42. Leben um zu sterben
Wütend über sich selbst, wütend aufgrund Severus´ Verhaltens schleuderte Hermine irgendwelche Flüche in die Natur hinaus. Es war eigentlich nicht ihre Art, die Magie so zu verschwenden. Doch sie hatte in diesem Augenblick das Gefühl, dass sie ihre Wut und Enttäuschung nur über ihre Magie loswerden konnte.
Die Gryffindor atmete tief ein und aus, lehnte sich erschöpft gegen einen dicken Baum unweit der Grenze zum verbotenen Wald. Die Sonne stand bereits tief am Himmel, der Abend zog über Hogwarts´ Ländereien.
Es war eiskalt, der Wind war so schneidend wie schon lange nicht mehr. Sie wickelte ihren schwarzen Umhang enger um ihren Körper, ihre tiefen Augen waren in die Ferne gerichtet.
Plötzlich raschelte es laut hinter ihr. Reflexartig wirbelte sie mit gezogenem Zauberstab herum und drückte die Spitze des Stabes fest gegen eine Kehle, die in ihrer Augenhöhe lag.
Es dauerte nicht lange, da erkannte sie die schwarzen Tiefen ihres Lehrers. Sofort zog sie ihren Zauberstab zurück, den Blick leicht pikiert auf seine Gestalt gerichtet.
„Warum so schreckhaft?" fragte er auch sogleich in seinem dunklen samtigen Tonfall.
Hermine biss sich auf ihre Unterlippe. Warum hatte es auch ausgerechnet Severus sein müssen? Konnte ein Mensch so viel Pech haben? „Ich bin nicht schreckhaft." Gab sie schließlich mit stark unterkühlter Stimme zurück. „Ich bin nur vorsichtig."
Severus hätte am liebsten laut aufgelacht. Doch er konnte es gerade noch unterdrücken. „Vorsichtig. Du?" Es waren nicht wirklich seine Worte, sondern seine Augen, die ihr in diesem Moment zeigten, was er von ihrer Entscheidung, was den Orden betraf, hielt.
Und auch wenn sie seine Meinung darüber schon kannte, so musste sie dennoch hart schlucken, als sie diese pure Ablehnung in den schwarzen Tiefen erkannte.
„Du musst mir nicht ständig sagen, wie sinnlos und bescheuert du es findest, dass ich nun ein Ordensmitglied bin." Konterte sie mit gerecktem Kinn.
„So wie du mich ständig an meine Schuld erinnerst?" fragte er in einem zornigen Tonfall zurück.
Hermine merkte, wie sich etwas Kaltes und Widerliches um ihr Herz krallte. Sie hatte das nicht sagen wollen. Diese Worte, die sie ihn bei ihrem letzten Zusammentreffen hinterher geschrieen hatte.
„Ich denke, da erinnerst du dich selber gut genug daran." Gab sie trotz ihres schlechten Gefühls hart zurück.
Einige Sekunden lang konnte er die Gryffindor einfach nur anblicken. Was war aus ihr geworden? Wer war diese Frau da vor ihm? Er versuchte es in ihren Augen zu ergründen und erst da fiel ihm auf, dass ihre hellbraunen Augen nun eine Nuance dunkler geworden waren.
Es war ein tiefes, sattes Braun. Ein Braun, was er so zuvor nur bei einer Person gesehen hatte – bei der Regentin.
„Du solltest erst nachdenken und dann reden Hermine. So wie du es immer getan hast." Seine Stimme war harsch, beinahe dumpf. Doch eine gewisse Verletzlichkeit konnte er aus ihr nicht verbannen. Zu sehr trafen ihn Hermines letzten Worte.
Die Gryffindor wandte sich von ihm ab, lehnte sich wieder gegen den mächtigen Baumstamm und schloss stumm ihre Augen. Dieser Mann brachte sie völlig durcheinander. Er schürte Gefühle in ihr, die so widersprüchlich und intensiv waren, dass sie langsam nicht mehr wusste, wohin damit.
„Du machst es einem auch nicht gerade leicht." Sprach sie schließlich in die Dunkelheit des Abends hinein. „Ich weiß nicht, wer du wirklich bist. Mal bist du so… führsorglich, dann wieder hart und grausam."
Erst jetzt, wo diese Worte gesprochen waren, drehte sie sich erneut zu Severus um. Mit einem unsicheren Blick in den Augen, sah sie ihn an.
Severus wusste im ersten Augenblick nicht, was er dazu sagen sollte. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie ihn SO sah. Zumindest der erste Teil ihrer Ausführungen verwunderte ihn. Als fürsorglich hatte ihn bis dato noch niemand beschrieben. Und es war auch nicht wirklich eine Eigenschaft, die er sich selbst zuschreiben würde.
„Du scheinst in mir etwas zu sehen, was es nicht gibt." Antwortete er in einem sarkastischen Tonfall.
Müde, aufgrund dieses Gesprächs, schüttelte Hermine nur zart ihren Kopf. „Du bist sensibler als du denkst." Zerstörte sie seinen Versuch, diese Seite in ihm abzuwehren.
Er schnaubte wütend auf. „Wie sensibel ich bin, habe ich dir ja erfolgreich in der Nacht vor sieben Monaten demonstriert!" sprach er bitter.
Er wusste nicht warum, aber ihre Worte verletzten ihn. Es war nicht die Bedeutung, die sie trugen, sondern eher die Aufrichtigkeit mit der sie ausgesprochen worden.
„Das warst nicht du." Versuchte Hermine seine Selbstvorwürfe abzuwehren, doch sie glaubte ihre Worte selbst kaum.
„Doch das war ich Hermine!" er trat einen Schritt auf sie zu, um sie einzuschüchtern, um ihr zu zeigen, wer er wirklich war. „Dies war mein wahres Gesicht."
Auch wenn Hermine nun den Drang verspürte, einen Schritt nach hinten zu gehen, blieb sie standhaft. Sie wich keinen Zentimeter zurück.
„Ich weiß, dass du mir nichts antun würdest." Erwiderte sie mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm schier den Rest gab.
Mit wütenden Augen erfasste er Hermine am Oberkörper und presste sie hart gegen die raue Rinde des Baumes. Sein wilder Blick versenkte sich in ihren, fragte sie klar und deutlich, ob sie sich ihrer letzten Aussage so sicher sein konnte.
Hermine schluckte, versuchte das heftige Trommeln ihres Herzens zu stoppen. Sie konnte in diesem Moment nicht herausfinden, ob ihr Herz aus Angst oder aufgrund seiner Nähe so galoppierte.
„Was willst du jetzt tun?" Es war nur ein Flüstern, ein Hauchen. Zu mehr, war Hermine nicht mehr in der Lage.
Severus war sich mittlerweile dieser äußerst prekären Situation bewusst geworden. Schon öfter hatten solche Gegebenheiten zu Taten geführt, die er als Lehrer nicht verantworten konnte.
„Ich weiß es nicht." Antwortete er ihr schließlich. Und das war die ganze Wahrheit. Er wusste nicht, was er wollte, was er fühlte. Einerseits wollte er sie los lassen, sich entschuldigen, andererseits verspürte er ein seltsames Verlangen, welches er wehement versuchte zu unterdrücken.
„Vielleicht…" hauchte Hermine, doch sie brach sofort wieder ab.
„Ja?" fragte Severus nun völlig verwirrt nach. Ihm kam es so vor, als ob sich sein sonst so brillanter Verstand gerade eben verabschiedet hatte. Abermals legte er seinen Blick auf ihren. Und was er sah, ließ ihn unruhig werden.
Ihre Augen funkelten ihn mit einer Intensität an, die ihn beinahe verschlang. Es war ein Verlangen, ein Wunsch, den er nicht glauben konnte. Sie wollte doch nicht… oder doch?
Severus versuchte es zu ergründen, drang immer tiefer in ihre Augen ein. Und plötzlich schien es so, als ob er von ihren braunen Tiefen angesaugt und verschlungen wurde. Er hatte sich von diesen sanften Augen verführen lassen, die ihn nun jeglichen Anstand genommen hatten. Denn ohne es wirklich gewollt zu haben, fand er sich plötzlich ihrer Gefühls- und Gedankenwelt wieder.
Ein unglaubliches Durcheinander an Gefühlen strömte auf ihn ein. Er konnte diese Emotionen kaum bändigen, kaum sortieren. Wie konnte ein Mensch nur so viel fühlen? Er merkte die leichte Gegenwehr Hermines doch Severus war stärker.
Er arbeitete sich durch ihre Emotionen, obwohl er noch nicht einmal wusste, wonach er suchte. Doch plötzlich überfiel ihn ein Gefühl, was ihn eine heftige Übelkeit bescherte. Sofort riss er sich aus Hermines Gedanken. So heftig, dass er zurücktaumelte, als er sich wieder befreit hatte.
Schwer atmend sahen sie einander an. Sie trug einen panischen Glanz in den Augen, er einen Ungläubigen.
Tränen hatten sich in ihren Augen gebildet. Tränen der Wut und der Scham. Wie hatte er das tun können? Sie hatte ihm vertraut? So sehr vertraut!
„Hermine" sprach er nur aufgebracht, beinahe erbost. Es war das einzige, was er in diesem Moment sagen konnte.
Die Gryffindor schaute zu Boden, noch immer lehnte sie gegen den Stamm. Man hatte den Eindruck, dass sie sich selbst dagegen presste, um eins mit der Rinde zu werden, um zu verschwinden.
„Ich bin dein Lehrer." Hauchte er ihr schließlich geschockt entgegen.
Verbissen versuchte sie ihre Tränen nieder zu kämpfen. Sie wollte das nicht hören. Verdammt! Konnte er nicht einfach gehen? Das hier alles vergessen?
Severus hatte derweil stark mit seiner eigenen Beherrschung zu kämpfen. Er konnte das nicht verstehen. Wie war das passiert? Warum sie? Warum er?!
Vorsichtig hob Hermine ihren Blick. Sie hatte Angst, vor dem, was sie nun in seinen Augen sehen würde. Doch sie musste es tun. Sie musste es wissen. Heftig atmend begegnete sie Severus´ Blick und er ließ sie gewähren. Er ließ sie in seinen Augen lesen.
Doch alles was sie sehen konnte, war eine ungeheure Aufgewühltheit, Unsicherheit und… Hermine musste hart schlucken… eine Menge Mitleid.
Tränen kullerten ihr nun unaufhaltsam über das Gesicht. Sie hätte mit allem umgehen können. Mit Abscheu, Abneigung, ja sogar Hass. Aber Mitleid war zu viel. Sie merkte, wie sie unter diesem Gefühl zusammenbrach. Sie merkte, wie ihr Körper nicht mehr lange durchhalten würde.
Mit gesenktem Kopf und ausdruckslosem Blick wickelte sie sich in ihren Umhang ein. Dann setzte sie sich mit langsamen, wackligen Schritten in Bewegung.
Severus ließ sie gehen, ohne noch etwas zu sagen. Er konnte ihr nichts mehr sagen. Er konnte sich noch nicht einmal für sein Verhalten von eben entschuldigen.
Stumm blickte er ihr nach. Solange, bis sie mit der Dunkelheit eins wurde. Erst dann erlaubte es sich der Tränkemeister, seine gerade Haltung aufzugeben und in sich zusammenzusacken. Er fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, versuchte das eben Erfahrene irgendwie zu verarbeiten.
Doch er war heillos mit dieser Situation überfordert. Als er eben in Hermines Gefühlswelt Einblick gehabt hatte, war er von Emotionen eingehüllt wurden, die er in solch einer Intensität noch bei niemandem vorgefunden hatte. Eine Wärme hatte ihn plötzlich übermannt, der er kaum hatte standhalten können. Sie hatte sich gemischt mit den unterschiedlichsten Emotionen – Angst, Zuneigung und einem Gefühl, dass so tief und verletzlich war, dass er es gar nicht aussprechen mochte. Und all diese Emotionen waren allein für ihn bestimmt gewesen. Für ihn, der solche Gefühle noch nicht einmal selber zulassen konnte… wollte.
Er schloss seine Augen, um alles um sich herum auszublenden. Er versuchte zu ergründen, was er für die Gryffindor empfand. Er hatte noch nie darüber nachgedacht. Er versuchte sich in seine Emotionen hineinzufühlen – etwas, was er bis jetzt immer für völlig überflüssig gehalten hatte.
Doch was er fühlte, überraschte ihn ein wenig. Er mochte die junge Frau. Diese Erkenntnis war neu. Wenn er an sie dachte, dann kamen ihn ihr ansteckendes Lachen und ihre wunderschönen Agen in den Sinn. Er erinnerte sich an die Szene im verbotnen Wald, wo sie sich vor diesen Höllenwesen versteckt hatten.
Und er erinnerte sich an seine letzten Gedanken, die er gehabt hatte, bevor sie angegriffen worden sind. Er hatte nur noch an ihr Wohl gedacht. Er hatte sich gewünscht, dass sie es überleben würde und er hatte sich dafür verurteilt, dass er sie nicht hatte retten können.
Er hatte sie beschützen wollen und genau das empfand er auch jetzt noch. Er wollte sie schützen, sie sicher durch diesen Krieg bringen. Doch er war nicht in sie verliebt. Da war kein Kribbeln, keine innere Unruhe, keine schwebende Leichtigkeit. Sondern einfach nur eine tiefe Sympathie, ein Beschützerinstinkt.
Weinend und zitternd lief Hermine durch die Nacht. Der Weg hoch zum Schloss kam ihr ewig vor. Sie hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten, nicht voranzukommen. Dabei wollte sie in diesem Moment nichts sehnlicher, als sich in ihr Bett zu verkriechen und in Ruhe weinen zu können.
Immer wieder dachte sie an seinen Blick, an seine beinahe geschockten Worte, er sei nur ihr Lehrer. Dachte er wirklich, dass wusste sie nicht?! Glaubte er wirklich, sie war froh über ihre Gefühle für ihn? Sie wusste doch selber nicht, wie sie damit umgehen sollte. Außerdem hatte er sich in den letzten Monaten auch nicht daran gestört, dass sie seine Schülerin war.
Völlig blind für ihre Umwelt schritt sie immer weiter den seichten Hügel zum Schloss hinauf. Ihr tränenverklärter Blick war starr zu Boden gerichtet, ihre Haltung gebückt.
„Hermine?" drang plötzlich ihr eigener Name an ihr Ohr. Doch sie war sich sicher, dass sie sich das nur eingebildet hatte. Ohne einmal aufzusehen, setzte sie ihren schweren Weg fort.
„Mine!" ertönte es erneut und dieses Mal wurde sie auch an einem Arm festgehalten.
Erschrocken über diese plötzliche Berührung, blickte sie auf und sah direkt in die grünen Augen Harrys, die sie besorgt ansahen.
Hermine versuchte erst gar nicht ihre Tränen zu verbergen. Dafür war es schon lange zu spät.
„Mine, was ist los?" fragte Harry seine Freundin, als er ihr verweintes Gesicht und die geröteten Auge sah.
Die junge Frau schniefte einmal laut auf, doch reden konnte sie nicht. Und ehrlich gesagt, wusste sie noch nicht einmal, was sie Harry hätte sagen sollen. Ihre ganze derzeitige Situation war einfach zu verfahren.
„Schon okay." Würgte sie schließlich unter großer Anstrengung hervor. Doch sie kannte Harry gut genug und wusste ganz genau, dass er jetzt nicht locker lassen würde.
Harry hatte so ein bestimmtes Syndrom. Wenn auch nur einer seiner Freunde in Not war, oder es ihnen schlecht ging, dann wich er nicht von ihrer Seite, so lange, bis es ihnen wieder besser ging.
Hermine hatte diese Courage immer bewundert. Doch in diesen Augenblick verfluchte sie diese Charaktereigenschaft.
Zart packte Harry die Gryffindor an beiden Schultern und zwang sie somit ihn anzusehen. Hermine hatte kaum eine Chance, sich dem zu widersetzen.
„Erzähl mir, was dich so traurig macht." Forderte Harry sanft, ohne sie dabei unter Druck setzen zu wollen.
„Es ist wirklich okay Harry." Versuchte Hermine ihren Freund davon zu überzeugen. Zur Unterstützung blickte sie ihn eindringlich an. Sie hoffte, dass er ihr Glauben schenken würde.
Stumm erwiderte Harry ihren Blick. Doch plötzlich veränderte sich dieser. Erst konnte Hermine eine Erkenntnis in seinen grünen Augen aufleuchten sehen, dann wurden sie grimmiger.
„Snape." War das einzige, was Harry sagen konnte.
Hermines Augen weiteten sich voller Panik. Sie fragte sich erst gar nicht, wie er das jetzt herausgefunden hatte. Offensichtlich waren ihre Augen heute für jeden ein offenes Buch. Viel mehr wollte sie Harry von diesen Gedanken wieder abbringen. Andernfalls würde dies hier in einer Katastrophe enden.
„N-nein." Stotterte Hermine um Ruhe und einer guten Ausrede bemüht. „Es… es ist nicht so… es hat nichts mit ihm zu tun."
Doch Harry schien sich seine eigene Meinung gebildet zu haben. „Was hat er dir angetan?" forderte er nun etwas strenger. In seinen Augen stand der abgrundtiefe Hass gegenüber diesem Mann geschrieben.
„Nichts… Harry… wirklich…" stotterte sie, doch Harry schien ihr gar nicht mehr zuzuhören.
„Wo ist er?" fragte er schließlich mit ungewohnt harter Stimme.
Ungewollt blickte Hermine in die Richtung, aus der sie gekommen war. Und keine Sekunde später wusste sie, dass sie Harry soeben die Antwort auf seine Frage gegeben hatte.
Ohne dass die junge Frau etwas dagegen machen konnte, ließ Harry sie los und stürmte mit gezücktem Zauberstab in die Richtung, die Hermine ihn unweigerlich gezeigt hatte.
„Harry nein!" rief sie ihm hinterher. Keine Sekunde später setzte auch sie sich wieder in Bewegung. Sie rannte ihrem Freund hinterher, versuchte ihn aufzuhalten. Doch Harry war in seiner Wut nicht mehr einzuholen.
Ihr Herz pochte fürchterlich schmerzhaft gegen ihren Brustkorb. Ihre Lunge brannte, ihre Beine zitterten und drohten nachzugeben. Sie hoffte, dass Severus nicht mehr dort war, dass er bereits gegangen war. Sie hoffte… so sehr.
Severus lehnte noch immer gegen den Baum. Den Blick hatte er in die weite Ferne gerichtet. An den Rand des verbotenen Waldes. Er dachte nach. Über Hermine, darüber, wie es jetzt weitergehen sollte. Er kannte sich mit solchen Gefühlen nicht aus. Und daher hatte er absolut keine Ahnung, wie er jetzt mit ihr umgehen sollte.
Ein roter Lichtstrahl, der dicht an ihm vorbeisauste, holte ihn gewaltsam aus seinen Gedanken. Reflexartig zog Severus seinen Zauberstab und richtete ihn in die Richtung, aus der der Fluch gekommen war.
Er konnte sehen, wie jemand auf ihn zukam, doch noch bevor er diesen jemand identifizieren konnte, wurde er von einem weiteren heftigen Fluch angegriffen. Nur aufgrund seiner schnellen Reaktion hatte er diesem Blitz ausweichen können.
Severus selbst schickte einen Entwaffnungszauber auf die schemenhafte Gestalt, doch dieser Zauber wurde mit Leichtigkeit abgewehrt.
„Sie elendiger Bastard!" schrie ihm plötzlich der Angreifer entgegen. Und innerlich seufzte Severus leise auf, als er die Stimme Potters erkannte.
Ein roter Blitz schlug neben Severus ein. „Verdammt Potter!" rief er und konnte in den Moment gerade noch so einen weiteren Fluch abwehren. „Beruhigen Sie sich!" mahnte er seinen Schüler, doch dieser schien nicht im Entferntesten daran zu denken.
Ein Zauber nach dem anderen wurde auf Severus abgefeuert. Severus selbst schickte nur Abwehrflüche auf seinen Schüler ab. Warum, war ihn in diesem Moment auch ein Rätsel. Doch er verspürte nicht die geringste Lust, Potter außer Gefecht zu setzen. Vielleicht wollte er somit sein Verhalten Hermine gegenüber büßen.
Doch nur ein paar Augenblicke später, sollte er diese Entscheidung bereuen. Ein Lichtstrahl traf ihn hart am Oberkörper, schleuderte ihn gegen den Stamm des Baumes zurück und fesselte ihn dort.
Harry stand mit einem wütend-verklärtem Blick vor seinem Tränkeprofessor, den Zauberstab auf ihn gerichtet.
„Sind Sie jetzt völlig übergeschnappt Potter?" fragte Severus in gewohnt gelangweiltem Tonfall nach. Er hatte nicht vor, dem Potter-Jungen zu zeigen, wie durcheinander er im Moment war.
„Was haben Sie mit ihr gemacht?!" schrie Harry ihn nur an, ohne auf die Frage seines Professors einzugehen.
Severus´ Augenbrauen stiegen nach oben. Wovon sprach dieser Bengel? „Ich kann Ihnen nicht ganz folgen." Schnarrte er mit dunkler Stimme zurück.
Sofort presste Harry seine Zauberstabspitze gegen seinen Hals.
„Harry hör auf!" rief plötzlich eine andere, eine dritte Stimme dazwischen.
Severus blickte an Harry vorbei und sah Hermine, die nur wenige Meter neben den beiden Männern zum Stehen gekommen war. Völlig außer Atem, mit geröteten Wangen und verweinten Augen.
Severus schloss kurz seine Augen, als er die Gryffindor sah. Und da wurde ihm bewusst, warum Potter so außer sich war. Hermine.
„Harry!" sprach die Gryffindor erneut ihren besten Freund an. Dieses Mal jedoch deutlich strenger. „Er hat nichts getan!"
Severus sah seine Schülerin mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. Natürlich hatte er ihr etwas angetan. Er war ohne Erlaubnis in ihren Geist eingedrungen, was er auch sogleich bitterböse gebüßt hatte.
„Warum verteidigst du ihn?" fragte Harry die Gryffindor aufgebracht. „Ich habe es deutlich gesehen, dass ER der Grund ist!"
Hermine war um Ruhe bemüht. Diese Situation kam ihr völlig absurd vor. Sie versuchte ihren Atem zu normalisieren und vor allem versuchte sie eine gute Ausrede zu finden, mit der sie sich aus dieser Nummer wieder herausbrachte.
„Es… es ist kompliziert." Sprach sie schließlich und wusste sofort, dass sie sich damit nur noch mehr in den Schlamassel hineingezogen hatte.
Beide Männer blickten die junge Frau nun mehr als aufmerksam an. Hermine kam sich wie ein Affe im Zoo vor. Alle erwarteten, dass sie jetzt irgendetwas sagte. „Bitte Harry." Flehte sie ihren Freund schließlich an. „Glaub mir."
Lange erwiderte Harry ihren flehenden Blick. „Ich kann dir nicht glauben, dass er dich nicht verletzt hat." Erwiderte er bitter.
Hermine sackte in sich zusammen. Doch schließlich ließ Harry dennoch von seinem Lehrer ab und schritt auf Hermine zu. Sein Blick war ernst.
„Wenn du es mir nicht erzählen willst, dann kann ich es auch nicht ändern." Sprach er enttäuscht.
Hermine blickte ihn entschuldigend an. Doch sagen konnte sie nichts. Harry hatte einfach nur Recht. Doch plötzlich spürte sie, wie sich eine Hand freundschaftlich auf ihre Schulter legte.
„Es tut mir leid." Hauchte Hermine nur. „Aber ich kann einfach nicht." Und in diesem Augenblick hoffte sie wirklich, dass dieser Zwischenfall nichts zwischen Harry und ihr veränderte.
Schließlich nickte Harry nur. Offensichtlich hatte auch er eingesehen, dass er jetzt nichts ausrichten konnte. „Soll ich dich zurück zum Schloss bringen?" fragte er sanft nach.
Vorsichtig schüttelte Hermine ihren Kopf. „Geh schon mal vor. Ich… ich hab noch was zu erledigen."
Abermals huschte Unverständnis über seine grünen Augen. Doch schnell hatte er sich wieder unter Kontrolle.
„Ich bin da, wenn du mich brauchst." Meinte er schließlich nur noch.
Mit einem letzten bitterbösen Blick auf Snape wandte er sich schließlich von beiden Personen ab, um zum Schloss zurückzukehren.
Als Harry weg war, atmete sie junge Frau einmal tief durch. Sie fühlte sich grausam, gedemütigt, erniedrigt. Wie schlimm konnte es eigentlich noch werden?
Ohne Severus anzublicken, befreite sie ihn von den Fesseln. Ein unangenehmes Schweigen hatte sich zwischen ihnen ausgebreitet.
„Warum hast du das getan?" fragte sie ihn schließlich.
Severus wusste genau, was sie damit meinte. Dass sie den Vorfall von eben, das Eindringen in ihre Gedanken ansprach.
Ihre Worte waren nur ein Flüstern gewesen. Ein verzweifelter Laut, der sich aus ihrer Kehle gerungen hat. Aber dennoch trafen ihn diese Worte wie ein gewaltiger Schlag.
Er schluckte. Severus wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
„Ich konnte nicht anders." Gab er schließlich ebenso leise und mit einer ungewohnt rauen Stimme zurück.
Enttäuscht blickte Hermine ihn an. „Man hat immer eine Wahl."
„Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass ich bei dir keine Wahl mehr habe."
Fragend blickte sie ihren Tränkemeister an. Sie verstand seine letzten Worte nicht. Aber sie wollte auch nicht nachfragen.
„Es tut mir leid." Hörte sie ihn schließlich sagen.
Wieder sah sie ihn an. Ein gewaltiger Schauer jagte durch ihren Körper, als sie die Ehrlichkeit seiner Worte sich in seinen Augen widerspiegeln sah.
Seicht nickte sie nur.
Wieder breitete sich eine dröhnende Stille zwischen ihnen aus. Und wieder war es Hermine, die dieses Schweigen nicht mehr aushielt und es brach.
„Ich nehme an, dir wird es jetzt eine große Freude bereiten, Harry von der Schule zu werfen?" fragte Hermine mit einem Hauch Resignation in der Stimme. Doch anblicken konnte sie ihn nicht. Jeder Muskel in ihr war angespannt, als sie auf seine Antwort wartete. Und sie musste verdammt lange warten.
„Er wird nicht von der Schule verwiesen." Waren die einzigen Worte, die er ihr schließlich zukommen ließ.
Überrascht blickte sie ihn an, doch der Blickkontakt war flüchtig und von einer peinlichen Berührtheit begleitet, die keiner der beiden aushalten konnte.
„Hättest du Potter gesagt, was vorhin passiert ist, hätte er durchaus allen Grund gehabt, mich anzugreifen." Fügte er mit ernster Stimme hinzu.
Stumm nickte Hermine ihm zu. Sie wusste, dass er ihr eben somit für ihre Verschwiegenheit gedankt hatte. Sie hatte keine Ahnung, warum sie ihn damit davonkommen ließ. Vielleicht war es, weil sie ihn gereizt hatte. Vielleicht auch, weil sie ihn nicht davon abgehalten hatte, sich ihr zu nähern. Vielleicht aber auch, weil sie sich trotz aller Scham nun irgendwie befreiter fühlte.
Aber sie wusste auch, dass er mit seiner letzten Aussage recht gehabt hatte – leider. Und in dieser Übereinstimmung trennten sich beide Personen. Jeder setzte seinen eigenen Weg fort. Mit gemischten, aufgewühlten Gefühlen.
