TEIL 3
39. Neue Zeiten
7 Monate später
Die Zeit schwand dahin. Tage, Wochen, Monate kamen und gingen. Es war eine Zeit voller Emotionen gewesen. Besonders für Hermine. Sie hatte gelacht, geweint und geflucht. Hart hatte sie arbeiten müssen, um den Stoff des sechsten Jahres aufzuholen. Doch sie hatte es geschafft. Wie nicht anders zu erwarten war.
Nun war sie mitten im siebten Jahr – das letzte Jahr hier auf Hogwarts. Sie fühlte sich jetzt schon grausam, wenn sie an den Abschluss dachte. Hogwarts war ihr Zuhause geworden. Hier gehörte sie hin.
Doch die Zeit der Prüfungen rückte immer näher. Es war bereits tiefster Winter. In wenigen Monaten würde sie ihren Abschluss machen.
Hermine hatte gut zu tun, was das Lernen betraf. Aber sie war froh darüber, eine Ablenkung zu haben. Sie hatte sich in den letzten Monaten ständig irgendwelche Dinge gesucht, die sie ablenken sollten – von ihm.
Der Kontakt zu Severus Snape war komplett abgebrochen. Im Unterricht beachteten sie sich gegenseitig nicht. Er ließ sie in Ruhe, sprach sie nicht an, sah sie noch nicht einmal an. Hermine tat es ihm gleich.
Wenn sie sich zufällig auf den Fluren von Hogwarts getroffen hatten, hatten sie sich nur ein kurzes Nicken zukommen lassen. Ansonsten herrschte keinerlei Kommunikation zwischen den beiden.
Es war Hermine schwer gefallen, ihn tagtäglich sehen zu müssen. Es tat weh, denn ihr Herz hatte noch lange nicht mit ihm abgeschlossen. Ihm immer wieder im Unterricht gegenüber zu sitzen, seinen mittlerweile so vertrauten Geruch wahrzunehmen, seine dunkle und magische Aura zu spüren – all das war zu viel für Hermine gewesen. Und all das hatte die Sehnsucht nach ihm nur noch geschürt.
Doch seit gut drei Monaten hatte sie Severus überhaupt nicht mehr gesehen. Von einem Tag auf den anderen war er verschwunden gewesen. Sie hatte sich zuerst gezwungen, diesen Faktum, dass ihr Lehrer nicht mehr auf Hogwarts war, zu ignorieren.
Doch sie hatte es nicht einen einzigen Tag ausgehalten. Und so war sie zu Dumbledore gegangen und hatte ihn gefragt. Erst hatte der Direktor ihr nichts sagen wollen, doch schließlich hatte Hermine erfahren, dass Severus bei Voldemort sei. Seit diesem Gespräch waren nun schon drei Monate und anderthalb Wochen vergangen.
Hermine war unruhig. Sie hatte Angst um ihn. Das konnte sie weder leugnen noch abstellen. Niemand wusste, was Voldemort mit den Todessern veranstaltete, selbst Albus Dumbledore nicht.
Doch der Direktor hatte ihr gegenüber die Vermutung geäußert, dass Voldemort seine Anhänger patrouilliert hatte, um in naher Zukunft anzugreifen – und zwar Hogwarts.
Es herrschte eine seltsame Stille in der Zauberwelt. Es war ein Gefühl des Verharrens. Niemand konnte wirklich etwas tun, denn Voldemorts Anhänger hatten sich vollkommen zurückgezogen.
Allein der Orden war aktiv. Er versuchte so viele Informationen wie möglich herauszufinden. Doch die Quellen waren versiegt.
Hermine hatte dieses Warten satt. Sie kam sich unnütz vor. Sie wollte helfen, irgendetwas machen. Allein schon, damit sie sich ablenken konnte. Ablenken von der Angst um einen Mann, für den sie eigentlich schon lange nichts mehr empfinden wollte.
Harry und Ron arbeiteten doch auch bereits für den Orden. Harry erhielt intensives Kampftraining und Ron wurde von seinem Vater gelehrt, wie man richtig mit einem Zauberstab umging.
Hermine seufzte laut auf. Sie hielt inne und blickte den langen Korridor entlang. Er war leer. Keine Menschenseele kam ihr entgegen. Niemand war hier. Sie lehnte sich gegen die kalte Wand, schloss ihre Augen.
Tief atmete sie durch. Die Gedanken wirbelten wild durch ihren Kopf. Doch schließlich sortierte sich alles und die junge Frau fasste einen Entschluss. Entschlossen öffnete sie ihre braunen Augen. Sie stieß sich von der Wand ab und lenkte mit schnellen Schritten Richtung Direktorenbüro ein.
Auf ein freundliches Herein hin, trat Hermine in das kreisrunde Büro.
„Hermine" begrüßte Albus seinen Besuch hoch erfreut. „Was kann ich für Sie tun?"
Die Gryffindor setzte sich mit einem souveränen Ausdruck in den zarten Zügen auf den ihr angebotenen Platz. „Ich würde Sie gerne um etwas bitten."
Dumbledore nickte lediglich und zeigte ihr somit, dass sie weiter sprechen konnte. Kurz hielt Hermine inne, atmete innerlich noch einmal tief durch. „Ich möchte gerne dem Orden beitreten." Sagte sie schließlich ruhig.
Mehrere Sekunden lang passierte gar nichts. Der Direktor sah sie lediglich mit seinen blauen Augen an. Er schien zu überlegen.
„Nun" sprach er, als er sich offensichtlich eine Meinung über Hermines Bitte gebildet hatte. „Darf ich vielleicht vorher den Grund dafür erfahren, warum gerade jetzt?"
Angespannt presste sie ihre Kiefer aufeinander. Warum musste er das wissen? Reichte es nicht, dass sie beitreten wollte? „Ich halte dieses Warten nicht mehr aus." Entgegnete sie schließlich.
„Warten worauf?" fragte Albus zurück und lächelte Hermine dabei aufmunternd zu. Keine Frage. Der Direktor wollte die Wahrheit wissen. Doch Hermine war nicht dazu gewillt, ihm diese auf dem Silbertablett zu präsentieren. Sollte er sie doch selber herausfinden.
„Darauf, dass etwas passiert." antwortete sie ihm schließlich mit einem unruhigen Tonfall in der Stimme. „Ich halte das nicht mehr aus. Diese Ruhe vor dem Sturm. Ich möchte etwas tun, dem Orden helfen."
Albus nickte der jungen Frau still zu. „Ich verstehe Ihr anliegen Hermine. Aber Sie sind noch zu jung."
„Zu jung?" fragte sie beinahe aufgebracht zurück. Sie musste aufpassen, dass sie nicht ihre Beherrschung verlor. „Harry und Ron arbeiten auch für den Orden. Und sagen Sie mir jetzt nicht, dass das etwas anderes ist."
Ihre Augen funkelten ihn wütend an. Er sollte ruhig wissen, wie ernst es ihr war.
„Sie wissen, warum Harry das Kampftraining macht." Erwiderte er ruhig und mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, was Hermine beinahe zur Raserei brachte. Musste dieser Mensch denn immer so verständnisvoll sein? Das war doch nicht zum aushalten!
„Und bei Ron." Fuhr der Direktor ruhig fort, ohne sich von den wild funkelnden Augen der Gryffindor stören zu lassen „Bei Ron ist es eher zusätzlicher außerschulischer Unterricht im Umgang mit dem Zauberstab. Sie haben genug Kenntnisse, um sich im Ernstfall zu verteidigen."
„So, glauben Sie das wirklich? Glauben Sie wirklich, dass ich es im Ernstfall mit einem Todesser aufnehmen könnte. Oder mit Voldemort?" fragte sie aufgebracht nach.
„Selbst einige Mitglieder des Ordens sind dazu nicht in der Lage." Erwiderte Dumbledore noch immer viel zu ruhig.
„Das sollten sie aber!" ereiferte sich die junge Frau. „Da draußen herrscht Krieg verdammt noch mal. Und sie wollen mir allen Ernstes weiß machen, dass einige Ordensmitglieder nicht dazu in der Lage sind, sich gegen einen Todesser zu verteidigen?!"
Hermine hatte sich in Rage geredet. Ihre Hände hatte sie auf die Tischplatte gestützt, ihr gesamter Körper war nach vorne gebeugt.
„Die Todesser sind mächtig Hermine. Mächtiger als Sie denken. Allein weil sie dunkle Magie verwenden." Erklärte Dumbledore nun nachdenklicher.
„Dann sollten wir vielleicht anfangen, auch dunkle Magie zu benutzen." Noch bevor Hermine diese Worte ausgesprochen hatte, bereute sie diese bereits. Was hatte sie ihrem Direktor eben vorgeschlagen? Sie wagte kaum, sich diese Frage selbst zu beantworten.
„Das ist ein sehr drastischer Vorschlag." Erwiderte der alte Zauberer.
Beinahe entschuldigend sah sie den Direktor an. Doch schließlich machte etwas in ihr klick. Ihr Verstand schien diese plötzliche Eingebung nun verarbeitet zu haben – und er befand sie als gar nicht mal so verkehrt.
Angestrengt dachte Hermine nach. Und der Direktor ließ ihr auch die Zeit dafür. „Wir müssen ja nicht gleich die unverzeihlichen Flüche anwenden. Es gibt zahlreiche andere schwarzmagische Zauber, die viel wirksamer gegen die Todesser sind."
„Sie meinen also, wir sollen sie mit ihren eigenen Waffen schlagen?" fragte Dumbledore mit großen Augen nach.
„Genau das denke ich."
Ihren Blick, der nun wieder diesen kämpferischen Glanz in sich trug, hatte sie auf ihr gegenüber gerichtet.
Albus Dumbledore strich sich nachdenklich über den langen Bart. „Vielleicht ist Ihr Vorschlag sogar umsetzbar."
Überrascht blickte sie ihn an.
„Aber ich denke, ich sollte zuerst mit Severus darüber sprechen." Fügte er noch an.
Und das hätte er besser nicht sagen sollen. Denn sofort brannte sich seine Präsenz wieder in ihren Körper hinein. Sie schloss kurz ihre Augen. Doch alles was sie sah, war er. Seine Augen, die tiefen Blicke, seine schlanke und geheimnisvolle Gestalt, selbst seinen Geruch glaubte sie wahrzunehmen.
„Hermine?" hörte sie Dumbledore ihren Namen sagen.
Sie öffnete ihre Augen und sah ihn fragend aber auch leicht beschämt an.
„Ihm geht es gut." Sagte der Direktor schließlich nur und lächelte die junge Frau zart an.
Auch wenn Hermine geschockt darüber war, dass er offensichtlich doch über ihre Gefühlswelt Bescheid wusste, so war sie dennoch erleichtert, dass es Severus gut ging, dass er lebte.
*****
Zwei Tage später stand Hermine im Fuchsbau. Sie war angespannt, ihr Herz klopfte wild gegen ihre Brust. Ungefähr 20 Augen waren auf sie gerichtet. Sie fühlte sich, wie ein Tier im Zoo.
Direkt vor ihr stand Albus Dumbledore. Den Zauberstab auf die junge Frau gerichtet. Seine blauen Augen funkelten sie gütig an. Auf seinen Lippen lag ein feines beinahe väterliches Lächeln.
Mit einer geschmeidigen Bewegung schwang er den Zauberstab in der Luft umher, sodass grünliche Funken daraus hervor stoben. Hermine wurde in einen sanften zartgrünen Schleier gehüllt – für wenige Sekunden lang. Dann war der Zauber vorbei.
„Mit diesem Schutz, wirst du dazu in der Lage sein, alle anderen Ordensmitglieder zu erreichen. Sei es wenn du Hilfe brauchst oder einen Rat suchst." Sprach Dumbledore mit ungewohnt ernster und tiefer Stimme. „Nutze dieses Geschenk mit Bedacht, handle nicht unüberlegt, versuche aber dennoch die Unschuldigen zu schützen."
Durch diese Worte tief berührt, nickte Hermine dem Direktor lediglich zu.
„Dann heißen wir dich herzlich Willkommen im Orden des Phoenix." Beendete Dumbledore seine Ansprache. Dann verneigte er sich vor der jungen Frau, die Dumbledore bei dieser Geste mit großen Augen anblickte. Der Rest des Ordens tat es dem Direktor schließlich nach.
Hermine musste hart schlucken. Diese Geste, diese ganze Szene hatte sie schon einmal miterlebt. Und zwar in der Zukunft. Dort wo sich jeder vor der Regentin – vor ihr – verneigt hatte. Es war ein seltsames Gefühl, ein Fremdes. Denn sie war nicht die Person, vor der man sich verbeugte. Nicht in dieser Zeit.
„Vielen Dank." Hauchte sie schließlich den anderen entgegen. Zu mehr, war sie nicht mehr fähig. Dazu war sie zu ergriffen.
*****
Erneut strichen die Wochen ins Land. Doch diese waren für Hermine nicht mehr so unerträglich gewesen. Sie hatte neben der Schule auch mit dem Kampftraining angefangen. Von Moody und Lupin wurde sie gelehrt, wie man sich richtig verteidigte. Und dabei lernte sie Flüche, die schon stark an der Grenze zum Schwarzmagischen standen.
Hermine lernte schnell. Innerhalb weniger Trainingsstunden beherrschte sie Flüche, für die andere Zauberer Monate brauchten. Immer länger und immer härter wurden die Trainingsstunden. Moody und Lupin schonten sie nicht. Es war nicht selten, dass die Gryffindor mit einigen Prellungen und Platzwunden nach Hogwarts zurückkehrte. Ganz zum Ärger von Madam Pomfrey.
Doch Hermine ließ sich nicht davon abbringen. Auch nicht durch ihre Freunde, die so gar nicht begeistert waren, dass sie nun ein aktives Mitglied des Ordens war und auch bald genug praktische Erfahrungen gesammelt hatte, um in den Kampf geschickt zu werden.
Am wenigsten begeistert war Harry davon. Er hatte die Idee von Anfang an verworfen. Er wollte seine beste Freundin in Sicherheit wissen. Doch die junge Frau hatte andere Pläne. Sie wollte nicht nur herumsitzen. Sie wollte helfen. Auch wenn sie damit ihr eigenes Leben riskierte.
