33. Die Absurdität des Krieges
Er schloss seine Augen, nur einen Moment lang. Doch in diesem kurzen Augenblick durchfluteten ihn die unterschiedlichsten Emotionen. Abermals drang der Name des kleinen Jungen an sein Ohr. Ryan… er sah den kleinen niedlichen Jungen vor seinem inneren Auge. Er sah seinen eigenen Sohn.
Severus öffnete seine schwarzen Augen und in diesen Moment begegneten sich ihre Blicke. Mehrere Sekunden lang sahen sich an, gequält und unsicher. Doch schließlich nickte die Gryffindor ihm nur zart zu und ihr Mund formte ein einziges Wort, welches ihn hart schlucken ließ. Geh!
Hermine hatte seinen Zwiespalt mitbekommen, es deutlich in seinen Augen sehen können. Und auch wenn sie immer wieder von diesen Wesen angegriffen wurde, die offensichtlich mit ihr spielten, sie so lange quälen wollten, bis sie zusammenbrach und Hermine große Angst vor diesem Augenblick hatte, so wollte sie nicht der Grund sein, warum sein Sohn, ihr Sohn das Leben lassen musste.
Und so nahm Hermine ihm schließlich die Entscheidung ab. Severus stockte, als sie ihm dieses eine Wort stumm zukommen lies. Doch nachdem sie ihn abermals inmitten ihres eigenen Todeskampfes zugenickt hatte, setzte sich der Tränkemeister in Bewegung.
Er fühlte sich zerrissen, wusste noch immer nicht, was er machen sollte. Ihm war durchaus bewusst, dass er eigentlich Hermine retten musste. Denn wenn sie starb, würde es auch Ryan nie geben. Doch sein Körper hatte sich offensichtlich gegen die Gryffindor und für seinen künftigen Sohn entschieden, denn er war gerade dabei, zu der Regentin vorzudringen.
„Was ist passiert?" fragte er diese, als er sie schließlich am Rand des Geschehens erreicht hatte.
Ihre Augen sahen ihm dankbar entgegen, doch die Panik, die sie in diesem Moment empfand, konnte auch seine Anwesenheit nicht wegwischen.
„Ryan" hauchte sie ihm aufgelöst entgegen. „Ich… ich habe Feline in Sicherheit gebracht und dabei ist mir Ryan entwischt."
Ängstlich blickte sie sich um, auf der Suche nach ihrem kleinen Sohn, doch er war in diesem Kampfgetümmel nicht ausfindig zu machen.
„Er hatte so große Angst gehabt, dass er sich versteckt hat. Doch leider ist er genau in diese Richtung gelaufen. Ich… ich mag gar nicht dran denken, was… wenn…" sie stockte, musste sich die Hand auf die Lippen legen, um nicht laut loszuschluchzen.
Zart erfasste Severus die Hände der Regentin und sah ihr dabei fest in die Augen. „Ich werde ihn finden. Das verspreche ich dir." Flüchtig drückte er ihr einen Kuss auf den Handrücken, bevor er sie losließ und sich auf den Weg machte, um Ryan zu finden.
Severus suchte sich eine ruhige Ecke, in der er ungestört war. Er blickte sich ein letztes Mal nach links und nach rechts um. Als er sich vergewissert hatte, dass er wirklich alleine war, hob er seinen Zauberstab und murmelte die Formel eines Spruches, die nur er kannte.
Er hatte sie vor einigen Jahren entwickelt, mehr oder weniger durch Zufall. Aber dieser Zauber hatte es ihn schon öfter ermöglicht, Personen ausfindig zu machen, die in der Gewalt des dunklen Lords waren. So hatte er wenigstes ein paar Menschenleben retten können.
Das violette Licht, welches aus der Zauberstabspitze stob, breitete sich über den langen Gängen aus, schlängelte sich unbemerkt durch die kämpfende Masse und führte seinen Erfinder schließlich in eine Ecke, die von einer großen alten Ritterrüstung eingenommen wurde.
Severus blickte sich einmal prüfend um. Doch es war kein Höllenwesen in der Nähe zu sehen. Vorsichtig ging Snape in die Hocke und ließ die massive Statur mithilfe seines Zauberstabs zur Seite gleiten. Sogleich gab die Rüstung den Blick auf einen kleinen zusammengekauerten Körper frei, der sich dicht in die Ecke gedrückt hatte.
Vorsichtig streckte Severus seine Hand aus und berührte den kleinen Ryan sachte am Arm. Erschreckt blickt er auf, seine braunen Augen sahen den Tränkemeister für einen Moment panisch an. Doch als der Junge ihn erkannte, beruhigte er sich schnell wieder.
„Alles in Ordnung?" Der Tränkemeister hatte keine Verletzungen bei Ryan entdecken können, aber dennoch fragte er nach, um sicher zu gehen.
Als der kleine Junge nickte, machte sich ein Gefühl in Severus breit, was er als Erleichterung beschreiben würde. Jedoch in solch einer Intensität, die er zuvor noch nie verspürt hatte.
„Ich bring dich in Sicherheit." Flüsterte er Ryan zu, der auch sogleich aus der Ecke hervorgekrabbelt kam und sich mit glänzenden Augen von dem großen Mann auf den Arm nehmen ließ.
Mit der einen Hand den Jungen fest umschlossen, mit der anderen den Zauberstab kampfbereit haltend, machte er sich auf den Weg, um einen sicheren Ort für Ryan zu finden. Er überlegte fieberhaft, wo Ryan in Sicherheit sein würde, doch es fiel ihm nichts ein.
Er hätte die Regentin fragen sollen, denn sie hatte bereits Feline an einen sicheren Ort gebracht. Schnellen aber dennoch leisen Schrittes lief er durch die Gänge von Hogwarts, den kleinen Jungen fest an sich gedrückt.
Immer wieder schaute er in Räume hinein, doch sie boten einfach keine Sicherheit, auch nicht mit den stärksten Abwehrzaubern. Er eilte weiter, immer mit der Angst im Nacken doch noch von einer Horde Höllenwesen aufgespürt zu werden. In diesem Fall hätten sie wohl kaum eine Chance zu überleben.
Plötzlich blieb Severus abrupt stehen. Er stand vor einer großen mächtigen Steinwand, die kahl wirkte, da kein einziges Bild an ihr hing. Er blickte die Wand an. Aus irgendeinem bestimmten Grund. Sein Körper wollte nicht weitergehen, sein Verstand überlegte fieberhaft warum. Und plötzlich fiel es ihm ein.
Er hatte ihn gefunden. Den sichersten Platz in ganz Hogwarts. Den Raum der Wünsche. Vorsichtig setzte der Tränkemeister Ryan ab. Dann richtete er seinen Zauberstab auf die kahle Steinwand, murmelte einen Spruch und wünschte sich dabei einen sicheren aber dennoch gemütlichen Raum für den Kleinen.
Nur wenige Sekunden später erschien eine alte Holztür lautlos vor ihnen. Mit großen funkelnden Augen sah Ryan seinen künftigen Papa an. Dieser erwiderte kurz aber freundlich den Blick des kleinen Jungen, bevor er die Tür mit einem Schwung öffnete und mit dem Jungen an der Hand den Raum betrat.
Sofort stürmte ihnen jemand entgegen und ehe Severus sich versah, wurde er auch schon von Feline umarmt. Ein wenig erstaunt über diesen erneuten aber plötzlichen Körperkontakt, versteifte er sich. Aber zu seinem Glück, schien es Feline nicht weiter zu stören.
Nach einigen Augenblicken löste sie sich wieder von dem Tränkemeister und nahm ihren kleinen Bruder liebevoll in den Arm. „Ich hatte solche Angst, dass dir etwas passiert." murmelte sie in seine lockigen braunen Haare hinein. „Tu das nie wieder! Verstanden!?" fuhr sie ihn nun etwas lauter aber dennoch mit einer Erleichterung in der Stimme an, die verdeutlichte, wie wichtig ihr kleiner Bruder für sie war.
„Hier seid ihr in Sicherheit." Sprach Severus nun die beiden an. Ernst und bestimmt, aber dennoch konnte er diesen zärtlichen Laut nicht aus seiner Stimme verbannen, was ihn maßlos ärgerte.
„Und bleibt auch ja hier." Mahnte er die beiden, die ihn mittlerweile mit großen Augen anblickten.
„Machen wir." Bestätigte Feline, während Ryan heftig mit dem Kopf nickte.
„Gut." Meinte der Tränkemeister nur und wandte sich von beiden Kindern ab, um sie hier in Sicherheit zu lassen. Doch er sollte nicht weit kommen…
„Bitte sei vorsichtig… Papa."
Abrupt hielt er inne. Wie versteinert stand er am Ausgang, doch er war nicht dazu in der Lage, auch nur einen einzigen Schritt zu tun. Langsam drehte er sich zu den beiden um, die ihn nun leicht unsicher anblickten. Besonders Felines Blick hatte nach ihren letzten Worten etwas Gehetztes angenommen.
Severus wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte. Ein seltsames Gefühl beschlich seinen Körper. Ein warmes, angenehmes aber dennoch seltsames. Stumm sahen sich die drei Personen an und ohne noch irgendetwas zu sagen, schritt Severus erneut auf Ryan und Feline zu und strich ihn aus einer Eingebung heraus etwas ungeschickt aber dennoch zart über ihre Haare.
Doch dann drehte er sich schnell um und verließ mit großen Schritten den Raum der Wünsche. Als die Tür wieder verschwunden war, lehnte sich der Tränkemeister für einen Moment gegen die kalte Wand.
Er schloss seine Augen und musste ein paar Mal tief ein und ausatmen. Er war noch nie so durcheinander, noch nie so emotional berührt gewesen. Was hatte dieser Ort nur aus ihm gemacht?
Plötzlich riss er seine Augen auf, als ihn Hermine wieder in Erinnerung kam. Ohne zu zögern eilte er los, den Zauberstab fest im Griff. Schnell war er wieder mitten im blutigen Kampfgetümmel.
Kurz hielt er inne, als er die Regentin traf. Sie sahen sich einander an und Severus nickte ihr lediglich zu, um ihr zu bedeuten, dass er Ryan in Sicherheit gebracht hatte. Eine Erleichterung machte sich in ihrem Gesicht breit. Dankend lächelte sie ihn an, bevor er sich abermals in Bewegung setzte.
Er brauchte lange, viel zu lange, um an den Ort zu gelangen, an den er Hermine zurückgelassen hatte. Er wusste, dass er bald da war, doch die tobenden Massen versperrten ihn Weg und Sicht.
Severus kämpfte sich durch die Menge, musste sich immer wieder mit einem Fluch verteidigen oder in Deckung gehen, aber schließlich hatte er sein Ziel erreicht.
Doch als er dort angekommen war, erstarrte er augenblicklich. Es bot sich ihm ein grausames Bild. Ein Bild, das er hatte nie sehen wollen. Direkt vor seinen Füßen lag sie. Blutend, kreidebleich und bewegungslos.
Eine große aufgerissene Wunde klaffte in ihrem Bauch. Das Blut floss ununerbrochen an ihrem zarten Körper herunter, verband Hermine dadurch mit dem kalten Steinboden.
Ihre Augen waren geschlossen, aber dennoch lag ein angestrengter, ängstlicher Ausdruck auf ihren sonst so zarten Zügen. Ihre braunen Locken waren von Schweiß und Blut verklebt, ihre Arme standen in einem seltsamen Winkel vom Körper ab.
Verbissen versuchte Severus die aufwallende Übelkeit niederzukämpfen. Ein heftiges Würgen erfasste ihn und nur mit Mühe konnte er es unterdrücken. Er schloss die Augen, versuche sich zu beruhigen, doch es gab keinen Grund sich zu beruhigen.
Er hatte sie alleine gelassen. Nur durch ihn war sie so brutal niedergeschlagen wurden. Nur durch ihn war sie gestorben.
Ein leises gequältes Röcheln, ließ ihn seine Augen wieder öffnen. Starr blickten seine schwarzen Augen die junge Frau an, die sich unter Schmerzen kaum bewegen konnte. Severus brauchte einige Augenblicke, um zu glauben, dass sie sich tatsächlich bewegte, dass sie ihre Augen geöffnet hatte und ihn nun schwach anblickte.
„Hermine." Flüsterte er nur und ließ sich zu der Gryffindor runter auf die Knie sinken. Seine Augen sahen sie beinahe panisch an. Was hatte er nur getan? „Es tut mir leid." Hauchte er ihr entgegen. „Es tut mir leid…"
Er schloss abermals seine Augen, konnte ihren Blick, der so schwach auf ihm lag, nicht länger ertragen. Doch plötzlich konnte er eine kleine kalte Hand an seinem Gesicht spüren. Er öffnete seine Augen und begegnete zwei braunen, die ihn anzulächeln schienen.
„Es… es ist okay." Wisperte sie nur. Sie hatte starke Schmerzen, war kaum dazu in der Lage zu reden.
Wild schüttelte Severus seinen Kopf. Es war nicht okay. Nichts war okay! Doch abermals erfassten ihre zarten Hände mit einer Kraft, die man ihr in diesem Zustand nicht zugetraut hätte, seinen Kopf, zwangen ihn damit sie anzublicken.
„Es war… die richtige Entscheidung." Erneut röchelte die junge Frau heiser auf und dieses Mal wurde das Husten von einem Blutschwall begleitet, der ihr aus dem Mund quoll.
Panik stieg in Severus auf. Er wandte sich von ihrem Gesicht ab und tatstete sich behutsam aber dennoch schnell zu der klaffenden Wunde am Bauch vor. Sie sah noch schlimmer aus, als er gedacht hatte, aber dennoch wollte er nichts unversucht lassen.
Er richtete seinen Zauberstab auf die große Fleischwunde und murmelte den stärksten Heilspruch, den er kannte. Ein silberner Schimmer legte sich auf die Verletzung. Doch der Zauber konnte nur für wenige Sekunden den Blutschwall stoppen, der unaufhaltsam aus der Wunde trat.
Erneut sprach er den Zauber, doch wieder hielt dieser nur für wenige Sekunden. Der Tränkemeister hielt inne, versuchte sich zu beruhigen, zu konzentrieren. Wenn er die Blutung nicht stoppen konnte, dann würde sie verbluten.
Der Zauber half nichts. Es brauchte einen mächtigeren, um die Wunde zu schließen, doch er war kein Heiler sondern Tränkemeister. Entschlossen packte er schließlich seinen Umhang und riss ein großes Stück davon ab. Zweit weitere folgten. Ein Zauber ließ die Stoffe steril werden.
Das erste Stück legte er zu einem dicken Druckverband zusammen und presste es so vorsichtig wie möglich, so stark wie nötig auf die Wunde.
Hermine keuchte laut auf, als ein starker ziehender Schmerz durch ihren Unterleib raste. Sie hatte das Gefühl, ihr Körper würde in jedem Augenblick in zwei Teile reißen.
Severus versuchte Hermines schmerzvollen Laute zu ignorieren. Er musste ruhig bleiben, sonst würde das nicht funktionieren.
Immer fester presste er das Stück Stoff in die Wunde hinein. Seine Hand wurde immer blutiger und klebriger, doch das war ihm in diesem Moment völlig egal.
Während er mit der einen Hand den Stoff hielt, richtete er mit der anderen seinen Zauberstab auf die Wunde. Erneut murmelte er den Spruch. Wieder stob ein silberner Faden aus der Spitze und abermals legte sich dieser sanft wie ein Schleier über die Wunde.
Gebannt blickte Severus auf die aufgerissene Haut. Mehrere Sekunden lang. Doch die Wunde hatte tatsächlich aufgehört zu bluten. Der Druckverband hatte den größten Teil gestillt, der Zauber hatte den Rest erledigt.
Schnell band er noch eine Art Bandage um ihren Körper, doch er wusste, dass sie bald von einem Medimagier behandelt werden musste – andernfalls würde sie nicht überleben.
Immer wieder glitt sein Blick hektisch zu der kämpfenden Masse, doch die Regentin schien die Horde mittlerweile ganz gut im Griff zu haben. Er wusste nicht warum, aber die Höllenwesen wurden mehr und mehr von den Mitgliedern der KRÄHE zusammengedrängt, alle in die Mitte des Raumes hinein.
Und auch wenn die Höllenwesen zahlenmäßig überlegen waren, so fehlte ihnen die nötige Intelligenz, um das Vorhaben der Regentin zu durchschauen. Sie hatte etwas vor, doch was, wusste der Tränkemeister nicht.
Auch wenn das Geschehen ihn bannte, so wandte er sich dennoch wieder Hermine zu. Mittlerweile lag sie wieder mit geschlossenen Augen neben ihm, die eine Hand in die andere verkrampft.
Sie hatte schmerzen, große Schmerzen, dass konnte er an ihren gequälten Gesichtsausdruck erkennen. Aber dennoch gab die Gryffindor keinen Laut von sich. Er wusste nicht, ob er das bewundern oder für albern halten sollte. Typisch Gryffindor, ging es ihm nur durch den Kopf und ein leichtes Lächeln breitete sich in ihm aus.
„Ryan." Hauchte Hermine schließlich nur. „Wie… wie geht es ihm."
Noch immer trat Blut aus ihrem Mund, wenn sie sprach, was Severus am meisten Sorge bereitete.
„Nicht reden." Meinte er nur. „Aber Ryan geht es gut. Er ist mit seiner Schwester in Sicherheit."
„Das… das ist gut." Würgte sie gerade noch so hervor.
„Hermine!" mahnte er sie nun schon etwas strenger.
Ein leichtes Funkeln trat in ihre müden Augen, was ihn wieder ein wenig besänftigte.
Doch die Gryffindor hatte ihren eigenen Kopf. Hermine wollte nicht aufhören zu reden, denn andernfalls drohte sie in eine Ohnmacht zu gleiten, aus der sie vielleicht nie wieder erwachen würde.
„Ich bin… so… müde."
Er sah sie an, musste hart schlucken. „Nicht einschlafen." Bat er sie nur. „Du darfst jetzt nicht einschlafen, hast du mich verstanden?"
Sie nickte ihm zwar zart zu, doch Severus sah, dass die Müdigkeit immer mehr Macht über ihren Körper gewann.
„So… müde…" nuschelte sie abermals und ihre Augen schlossen sich.
„Nein." Wisperte Severus nur. „Bleib bei mir." Bat er, schlug zart gegen ihre Wangen, um sie wieder zum aufwachen zu bewegen. Doch ihre Augen blieben verschlossen. Ein kalter Schauer ergriff seinen Körper und begann diesen heftig zu schütteln.
Doch er wollte sich nicht geschlagen geben. Abermals gab er Hermine eine Backpfeife. Dieses mal kräftiger und härter. Doch noch immer regte sie sich nicht.
„Hermine verdammt noch mal sieh mich an!" schrie er nun.
Und tatsächlich. Ihre Lider hoben sich abermals flatternd. „Ich… kann nicht." Flüsterte sie schwach.
„Doch du kannst." Meinte er scharf. „Und du wirst, sonst gibt es ein Leben lang Strafarbeiten bei mir."
Ein zartes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. „Damit… kann… kann ich leben." Gab sie leise zurück.
„Ich aber nicht." Erwiderte er. Und diese Mal mit einem Ernst in der Stimme, der Hermine die Sprache verschlug.
Mit braunen Augen sah sie ihn fragend an. Sie wollte ergründen, was er mit diesen Worten gemeint hatte, doch sie war zu müde, zu verwirrt, um die Bedeutung aus seinen Augen lesen zu können.
„Kämpfe Hermine." Forderte er, als er bemerkte, dass ihre Augen abermals sich zu schließen drohten. „Du bist eine Löwin, also kämpfe!"
Ihre Augen blieben offen, doch die Schwere ihrer Lider drohte, sie wieder zu schließen. Severus wusste sich in diesem Augenblick nicht mehr anders zu helfen, als sich über die Gryffindor zu beugen, ihr Gesicht mit seinen Händen sanft zu erfassen und sie tief anzusehen.
Er wusste nicht, warum er das tat, aber er hoffte, dass er in seinen Blick solch eine Intensität hineinlegen konnte, dass Hermine keine Chance mehr hatte, sich von ihm zu lösen. Und tatsächlich. Verwundert blickten ihre rehbraunen Augen ihn an. Lange und intensiv.
„Deine Augen." wisperte sie ihm heiser entgegen. „Sie… sie können so… so sanft sein."
Stumm erwiderte er ihren Blick, auch wenn gerade eine seltsame Unruhe von ihm Besitz ergriff.
„Sie… sie sind wunderschön." Ihre Stimme war zart gewesen. So zart, dass es ihn durch Mark und Bein ging. Noch immer dicht über sie gebeugt, blickte er Hermine an und er konnte nichts dagegen tun, dass er in ihren mandelförmigen Augen versank.
Er sah plötzlich nur noch dieses sanfte Braun, diese bannenden Tiefen, in denen er eingetaucht war. Er fühlte eine Wärme, die von diesen Augen auszugehen schien und die sich nun über seinen gesamten Körper verteilte.
Severus hatte das Gefühl, dass ihr Atem schneller geworden war und er versuche nicht darüber nachzudenken, ob das jetzt gut oder schlecht war. Ihre Augen hatten plötzlich einen aufgewühlten Glanz angenommen. Es lag etwas Gehetztes, etwas Unruhiges in ihnen. Hatte es etwas mit ihm zu tun? Vielleicht hielt sie seine Nähe nicht aus.
Doch auch wenn dieser Gedanke ihn beiahe quälte, konnte er sich keinen Zenitmeter von ihr entfernen. Er war gefangen in diesem Blick, der im Moment beide am Leben zu halten schien.
Erst ein laut geschrieenes Avada Kedavra trennte diesen Blickkontakt. Severus wandte sich um und konnte gerade noch sehen, wie die Regentin den mächtigen Avada Kedavra auf die zusammengedrängte Schar der Höllenwesen schleuderte.
Ein gewaltiger Teppich aus grünem Licht umhüllte die Kreaturen und schickte einen nach den anderen in die Hölle zurück. Es war totenstill geworden, als der gebündelte Todesfluch sein grausames Werk verrichtet hatte.
Kraftlos sank die Regentin zu Boden. Sie hatte zu viel Magie abgeben müssen. Der Avada Kedavra hatte sie stark geschwächt.
Besorgt blickte er die Regentin an und alles in ihm schrie, zu ihr zu rennen und sie in die Arme zu nehmen. Doch sein Anstand ließ ihn bei Hermine bleiben. Er hatte sie heute schon einmal im Stich gelassen. Noch einmal konnte er das nicht verantworten.
Und so wandte er sich wieder Hermine zu. Doch er erschrak. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, sein Magen drohte zu rebellieren, eine eisige Faust schien immer und immer wieder brutal auf ihn einzuschlagen. Hermine hatte ihre Augen geschlossen. Ihr Körper lag bewegungslos neben ihm. Ihr Brustkorb hob sich nicht mehr.
Fassungslosigkeit machte sich in Severus breit, als er realisierte, dass sie stumm und heimlich den Kampf um ihr Leben aufgegeben und verloren hatte.
