41. Der Versuch, sie zu retten

„Sag mir, dass das nicht dein Ernst ist!" rief Severus beim Betreten des Büros Albus entgegen, ohne diesen überhaupt gegrüßt zu haben. Mit solchen überflüssigen Sachen wollte er sich jetzt nicht aufhalten.

„Was genau meinst du?" fragte Albus Dumbledore in einem unschuldigen Tonfall. Doch Severus wusste ganz genau, dass dieser alte Mann wusste, wovon er sprach.

„Wie kannst du nur eine 18-Jährige in den Orden aufnehmen!" tobte Severus weiter. Unruhig schritt er im Büro auf und ab. Er musste sich abreagieren. Irgendwie.

Der Direktor, der trotz seines aufgebrachten Besuchs noch immer ruhig in seinem Sessel saß, blickte Severus väterlich an. „Du kannst mir glauben, dass mir dieser Schritt nicht leicht gefallen ist." Gab er schließlich mit milder Stimme zu.

„Und warum bist du ihn dann gegangen?!" fragte Severus sogleich aufgebracht nach. Er war wütend. Richtig wütend. Doch er wusste nicht, auf wen eigentlich.

Nun erhob sich auch Albus und erfasste Severus beruhigend bei den Schultern. „Hermine ist eine erwachsene Frau. Sie kann ihre Entscheidungen alleine treffen."

Ungläubig schüttelte Severus seinen Kopf. Wollte ihn denn hier niemand verstehen?! „Sie ist noch eine Schülerin verdammt! Sie steht unter unseren Schutz. Doch wenn sie da draußen ist und kämpft, kann sie niemand mehr schützen. Willst du sie auf den Gewissen haben Albus? Willst du, dass es so weit kommt?!"

Severus´ Augen funkelten Dumbledore schwarz und düster entgegen. Sie funkelten vor Zorn und innerer Aufruhr. Sein Atem war stoßweise.

Kurz schloss Albus Dumbledore seine blauen Augen. Man konnte ihn deutlich ansehen, dass er überlegte, dass er sich die Worte seines Freundes durch den Kopf gehen ließ. Schließlich richtete er den Blick wieder auf Severus.

„Ich habe mir schon oft überlegt, was passiert, wenn ihr etwas geschehen würde. Doch es liegt nicht mehr in unserer Hand. Ich habe Hermine versucht, diese Idee auszureden, doch letztendlich hatte sie die besseren Argumente."

Severus schnaubte laut auf. „Du lässt dich doch sonst auch nicht von Argumenten beeinflussen." Erwiderte Severus nur mit dunkler Stimme.

„In diesem Fall war ich wohl machtlos." Ein entschuldigender Blick traf den Tränkemeister.

Severus schüttelte nur seinen Kopf und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Du wirst doch wohl irgendetwas machen können, um sie wieder aus den Orden zu schmeißen." Der Tränkemeister wusste, dass er sich drastisch ausdrückte und er wusste auch, dass er ungerecht war. Doch der Drang, Hermine wieder aus den Orden zu bekommen, war zu präsent.

„Es war allein ihre Entscheidung." Stellte Dumbledore noch einmal sachlich klar.

Doch Severus wollte das nicht hören. Er verstand das nicht. Er hob seinen Blick und sah sein Gegenüber bitterböse an. „Warum zur Hölle will eine 18-jährige Schülerin unbedingt in den Orden?"

Diese Frage hatte sich schon die ganze Zeit über in seinem Kopf festgesetzt. Er hatte versucht, es zu verstehen. Doch er war noch nie ein Mann gewesen, der die verworrenen Gedankengänge der Frauen nachvollziehen konnte.

Albus Dumbledore saß mit einem seichten Lächeln im Gesicht wieder an seinem Schreibtisch. Seine Augen funkelten. Etwas, was Severus so gar nicht gefiel.

„Aus demselben Grund, warum du willst, dass sie wieder austritt." Beantwortete der Direktor schließlich seine Frage.

Verwirrt blickte Severus seinen Mentor an. Was wollte er ihn denn mit dieser Antwort sagen? Der Tränkemeister kräuselte seine Brauen, sein Blick wurde noch eine Nuance dunkler. „Könntest du dich bitte etwas genauer ausdrücken." Fauchte er Dumbledore an.

Das Lächeln im Gesicht des Direktors wurde noch breiter. „Du weißt, was ich meine."

Severus glaubte nicht richtig zu hören. „Sonst hätte ich nicht nachgefragt alter Mann."

Offensichtlich wusste Albus mehr, als er selbst. Und er hasste es, wenn jemand mehr wusste und es noch nicht einmal für nötig hielt, ihn darüber aufzuklären.

„Nun, wenn das so ist, wirst du dich wohl gedulden müssen, bis du es weißt." Erwiderte Dumbledore mit einer Gelassenheit, die Severus an den Rand der Raserei brachte.

Er musste sich stark zusammenreißen, um nicht sofort aufzuspringen, Albus am Kragen zu fassen und zu sich hochzuziehen, um ihn mal so richtig die Meinung zu sagen. Allein die Dankbarkeit, die er diesem Mann schuldete, hielt ihn davon ab.

Um wieder zur Ruhe zu kommen, wischte er sich fahrig über das Gesicht. Er atmete einmal tief durch. Am liebsten hätte er gefragt, WIE er das herausfinden sollte, WENN es ihn niemand sagen wollte. Aber er glaubte, dass er mit dieser Frage bei Albus auch nicht weiterkommen würde.

Und so entschloss sich der Tränkemeister, es für heute dabei bleiben zu lassen.

*****

Nachdenklich saß Hermine im kleinen Innenhof von Hogwarts. Auch hier zog der Wind eiskalt durch ihre Kleidung. Doch sie konnte nach dem Aufeinandertreffen mit Severus nicht in ihre Räume zurückkehren. Sie wusste, dass sie drinnen wahnsinnig werden würde.

Draußen an der frischen beziehungsweise eher eisigen Luft, konnte sie ihren Gedanken freien Lauf und vom Wind wegtragen lassen.

Ihn wieder zu sehen, hatte Gefühle in ihr hoch wallen lassen, die sie nicht mehr haben wollte. Und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie auch nicht damit gerechnet, dass ihr Körper und ihr Herz so heftig auf ihn reagieren würden. Nicht nach all der Zeit, nicht nachdem was passiert war. Doch Hermine war eines Besseren belehrt wurden. Die Gefühle für ihn waren noch da.

Die junge Frau schloss die Augen. Warum hatte sie auch niemand vorgewarnt? Dumbledore hatte doch offensichtlich gewusst, dass Severus wieder zurück war. Immerhin war er es gewesen, der sie zu diesem Kampftraining geschickt hatte.

Es wäre wirklich mehr als hilfreich gewesen, wenn sie vorgewarnt gewesen wäre. Dann hätte sie es vermeiden können, ihn einfach nur so anzustarren, ohne dass sie ein Wort hervorgebracht hatte. Gott, wie erbärmlich dieses Treffen doch gewesen war.

Hermine musste hart schlucken, als sie an seinen Blick, den er ihr hatte zukommen lassen, als er erfahren hatte, dass sie nun ein Mitglied des Ordens war, dachte. Er war so voller Unverständnis gewesen. So dunkel und tief, so voller Enttäuschung.

Sie hatte diesen Blick nicht verstanden und sie tat es auch immer noch nicht. Warum hatte er so überreagiert? Eigentlich konnte es ihm doch egal sein, was sie tat und was nicht. Selbst wenn Severus gar nicht reagiert hätte, hätte sie das nicht so verletzt, wie er es durch seine Ablehnung getan hatte.

Abermals schluckte sie hart. Sie merkte, wie sich Tränen in ihren Augen bildeten. Tränen, die sie nicht weinen wollte. Nicht wegen ihm! Sie wischte mit ihrer Hand einzelne Tropfen der salzigen Flüssigkeit weg. Doch es half nichts. Es kamen immer wieder neue nach.

Und schließlich gab es Hermine auch auf. Warum sollte sie sich gegen etwas wehren, was sowieso übermächtiger war? Und so ließ sie ihren Tränen schließlich freien Lauf.

*****

Am nächsten Morgen war Severus schon früh wach. Die Sonne ging gerade am Horizont auf und tauchte die frostige Winterlandschaft in ein goldenes Licht. Er hatte beschlossen, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, um seinen noch müden Körper wachzurütteln.

Mit ungewohnt langsamen Schritten ging er über die Ländereien. Er genoss die herrliche Luft, atmete sie tief ein. Plötzlich durchbrach ein lautes Zischen diese herrliche Stille, die der Tränkemeister so genossen hatte.

Er drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und blickte nun auf die große Wiese. Was er sah, gefiel ihm gar nicht. Remus Lupin schleuderte einen Fluch nach den anderen auf eine bereits am Boden liegende Person. Und diese Person war Hermine.

Severus wollte erst nicht glauben, was er da sah. Das bildete er sich doch jetzt nur ein. Doch egal wie lange er auf diese Szenerie starrte, sie veränderte sich nicht. Abermals kroch Wut in dem Tränkemeister hoch. Wut über so viel Leichtsinn, über so viel Dummheit. Er hatte Hermine immer für eine Hexe mit einem brillanten Verstand gehalten. Doch in diesem Fall schien sie ihn verloren zu haben.

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, schritt er auf die beiden Personen zu, die sich noch immer unerbittlich Flüche entgegenschleuderte. Hermine hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt und griff Lupin nun frontal an. Keine Sekunde später wurde der Zauberer von seinen Füßen gerissen und landete hart auf den Boden.

„Nicht schlecht Hermine." Konnte Severus Remus hören. Wie konnte er sie dafür auch noch loben? Hatten denn jetzt alle den Verstand verloren?

„Wirklich grandios." Mischte sich Severus mit ein. „Damit kann sie es mit jedem Todesser – ach was sag ich – sogar mit dem dunklen Lord aufnehmen." Ätzte er mit triefendem Sarkasmus.

Es traf ihn ein ungläubiger, zutiefst verletzter Blick von Hermine. Ihre braunen Augen besaßen in diesem Moment einen Ausdruck, den man nicht beschreiben konnte.

„Ich denke, wir wissen alle drei, dass Hermine noch lange nicht so weit ist." Versuchte Lupin die aufgekommene gereizte Stimmung zu lindern. Doch dies sollte vergebens sein.

„Ich bezweifle sehr stark, dass ihr das wisst." Gab Severus mit nüchterndem Tonfall zurück. „Sonst hättet ihr sie wohl kaum in den Orden aufgenommen."

Hermine merkte, wie sich eine gewaltige Welle des Zorns in ihr ausbreitete. Hielt er denn so wenig von ihr? Warum musste er sie so offen kritisieren, ihre Kräfte anzweifeln?

„Was ist eigentlich dein Problem?!" fragte sie ihn. Es war nicht laut gewesen. Sie hatte ihn nicht angeschrieen, so wie sie es gerne getan hätte. Stattdessen hatte ihre Stimme einfach nachgegeben und war zittrig geworden.

Severus musste all seine Beherrschung zusammenkratzen, um diesen fragenden, flehenden sanften Augen, die ihn in diesem Moment so intensiv anstarrten, standhalten zu können.

„Traust du mir wirklich so wenig zu?" setzte sie nach, als er ihr nicht antwortete.

In diesem Moment hätte er gerne seine Augen geschlossen oder wenigstens einmal tief ein- und ausgeatmet. Doch dies lies er nicht zu. Stattdessen bewahrte er seine starre und undurchdringbare Maske.

„Du bist zu jung für so etwas Hermine! Verstehst du das nicht?! Da draußen herrscht Krieg. Ein Krieg, in dem man nicht nur stark, sondern auch abgebrüht sein muss."

Hermine blickte ihn ungläubig an. „Was glaubst du denn, was ich für eine Vorstellung vom Krieg habe? Mir ist schon klar, dass ich dort kein Kaffeekränzchen halten werde." Hermine war nun lauter geworden. Ihre Stimme zitterte noch immer, aber der aufgebrachte Tonfall verdeckte dies.

Severus beugte sich ein wenig zu der jungen Frau hinab, Lupin hatte er mittlerweile ganz vergessen. Seine Augen trugen einen gnadenlosen Ausdruck, seine Stimme war nur noch ein drohendes Flüstern. „Ist dir auch klar, dass du Menschen angreifen musst? Dass du sie vielleicht sogar töten musst, um dein eigenes Leben zu schützen?"

Hermine schluckte, konnte seinem eindringlichen Blick kaum standhalten. „Das weiß ich." Hauchte sie ihm entgegen.

Er kam ihr noch ein Stückchen näher. Den Blick nicht von der Gryffindor nehmend. „Bist du dir auch darüber im Klaren, dass du sterben könntest? Oder dass du jemanden verlieren könntest, der dir nahe steht? Dass du dies vielleicht sogar mit ansehen musst, denjenigen nicht retten kannst und du dir dann ewig Vorwürfe machst?"

Severus konnte sehen, wie seine letzten Worte Früchte trugen. Stumm rannen ihr Tränen über das Gesicht. Und plötzlich überkam Severus ein Bedürfnis, welches er kaum bewältigen konnte. Er wollte diese junge Frau einfach nur noch in seine Arme ziehen, ihr Trost spenden, ihr sagen, dass es ihm leid tat.

Doch dies hätte er sich vorher überlegen müssen. Und so richtete er sich nur wieder auf und blickte sie weiterhin unterkühlt an. Dann brach er den Blickkontakt ab und wandte sich ab, um zu gehen. Er hatte alles gesagt, was zu sagen war.

Doch ihre nächsten Worte, die ihn schließlich einholten, rissen ihn den Boden unter den Füßen weg.

„ICH werde nicht einfach zu sehen, wie die Menschen sterben, die ich liebe."

Ein schmerzhafter Stich bohrte sich durch sein Herz, als er sich der Bedeutung ihrer Worte gewahr wurde. Denn diese Worte trugen einen viel tieferen Sinn, als sie zuerst den Anschein machten. Sie waren direkt an ihn gerichtet. Sie hatte ihn den Ball zurückgespielt, sie hatte nun das gemacht, was er zuvor mit ihr getan hatte – seelisch gefoltert, gequält.

Denn Hermine hatte die Wunde aufgerissen, die sich gerade erst leicht verschlossen hatte – Und diese Wunde trug den Namen Lily.