sie mit einem matten Lächeln. „Man kann sie mit einem Avada Kedavra töten. Doch es sind einfach zu viele. Wir sind zu wenig, um gegen diese Massen ankämpfen zu können. Außerdem wissen wir noch nicht ganz, wie viele dieser Höllenwesen Voldemort jeden Tag aufs Neue schafft."
„Dann solltest du das Nest suchen und alle auf einmal auslöschen, bevor du deine Kräfte völlig verlierst." Erwiderte Snape spitz.
„Das ist nicht so einfach." Gab die Regentin verständnisvoll zurück. „Wenn ich meine Kräfte einmal gebündelt habe, so wie eben, dann regeneriert sich diese Magie nicht mehr. Sie ist dann für immer verloren. Und bis wir Voldemorts Nest aufgespürt haben, habe ich meine Kräfte wahrscheinlich schon gänzlich verloren."
„Dann müsst ihr halt schneller sein!" donnerte er mit einer plötzlichen Welle des Zorns.
Doch während Hermine erschrocken über den plötzlichen Ausbruch zusammenzuckte, blieb die Ältere ruhig. Zart nickte sie ihm zu. „Ich verstehe deine Wut Severus. Aber glaube mir. Wir versuchen schon seit Jahren, Voldemorts Versteck ausfindig zu machen. Doch selbst unsere Spione, die wir als Werwölfe und Riesen in die Reihen von Voldemort eingeschleust haben, bekommen keine Informationen von Voldemort."
Ernst sah sie Snape an. Als er nichts darauf erwiderte, fuhr sie fort. „Voldemort ist vorsichtiger über die Jahre geworden. Zu viele Spione hatte er erdulden müssen. Das weißt du so gut wie kein anderer."
Stumm erwiderte er den Blick der Regentin. In ihm hatte es angefangen zu brodeln. Er wusste nicht warum. Aber diese Frau raubte ihm all seine Beherrschung. Und wenn er nicht aufpasste, dann würde er seine gesamte Kontrolle verlieren. Und das würde kein gutes Ende nehmen. Weder für sie noch für sich selbst.
„Wir sollten weitergehen." ließ die Regentin nach einer Zeit des Schweigens nur verlauten.
Und ohne, dass noch irgendjemand etwas sagte, setzte sich der Trupp wieder in Bewegung. Bis sie endlich wieder auf Hogwarts waren, sollte keiner mehr ein Wort sprechen.
*****
Mit geschlossenen Augen und um Ruhe bemüht, saß Snape in seinem Zimmer, was auch er für den Aufenthalt in der Zukunft zugewiesen bekommen hatte. Er hatte sich in den großen bordeauxfarbenen Ohrensessel gesetzt, der vor einer großen Fensterfront platziert worden war.
Auch wenn es draußen grau und regnerisch war, so blickte er trotzdem auf sonnige Ländereien. Die Regentin hatte im Schloss jedes Fenster verhext, sodass man tagsüber immer herrlichste Wetter genießen und nachts den sternenklaren Himmel bewundern konnte.
Doch da Snape wusste, dass das alles nur eine Illusion war, bedrückte ihn dieser Anblick von Sonne und blauem Himmel beinahe noch mehr, als die schweren grauen Wolken, die tatsächlich am Himmel thronten.
Er hasste es, dass er hier war, dass er hier sein musste. Und nicht das erste Mal fragte er sich, ob Albus und der Rest des Ordens schon nach Hermine und ihm suchten.
Ein zartes Klopfen befreite ihn aus seinen Grübeleien. Er brauchte eine Weile, bis er das Pochen als Türklopfen wahrgenommen hatte – so tief war er in Gedanken versunken gewesen.
„Herein." Sagte er nur.
Vorsichtig wurde der Knauf gedreht und die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren. Der braune Lockenkopf seiner Schülerin blickte vorsichtig durch den Spalt. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht." Meinte sie nur mit einem hoffnungsvollen Blick in den braunen Augen.
„Kommen Sie schon rein." Meinte er schließlich nur.
Beinahe flink wie eine Maus huschte sie durch den Spalt durch und schloss die Tür sachte hinter sich. Langsam schritt Hermine auf ihren Lehrer zu.
„Setzen Sie sich." Bot ihr Snape den zweiten Sessel, der ebenfalls am Fenster stand, an.
Die Gryffindor nahm die Einladung gerne an und ließ sich in den weichen Stoff sinken. „Ich wollte mich bei Ihnen bedanken." Sprach sie auch sogleich das Thema an, weswegen sie hier war.
Snape hob seine Augenbrauen hoch. „Wofür?" fragte er in einem etwas gelangweilten Ton nach. „Dafür, dass ich sie vorhin so dermaßen beleidigt habe?"
Nun war es an Hermine, etwas desorientiert zu gucken. Erst nach ein paar Sekunden fiel ihr wieder der Streit ein, den sie heute Mittag gehabt hatten. Die junge Frau hatte diese Auseinandersetzung schon ganz verdrängt.
„Nun, ich habe mich ja auch nicht gerade zurückgehalten." Gab sie mit einem entschuldigenden Lächeln zurück.
„In der Tat." Erwiderte Snape trocken. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie so laut und wütend werden können."
„Oh, Sie haben mich noch nicht wütend erlebt Sir." Konterte Hermine nur mit einem selbstgefälligen Lächeln im Gesicht.
Erneut hob Snape erstaunt seine Brauen. „Dann möchte ich nie in die Situation kommen, in der sie wie eine wilde Furie alles und jeden nieder machen." Ein hauchzarter Sarkasmus schwang deutlich in seiner Stimme mit.
„Das würde ich Ihnen auch raten." Hermines Augen funkelten verräterische, wodurch ihre Drohung entschärft wurde.
„Gut zu wissen." Sagte Snape nur und für den Bruchteil einer Sekunde erschien so etwas wie ein Lächeln auf seinen sonst so ernsten Zügen.
„Aber im Ernst." Nahm Hermine das Wort wieder auf, nachdem sie sich von dem Schock, dass Snape sie beinahe angelächelt hatte, wieder erholt hatte. „Sie haben mir vorhin im verbotenen Wald das Leben gerettet."
Der Tränkemeister zuckte daraufhin nur mit seinen Schultern. „Das hätte alles nichts genützt, wenn uns diese zerzausten Krähen nicht das Leben gerettet hätten."
Hermines braune Augen lagen seltsam ruhig auf ihrem Lehrer. „Warum sind sie so wütend auf die Regentin und ihre Mitstreiter?"
Ein lautes Schnauben von Snape sagte eigentlich schon alles. Doch er ließ es sich nicht nehmen, sich auch verbal zu äußern. „Weil mich Ihr älteres Pendant in eine Zukunft gehext hat, die weder hell noch friedlich ist. Die, um genauer zu sein, noch beschissener als die Gegenwart ist. Und weil mir hier eine Ehe und zwei Kinder angedichtet werden!"
Kurz senkte Hermine ihren Blick. Sie hatte nicht gewusst, dass ihn diese Familiengeschichte so störte. Und auch wenn sie sich nicht wirklich vorstellen konnte, je mit Snape eine Beziehung zu führen, geschweige denn Kinder zu bekommen, so verletzte sie seine offensichtliche Abneigung dennoch.
„Sie wissen, dass wir die Zukunft ändern können." Erwiderte die Gryffindor um Ruhe bemüht. Sie wollte auf keinen Fall, dass Snape ihre Verletztheit bemerkte.
„Nicht können." Meinte er ernst. „Wir WERDEN diese Zukunft ändern." Und zwar so, dass weder WIR eine derartige Verbindung eingehen, noch dass der dunkle Lord die Möglichkeit dazu hat, diese Höllenwesen zu schaffen."
Mehr als zu einem Nicken war Hermine nicht mehr fähig. Ein dicker unangenehmer Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet.
Als Snape in die Augen der Gryffindor blickte, wurde ihm mit einem Mal bewusst, was er eben gesagt hatte. Im Nachhinein empfand er seine Worte mehr als hart. Was wiederum eher ungewöhnlich für den Tränkemeister war. Seit wann bereute er seine eigenen Worte?
„Sie haben einen besseren Mann verdient als mich." Sprach er, ohne wirklich zu wissen, warum er ihr das sagte. Und er kam auch nicht umhin, sich innerlich einen gewaltigen Tritt dafür in sein Hinterteil zu geben.
Sprachlos und mit großen Augen blickte Hermine ihren Lehrer an. Hatte sie sich eben verhört oder hatte Snape ihr eben tatsächlich gesagt, dass sie jemand Besseres verdient hatte? Sie wusste wirklich nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie war nicht gerade jemand, der oft sprachlos war, aber ihr Lehrer hatte das gerade eben geschafft.
Und Snape ging es da nicht anders. Gewissermaßen hatte er sich gerade eben selbst sprachlos gemacht. Etwas, was auch nicht jeden Tag vorkam. Doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr konnte er sich mit dieser Offenbarung anfreunden.
Denn er hatte diese Worte durchaus so gemeint, wie er sie gesagt hatte. Er konnte nicht mehr leugnen, dass die junge Frau vor ihm ein großes Herz und viel Mut besaß. Und auch wenn sie durchaus penetrant sein konnte, so kam er nicht umhin sich einzugestehen, dass er sie ein wenig sympathisch fand.
Und das sollte schon etwas heißen, denn ein Severus Snape fand nicht wirklich viele Menschen sympathisch. Das waren lediglich Albus und vielleicht noch Lupin. Obwohl. Wenn er an den ernsten Lupin dachte, der in der Zukunft offensichtlich das Lachen verlernt hatte, schwand seine Sympathie doch sehr.
Aber diese Gryffindor hatte mit ihrem Mut und ihrer teilweise ansteckenden Herzlichkeit seine Sympathie gewonnen. Aber aus Sympathie würde er auch die Gryffindor nicht heiraten. Und er war sich sicher, dass sie es genauso sah. Und deswegen hatte sie jemanden verdient, der sich gut um sie kümmerte, der sie wirklich liebte.
„Warum haben Sie mich gesucht?" durchbrach der Tränkemeister diese aufgekommene peinlich berührte Stille und ein Stück weit auch seine eigenen Gedanken.
Überrascht über diesen plötzlichen Themenwechsel, war Hermine zuerst ein wenig überfordert mit dieser Frage. Aber ihr scharfer Verstand holte dieses Defizit schnell wieder auf. Doch als sie sich der Bedeutung seiner Frage gewahr wurde, wünschte sie sich, dass er diese nie gestellt hätte.
Sie versuchte verbissen gegen die aufsteigende Röte in ihrem Gesicht anzukämpfen. Ob sie es geschafft hatte, wusste sie nicht, da Snape keinerlei Reaktion zeigte. Er blickte sie lediglich abwartend an.
„Nun" begann sie zögerlich, fieberhaft überlegend, was sie ihm jetzt antworten sollte. Doch schließlich entschied sich die Gryffindor für die Wahrheit. Es gab auch keinen Grund, diese zu verbergen. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn Ihnen etwas passiert wäre."
Snape war gelinde gesagt überrascht über ihre Offenheit. Und auch wenn ihm ein weiteres warum auf der Zunge lag, so schluckte er es dennoch hinunter. Er wollte Hermine nicht zu sehr in die Enge treiben. Oder vielleicht hatte er vor der Wahrheit auch einfach nur Angst.
Denn schon allein der Gedanke daran, dass die Gryffindor ihn ebenfalls Sympathie entgegenbringen könnte, ängstigte ihn. Er hatte absolut keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte.
Wieder entstand eine Stille, die niemand zu überwinden schien. Und so beschloss Hermine gewissermaßen die Notbremse zu ziehen. Mit einem leichten Räuspern erhob sie sich aus dem gemütlichen Sessel. „Ich denke, ich werde mich noch ein wenig ausruhen."
Snape nickte der Gryffindor lediglich zustimmend zu. Insgeheim war er mehr als froh, dass seine Schülerin diesen Entschluss gefasst hatte. Denn das Gespräch, was sie geführt hatten, war doch bedrohlich persönlich geworden.
Ohne noch ein Wort miteinander zu wechseln, aber dennoch in einer friedlichen Gesinnung, verließ Hermine Snapes Zimmer.
