35. Zwischen zwei Stühlen

Es sollten noch mehrere Tage vergehen, bis sich der Zustand Hermines änderte. Es waren Tage des Wartens, Tage des Marterns. Für Severus waren sie eine Qual gewesen. Die Schuldgefühle nahmen Tag für Tag zu. Jeden Morgen, wenn er nach seiner Schülerin geschaut und sich an ihrem Zustand nichts verändert hatte, wuchs die Schuld in ihm.

Da half auch die Unterstützung der Regentin wenig, die bereits wieder von der Krankenstation entlassen worden war und Severus nun zur Seite stand.

Doch auch der Zustand der Regentin war alles andere als stabil. Sie war noch immer sehr schwach und Severus musste mit großer Sorge zusehen, wie sie von Tag zu Tag schwächer wurde. Zu Beginn hatte er ihre Kraftlosigkeit auf Hermines körperliche Schwäche geschoben, die, aufgrund ihrer Verbindung, sich auch auf die Regentin übertrug.

Doch immer mehr wurde Severus bewusst, dass die Zeit der Regentin ablief. Zu viel ihrer Kräfte hatte sie im letzten Kampf einbüßen müssen. Und so war er dazu verdammt, sich nicht nur um seine Schülerin sondern auch um die Frau, in die er sich so verliebt hatte, zu sorgen.

Er hatte versucht, in den letzten Tagen so viel Zeit wie möglich mit der Regentin zu verbringen, doch die Schuld, die er fühlte, zog ihn immer wieder zu Hermine hin. Stundenlang verharrte er an ihrem Bett, erzählte ihr irgendwas oder las ihr sogar etwas vor.

Doch ihr Zustand blieb stabil, wie es der Medimagier so schön ausdrückte. Er wurde nicht schlechter, aber leider auch nicht besser. Oft saß Severus auch einfach nur an ihrer Seite und verfiel in eigene Gedanken.

Nicht zum ersten Mal hatte er sich gefragt, wie lange sie eigentlich schon hier waren. Waren es Wochen oder gar Monate? Er konnte es beim besten Willen nicht sagen. Das Zeitgefühl hatte er in dieser Zeit völlig verloren.

Severus fragte sich, was Albus bereits alles veranstaltet hatte, um Hermine und ihn zu finden. Ob er bereits aufgegeben hatte oder noch immer nach ihnen suchte? Auch Potter würde wohl alle Hebel in Bewegung setzen, um Hermine wieder zu finden. Wahrscheinlich war Potter sowieso davon überzeugt, dass der böse Tränkemeister die arme Gryffindor entführt hatte.

Er konnte das zornige Gesicht des Jungen direkt vor sich sehen, wie es ihn mit Hass in den grünen Augen anblickte. Er hatte es niemanden gesagt, genau genommen hatte er es sich bis jetzt noch nicht einmal selbst eingestanden. Aber wenn Potter ihn stets mit solch einer Abscheu in diesen so vertrauten Augen anblickte, durchzog ein Gefühl seinen Magen, welches er nie wieder hatte fühlen wollen.

Es war derselbe Blick, den Lily ihn hatte zukommen lassen, als er sie in aller Öffentlichkeit als Schlammblut beschimpft hatte. Diesen Blick würde er sein Leben lang nicht vergessen. Und Harry Potter erinnerte ihn immer wieder aufs Neue an diesen verhängnisvollen Moment, der alles verändert hatte, in den er Lily an James Potter verloren hatte.

Müde strich er sich über die Augen. Er wollte daran nicht mehr denken. Um sich abzulenken, schaute er auf Hermine, die seit Tagen unverändert in diesem Bett lag. Neue Sorgen stiegen in ihm hoch, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließen.

Es hatte keinen Zweck, er musste weg von hier. Er musste versuchen, ein wenig Schlaf oder Ruhe zu finden, andernfalls würden ihn seine Gedanken in den Wahnsinn treiben. Mit einem letzten Blick auf die junge Frau erhob sich der Tränkemeister und verließ die Krankenstation.

Er begab sich geradewegs in seine Räume, legte sich hin und versuchte sich zu beruhigen. Und tatsächlich. Die Erschöpfung forderte schließlich ihren Tribut. Nur ein paar Minuten später war Severus eingeschlafen – tief und fest.

Als er wieder erwachte, war er zuerst verwirrt. Er blickte aus dem Fenster und es war noch immer hell. Er hatte sich gegen Mittag hingelegt und eigentlich hatte er gedacht, dass er ziemlich lange geschlafen hatte.

Doch offenbar hatte sein Körper nicht mehr länger schlafen wollen, obwohl er es so dringend brauchte. Müde glitt sein Blick zu der großen Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hing. Sein Blick legte sich beinahe träge auf die Uhrzeiger, die 11.45 Uhr anzeigten.

Er gähnte genüsslich und streckte sich ausgedehnt, doch plötzlich verharrte Severus in seiner Bewegung. Erneut glitt sein Blick zu der Uhr. Es war noch immer 11.45 Uhr. Seine Augen verweilten mehrere Sekunden auf die beiden Zeiger, doch die Uhrzeit blieb.

Von dieser Uhrzeit nun völlig erschlagen, sackte der Tränkemeister in sich zusammen. Er strich sich übers Gesicht. Das konnte nicht sein, dachte er nur. Er hatte doch nicht wirklich beinahe 24 Stunden durchgeschlafen.

Doch auch ein weiterer Blick auf die Uhr sagte ihm nichts anderes. Er hatte durchgeschlafen, einen ganzen Tag lang. Sein Körper musste wirklich mehr als erschöpft gewesen sein. Aber nun sollte er auch wieder fit sein, befand der Tränkemeister und erhob sich aus dem Bett.

Erst jetzt bemerkte er, dass er noch in voller Montur war. Er trug noch seinen Gehrock und sogar den großen schwarzen Umhang. Severus´ Blick verfinsterte sich. Er hasste es, in Kleidung zu schlafen, vor allem in dieser.

Nun mehr als schlecht gelaunt, wollte er sich wenigstens eine erfrischende Dusche genehmigen, doch plötzlich fiel sein Blick auf ein zusammengefaltetes Stück Pergament. Er war sich sicher, dass das gestern noch nicht hier gelegen hatte. Mit einer fließenden Bewegung seiner Hand erfasste er das Stück Papier und entfaltete es. Darin stand nur ein einziger Satz. Doch dieser Satz sollte ihn geradezu in eine Hochstimmung versetzen.

Hermine ist wieder erwacht.

Die Dusche nun völlig vergessend, schmiss er den Zettel zurück auf den kleinen Nachttisch, richtete schnell seinen Umhang und floh dann förmlich aus seinem Zimmer. Noch nie hatte man Severus Snape so schnell durch die Gänge von Hogwarts jagen sehen. In Rekordzeit hatte er die Krankenstation erreicht.

Er stob die Flügeltür beiseite und rannte direkt in die Arme der Regentin.

„Ich sehe, du hast meine Nachricht gelesen." Meinte sie schmunzelnd.

„Warum hast du mich nicht geweckt?" fragte er auch sogleich etwas gereizt. Es passte ihn überhaupt nicht, dass man ihn hatte schlafen lassen. Immerhin war Hermine seine Schülerin und er hätte ein Recht darauf gehabt, es als erster zu erfahren.

„Auch du brauchtest irgendwann mal wieder Schlaf." Erwiderte die Regentin mit gewohnt ruhigem Ton in der lieblichen Stimme. „Außerdem brauchte auch sie etwas Ruhe, um sich ein wenig erholen zu können."

„Wie geht es ihr jetzt?" fragte Severus nach, noch immer ein wenig gereizt.

„Warum fragst du sie nicht selbst? Sie wartet schon auf dich." Mit einem strahlenden Lächeln blickte sie Severus ein letztes Mal an, bevor sie die Krankenstation verließ.

Etwas verdutzt verharrte er einige Momente an diesem Ort. Sie wartete auf ihn? Warum?

Noch etwas müde, aber sonst schon wieder bei Kräften lag Hermine im Krankenbett. Ununterbrochen blickte sie die weiße Wand an, ab und zu schwenkte ihr Blick auch zu den weißen Vorhängen, die um ihre Krankenstätte hingen. Doch nichts passierte.

Sie war nervös und sie wusste nicht warum. Das hieß, sie wusste warum, doch den Grund dafür konnte sie nicht ergründen. Sie wartete auf ihn, auf ihren Lehrer. Sie wünschte sich so sehr, dass er sie besuchen würde, doch bis jetzt hatte er sich nicht blicken lassen.

Die Regentin hatte ihr erzählt, dass er sich seit Tagen wieder etwas Ruhe gönnte. Doch warum jetzt? Gerade jetzt, wo sie ihn brauchte. Kurz stutzte Hermine über ihre eigenen Gedanken. Seit wann brauchte sie IHN? Und seit wann wünschte sie sich, in seiner Nähe zu sein?

Hermine schloss ihre Augen und versuchte in sich hineinzuhorchen. Und das Erste was ihr in den Sinn kam, waren seine Umarmung, seine Berührungen und dieser intensive Blick, den er ihr hatte zukommen lassen, als er sich während des Kampfes um sie gekümmert hatte.

Ein leichtes Kribbeln durchzog ihren Körper, als sie daran dachte. Für einen Moment fragte sie sich, ob diese Gefühle tatsächlich nur etwas mit dieser Zeit zu tun hatten. Sie wirkten so echt, so intensiv. Doch Hermine verdrängte diesen Gedanken schnell wieder. Sie wollte darüber nicht nachdenken, nicht jetzt.

Sie hatte diesen Gedanken gerade zu Ende gedacht, als sich der Stoff um ihre Stätte teilte und der Tränkemeister herein trat.

Augenblicklich sprang ihr Herz in ihrem Brustkorb auf und ab. Sie konnte nichts dagegen tun. Sie freute sich wirklich, ihn zu sehen.

„Wie geht es Ihnen Miss Granger?"

Sofort hörte ihr Herz auf zu hüpfen. Doch verbissen versuchte sie ihre Enttäuschung über diese distanzierte Begrüßung zu überspielen.

„Waren wir nicht schon beim Du angelangt?" fragte sie ihn vorsichtig und blickte ihn dabei mit ihren sanften braunen Augen beinahe ängstlich an.

Und eben dieser Blick war es, der Severus, entgegen seinen Willen, leicht schmunzeln ließ. „Ich hatte gehofft, du hast es in deinem Delirium vergessen." Erwiderte er nur in gewohnt nüchterner Weise.

Erleichterung machte sich in der Gryffindor breit. Er hatte sie nicht von sich gestoßen.

Vorsichtig erwiderte sie das zarte Lachen. „Ich vergesse nie etwas, dass müsstest du mittlerweile wissen."

Überrascht über ihre bereits wiedererlangte Keckheit, hob er seine Brauen an. „Ich sehe, dir geht es wieder gut." Raunte er ihr mit tiefer Stimme entgegen, die ein seichtes Prickeln auf der Haut der jungen Frau hinterließ.

„Mal abgesehen von leichten Schmerzen geht es mir wieder besser."

Ihre Worte ließen Severus mit einem Mal wieder ernst werden. Er zog sich einen Stuhl zu ihrem Bett heran und nahm mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen Platz.

Hermine hatte den Gemütsumschwung wohl bemerkt. Sie konnte es in seinen Augen sehen, die nun wieder verschlossener wirkten, als noch vor wenigen Sekunden. Und die junge Frau hatte auch eine Ahnung, warum Severus mit einem Mal so ruhig geworden war.

Stumm saß er auf dem Stuhl. Die Hände ineinander gefaltet und im Schoß gebettet, die dunklen Augen starr zu Boden gerichtet. Er schien nachzudenken, tief in seinen Gedanken gefangen zu sein und Hermine vermochte ihn nicht, aus seinen Gedanken zu reißen.

Ihr Blick war auf ihn gerichtet. Tiefgründig und geduldig.

„Es tut mir leid." Hörte sie seine sonore Stimme die aufgekommene Ruhe durchbrechen.

Langsam hob er seinen Blick und versenkte ihn vorsichtig in ihren. Sie musste hart schlucken, als sie zum ersten Mal wirklich Einblick in seine Gefühlswelt bekam. Zum ersten Mal konnte sie in seinen Augen lesen. Und was sie sah, war Reue, Scham und eine ungeheure Schuld.

*****

Es sollten weitere drei Tage vergehen, bis Hermine aus der Krankenstation entlassen wurde. Es waren drei Tage gewesen, an denen Severus versucht hatte, den Spagat zwischen seinen Herzen und seiner Verantwortung hinzubekommen.

So oft es ging, war er bei der Regentin. Doch ihr Zustand wollte sich nicht verbessern. Sie war müde, schlief viel und schickte Severus oft weg, um allein zu sein, wie sie sagte. Severus erfüllte ihr diesen Wunsch, aber dennoch war ihm nicht wohl zumute, wenn er sie jedes Mal alleine zurückließ.

Hermine hingegen erstrahlte wieder in ihrer blühendsten Pracht. Ihr Körper hatte sich gut von den Angriffen erholt und auch ihre Seele schien keine Narben davongetragen zu haben. Dass Severus daran einen großen Teil mitgewirkt hatte, konnte er nicht erahnen.

Was er auch nicht wissen konnte, waren die zarten Gefühle, die in Hermine für ihn aufgekeimt waren. Sie hatte mittlerweile aufgehört, sich dagegen zu wehren. Und ebenso hatte sie keine Kraft mehr, sich ständig einzureden, dass diese Gefühle nur in dieser Zeit existieren.

Sie kannte ihre Gefühlswelt und sie wusste ganz genau, wann ihre Emotionen real waren und wann nicht. Und leider hatte sie in den letzten Tagen, in denen Severus oft bei ihr gewesen war, bemerkt, dass da mehr war.

Jeden Morgen hatte sie in freudiger Erwartung in ihrem Bett gesessen und auf ihn gewartet. Stundenlang. Und als er schließlich tatsächlich kam, um sie zu besuchen, hatte sie sich so unsicher und verloren gefühlt, dass sie sich gewünscht hatte, er würde wieder gehen.

Doch er war nie gegangen. Im Gegenteil. Severus hatte sich viel Zeit genommen, um sich mit seiner Schülerin zu unterhalten. Es waren aufschlussreiche Gespräche gewesen, die weit über wissenschaftliche Themen hinausgingen.

Sie hatten angefangen, sich auf einer privaten, persönlichen Ebene zu unterhalten. Und es war ein seltsam gutes Gefühl, dies mit ihm zu tun.

Hermine hatte sich wohl in seiner Nähe gefühlt. Sie genoss seinen Geruch, den er verströmte und verlor sich ständig in seinen tiefen Augen. Es war grausam und wundervoll zugleich, so zu fühlen.

Severus hingegen bekam von den zarten Gefühlen seiner Schülerin nichts mit. Für ihn waren diese Gespräche zwar auch aufschlussreich und interessant, aber vor allem waren sie eine Ablenkung. Eine Ablenkung von seinen Sorgen.

Er kam an die Regentin kaum noch heran. Seit Tagen war sie nur noch in ihrem Zimmer, ließ lediglich ihre Kinder und den Medimagier zu sich. Selbst Severus wurde mittlerweile immer öfter abgewiesen.

Es tat weh, denn er wollte ihr helfen, ihr nahe sein und beistehen. Doch er konnte nicht – er durfte nicht. Und so suchte er die Ablenkung in Gesprächen mit seiner Schülerin, deren braune Augen ihn die Regentin aber nie ganz vergessen ließen.