40. Erste Schritte nach dem Verfall

Hermine zog ihren Umhang enger um ihren Körper. Der Wind blies ihr eisig und pfeifend entgegen, wirbelte ihre Haare heftig umher. Sie konnte kaum atmen, ihre Wangen brannten bereits aufgrund des kalten Windes.

Die junge Frau schloss ihre Augen, hielt eine Hand schützend vor ihrem Gesicht. Mit zusammengepressten Lippen kämpfte sie sich weiter über die Ländereien von Hogwarts. Sie war auf den Weg zum Kampftraining.

Hermine hatte erst vorhin eine Nachricht von Dumbledore erhalten, dass sie noch am selben Tag ein Training haben würde.

Die Gryffindor fragte sich, warum sie ausgerechnet heute, bei diesem Mistwetter, kämpfen musste. Und vor allem, warum so kurzfristig? Aber gut, es war halt nicht immer alles eitel Sonnenschein. Mit verbissener Miene stieg sie einen kleinen Hügel hinauf. Ihre Lunge brannte bereits. Der Aufstieg war aufgrund des starken Gegenwindes anstrengender als sonst.

Ihre Augen tränten erbärmlich. Sie konnte kaum noch etwas sehen. Ihre Lippen brannten. Und endlich hatte sie den Hügel erklommen. Sie atmete einmal tief durch, versuchte dieses reißende Gefühl in ihrer Lunge wieder loszuwerden.

Dann hob sie ihren Blick und erstarrte augenblicklich.

Severus wehrte mit einer Leichtigkeit, die beinahe anmutig wirkte, die ihm entgegen geschleuderten Flüche ab. „Strengen Sie sich gefälligst mehr an!" raunte er seinem Gegenüber genervt zu. Er war doch nicht hier, um Flüche abzuwehren, zu denen selbst Erstklässler fähig waren.

Abermals wurde ihm ein heller blauer Blitz entgegengeschleudert. Doch erneut musste der Tränkemeister nur seinen Zauberstab heben, um den Fluch unschädlich zu machen. Severus schüttelte ungeduldig seinen Kopf. Dabei erblickte er schließlich etwas, was ihn innehalten ließ.

Einige Meter von ihm entfernt, stand jemand. Lange dunkle Locken wurden von dem heftigen Wind umhergewirbelt. Ein schwarzer Umhang bauschte sich beinahe majestätisch hinter der Person auf, tiefe funkelnde Augen blickten ihn erstaunt entgegen.

Und eben diese Augen waren es, die ihn nicht mehr losließen. Er wurde von diesen sanften Tiefen angezogen und drohte darin grausam zu ertrinken. Nur ein einziger Gedanke wirbelte ihm durch den Kopf. Er wusste nicht, woher er kam. Doch beinahe gewaltsam hatte sich dieser eine Gedanke in ihn eingenistet. Ein einziges Wort, ein einziger Name. Hermine.

Plötzlich traf ihn etwas hart gegen seine Brust. Er wurde zu Boden gerissen. Blieb dort unter Schmerzen liegen.

Erst dieser Zwischenfall riss Hermine wieder aus ihrer Starre. Ihr Verstand schien noch immer nicht ganz verarbeitet zu haben, dass das wirklich Severus war. Sie konnte das irgendwie nicht glauben.

Ihr Körper zuckte, wollte sich gerade in Bewegung setzen, um ihn zu helfen, doch schließlich hielt sie inne. Etwas hielt sie ab, zu Severus zu gehen, ihn aufzuhelfen. Etwas Tiefes, Verletztes in ihr. Eine Mauer, eine Barriere, die sich um ihr Herz gelegt hatte.

„Verdammt Potter!" zischte der Tränkemeister sein Gegenüber an. Und er wusste noch nicht einmal warum. Severus wusste genau, dass das sein Verschulden gewesen war, dass er nun niedergestreckt am Boden lag. Er hatte sich ablenken lassen. Und das ausgerechnet von Hermine!

Harry, der mittlerweile schon mehr als mürrisch dreinschaute, zuckte nur resignierend mit seinen Schultern. Was sollte er auch groß dazu sagen.

Severus´ Brust schmerzte. Ein unangenehmes Pochen hatte sich in seinem Brustkorb ausgebreitet. Potter hatte ihn voll erwischt. Und er kam nicht umhin, ihm dafür ein bisschen Anerkennung zu zollen. Wenigstens war dieser Bengel so abgebrüht, dass er jemanden angriff, der nicht mehr dazu im Stande war, sich zu wehren.

Fest presste er seine Kiefer aufeinander, als er sich unter Schmerzen erhob. Doch nach außen hin bewahrte er sein emotionsloses Bild. Man konnte dem Tränkemeister nicht ansehen, dass seine Brust wie die Hölle brannte.

Mit starrer Miene strich er sich über seine langen schwarzen Roben. Ein plötzlicher Windstoß blies diese auf, ließ sie hinter ihm aufwallen. Er schüttelte kurz sein Haar, strich sich über das Gesicht. Dann richtete er erneut seinen Blick auf die junge Frau, die noch immer an derselben Stelle verharrte.

Abermals trafen sich ihre Blicke und Hermine wusste nicht, wie ihr geschah. Ihr wurde heiß und kalt. Sie begann zu zittern und ihr Herz schien mit einem Mal im Galopp zu rennen. Es war grausam und wunderbar zugleich. Es war das Gefühl des Verliebtseins.

Mit all ihrer Kraft schaffte es Hermine sich schließlich in Bewegung zu setzen. Sie ging auf ihren Lehrer zu, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Vor ihm blieb sie stehen.

„Hallo." Grüßte sie ihn mit heiserer Stimme. Sie räusperte sich leise und verfluchte sich innerlich für ihre Schwäche. Sie verhielt sich gerade wie ein verknallter Teenager!

„Hallo." Grüßte Severus zurück. Auch er knallte sich innerlich die Hand vor die Stirn. War das eine angemessene Begrüßung zwischen Lehrer und Schüler?

Hermine wusste nicht so ganz, was sie sagen sollte. Sie wollte ihn fragen, wo er gewesen war, was passiert war. Doch sie traute sich nicht. Allein schon deswegen, weil sie nicht wusste, welche Anrede nun angebracht war.

Vor einigen Monaten hatte sie selbst darum gebeten, wieder zu der distanzierten und förmlichen Anrede zurückzukehren. Doch nun, wo er nach so langer Zeit endlich wieder vor ihr stand, lebend und noch immer diese Gefühle in ihr aufwallen ließ, brachte sie ein Sie kaum über ihre Lippen.

Harry, der mittlerweile von den beiden völlig vergessen worden war, blickte das ungleiche Paar nur fragend an. Er verstand diese seltsame Stimmung nicht, die sich mit einem Mal zwischen diesen beiden Personen ausgebreitet hatte.

Snape war zwar noch nie ein Mann vieler Worte gewesen, aber dass er beim Anblick Hermines gleich ganz verstummte, kam Harry doch mehr als merkwürdig vor. Am liebsten hätte er auf sich aufmerksam gemacht, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund ließ er den beiden diesen Stillen Moment.

Severus wusste nicht, wie er dass, was Hermine in ihm ausgelöst hatte, deuten sollte. Es war so, als ob er sie plötzlich, nach all den Monaten, in denen er sie nicht mehr beachtet, nicht mehr gesehen hatte, mit anderen Augen sah.

Sie wirkte anders… verändert und er konnte nicht einmal sagen, was anders war. Es war einfach ihre Wirkung, die sie nun auf ihn ausübte.

„Wir sollten weiter machen." Sagte er schließlich an Harry gewandt mit nüchterner Stimme. Er war froh, dass seine Stimme nicht zitterte, dass er sich aus dieser peinlichen Situation hatte retten können.

Ohne noch irgendetwas zu Hermine zu sagen, drehte er sich wieder zu Harry, dessen Blick mittlerweile beinahe säuerlich wirkte. Er hatte seine Arme vor der Brust verschränkt, den Blick starr auf Snape gerichtet.

„Worauf warten Sie Potter?" fragte Severus sein Gegenüber mit schnarrender Stimme.

„Auf gar nichts." Erwiderte Harry kühn. „Ich bin nicht mehr an der Reihe."

Severus´ Blick verfinsterte sich. „So lange Ihr Nachfolger für das Kampftraining noch nicht da ist, werden Sie weiter kämpfen."

Harrys Blick bekam mit einem Mal etwas Zufriedenes, etwas Überhebliches. „Mein Nachfolger ist bereits da." Seine Stimme war ruhig, ein triumphierendes Lächeln umrahmte seine Züge. „Sie steht neben Ihnen."

Severus´ schwarzen Augen weiteten sich. Abrupte drehte er sich zu Hermine, sah sie mit einem ungläubigen Blick an. Das sollte doch ein Witz sein. Bitte ließ das nur einen Witz sein. Doch Hermines ernster Ausdruck in den Augen sagte ihm, dass das kein Spaß war.

„Das ist nicht dein Ernst." Er hatte diese Worte leise gesprochen. Aber dennoch mit einer Intensität, mit einem so tiefen, vibrierenden Ton, dass es Hermine kalt den Rücken hinunterlief.

Stumm erwiderte sie den aufgebrachten Blick ihres Professors. Wenigstens hatte sich das Problem mit der Anrede geklärt. Doch nun stand sie dafür vor einer weitaus größeren Herausforderung.

In Severus tobte es. Niemand, noch nicht einmal Albus, hatte ihn vorgewarnt, ihm gesagt, dass es ein neues Ordensmitglied gab, dass SIE das neue Mitglied war. Stattdessen war er einfach ins kalte Wasser geschmissen wurden. Und nun konnte er zu sehen, wie er da wider raus kam.

„Ich werde dir mit Sicherheit kein Kampftraining geben." Raunte er ihr nun etwas lauter zu.

Hermines Herz sackte nach unten. Was sollte das? Warum sagte er so etwas? „Warum nicht?" fragte sie nach. Ihre Stimme war noch immer rau, wirkte aber kräftiger.

„Warum?" spie er ihr dieses eine Wort entgegen. Sein Blick nagelte ihren fest. Die Gryffindor kam nicht mehr von ihm los. Sie war in der tiefsten Schwärze gefangen. „Ich werde sicherlich nicht dazu beitragen, dass du in den Krieg ziehst."

Hermine merkte, wie Enttäuschung in ihr hoch wallte. Enttäuschung über sein Verhalten, über seine Reaktion. Und mit der Enttäuschung kam ein anderes Gefühl. Ein Gefühl, welches sie stark werden ließ. Wut.

„Das hast du nicht zu entscheiden!" erwiderte sie aufgebracht.

„Und ob. Ich bin immer noch dein Lehrer!" gab er nun ebenso aufgebracht zurück.

Hermines Hände ballten sich zu kleinen Fäusten, ihr Magen krampfte sich vor Wut schmerzhaft zusammen. „Du warst die letzten vier Monate auch nicht mein Lehrer! Und jetzt auf einmal bestehst du darauf, es wieder zu sein?!" Schwer atmend sah sie ihn an. Die Enttäuschung konnte sie schon lange nicht mehr verbergen. Ihre Augen verrieten sie.

Severus wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Dieses Gespräch, wenn man das noch so nennen konnte, drohte in die ganz falsche Richtung abzudriften. Und noch dazu kam das Problem Potter. Denn der stand noch immer an seinem Platz und hörte wahrscheinlich jedes einzelne Wort mit, was sie gerade sprachen. Und die waren für einen Außenstehenden wohl mehr als aufschlussreich.

„Ich werde nachher zu Albus gehen und ihn bitten, dich wieder aus den Orden zu nehmen."

„Wie bitte?!" fragte Hermine mit schriller Stimme. „Das ist nicht dein Ernst."

„Und ob das mein Ernst ist. Du bist noch nicht dazu bereit, im Orden zu kämpfen, im Krieg zu kämpfen!" erwiderte er mit einer stoischen Ruhe.

„Woher willst du das wissen?! Du haste mich in den letzten Monaten nicht kämpfen gesehen. Du hast nicht mitbekommen, wie ich bereits auf den Kampf vorbereitet wurde! Ich habe keine Lust mehr, einfach nur noch herumzusitzen und abzuwarten. Ich will, dass der Krieg endlich vorbei ist und ich werde dabei sicherlich keinen passiven Part spielen!"

Ihre rehbraunen Augen funkelten ihn aufgebracht an. Er konnte das zornige Beben spüren, was von ihr ausging. Und er konnte sie verstehen. Er konnte sie sogar sehr gut verstehen. Aber dennoch war er nicht dazu gewillt, sie im Kampf auszubilden. Und er würde persönlich dafür sorgen, dass Hermine nie auf einen Außeneinsatz geschickt wird.

„Du wirst nicht kämpfen. Das ist mein letztes Wort." Und mit diesen Worten wandte er sich von Hermine ab, um zu gehen.

„Das werden wir noch sehen Severus Snape." Rief sie ihm hinterher. Ihr Körper bebte vor Zorn, vor Enttäuschung, vor Liebeskummer.

Sie blickte ihm nach. Er hatte nicht mehr auf ihre Kampfansage reagiert. Er war einfach weitergegangen. Seine Gestalt wurde immer kleiner, seine Umrisse immer dunkler. Schließlich verschwamm er mit der Dunkelheit, die mittlerweile über die Ländereien gezogen war.

Tränen hatten sich in ihren Augen angesammelt. Wie konnte er ihr das antun? Doch sie würde das nicht zu lassen. Sie würde sich nicht davon abbringen lassen, zu kämpfen. Und wenn es das Letzte war, was sie tat.

„Alles in Ordnung?" drang plötzlich Harrys Stimme sanft an ihr Ohr.

Erschrocken blickte sie ihn an. Sie hatte ihren besten Freund völlig vergessen gehabt. Erst in diesem Augenblick wurde ihr klar, was er alles mit angehört hatte. Und genau das konnte sie in seinen grünen Augen lesen. Den Unglaube, die Überraschung, das Unverständnis.

„Nicht jetzt Harry." Meinte sie nur mit leiser Stimme. Sie konnte ihm jetzt nicht diese Fragen beantworten. Warum, wieso, weshalb sie sich duzten, ob und was da zwischen ihnen lief. Sie hatte im Moment keine Kraft dazu.

„Später." Hauchte sie ihm nur noch mit einem müden Lächeln entgegen, bevor auch sie sich in Bewegung setzte, um nach Hogwarts zurückzukehren.