31. Und das Chaos beginnt von vorne

Nachdenklich saß Hermine am Fenster des großen Aufenthaltsraums. Sie war gerne in diesem Zimmer, in dem sie zusammen mit Snape zum ersten Mal von der Regentin empfangen wurden war. Es vermittelte ihr Ruhe und gab ihr die Gemütlichkeit, die sie brauchte, um nachzudenken.

Und das tat sie in diesem Moment besonders intensiv. Ihre Gedanken wirbelten nur so in ihrem Kopf umher. Gedanken, die sie sich eigentlich nicht machen wollte. Denn seit einigen Tagen beherrschte ihr Tränkelehrer den primären Teil ihres Nachdenkens.

Und sie wusste ehrlich gesagt nicht warum. Doch irgendwas hatte dieser Ort mit ihren Gefühlen gemacht. Sie waren nicht mehr so leidenschaftlich wie zuvor. Nein, sie waren zarter geworden, vorsichtiger.

Erschöpft, aufgrund ihrer eigenen Gefühle, lehnte sie ihren Kopf zurück gegen die weiche Sessellehne und schloss ihre Augen. Das alles hier war einfach nur verrückt. Es war nicht real, es war verwirrend, es war…

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie ein Rascheln neben sich vernahm. Hermine schrak auf und saß nun kerzengerade in ihrem Sessel, die Augen panisch auf den anderen Sessel, der ihr direkt gegenüber stand, gerichtet.

„Ich wollte dich nicht erschrecken." Entschuldigte sich die Regentin, die nun ebenfalls in dem großen Ohrensessel Platz nahm.

Nur langsam kam Hermine wieder zur Ruhe. Sie hatte sich eben wirklich beinahe zu Tode erschreckt. „Ich habe dich gar nicht reinkommen hören." Meinte Hermine nur mit blassem Gesicht und lehnte sich wieder zurück.

Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen der Regentin, ihre Augen trugen einen gewohnt milden Ausdruck, auch wenn er an diesem Tag von einer gewissen Trauer überzogen wurde, die Hermine beunruhigte.

„Du warst in Gedanken." Stellte die Regentin schließlich fest.

Hermine nickte nur kaum vernehmbar, da sich ihre Gedanken tatsächlich wieder ihre eigenen Wege suchten.

„Was geht dir durch den Kopf?" fragte die Ältere mütterlich nach.

Hermine bettete ihre Hände in den Schoß und blickte angestrengt auf diese. Sie fühlte sich in diesem Moment unwohl in ihrer Haut, wäre am liebsten geflohen. „So vieles." Meinte die Gryffindor schließlich mit unsicherer Stimme. „Und ich habe das Gefühl, dass ich es nicht bewältigen kann."

„Du bist stark Hermine, das weiß ich besser als kein anderer." Versuchte die Regentin sie aufzumuntern. Doch dieser lieb gemeinte Versuch wollte nicht so wirklich gelingen.

„Diese Welt… diese Zeit macht etwas mit meinen Gefühlen, was ich nicht bändigen kann." Erzählte Hermine schließlich weiter. Sie musste jetzt darüber sprechen, sonst würde sie noch verrückt werden. „Es ist so, als ob sie mir auferlegt werden… von dir." Ernst sah sie der Regentin in die braunen Augen.

„Es kann sein, dass ein Teil meiner Empfindungen auf dich übertragen wird. Doch tief in deinem Inneren sind es immer noch deine Gefühle."

„Wie kann das sein? Wie können deine Gefühle auch meine sein?" fragte die Gryffindor nach.

„Wir sind ein und dieselbe Person Hermine. Nur aus verschiedenen Zeiten."

„Aber deswegen müssen wir noch lange nicht dieselben Empfindungen haben!" Mit starren Augen blickte sie ihr älteres Ich aufgebracht an. Sie wollte das alles nicht. Sie wollte nicht so fühlen wie sie. Das ging nicht!

Die Regentin erwiderte ruhig den Blick der Gryffindor. „Ich verstehe deine Sorgen, aber glaube mir, dass ich dir deine Gefühle nicht auferlege. Ich kann sie unbewusst beeinflussen in dieser Welt, aber letztendlich entscheidet allein dein Herz, für wen es schlägt."

„Du hast meine Gefühle auch in der Gegenwart beeinflusst, wenn ich dich daran erinnern darf." Meinte Hermine mit einem gereizten Unterton.

„Nun, das war eine Ausnahme." Die Ältere schmunzelte sie entschuldigend an.

Hermine fand das jedoch alles andere als witzig.

„Ich wollte dich nicht in solche Schwierigkeiten bringen." Erklärte die Regentin mit beschwichtigender Stimme. „Doch ich dachte, dass diese Gefühle all die Probleme lösen würden. Also habe ich einen Zauber benutzt, der meine Gefühle auf dich und irgendwie auch auf Severus übertragen hat."

Mit großen Augen sah Hermine ihr Gegenüber stumm an.

„Doch ich werde diesen Zauber nicht noch einmal anwenden können. Dazu sind meine Kräfte mittlerweile zu schwach." Fügte sie noch erklärend hinzu.

„Und du hast wirklich geglaubt, dass deine Gefühle reichen, um die Zukunft zu ändern?" Die Skepsis in Hermines Stimme war deutlich zu hören und äußerte sich in einem schrillen Ton.

Die Regentin hatte wenigstens den Anstand, etwas beschämt zu gucken. „Ich dachte, dass ich mit dem einfachsten Weg beginnen sollte. Doch leider hat sich das zwischen euch nicht so entwickelt wie geplant und so musste ich euch herholen."

Hermine lachte freudlos auf. Das war doch alles ein Witz! „Und jetzt? Hältst du uns so lange hier fest, bis wir ein glückliches Ehepaar sind?"

„Ich sehe, du hast dir schon ein wenig Sarkasmus von Severus abgeschaut." Meinte die Regentin augenzwinkernd.

Hermines Blick verfinsterte sich noch mal um einiges, denn nach Späßen war ihr im Moment gar nicht zumute.

„Aber im Ernst." Richtete die Regentin erneut das Wort an Hermine. „Ich hatte nie vor, euch hier so lange festzuhalten. Ich möchte euch lediglich zeigen, wie die Zukunft aussieht, wenn sie nicht geändert wird. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihr die Zukunft zusammen retten müsst. Es geht allein um Harry. Wenn er Voldemort nicht zum Opfer fällt, dann passieren auch all die anderen schlimmen Dinge nicht."

Nun wieder etwas besänftigt, blickte Hermine die Regentin an. „Du meinst…"

„Ja, es kann gut sein, dass du jemand anderen findest, der dein Herz erobert und mit dem du glücklich wirst. In diesem Fall würde sich die Zukunft komplett verändern."

Hermine musste hart schlucken, als ihr bewusst wurde, dass dann auch Feline und Ryan nicht leben würden. Außerdem würde damit eine große Liebe zu Ende gehen, einfach ausgelöscht werden. Diese Liebe würde dann nie existiert haben.

Doch was sollte sie auch anderes tun? Sie liebte ihn nicht und Snape hatte sein Herz bereits vor vielen Jahren an eine andere Frau verloren. Wenn sie in ihrer Zeit nicht zu dieser großen Liebe bestimmt waren, dann sollte das so sein.

„Wann können wir wieder in unserer Zeit zurück?" fragte sie schließlich mit leerem Blick nach. Die neuen Gedanken hatten sie müde gemacht, ihren Körper erschöpft.

„Jetzt, wo ihr alles wisst, was wichtig für euch ist, müsst ihr es nur wollen." Antwortete die Ältere sanft. Und mit einem aufmunternden Lächeln erhob sie sich aus dem Sessel und ließ Hermine alleine zurück.

Verwirrt blickte Hermine der Regentin hinterher. Aber sie wollte es doch! Warum war sie dann noch hier? Die Gryffindor war durcheinander, wusste nicht, was sie denken sollte. Und so beschloss sie, sich etwas die Beine zu vertreten.

Gedankenverloren machte sie sich auf den Weg zur großen Halle, um sich einen Kaffe zu bestellen, doch weit sollte sie nicht kommen.

Denn von der Müdigkeit und ihren eignen Gedanken so übermannt, merkte sie nicht, wo sie hinlief. Sie steuerte geradewegs auf eine große, ziemlich breite Säule zu. Doch bevor ihr Körper hart und vor allem schmerzhaft mit dieser kollidieren konnte, wurde sie hart am Arm gepackt und herum gerissen.

„Was haben sie vor Miss Granger?" fragte Snape mit schnarrender Stimme. „Wollen Sie sich umbringen?"

Müde sah sie ihren Lehrer an. Doch sagen konnte sie nichts.

Snape blickte seine Schülerin genervt an. Doch von Sekunde zu Sekunde wurde dieser Blick milder, besorgter. Irgendetwas stimmte doch mit ihr nicht. Noch nie hatte er die Gryffindor so… so stoisch erlebt.

„Miss Granger?" sprach er sie erneut an, doch noch immer kam keine Reaktion von ihr.

„Hermine!" versuchte er es erneut und endlich kam Bewegung in die junge Frau. Ein Zucken ging durch ihren Körper und seufzend musste Snape feststellen, dass sich ihre großen braunen Augen mit Tränen füllten.

Was war denn jetzt nur passiert? Hatte er etwas Falsches gesagt? Obwohl, soviel hatte er nun auch nicht geredet.

„Ich möchte wieder zurück." Schluchzte Hermine plötzlich los. „Ich möchte es verdammt noch mal!"

Ihre Augen versanken tief in seine und Snape wusste absolut nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Fragend blickte er sie an, da er den Sinn ihrer letzten Aussage nicht ganz nachvollziehen konnte.

„Beruhigen Sie sich." Versuchte er seine aufgelöste Schülerin wieder einigermaßen zur Ruhe zu bewegen. Doch Hermine schien nicht im Geringsten daran zu denken.

„Ich… ich kann nicht mehr. Es ist alles so verwirrend hier… ich … weiß einfach nicht mehr, was ich fühle und was nicht." Eine dicke Träne kullerte ihr die Wange hinunter und Snape fragte sich in diesem Moment wirklich, womit er so viele weinende Frauen verdient hat. Na ja, genau genommen war es ja eigentlich immer nur eine Frau, die hier weinte.

Nur dass er sich bei der Älteren nicht mehr unter Kontrolle gehabt hatte, als er ihre Tränen gesehen hatte. Bei seiner Schülerin hingegen bewahrte er seine Beherrschung. Doch als die zweite und die dritte Träne fiel, begann ihn der Zustand dieser jungen Frau doch zu berühren.

Er hatte den Grund für ihr Gefühlschaos noch nicht ganz mitbekommen, aber sie so aufgelöst zu sehen, war doch schon ungewohnt für ihn. Und so erbarmte er sich und schloss den bebenden Körper der jungen Frau vorsichtig in seine Arme.

Beinahe hätte er angefangen zu lachen, als ihm klar wurde, dass er in den letzten Tagen so viel Körperkontakt mit anderen Menschen gehabt hatte, wie in seinem ganzen Leben nicht. Allen voran waren die Regentin und die beiden Kinder.

Doch dass er nun auch noch auf Tuchfühlung mit seiner Schülerin ging, war beinahe zuviel. Aber Snape beruhigte sich, dass diese Berührung durchaus harmlos war, gegenüber den Aktionen, die sie bereits veranstaltet hatten.

Ihm wurde ganz flau im Magen, als er an die beiden Male dachte, die sie mehr oder minder über einander hergefallen waren. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Im Nachhinein konnte er natürlich sagen, gar nichts. Aber er vernaschte nicht grundlos mal so nebenbei eine seiner Schülerinnen.

Doch schnell lenkte er seine Gedanken wieder auf jungendfreiere Bahnen. Immerhin hielt er gerade die Frau in den Armen, mit der er diese Sachen erlebt hatte.

Gebettet in dem fließenden schwarzen Stoff ihres Lehrers und umgeben von diesem angenehmen Duft nach verschiedenen Kräutern beruhigte sich Hermine langsam wieder.

„Sie hat gesagt, dass wir nur wollen müssen." Schniefte sie ihn völlig zusammenhangslos entgegen.

Dass mit sie die Regentin gemeint war, konnte sich Snape noch zusammenreimen. Doch der Rest war für ihn völliger Wirrwarr.

„Was müssen wir nur wollen?" fragte er nur nach und wunderte sich dabei über die Sanftheit, die seine Stimme plötzlich ergriffen hatte. Er hatte gar nicht gewusst, dass er so sprechen konnte. Aber er hatte ja hier schon so einige Dinge von sich selbst erfahren, die er hatte gar nicht wissen wollen.

„Zurück in die Gegenwart zu gelangen." Meinte sie mit leiser Stimme. „Wir müssen es nur wollen, doch es passiert nicht! Wir sind immer noch hier!" Beschwerte sich Hermine in Snapes Umhang hinein.

Doch Snape hatte die letzten Worte der Gryffindor schon gar nicht mehr mitbekommen. Denn bereits nach den ersten, war er erstarrt. Er konnte nichts dagegen tun, dass sich sein Körper auf unangenehme Weise verkrampfte. Selbst sein Herz schien sich zusammenzuziehen.

Denn sofort wurde ihm bewusst, dass er der Grund war, warum sie noch hier waren. Er wollte nicht zurück. Warum auch? Er hatte keinen Grund in eine Zeit zurückzukehren, in der er als Spion Voldemorts tätig war, in der niemand auf ihn wartete, wenn er wieder von einem Treffen zurückkehrte, in der man ihn verpönte und für abgrundtief böse hielt.

Warum sollte er also dann zurück? Hier hatte man keine Angst vor ihm, sondern lediglich Respekt. Hier gab es Menschen, die ihn mochten und es gab hier jemanden, den er mochte, sogar sehr.

Während seine Arme noch immer um den schlanken Körper der Gryffindor geschlungen waren und diesen hielten, waren seine Augen starr in die Leere gerichtet. Wenn sich nicht bald etwas änderte, würden sie noch lange hier in der Zukunft bleiben. Und er konnte nur hoffen, dass Hermine den Grund dafür nie herausbekommen würde.