34. Ich lass dich nicht fallen
Severus hatte die Ellbogen auf den Knien abgestützt und bedeckte seinen Mund gedankenverloren mit seiner Hand. Seine dunklen müden Augen fixierten einen einzigen Punkt, der irgendwo an der Wand lag, die ihm gegenüberstand.
Sein Herz trommelte penetrant aber gleichmäßig gegen seine Brust. Nicht schneller als sonst, aber dennoch härter. Er versuchte seine Gedanken ruhig zu halten. Eigentlich versuchte er überhaupt nicht nachzudenken, denn dann würde er wahrscheinlich seinen Verstand verlieren.
Plötzlich traten zwei Beine, in weißen Hosen gekleidet, in sein Blickfeld. Severus blickte nach oben und sah direkt in das Gesicht eines jungen Heilers, der auf Hogwarts´ Krankenstation nun versuchte, die schwer verletzten zu versorgen. Er hatte stahlblaue Augen, eine kleine Stupsnase und dunkle verwuschelte Haare. Sein Teint wirkte gesund und wurde von einigen Sommersprossen geziert.
Der junge Mann, der nicht älter als 30 sein konnte, blickte Severus freundlich, beinahe schelmisch an, was für einen Heiler doch mehr als ungewohnt war.
„Wie geht es ihr?" fragte der Tränkemeister auch sogleich mit tiefer Stimme.
„Wen von beiden meinen Sie?" hakte der Heiler nach und sah ihn dabei mit einem breiten Grinsen an.
Na der hatte vielleicht Humor, dachte Severus nur aufgebracht. Mit diesen Gedanken erhob er sich und trat bedrohlich nahe an den Heiler heran, der nun ein gutes Stück kleiner war als Severus.
„Es ist doch ein und dieselbe Person, nicht war?" raunte er dem Medimagier entgegen. „Also wäre ich erfreut, wenn sie mich über den Zustand BEIDER informieren würden."
„Schon gut." Murmelte der Heiler etwas pikiert. „Der Regentin geht es soweit gut. Sie ist noch sehr schwach, aber ihr Zustand ist stabil."
Eine gigantische Welle der Erleichterung breitete sich im Tränkemeister aus. Er nickte dem Medimagier nur stumm zu und bedeutete diesen somit, weiter zu sprechen.
„Was Miss Granger angeht, sieht es leider nicht so gut aus. Sie hat viel Blut verloren. Selbst mithilfe des stärksten Zaubers lässt sich ihre Blutarmut kaum kompensieren."
„Was soll das bedeuten?" hakte Severus mit einem flauen Gefühl in der Magengegend nach.
Ernst blickte der Medimagier ihn an. So ernst, dass es Severus das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mehrere Sekunden lang. Sekunden, die Severus wie Stunden vorkamen.
„Ihre Chancen stehen schlecht Sir." Erklärte der Heiler mit ruhiger Stimme. „Wahrscheinlich wird sie die nächste Nacht nicht überleben."
Ein dicker, ekliger Kloß bildete sich in Severus´ Hals, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Er versuchte zu schlucken, doch es passierte nichts. Stattdessen zog sich seine Kehle immer schmerzhafter zusammen.
„Es tut mir Leid Sir. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan. Jetzt können wir nur noch hoffen." Mit einem aufmunternden Lächeln ließ der Medimagier Severus alleine, um sich den anderen Patienten zu widmen.
Abermals sackte Severus auf den Stuhl zusammen. Fahrig strich er sich über das lange schwarze Haar. Er versuchte sich zu beruhigen, doch sein Körper schien nicht im Geringsten daran zu denken.
Adrenalin wurde durch seine Adern gepumpt, vermischte sich mit Angst und Schuldgefühlen. Severus Snape fühlte sich verdammt schuldig. Denn er war der Grund, warum Hermine nun um ihr Leben kämpfte.
Doch er hatte sich entscheiden müssen. Und sein Herz sagte ihm auch jetzt noch, dass er sich richtig entschieden hatte. Auch wenn er wusste, dass sein Bemühen um sonst gewesen war, wenn Hermine nun den Kampf um ihr Leben verlor.
Abermals traten die weißen Hosen des Medimagiers in sein Blickfeld. Wieder hob der Tränkemeister seinen Blick und abermals blickte er in das freundliche Gesicht des jungen Mannes.
„Die Regentin wünscht, Sie zu sehen." sprach er nur und bedeutete Severus anschließend ihm zu folgen.
Der Tränkemeister wurde durch die gesamte Krankenstation geführt, vorbei an zahlreichen Betten, die mit schwer verletzten Zauberern belegt waren. Kein einziges Bett war mehr frei. Die Krankenstation war heillos überfüllt. Einige Patienten, deren Verletzungen nicht mehr lebensbedrohlich waren, mussten sogar mit den Boden vorlieb nehmen, auf dem lediglich provisorische Matratzen ausgebreitet wurden waren.
Am Ende der Krankenstation waren sie schließlich an einem Krankenlager angelangt, was sich nicht wesentlich von den anderen unterschied, aber dennoch größer war. Der Heiler nickte Severus zu und schob den weißen Stoff beiseite, mit dem die Krankenstätte behangen war.
Severus merkte, wie er nervöser wurde, wie sein Herz nun wirklich wild gegen seine Brust trommelte und ein angenehmes Kribbeln durch seinen Körper jagte. Vorsichtig und den Atem anhaltend, trat er in das Krankenlager.
Die Regentin saß in dem Bett und erwartete ihn bereits mit einem schwachen Lächeln auf den zarten Zügen.
„Severus" hauche sie nur und hielt ihm eine Hand hin, die er auch sofort ergriff. Eine Wärme, die er zuvor noch nie in seinem Leben empfunden hatte, durchströmte ihn. Er umschloss ihre Hand noch etwas fester, jedoch darauf bedacht, ihr nicht wehzutun.
„Wie geht es dir?" fragte er in einem seltsam verzerrten Ton, den er so nicht von sich kannte. Doch langsam wunderte ihn gar nichts mehr. Vorsichtig ließ er sich von ihr auf das Bett ziehen. Er setzte sich neben die Frau, die ihren Körper nun vorsichtig gegen seinen lehnte.
„Ich fühle mich noch ein wenig schwach. Aber es geht schon."
„Du hast dich mit dem Zauber verausgabt." Meinte Severus mit einem leicht tadelnden Unterton. Er hieß es nicht für gut, dass die Regentin abermals all ihre Magie gebündelt hatte. Der Fluch hat ihr viel Kraft abverlangt. Kraft, die sie vielleicht noch brauchen würde.
„Es war die einzige Möglichkeit." Gab sie ruhig zurück und verstärkte dabei den Druck um seine Hand.
Severus hätte am liebsten widersprochen, doch leider musste auch er einsehen, dass dies der letzte Ausweg gewesen war.
„Wie geht es dir?" fragte sie schließlich nach und sein Blick drehte sich fragend zu der Regentin.
„Ich habe nur einen Kratzer an der Schulter." Gab er etwas nüchtern zurück.
„Das habe ich nicht gemeint." Erwiderte sie mit sanftem Ton in der Stimme.
Severus schloss für mehrere Sekunden seine Augen. Anscheinend konnte diese Frau seine Gedanken und Gefühle lesen. Und wenn er ehrlich sein sollte, gefiel ihm das nicht im Geringsten.
Er seufzte leise auf und richtete seine schwarzen Augen wieder auf die Regentin. „Was glaubst du wohl, wie es mir geht?"
Er merkte, wie sich nun auch ihre zweite Hand sanft über seine legte. Ihr Blick lag besorgt auf ihm. „Bitte mach dir keine Vorwürfe Severus." Flüsterte sie ihm entgegen. „Du hattest nur eine Wahl."
„Ich weiß." Raunte er. „Ich habe mich für Ryan entschieden und ich würde es wieder tun. Aber dennoch…" Er brach ab, befreite sich aus ihren sanften Händen und erhob sich. Fahrig wischte er sich über sein Gesicht, den Blick starr geradeaus gerichtet.
„Sie hat das nicht verdient." Meinte er plötzlich und drehte sich dabei zu der Regentin um. Sein Blick lag traurig aber dennoch starr auf ihrem.
„Sie… sie kann manchmal eine riesige Nervensäge sein." Fuhr er mit dunkler Stimme fort. „Aber… aber sie ist ein guter Mensch. Sie hat das nicht verdient."
Zart nickte die Regentin Severus zu, doch sie blieb stumm.
„Ich werde es mir nie verzeihen können, wenn sie… stirbt." Bei dem letzten Wort musste er hart schlucken. Er hatte es beinahe hervorwürgen müssen, denn es wollte ihm nicht so recht über die Lippen kommen.
„Sie ist stark Severus." Meinte die Regentin sanft. „Ich bin stark."
Sein Blick glitt wieder zu der Frau, die ihn in diesen Moment so sehnsüchtig anblickte, dass es ihm beinahe die Sprache verschlug. „Ich weiß." Flüsterte er nur und ließ es nun zu, sich in ihrem tiefen Blick zu verlieren.
*****
Es war mitten in der Nacht. Die Dunkelheit hatte das Schloss schon lange gewaltsam in Besitz genommen. Es herrschte eine beängstigende Ruhe auf Hogwarts. Eine Ruhe, die dem Totenreich nahe kam.
All die Leichen waren tagsüber weggeräumt wurden. Aber dennoch hing ihr Geruch, ihre tote Aura noch immer in den Gängen des Schlosses.
Die, die überlebt hatten, schliefen tief und fest. Die Kranken ruhten ebenfalls und versuchten sich, von ihren Verletzungen zu erholen.
Doch eine Person konnte keinen Schlaf finden. Er hatte es versucht, sich mehrere Stunden lang im Bett hin und her gewälzt. Aber er hatte keine Ruhe gefunden. Wahrscheinlich wird sie die nächste Nacht nicht überleben.
Immer und immer wieder waren ihm diese Worte durch den Kopf gegangen. Sie hatten ihn nicht mehr losgelassen, ihn gepeinigt, gefoltert. Er konnte nicht einfach ruhig im Bett liegen, während seine Schülerin gegen den Tod kämpfte.
Und so war Severus Snape die einzige Person, die sich kurz nach Mitternacht durch die Gänge von Hogwarts bewegt hatte und nun seinen Platz in der Krankenstation eingenommen hat.
Bereits seit einiger Zeit verharrte er an der Seite seiner Schülerin. Sie sah grausam aus. So wie er die junge Frau noch nie zuvor gesehen hatte. Ihr Gesicht war weiß. Es trug bereits die Blässe der Toten. Ihre Augen waren von tiefschwarzen Schatten umrahmt, die Lider lagen ruhig aufeinander, bewegten sich keinen Millimeter.
Der Heiler hatte, was die äußeren Blessuren anbelangte, ganze Arbeit geleistet. Wenn Hermine nicht so furchtbar blass gewesen wäre, hätte er geglaubt, dass sie nur ruhig schlief. Doch so konnte Severus erahnen, welcher Todeskampf gerade in ihrem Körper stattfand.
Mit einem gequälten Gesichtsausdruck saß er auf einem Stuhl, den er sich an das Krankenbett herangezogen hatte. Sein Blick war auf ihr Gesicht gerichtet, in der Hoffnung irgendein Lebenszeichen von ihr zu erhalten. Doch die Gryffindor regte sich nicht.
Er hasste es. Es peinigte ihn, dass er nichts tun konnte, dass er nur hier sitzen und warten konnte. Hermine war nun für sich selbst verantwortlich. Allein ihre Stärke konnte sie nun noch retten.
Noch immer blickte er sie an. Und plötzlich überwältigte ihn ein Gefühl der Dankbarkeit für diese junge Frau, das er kaum bewältigen konnte. Er wusste nicht, wo das Gefühl auf einmal herkam, aber es überrollte ihn wie eine gewaltige Lawine.
Mit einem Mal wurde ihm wieder bewusst, was diese Gryffindor schon alles für ihn getan hatte, auch wenn ihr und vor allem ihm das nie aufgefallen war. Sie hatte immer hinter ihm gestanden. Wie oft hatte sie die Möglichkeit gehabt, zu Albus zu gehen, um ihm Dinge zu offenbaren, die ihn zweifelsfrei seinen Job gekostet hätten. Doch sie hatte es nie getan.
Eine riesige Welle angefüllt mit tiefster Wärme durchströmte seinen Körper bei den Gedanken daran, dass sie ihm mehr oder weniger die Entscheidung abgenommen hatte. Sie hatte sich selbst geopfert, nur um Ryan zu retten.
Ohne es kontrollieren zu können, erfasste er ihre Hand. Sie war eiskalt, aber er störte sich nicht daran.
„Wage es ja nicht, einfach so aufzugeben." Flüsterte er ihr zu. „Hast du mich verstanden?"
Er hielt inne, lauschte seinen eigenen Atem, der unregelmäßig von ihm ausgestoßen wurde. Doch schließlich spürte er erneut den Drang etwas zu sagen – ob sie es nun hören konnte oder nicht – denn in gewisser Weise beruhigten ihn seine eigenen Worte selbst ein wenig.
„Du hast dich noch nie unterkriegen lassen. Du hast immer gekämpft, hast sogar diesen scheußlichen Basilisken überlebt. Da wird dir so ein bisschen Blutarmut doch nichts anhaben können."
Er lächelte bitter auf, seine Augen schlossen sich für einen Augenblick. „Wenn du jetzt aufgibst, dann werde ich dir so viele Flüche ins Totenreich schicken, dass du dir wünschst, nie aufgegeben zu haben."
Stumm lag seine Schülerin bewegungslos vor ihm. Seine Worte hallten einfach in die Stille hinein und wurden von ihr verschluckt.
„Hermine" hauchte er nur „Lass mich nicht allein."
Er schloss seine Augen und hoffte, betete. Er wollte sie nicht verlieren. Schnell schlug er seine Augen wieder auf, als ihm etwas bewusst wurde, was sowohl ungeheuerlich als auch… schön war.
Severus war davon überzeugt gewesen, dass er die letzten Worte nur gesagt hatte, um die Regentin nicht zu verlieren. Doch sein Herz sagte ihm schließlich, dass dies nicht der einzige Grund war.
Er hatte sich in den letzten Monaten irgendwie an sie gewöhnt. Sie war immer um ihn herum gewesen. Und auch wenn sie sich eigentlich nur gestritten und erniedrigt hatten, so musste er dennoch zugeben, dass er es im Nachhinein nicht missen wollte.
*****
„Sir, wachen Sie auf." Hallte es von weit her. Severus konnte nicht lokalisieren, wo diese Stimme herkam, aber dennoch schien sein Bewusstsein dieser Stimme folgen zu wollen.
„Sir" hörte er erneut diese Stimme. Rief sie nach ihm? Oder war es nur ein Traum?
Ein leichtes Ruckeln ging durch seinen Körper, dann wurde es heftiger und sofort schrak Severus auf. Das erste, was er realisieren konnte, war weiß. Jede Menge weiß. Wo war er? Sah so der Himmel aus?
Sein Verstand verpönte ihn sogleich für diesen absurden Gedanken. Natürlich war er nicht im Himmel sondern noch immer auf der Krankenstation. Er blickte sich um und entdeckte schließlich den jungen Heiler, der ihn mit großen freundlichen Augen anblickte und seine Hand, mit der er Severus wachgerüttelt hatte, sofort wegzog.
„Waren Sie die ganze Nacht hier?" fragte er schließlich.
Severus konnte sich nicht helfen, aber da war so ein Unterton in seiner Stimme, die ihm gar nicht gefiel. Doch was dem Tränkemeister noch weniger gefiel war, dass er tatsächlich die gesamte Nacht hier bei seiner Schülerin verbracht hatte. Er war tatsächlich irgendwann eingeschlafen.
„Wie geht es ihr?" fragte Severus, ohne auf die Frage des Heilers einzugehen.
Der Medimagier sah den Tränkemeister noch einige Augenblicke etwas seltsam an, doch schließlich beantwortete er ihm seine Frage.
„Sie hat die Nacht ohne weitere Komplikationen überstanden. Sie scheinen eine beruhigende Wirkung auf sie zu haben." Meinte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Severus fand das überhaupt nicht lustig. Was glaubte diese Person wer sie war?! „Ich würde es begrüßen, wenn wir auf der medizinischen Ebene bleiben könnten."
„Natürlich" erwiderte der Heiler, jedoch machte er nicht wirklich den Eindruck, dass er Severus´ Worte ernst nahm. „Ihren Zustand würde ich noch immer als kritisch bezeichnen, aber er ist stabiler als am Vortag."
Eine Welle der Erleichterung machte sich in dem Tränkemeister breit.
„Vielleicht sollten sie auch weiterhin bei ihr bleiben. Ihre Nähe scheint ihr gut zu tun." Meinte der Medimagier nur und war verschwunden, bevor Severus noch irgendetwas dazu sagen konnte.
