30. Neue Gefühle, neue Probleme

Hellwach lag Severus in seinem Bett. Gedankenverloren hatte er seine schwarzen Augen auf die weiße Decke gerichtet. Er wusste nicht, wie langer er schon so im Bett lag und einfach nur nachdachte. Doch es war auch egal, denn allein das Gefühl zählte, was durch den Kuss noch immer in seinem Körper nachklang.

Diese gewaltige Welle aus Emotionen schien gar nicht mehr abklingen zu wollen. Noch immer konnte er ihre so unglaublich weichen Lippen auf seinen spüren, ihren warmen Atem auf seiner Haut fühlen.

Doch so berauschend dieser Moment auf dem Turm auch gewesen war, er hatte alles noch komplizierter gemacht. Um genau zu sein, hatte dieser Moment Severus vollends verwirrt. Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war, was er denken und fühlen sollte, was richtig und was falsch war. Kurz: Es hatte den Tränkemeister, ohne dass es sich vorher irgendwie angekündigt hatte, voll erwischt.

Aber dieses Mal richtig. Die Gefühle waren echt. Er stand unter keinem Einfluss, so wie bei seiner Schülerin, sondern es waren seine Emotionen, die in ihm hoch kochten.

Und genau das war gar nicht gut. Absolut nicht gut…

…es war verdammt gut. Jedenfalls fühlte es sich so an. So selig und schwerelos hatte sich Severus schon lange nicht mehr gefühlt. Es war, als ob er ein neues Leben begonnen hatte. Und dieses hatte so abrupt und plötzlich begonnen, von einer Sekunde auf die andere, dass er es noch gar nicht richtig begreifen konnte.

Und mit diesen Gedanken, der sich so wohlig warm um sein Herz gelegt hatte, schlief der Tränkemeister schließlich doch ein.

*****

Hermine saß abermals früh am Morgen in der großen Halle und frühstückte. Es war gerade einmal kurz nach acht, doch sie hatte nicht mehr schlafen können. Seit sie hier war, hatte sie keine einzige Nacht durchgeschlafen. Das alles nahm sie doch mehr mit, als sie zugeben wollte.

Obwohl sie nicht mehr hatte schlafen können, saß sie dennoch müde vor ihrem Frühstück und versuchte sich mit schwarzem Kaffee wach zu halten. Sie nahm gerade einen tiefen Schluck, als sich die gewaltige Flügeltür öffnete und ein nicht minder müder Tränkemeister die Halle betrat.

Als er Hermine sah, fühlte er etwas, was als sehr zwiespältig zu bezeichnen wäre. Einerseits erinnerte ihn seine Schülerin an die letzte Nacht, doch andererseits schrie sein Inneres, dass es nicht DIE Frau war, die er so leidenschaftlich geküsst hatte.

Doch Severus ließ sich nach außen hin nichts anmerken. Dafür konnte er zu gut seine wahren Gefühle verdeckt halten.

Mit einem gemurmelten Morgen setzte er sich neben seine Schülerin, die seinen Gruß lediglich mit einem Nicken beantwortete. Ein kleines Schmunzeln huschte über seine angespannten Züge. „Sie sehen nicht gerade ausgeschlafen aus." Meinte er auch sogleich, in der Auffassung, ihre äußere Erscheinung kommentieren zu müssen.

Erbost stellte Hermine ihre Kaffeetasse ab und blickte ihren Lehrer mit müden aber dennoch ausdrucksstarken Augen an. „Vielen Dank für die Blumen." Murmelte sie nur mit einem Ausdruck im Gesicht, der irgendwo zwischen Pikiertheit und Amüsement stand.

„Immer wieder gern." Meinte er nur trocken und goss sich nebenbei auch eine Tasse Kaffee ein.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte Hermine ihren Lehrer an. Irgendetwas war anders. Doch sie kam einfach nicht drauf, was es war.

Ihre Inspizierung seiner Gestalt blieb von Severus natürlich nicht unbemerkt. Mit gehobenen Augenbrauen wandte er sich zu Hermine und blickte sie fragend an. Jedoch lag in diesem Blick keine Kälte, keine Abneigung oder Zorn. Er sah sie einfach nur fragend, wenn nicht sogar neugierig an. Und Hermine glaubte ein ganz feines kaum wahrnehmbares Lächeln zu erkennen.

Das war es! Dachte die Gryffindor nur. DAS war anders. Seine Mimik, sein Auftreten. Er wirkte heute so entspannt, beinahe gut gelaunt, was für Snape ja schon beinahe utopisch war.

„Habe ich irgendwas im Gesicht?" frage er seine Schülerin schließlich, als sie ihren Blick auch nach mehreren Sekunden nicht von ihm nahm.

Sich ertappt fühlend, merkte Hermine, wie sie rot anlief. „Ähm… na ja" begann sie etwas unsicher. „Sie wirken heute so… so."

„Ja?" fragte Severus nach, als es seine Schülerin nicht schaffte, einen passenden Ausdruck für ihn zu finden.

„So fröhlich." Meinte sie schließlich und man konnte deutlich sehen, wie ihre Gesichtsfarbe noch eine Nuance dunkler wurde.

Das wiederum ließ Snape nun wirklich lächeln. Dass man ihr auch immer ansehen konnte, wenn ihr etwas peinlich oder unangenehm war.

„Sie finden mich also fröhlich?" bohrte er in die Wunde noch etwas tiefer rein.

Hermines Gesicht erhielt nun einen leicht gequälten Ausdruck. Sie hatte absolut keine Ahnung, wie sie Snape in dieser Situation einschätzen sollte. Doch sie war eine Löwin und so zog sie nicht die Notbremse, sondern ließ sich auf seine Frage ein.

„Für Ihre Verhältnisse ja." Antwortete sie ihm, nun deutlich ruhiger.

„Für meine Verhältnisse?" fragte er gespielt erbost zurück.

Die Gryffindor verdrehte daraufhin nur leicht ihre Augen. „Sie wissen, wie ich das meine." Entgegnete sie nur mit einem lehrerhaften Ton in der Stimme.

„Nein. Klären Sie mich doch bitte auf." Schnurrte er nur mit einer Leichtigkeit, die Hermine eine Gänsehaut verschaffte.

„Wir wissen doch beide, dass sie nicht immer der bestgelaunte Zeitgenosse sind." Antwortete sie ihm ehrlich und versuchte dabei verbissen seinem starrenden Blick stand zu halten. Doch als sie ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen aufblitzen sah, fiel der größte Teil ihrer Anspannung ab.

Sie wusste nicht, was mit ihrem Lehrer passiert war. Aber es hatte ihm offensichtlich gut getan. Wenn Hermine gewusst hätte, was ihn wirklich in diesen Hochzustand katapultiert hatte, hätte sie mit Sicherheit anders darüber gedacht.

„Danke für die Blumen." Gab Snape die Worte an seine Schülerin zurück, die sie ihn vorhin hatte zukommen lassen.

„Immer wieder gerne." Spielte sie dieses Spiel weiter und fragte sich im selben Moment, was hier eigentlich gerade passierte.

„Das ist dieser Ort oder?" Mit großen leuchtenden Augen sah sie ihn an.

„Was meinen Sie?" fragte Snape etwas überfordert mit der letzten Aussage der Gryffindor zurück.

„Das hier. Wir… wir unterhalten uns, ohne uns die Augen auszukratzen. Es… es ist beinahe friedlich." Fügte sie noch an, doch bei den letzten Worten hatte sie den Blick von ihm abgewandt. Sein Blick war zu intensiv gewesen, als dass sie ihm hätte standhalten können.

Severus ließ sich ihre Worte einen Moment lang durch den Kopf gehen. Es war ihm nicht aufgefallen, aber die Gryffindor hatte Recht. Es hatte sich seit dem Vorfall im verbotenen Wald eine seltsame Harmonie zwischen ihnen eingeschlichen.

Aber dies verwunderte Severus irgendwie auch nicht mehr. Nicht nachdem, was letzte Nacht passiert war.

„Professor?" sprach Hermine ihren Lehrer an, als er auch nach mehreren Sekunden nichts erwidert hatte.

Aus seinen Gedanken herausgerissen, blickte er Hermine mit seltsamem Ausdruck in den schwarzen Augen an.

„In der Tat, es ist irgendwie unheimlich." Sagte er schließlich nur und widmete sich anschließend wieder seinem Kaffee.

Hermines Blick lag noch einen Augenblick länger auf seiner Gestalt. Unheimlich, traf es ziemlich gut. Vor allem sein Verhalten war an diesem Morgen mehr als seltsam. Doch Hermine wollte die neu gewonnene Geduld ihres Lehrers nicht überstrapazieren. Und so nahm sie sich ein Toast, bestrich es mit Kürbismarmelade und widmete sich diesem genüsslich.

Der Rest des Frühstücks war in einem seltsamen Schweigen verlaufen. Es war kein angestrengtes Schweigen gewesen, aber auch kein wirklich entspanntes. Jeder hatte seinen eigenen Gedanken nachgehangen.

Und während Hermine sich den Kopf über Snapes seltsame gute Laute zerbrach, konnte er nur an die Regentin denken.

Immer wieder schweiften seine Gedanken zu dem Kuss letzte Nacht ab. Er fühlte sich wie ein verliebter Teenager. Alles in ihm kribbelte und sein Herz schien seit gestern Abend vor Aufregung zu rasen. Und gleichzeitig konnte er sich nicht erklären, warum Hermines älteres Ich bei ihm dieses Gefühl auslöste und seine Schülerin nicht.

Immerhin war er Hermine auch schon sehr nahe gekommen. Doch nie hatte er sich, nachdem sie zusammen gewesen waren, so liebestrunken gefühlt, wie jetzt.

Und so war es noch immer gegen Mittag. Sein Zustand hatte sich nicht wesentlich verändert, seine Laune auch nicht. Den Vormittag hatte er mit Hermine verbracht. Sie hatten sich über alles möglich unterhalten und zum ersten Mal ist ihm dabei aufgefallen, wie klug diese kleine Hexe tatsächlich war.

Natürlich wusste er schon vorher, dass ihre Intelligenz ausgereifter war, als die ihrer Mitschüler. Doch er hatte diese stets auf das Auswendiggelerne abgeschoben. Doch nun, nachdem sie gut eine Stunde lang über die verschiedensten Tränke diskutiert und philosophiert hatten, musste er sich eingestehen, dass er mit dieser Ansicht falsch lag.

Die Gryffindor hatte ein enormes Fachwissen an den Tag gelegt. Sie war sehr belesen, das stand außer Frage. Doch am Meisten hatte ihm ihr Wissen über die Dinge imponiert, die er ständig versuchte, in seinem Unterricht zu erklären.

Und trotz der ständigen Störungen durch Neville Longbottom oder sonstigen Tollpatschen und durch seine ständige abweisende Art, besonders Hermine gegenüber, hatte sie dennoch erstaunlich fiel von ihm gelernt.

Doch er kam auch nicht umhin, sich ein wenig schuldig zu fühlen. Wer weiß, wie viel Wissen er der Gryffindor all die Jahre lang allein durch sein Desinteresse und seine Voreingenommenheit verwehrt hatte? Er wollte es gar nicht wissen, doch er nahm sich fest vor, dies wenigsten im letzten Jahr ein wenig nachzuholen.

Severus war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass er Richtung Innenhof gelaufen war. Wahrscheinlich forderte sein Körper frische Luft, da dies zu dieser Zeit nicht wirklich häufig vorkam.

Man durfte Hogwarts nicht verlassen, wenn einem sein eigenes Leben lieb war. Die einzigen Möglichkeiten, an die Frische Luft zu gelangen, waren der Turm und der Innenhof.

Bereits von weitem konnte er Feline und Ryan erkennen, die vergnügt und scheinbar für den Moment sorgenfrei über den Hof jagten. Oder genauer gesagt, jagte Feline ihren kleinen Bruder.

Severus lehnte sich gegen eine Säule, die zusammen mit vielen anderen den Hof säumten und ihm somit etwas Heiliges verlieh. Er verschränkte die Arme lässig vor der Brust und beobachtete die beiden Kinder eine Weile lang.

Es war ein seltsam warmes Gefühl Feline und Ryan so glücklich zu sehen. Sie schienen so in ihrem Spiel vertieft zu sein, dass sie ihn noch nicht einmal bemerkten. Dafür wurde Snape aber von jemand anderen bemerkt, der ihn bis jetzt verborgen geblieben war.

„Dir wird es wohl auch zu stickig im Schloss?" riss ihn die sanfte Stimme der Regentin aus seiner nachsinnenden Beobachtung.

Sofort richtete er sich auf und blickte nach rechts, von wo er die liebliche Stimme vernommen hatte. Nicht weit von ihm entfernt, saß sie auf einer Bank und beobachtete wohl ebenso ihre Kinder, wie er es eben getan hatte.

Ihre Augen leuchteten ihn förmlich an, doch eine gewisse Unsicherheit konnte er auch darin erkennen. Und diese Unsicherheit konnte Severus nur zu gut nachvollziehen, denn er fühlte sich im Moment nicht anders.

Er wusste nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte, was er sagen sollte und was lieber nicht. Da der Tränkemeister mit dieser Situation ziemlich überfordert war, entschied er sich schließlich nur für ein Nicken.

„Möchtest du dich setzen?" fragte die Regentin vorsichtig nach, als Severus sich nicht weiter artikulierte.

Innerlich machte sein Herz Luftsprünge, äußerlich blieb Snape ziemlich ruhig. Langsam ging er auf die Regentin zu und setzte sich, in einem gewissen Abstand zu ihr, auf die Bank.

„Wie geht es dir heute?" hakte sie nach, als sich wieder eine ziemlich befangene, wenn nicht gar schüchterne Stille zwischen ihnen ausgebreitet hatte.

Snape musste sich erst räuspern, um überhaupt sprechen zu können. Sein gesamter Körper war angespannt, eine einzige Verkrampfung. „Es geht mir gut." Meinte er nur und hätte sich im selben Augenblick gegen die Stirn schlagen können. Was für eine aussagekräftige Antwort.

Aber was hätte er ihr sonst sagen sollen? Dass er die Nacht kaum geschlafen hatte, weil er ständig an sie denken musste. Dass er sich im Moment wie ein verliebter Teenager fühlte, der nicht wusste, wie er sich verhalten sollte?

Das hätte er ihr vielleicht gerne gesagt, aber er konnte es nicht.

„Dann geht es dir so wie mir." Meinte die Regentin mit einem kleinen Seufzer in der Stimme.

Und eben dieser Seufzer war es gewesen, der Snape wissen ließ, dass sie damit nicht seine verbale sondern seine gedachte Antwort gemeint hatte. Sie kannte ihn offenbar nach beinahe 10 Jahren Ehe so gut, dass sie selbst seine Gedanken erahnen konnte.

Snape wusste in diesem Moment nicht, ob er das bewundern oder verfluchen sollte.

Feline und Ryan hatten mittlerweile auch mitbekommen, dass ihre Eltern wieder vereint waren – zumindest auf dieser Bank. Mit lachenden und vom vielen Laufen geröteten Gesichtern rannten sie auf ihre Eltern zu. Der kleine Ryan direkt in die Arme seiner Mama und Feline auf Snape.

Er hatte schon gedacht, dass auch das Mädchen sich in seine Arme werfen würde, doch kurz vor ihm bremste sie ab und sah ihn stattdessen nur mit großen Augen an, die seinen so ähnlich waren.

Er wusste nicht warum, aber er sah diesen Wunsch, den sie in diesem Augenblick hegte, deutlich in ihren Augen glänzen. Leise Seufzte er auf, bevor er sich etwas aufrechter hinsetzte und seinen Arm nach Feline ausstreckte.

Der fragende Blick wich sofort einem überglücklichen. Mit einem beinahe ansteckenden Lächeln, was sie eindeutig nicht von ihm, sondern von ihrer Mutter hatte, erfasste sie seine dargebotene Hand und ließ sich von Severus auf seinen Schoß ziehen.

Zuerst hatte sich der Tränkemeister ein wenig versteift, doch als sich Feline dichter an ihn rankuschelte, ließ diese Anspannung seltsamerweise nach. Vorsichtig blickte er zu seiner künftigen Frau, die ihn mit einem seltsam gerührten Ausdruck in den Augen anblickte.

Und dieser Blick war es, der ihn beinahe überwältigte. Denn dieser Blick machte ihm zum ersten Mal wirklich bewusst, dass er hier mit seiner Familie saß, mit seiner Frau, die ihn offensichtlich noch immer liebte und mit seinen Kindern, die für Kinder ganz in Ordnung waren.

Und schluckend musste er schließlich feststellen, dass ihm dieser Moment, die Vorstellung, irgendwann solch ein Leben zu führen, gefiel.

Doch leider gab es da auch ein Problem bei dieser ganzen Sache. Es war nicht wirklich seine Familie, sondern die, seines älteren Ichs. Es waren nicht seine Kinder und vor allem war es nicht seine Frau.

Und genau dieser Aspekt bildete den größten Konflikt in seinem Herzen. Denn er hatte sich in die falsche Frau verliebt – oder besser gesagt in den falschen Jahrgang. Er war nicht dazu bestimmt, sie zu lieben und der Vater dieser Kinder zu sein. Das sagte sein Verstand.

Aber sein Herz sagte ihm, dass er auch nicht dazu bestimmt war, seine Schülerin zu lieben. Das konnte er nicht. Sie war so völlig anders als ihr künftiges Ich.

Die Regentin schien seinen Zwiespalt zu bemerken. Ihr Blick lag nachdenklich auf dem Tränkemeister und ab und zu konnte man eine gewisse Trauer sehen, die sich über ihre braunen Augen legte.

Ob sie wohl dasselbe dachte, wie er im Moment? Doch hätte sich Severus nur einen Moment darauf eingelassen, tief in ihre Augen zu versinken, dann hätte er eine Antwort auf diese Frage gefunden – ja, sie dachte genau dasselbe.

Nach einiger Zeit hatten die Kinder genug vom stillen Herumsitzen. Der Bewegungsdrang machte sich wieder bemerkbar und so schälten sie sich aus den Armen ihrer Eltern und rannten erneut schreiend und lachend über den Hof.

Doch die nachdenkliche Stimmung bei den beiden Erwachsenen blieb. Auch wenn sie nicht mehr so angespannt war, wie zu Beginn.

„Warum hast du ihm… mir damals verziehen?" fragte Snape schließlich in die Stille hinein. Er musste es wissen. Warum, wusste er nicht. Aber wenn er nicht erfährt, warum Hermine ihn nach diesem Brief, den er gestern gelesen hatte, verziehen hatte, würde er verrückt werden.

Lange blieb die Regentin schweigsam. Und Severus glaubte schon, dass sie ihm nicht antworten würde, da diese Frage sehr intim war. Aber nach einigen Augenblicken, wandte sie sich ihm zu und sah ihn mit einem zärtlichen Hauch in den Augen an.

„Weil ich blind vor Liebe war." Ein seliges Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Severus hob, verwundert über diese Antwort, seine Augenbrauen in die Höhe. „Du meinst, ich habe dich mit diesem Brief nicht überzeugt?" hakte er skeptisch nach.

Sachte zuckte die Regentin nur mit ihren Schultern. „Es ist schwer zu erklären. Wenn du jemanden so sehr liebst, wie ich es getan habe, dann verzeihst du diesem jemand fast alles."

Stumm sahen sie sich einander an. Fragend, erforschend, intensiv.

„Ich wusste damals nicht, ob du es ernst mit mir meintest." Fuhr sie schließlich fort. „Auch nicht nach diesem Brief. Doch meine Gefühle für dich waren so stark, dass es schon wehtat. Ich konnte ohne dich nicht mehr leben und so habe ich dir… uns eine zweite Chance gegeben."

Abermals hielt die Regentin inne, ihren Blick nun nachdenklich und in Erinnerungen schwelgend zu Boden gerichtet.

„Die Zeilen, die du mir geschrieben hast, waren so ehrlich, so echt. Und doch habe ich lange gebraucht, um dieses Bild, wie du zu Albus sagtest, dass du Lily auf immer lieben wirst, loszuwerden."

Gedankenverloren sah Severus die Frau neben sich an. Er konnte sowohl sein älteres Ich als auch die Regentin gut verstehen. „Wie habe ich dein Vertrauen zurück gewonnen?" fragte er schließlich mit rauer Stimme.

Ein leichtes Lächeln erschien auf den elfenhaften Zügen der Regentin. „Du hast mir deine Liebe auf eine Art bewiesen, die nicht lügen kann."

Verwirrt blickte er sie an. Er wollte gerade zu seiner Frage ansetzen, was das denn gewesen war, doch die Regentin kam ihm zuvor.

„Eines Tages wirst du wissen, wovon ich spreche." Meinte sie nur mit einem seltsamen Glänzen in den Augen.

Severus´ Herz sackte mit einem Mal in sich zusammen. Er bezweifelte stark, dass er das eines Tages herausfinden würde. Denn eine Zukunft mit Hermine war so gut wie ausgeschlossen. Doch das behielt er lieber für sich.

„Vertrau mir." Flüsterte die Regentin ihm zu.

Mit tiefen Augen erwiderte er ihren Blick, der ruhig auf ihm lag. Langsam senkte sich ihr Blick und Severus folgte diesem. Seine Augen waren nun auf ihre Hand gerichtet, die die Regentin neben ihrem Schoß auf die Bank gelegt hatte.

Vorsichtig drehte sie ihre Hand nach oben und öffnete diese langsam. Als Severus sich der Bedeutung dieser Geste gewahr wurde, musste er hart schlucken. Fragend hob er seinen Blick, suchte den Ihren und als er die rehbraunen Augen der Regentin fand, konnte er darin die Bestätigung seiner Vermutung erkennen.

Schließlich hob auch er seine Hand und legte diese sachte in ihre. Als die Regentin zärtlich seine Hand mit ihrer verschloss und er somit ihre weiche Haut nahe an seiner spüren konnte, zuckten gewaltige Blitz durch den Körper des Tränkemeisters. Ausgelöst allein durch eine einzige zarte Berührung.