38. Halte mich
Mit einem Glas Feuerswhiskey in der Hand saß Severus Snape vor seinem Kamin. Sein Blick war abweisend in die roten, züngelnden Flammen gerichtet, seine Gedanken waren weit weg. Er hatte es so lange wie möglich hinausgezögert. Doch nun hatte er nicht mehr standhalten können.
Der Gedanke war mächtig und beinahe brutal über ihn hereingebrochen. Der Gedanke an die Regentin. Er wollte nicht an sie denken und schon gar nicht wollte er das fühlen, was er in diesen Moment fühlte.
Doch ihre magische Anziehungskraft, ihre elfenhafte Schönheit, ihre tiefen glänzenden Augen wollten ihn nicht loslassen. Doch so sehr er sich auch nach ihr sehnte, so wütend war er auf sie.
Er hielt inne. Einen Moment lang. Dann musste er seinen letzten Gedanken korrigieren. Er war nicht wütend auf sie, sondern auf sich selbst. Weil er nichts dazu gelernt hatte, weil er ein zweites Mal einer Frau verfallen war, die ihn letztendlich von sich gestoßen hatte. Und DAS hätte er wissen müssen.
Severus hatte nicht bemerkt, wie sich seine Hand bei diesen Gedanken fester um das bauchige Glas gekrallt hatte. Sein Blick war schwarz wie die Nacht, starr und ausdruckslos auf das Feuer gerichtet. Und plötzlich gab seine Hand nach und das Glas zerbarst in ihr, schickte tausend kleine Splitter durch seine Haut.
Der Schmerz, der ihn durchzuckte, ließ ihn kalt. Es kümmerte ihn nicht, was kümmerte ihn überhaupt noch? Er hatte sich wie ein Idiot verhalten. Er hatte der Regentin seine Gefühle gestanden und sich zum Narren gemacht. Und noch dazu hatte er seine Schülerin für etwas benutzt, was so widerwärtig wie abgrundtief schäbig gewesen war.
Ein beklemmendes Gefühl überfiel ihn. Er fühlte sich mies, schuldig, wie ein Monster.
„Du bist ein Monster." Flüsterte er sich selber zu und schmiss mit voller Wucht die Überreste seines Glases in die brennende Glut. Fahrig strich er sich durch die Haare. Ihm war es egal, dass er dadurch sein ganzes Blut verschmierte. Den Schmerz hatte er schon lange verdrängt.
Aus einem Impuls heraus griff er seinen Zauberstab. Er sah das Stück Holz an, überlegte eine Weile, doch schließlich richtete er die Spitze des Zauberstabs auf eine freie Stelle vor ihn und flüsterte „Expecto Patronum."
Schon lange hatte er seinen Patronus nicht heraufbeschworen. Doch jetzt, in diesem Moment, brauchte er Lily mehr denn je. Denn sie war die einzige, die ihn von seiner Schmach, von seinem Schmerz und von seinem Gefühlschaos heilen konnte.
Er hatte sie die letzten Wochen nicht vergessen gehabt. Das konnte er auch gar nicht. Aber die Regentin hatte ihn so sehr beschäftigt, dass er nie die Zeit gefunden hatte. Oft war er kurz davor gewesen, seinen Patronus herbeizuzaubern. Besonders als es Hermine so schlecht ging, hatte er sich mehr als nur einmal Lilys Anwesenheit und ihren Trost herbeigesehnt. Doch den hatte er sich verwehrt.
Aber jetzt tat er es nicht. Jetzt brauchte er sie.
Die silberne Hirschkuh blickte ihn mit großen Augen an. Sie neigte ihren Kopf und schließlich begann sich ihre Gestalt zu verändern und wandelte sich in das vertraute Antlitz Lilys.
Ungeheure Emotionen durchfluteten ihn, als er sie vor sich sah. Ihre langen einst so feuerroten Haare fielen ihr sanft über die Schultern, ihre wunderschön geschwungenen Lippen lächelten ihn mild an.
Gott, wie gut das tat, sie zu sehen. Wie gut diese Emotionen taten, die sie gerade in ihm aulöste.
„Severus" hörte er ihre vertraute Stimme in seinem Kopf widerhallen. „Du siehst traurig aus."
Severus erwiderte den Blick. „Ich bin so ein Narr." Antwortete er seinem Patronus.
Das Lächeln wurde lieblicher, aufmunternder. „Das ist nichts Neues." Meinte sie keck und entlockte Severus damit ein amüsiertes Schnauben.
„Pass auf was du sagst Evans oder du lernst mich richtig kennen." Konterte er nicht ganz ernst gemeint zurück.
„Oh, ich kenne dich Sev." Hörte er die lieblichen Laute ihrer Stimme erneut in seinem Kopf.
Severus wurde wieder ernster, sein Blick war voller Selbstanklage. „Leider." Erwiderte er nur und sackte in seinem Sessel zusammen.
Seine Augen waren geschlossen, seine Miene erstarrt. Erst als er eine angenehme Kühle an seiner Hand spürte, entspannten sich die Züge des Tränkemeisters. Lily hatte seine Hand ergriffen.
„Was hast du getan?" fragte sie besorgt nach, als ihr Blick auf die stark blutende Hand fiel.
„Nur ein kleiner Unfall." Erwiderte er halbherzig, denn er wusste, dass Lily ihm das nicht glauben würde.
„Hör endlich auf, dich selbst zu verletzen Severus!" donnerte ihre Stimme plötzlich gewaltig durch seinen Kopf, sodass er seine Augen wieder aufriss.
Beinahe beschämt blickte er sie an. Er konnte ihr nichts vormachen. Ihre grünen Augen lagen besorgt, nicht anklagend, auf ihn. Sie hielt noch immer seine Hand. Und ohne, dass sie etwas sagen musste, wusste Severus, was sie von ihm verlangte. Er nahm erneut seinen Zauberstab, tippte die Spitze gegen die Wunde und verschloss sie mit einem Heilzauber.
„Danke" flüsterte sie nur.
Ihre Blicke trafen sich und Severus konnte es nicht verhindern, dass eine gewaltige Sehnsucht ihn packte. Er wollte diese Frau vor ihm so gerne berühren, in die Arme nehmen. Die echte Frau, aus Fleisch und Blut und nicht ihre Lichtgestalt.
„Was bedrückt sich so Sev?" hallte ihre Stimme vorsichtig in seinen Gedanken wider.
Er schloss die Augen. Für einen Moment. „Ich kann alte Gewohnheiten nicht ablegen." Antwortete er nur, ohne direkt auf das eigentliche Thema einzugehen.
Doch Lily sah ihn wissend an. Beruhigend drückte sie zart seine Hand. „Es wird die Zeit kommen." Hauchte sie ihm entgegen, bevor sie ihn einen Kuss auf die Wange drückte und sich mit einem zarten Lächeln auflöste.
*****
In dieser Nacht schlief Severus sehr unruhig. Er wurde von Träumen gequält, die ihm seine größten Sehnsüchte immer wieder vor Augen führte. Lily war an seiner Seite, berührte ihn, küsste ihn und wurde seins.
Doch selbst im Traum quälte ihn der Gedanke, dass er sie nicht halten konnte, dass er sie verlieren würde. Und so war es auch. Lily verschwand spurlos aus seinem Traum, dafür trat eine andere Gestalt an ihre Stelle – Hermine. Genauer gesagt die Regentin. Sie blickte ihn an. Tief, geheimnisvoll. Ihr Lächeln war verführerisch, ihre Küsse heiß.
Sie liebten sich leidenschaftlich und innig, wälzten sich stöhnend und windend in den Laken. Doch dieser Zauber hielt nicht lange. Mit einem Mal schlug der Traum um. Das Zimmer, in dem er sich mit der Regentin befand, verdunkelte sich, der Ausdruck auf dem zarten Gesicht der Frau wurde hart, ihre Augen bekamen einen brutalen Glanz.
Mit gewaltiger Kraft riss sie Severus herum, sodass er auf dem Rücken landete. Ihr gesamtes Gewicht drückte auf seinen Körper – sie war ungewöhnlich schwer. Ihre Hände kratzten über seine nackte Haut, hinterließen blutige Striemen, die schmerzten.
Immer weiter arbeitete sich die Regentin beißend und kratzend nach oben. Ihre Hände erreichten seinen Hals, ihre Zunge leckte darüber, ihre Zähne bissen schmerzhaft hinein, sodass er leise aufschrie. Und dann drückte sie plötzlich zu.
Fest hatten sich ihre Hände um seine Gurgel gelegt und schnürten diese ab. Ein wahnsinniger Blick war nun in ihre ehemals so sanften Augen getreten, ihr Mund war zu einer fiesen Grimasse verzerrt.
„Du bist nicht mein Mann." Schnarrte sie Severus entgegen. „Du bist nicht mein Mann. Du bist nicht der Mann, den ich liebe!" Immer und immer wieder sagte sie diese Worte, immer heftiger wurde ihr Griff.
Panisch blickte Severus die Regentin an, doch er konnte noch nicht einmal mehr röcheln, so sehr schnürte sie ihn ab. Seine Augen traten bereits gerötet hervor, seine Arme versuchten ihn zu befreien. Doch aus irgendeinem Grund schien die Regentin stärker als er zu sein.
Und dann wandelten sich ihre Worte in ein schauriges Lachen. Den Kopf in den Nacken geschmissen, die Augen geschlossen, den Mund weit geöffnet. Ein bitterböses, hässliches Lachen drang an seine Ohren und sollte das Letzte sein, was er zu hören bekam.
Severus schrak auf, saß schweißgebadet in seinem Bett. Die Atmung ging schwer und instinktiv fasste er sich an den Hals. Doch da waren keine Hände, die fest zudrückten.
Nur langsam beruhigte er sich wieder. Was für ein Traum, dachte er nur und ließ sich erschöpft zurück in die Kissen sinken. Seine Augen waren an die weiße Decke gerichtet. Schatten der Nacht zogen sich an dieser entlang und bildeten skurrile Muster und Gestalten.
Er musste sie unbedingt vergessen. Sie – die Regentin, sie – Lily. Doch wie sollte er das schaffen, wenn er sich von beiden nicht richtig verabschiedet hatte? Selbst von seinen Kindern hatte er nicht Abschied nehmen können.
Er drehte sich auf die Seite, schloss seine Augen. Nur langsam fand er wieder in den Schlaf. Dieses Mal in einen traumlosen.
In dieser Nacht passierte etwas, was als magisch zu bezeichnen war. Severus´ Herz schaffte es, sich zwischen den beiden Frauen zu entscheiden. Denn zwei Enttäuschungen konnte es nicht tragen, nicht bewältigen.
Die Trauer um Lilys war letztendlich tiefer und grausamer als die Ablehnung der Regentin. Und so entschied sich sein Herz, für die Frau zu schlagen, für die es auch die letzten 20 Jahre geschlagen hatte – Lily Evans.
Der Schmerz über den Verlust der Regentin wurde dabei ganz weit in das tiefste Innere seines Herzens verbannt. Und dort sollte es auch bleiben.
*****
Mit schweren Lidern hielt Hermine ihren Zauberstab in der Hand und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was McGonagall gerade versuchte zu erklären. Sie sollten einen gewöhnlichen Gegenstand zu einer Waffe umwandeln, mit der sie sich im Notfall verteidigen konnten.
Doch die Gryffindor war zu müde. Sie hatte letzte Nacht kaum geschlafen. Die Angst vor dem heutigen Tage hatte sie wach gehalten. Es war nicht direkt der Unterricht, der für die Gryffindor an diesen Tag wieder begonnen hatte.
Es war auch nicht die Angst davor, zu viel verpasst zu haben. Hermine kannte sich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie die verlorenen Monate wieder aufholen würde. Das, wovor sie Angst hatte, war die nächste Stunde. Zaubertränke. Bei ihm.
Nach dem Gespräch mit Dumbledore hatte Hermine beinahe fluchtartig das Büro des Direktors verlassen, nur um nicht mit Severus reden zu müssen. Sie hat ihn gemieden und das wollte sie auch in Zukunft tun. Doch leider kam sie um den Tränkeunterricht nicht drum herum.
Hermine hatte keine Ahnung, wie sie ihm nun gegenübertreten sollte. Sie war noch immer tief enttäuscht und erschüttert. Sie wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Aber andererseits war er ihr Professor, dem sie noch immer einen gewissen Respekt entgegen bringen musste.
Ein kleiner Stoß in ihre Rippen ließ sie plötzlich aufschrecken. Sie war aus ihren Gedanken geholt wurden und blickte nun in das fragende Gesicht Harrys.
„Miss Granger." Erklang plötzlich McGonagalls Stimme. Auch die Lehrerin für Verwandlung schien Hermines geistige Abwesenheit bemerkt zu haben. „Geht es Ihnen nicht gut?" Ihre Züge wirkten streng, doch ihre Augen funkelten Hermine gütig, beinahe besorgt an.
„D-doch." Stammelte Hermine nun völlig durcheinander. „Mir geht es gut Professor. Ich bin nur ein wenig müde."
McGonagall sah ihre Schülerin lange an. Sie schien abzuwägen, ob sie noch etwas dazu sagen sollte. Doch schließlich nickte sie Hermine lediglich leicht zu und führte anschließend den Unterricht fort, ohne die Gryffindor für ihre Unachtsamkeit zu tadeln.
Hermine fühlte sich schrecklich deswegen. Sie hatte das Gefühl, das man sie, seit sie wieder hier war, mit Samthandschuhen anfasste. Selbst Harry und Ron gaben sich so vorsichtig und verständnisvoll, dass es schon zu viel war.
Sie hatte den beiden nur berichten müssen, dass sie mit Snape in der Zukunft gelandet war und schon hatte sie Mitleidsbekundungen und aufmunternde Tätscheleinen an der Schulter über sich ergehen lassen müssen.
Dass sie in dieser Zukunft mit Severus verheiratet gewesen war und zwei Kinder mit ihm hatte, hatte sie erst gar nicht erwähnt. Andernfalls hätte sie Harry wohl davon abhalten müssen, Severus an die Gurgel zu gehen und Ron wäre in eine tiefe Ohnmacht gefallen, aus der er nie wieder erwacht wäre.
Jedoch hatte sie Harry und Ron erzählt, wie düster die Zukunft war. Sie hatte berichtet, dass Harry gefallen war, Voldemort die Herrschaft übernommen hatte und ihr älteres Ich sie nun beauftragt hatte, dies alles zu verhindern.
Während Ron kreidebleich in seinem sommersprossigen Gesicht geworden war und nur noch sinnloses angsterfülltes Zeug vor sich hingebrabbelt hatte, nahm Harry diese Nachricht ziemlich gelassen entgegen. Wahrscheinlich hatte er einfach schon zu oft von seinem eigenen Tod gehört, dass es ihm mittlerweile nicht mehr wirklich ängstigte.
Harry hatte lediglich mit einem starken Ausdruck in den Augen gesagt, dass er alles dafür tun würde, um es soweit erst gar nicht kommen zu lassen.
Der Tag verging schleppend. Er dehnte sich unangenehm wie ein zäher Kaugummi. Noch nie hatte Hermine die Zeit als so grausam empfunden. Die Mittagspause verging ebenso schleppend wie Verwandlung.
Mit einem schweren Gefühl in der Magengegend saß Hermine vor ihrem Püree und stocherte lustlos darin herum. Ihr war übel, schon allein wenn sie an ihn dachte. In ein paar Minuten würde sie ihm abermals gegenüber stehen. Und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich diesem Schicksal zu beugen.
Und so nahm es auch seinen Lauf. Unter Aufmunterungen seitens ihrer Freunde schleppte sie sich in die Kerker. Der Klassenraum hatte sich auch während Severus´ Abwesenheit nicht verändert. Alles stand an seinem Platz. Alles wirkte so steril und kalt wie immer.
Mit einem leisen Seufzer, den nur sie hören konnte, ließ sie sich an ihrem Platz in der ersten Reihe nieder. Neville, ihr Tischnachbar saß bereits und wirkte beängstigend blass. Doch das war schon lange kein Grund mehr, sich Sorgen zu machen. Denn Neville sah vor jeder Stunde Zaubertränke so aus, als würde er in jedem Moment zusammenklappen.
Hermine murmelte ihrem Nachbar lediglich ein leises Hallo entgegen. Sie hatte weder die Lust noch die Kraft sich jetzt mit dem Nervenbündel Neville zu unterhalten. Sie war heute ja selber eines. Und so würde Neville sie nur noch unruhiger werden lassen.
Um sich ein wenig abzulenken, schnappte sich die Gryffindor ihr Tränkebuch und blätterte darin herum. Doch eine wirkliche Ablenkung, verschaffte es der jungen Frau nicht.
In ihrem Kopf pochte es. Ihr Magen rebellierte. Sie musste tief durchatmen, um nicht völlig die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Was war denn nur los? Es konnte doch nicht sein, dass sie wegen IHM so ein nervliches Wrack war. Das war nicht fair!
Plötzlich wurde die Tür mehr oder minder ins Schloss geschleudert. Beinahe zeitgleich schrak Hermine auf und saß nun mit klopfendem Herzen, kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie hielt den Atem an, als sich eine Ruhe in dem Raum eingestellt hatte, die beinahe fassbar war.
Sie versuchte sich nicht zu bewegen, einfach nichts zu tun. Auch wenn dieses Verhalten völlig absurd und unnötig war.
Ein harter Windzug, der den Geruch von verschiedenen Kräutern trug, zog an ihr vorbei. Mit aufbauschendem Umhang trat Severus an sein Pult, drehte sich zu seinen Schülern und fixierte jeden einzelnen mit seinem stechenden Blick. Jeden, bis auf Hermine.
Statt sie bitterböse anzublicken, schien er die junge Frau auszulassen. Nur kurz verharrte sein Blick auf ihr. Kurz und scheinbar ohne jegliche Emotionen.
Doch Hermine hatte diesen seltsamen Blick nicht gesehen. Denn sie hatte verbissen ihren Blick zu Boden gerichtet. Sie konnte ihn nicht ansehen. Nicht nach alledem.
„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich freue, wieder hier zu sein." Schnarrte der Tränkemeister mit dunkler sarkastischer Stimme. „Und ich bin mir sicher, Ihnen geht es nicht anders."
Ein diabolisches Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus. Ein Lächeln, das jedem den Atem stocken ließ.
Auch in Hermine krampfte sich alles zusammen. Er war wieder in seiner kalten beinahe grausamen Lehrerrolle geschlüpft. Eine Rolle, die der jungen Frau gar nicht gefiel. Sie hasste es, wenn er so war. So brutal, so unnahbar, so unmenschlich.
Beinahe verbissen blickte sie die Tischplatte vor sich an. Und dennoch konnte sie deutlich den stechenden Blick ihres Lehrers auf sich spüren. Es war ein unangenehmer Blick, der sie zu durchbohren schien. Hermine schluckte hart, machte sich innerlich auf einen beißenden Kommentar von ihm bereit. Doch er schwieg.
Vorsichtig blicke Hermine auf, als er nichts sagte. Doch sie bereute es sofort, denn sofort wurde sie von seinen tiefschwarzen Augen gefangenen genommen. Sie stockte, versuchte das plötzliche Rasen ihres Herzens wieder zu drosseln. Doch dieser Blick, mit dem er sie ansah, schien ihre ganze Beherrschung zu fordern.
Es war kein kalter oder abwertender Blick. Doch er war auch nicht freundlich oder angenehm. Hermine vermochte ihn kaum zu beschreiben. Seine Augen waren verschlossen, wollten ihr offenbar irgendetwas sagen. Doch sie konnte nicht entziffern was.
Nachdem Severus einige Sekunden hatte verstreichen lassen, beendete er den Blickkontakt. Sofort nahmen seine Augen wieder etwas Unberechenbares an. So dass auch ja kein Schüler auf die Idee kam, irgendetwas Falsches zu sagen.
„Buch, Seite 135." Donnerte er mit einer Gewalt in der Stimme, die beinahe jeden in diesem Raum aufschrecken ließ. „Anfangen und zwar sofort!"
Hermine versuchte sich so gut wie möglich auf diesen Trank zu konzentrieren. Doch so wirklich wollte ihr das nicht gelingen. Ständig ging Severus durch die Reihen, um den Schülern in die Kessel zu schauen.
Natürlich musste er hin und wieder einen Kommentar abgeben, wenn sich ein Schüler mal wieder sehr bescheuert angestellt hatte. Allen voran war natürlich Neville Longbottom. Doch auch Hermine hatte an diesen Tag Probleme mit dem Trank.
Sie war zu nervös, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Etwas, dass sie nicht von sich kannte und was sie maßlos ärgerte. Doch auch wenn ihr Trank letztendlich eine dunkelgrüne und nicht, wie im Buch beschrieben, violette Färbung aufwies, erntete sie keinen einzigen giftigen Kommentar von Severus. Er hatte sie die ganze Unterrichtsstunde lang gemieden, sie noch nicht einmal angesehen.
Als es endlich zum Ende der Stunde läutete, packte Hermine schnell ihre Sachen zusammen und füllte den verhunzten Trank ab, um ihn zur Bewertung abzugeben. Sie stellte gerade die kleine Phiole mit ihrem Trank neben die ihrer Mitschüler, als ein großer Schatten in ihr Blickfeld trat.
„Miss Granger, Sie bleiben noch." Raunte Severus ihr zu.
Hermine hätte schreien können. Und sie musste all ihre Beherrschung zusammenraufen, um dies auch tatsächlich zu verhindern. Ohne ihn anzublicken, nickte sie nur tapfer.
Während Hermine mit klopfendem Herzen wartete, dass alle Schüler den Klassenraum verließen, widmete sich Severus in dieser Zeit anderen Dingen. So lange, bis die Tür hinter dem letzten Schüler ins Schloss fiel und er mit Hermine alleine war.
Severus legte die Aufsätze, die er vor ein paar Stunden von dem dritten Jahrgang eingesammelt hatte, beiseite. Kurz schloss er seine Augen, erst dann drehte er sich zu Hermine um.
„Was war heute los mit dir?" fragte er sogleich. Doch in seiner Stimme klang weder ein Vorwurf noch Zorn über ihre Unaufmerksamkeit mit.
Hermine fand den Mut, ihren Blick zu heben und sich seinem zu stellen. „Kannst du dir das nicht denken?" stellte sie die Gegenfrage.
Ruhig sah Severus sie an. Doch innerlich wirbelten alle möglichen Emotionen durcheinander.
„Es tut mir leid, was passiert ist." Sprach er mit gedämpfter Stimme.
„Hör auf dich zu entschuldigen!" Forderte sie aufgebracht. „Das macht es auch nicht ungeschehen!"
Stumm sah er seine Schülerin an. Er wusste in diesem Moment nicht, was er dazu sagen sollte.
Ihre rahbraunen Augen sahen ihn ernst an. Er konnte ihrem Blick kaum standhalten. Er wurde nervös.
„Du hast mir Angst gemacht." Sprach die junge Frau schließlich weiter.
Das wusste er. Dennoch schluckte er hart. Noch immer gab es nichts dazu zu sagen.
„Aber das wirst du nie wieder tun." Ein beinahe kämpferischer Ausdruck hatte sich in ihre braunen Augen geschlichen. Ein Ausdruck, der Severus klar machte, wie stark diese junge Frau vor ihm wirklich war.
„Ich denke, dass es besser ist, wenn wir wieder auf die Schüler-Lehrer-Ebene zurückkehren." Noch immer sahen sie sich einander an. „Du bist nur mein Professor. Nicht weniger, aber auch nicht mehr."
Was Severus in diesen Moment fühlte, war mit dem Vergleichbar, was er beim letzten Treffen mit der Regentin empfunden hatte. Es war nicht so intensiv, so schmerzhaft. Aber dennoch zog es an seinem Herzen.
„Wenn Sie das so sehen Miss Granger, dann soll es so sein." In seiner Stimme war nichts von den Gefühlen zu hören, die er gerade empfand. Er hatte die Worte nüchtern, bar jeglicher Emotionen ausgesprochen. So, als ob ihn das alles nichts anginge.
In Hermine krampfte sich alles zusammen. Sie hatte es so gewollt. Genau so. Doch warum fühlte es sich dann so falsch, so schlecht an? Sie nickte ihm nur zart zu.
„Dann können Sie gehen." Mit diesen Worten entließ er die junge Frau. Er drehte sich von ihr weg, widmete sich augenblicklich wieder den eingesammelten Aufsätzen.
Hermine schluckte. Tränen stiegen ihr in die Augen. Tränen, die er nicht sehen sollte.
Aber dennoch brachte Hermine all ihre Kraft auf, um ihn noch die Worte entgegen zu bringen, die sich für eine Schülerin gegenüber ihrem Lehrer gebührten. „Einen schönen Tag noch, Sir."
Dies sollten die letzten Worte sein, die Hermine und Severus für sieben Monate miteinander wechselten.
