44. Vergessen
Die nächsten Tage waren für Hermine die Hölle. Sie wusste, dass sie beim letzten Gespräch mit Severus zu weit gegangen war. Doch sie erhielt keine Gelegenheit, sich bei ihm zu entschuldigen. Und wenn sie ehrlich mit sich war, hatte sie auch eine riesige Angst davor, diesen Schritt zu gehen.
Im Tränkeunterricht beachtete Severus sie kein bisschen. Sie war Luft für ihn. Er sah sie nicht an, er kontrollierte nicht ihre Arbeiten, er blickte noch nicht einmal in ihren Kessel. Und sobald der Unterricht vorbei war, floh er förmlich aus dem Klassenzimmer, sodass sie keine Möglichkeit hatte, ihn alleine anzusprechen.
Es tat weh mit Missachtung von ihm bestraft zu werden. Doch sie hatte es nicht anders verdient. Sie hatte immer gedacht, dass man einen Severus Snape nicht so schnell kränken konnte. Doch sie hatte es offensichtlich geschafft. Sie hatte seinen wundesten Punkt getroffen und ihn somit zum Fallen gebracht.
Und so flogen die Tage an der jungen Frau vorüber, ohne dass wirklich etwas passierte. Doch dann stand plötzlich das nächste Ordenstreffen an und Hermine überlegte hin und her, ob sie dort erscheinen sollte oder nicht. Doch schließlich ließ sie sich von Harry mitschleifen, der diese Treffen sehr ernst zu nehmen schien.
„Jetzt, wo du schon Mitglied des Ordens bist, bist du auch dazu verpflichtet, an den Treffen teilzunehmen." Hatte er ihr in bester Besserwisser-Manier, die eigentlich ihr vorbehalten war, erklärt.
Und da sie sich mit Harry nicht auch noch anlegen wollte, fügte sie sich schließlich ihrem Schicksal.
Als Hermine den großen Raum im Fuchsbau betrat, der als Treffpunkt für den Orden diente, wurde sie auch sogleich von ihrem neuen Partner herzlich begrüßt. Sofort war Matt aufgesprungen und hatte ihr den Stuhl direkt neben sich zurrecht gerückt.
Hermine wusste gar nicht, wie ihr geschah. Sie war doch tatsächlich in den letzten Tagen so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie Matt komplett vergessen hatte. Jetzt, wo ihr dies gewahr wurde, schämte sie sich ein wenig dafür. Denn er schien sie offensichtlich nicht vergessen zu haben.
Mit einem leise gemurmelten Danke setzte sich Hermine auf dem ihr dargebotenen Platz.
„Wie geht es dir Hermine?" erkundigte sich Matt auch sogleich, nachdem er sich selbst wieder gesetzt hatte.
Hermine wusste im ersten Augenblick nicht, ob sie ihm jetzt die Wahrheit sagen oder eher eine Lüge auftischen sollte. Schließlich entschied sie sich für die goldene Mitte. „Ganz gut. Bin nur ein bisschen müde vom vielen Lernen."
Freundlich blickte Matt die junge Frau an. „Das kenn ich. Aber glaub mir, auch das geht vorbei."
Hermine konnte daraufhin nur müde lächeln. Das Lernen ging sicherlich vorbei. Doch traf das auch auf Gefühle zu? Auf Schuldgefühle, auf tiefere Gefühle?
Matt berichtete ihr, dass er ebenfalls Hogwarts besucht hatte, dass er vor fünf Jahren seinen Abschluss dort gemacht hatte und anschließend eine Ausbildung zum Auroren absolviert hatte. Nebenbei bemerkte er, dass er sich mehr als wunderte, dass Hermine ihn während seiner Schulzeit nie aufgefallen war.
Er erzählte ihr, dass er nun ein kleines Appartement in Westlondon bewohnte, dass er gerne schwimmen ging und eine Schwäche für Muggeleis hatte.
Doch Hermine hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Denn ihre Aufmerksamkeit hatte nun jemand gefordert, der nur ein paar Plätze entfernt von ihr saß.
Severus hatte wie gewohnt neben Albus Platz genommen. Doch er wirkte heute abgespannt. Er war aschfahl im Gesicht, seine Augen waren dumpf, seine Haare fettig. Er sah müde, ausgelaugt aus.
In Hermine zog sich alles zusammen, als sie ihn so sah. Und ohne dass sie hätte nachfragen müssen, wusste sie, dass er bei einem Todessertreffen gewesen war. Sie wusste, dass Voldemort ihn gefordert hatte.
Die junge Frau versuchte mit ihm Augenkontakt herzustellen, doch Severus blickte einfach nur starr in den Raum hinein.
Schließlich erhob sich auch der Direktor, um das Treffen für eröffnet zu erklären. Dumbledore informierte die Ordensmitglieder über Neuigkeiten, sprach einige Mitglieder direkt an, verteilte Aufgaben. Doch all das nahm Hermine nur wie durch einen Schleier wahr.
Doch schließlich wurden auch Matt und sie von Dumbledore angesprochen. Abermals aus ihrer Starre gerissen, blickte sie den Direktor fragend an. Innerlich nahm sich Hermine fest vor, bei den künftigen Ordenstreffen immer aufmerksam zu sein – egal was passierte.
„Für euch beide habe ich auch einen Auftrag." Fuhr der Direktor schließlich fort.
Hermine sah erst Dumbledore und dann Matt überrascht an. Sie bekamen schon einen Auftrag? Das überraschte die junge Frau ziemlich.
„Informanten haben einen weiteren Aufenthaltsort von einem Todesserpärchen ausfindig machen können." Fuhr der Direktor fort. „Sie haben sich in West-Sussex niedergelassen. Es ist noch ein ziemlich junges Paar, ihre dunkle Magie ist noch nicht ganz ausgereift."
Kurz blickte der Direktor die beiden Angesprochenen an. „Ich bin mir sicher, dass ihr sie überwältigen könnt, um sie anschließend an die Auroren im Ministerium zu übergeben."
Während Matt und Hermine dem Direktor zunickten, blickte Severus seinen Mentor mit einem mörderischen Blick an. Es konnte nicht sein, dass Albus Hermine bereits jetzt zu einem Außeneinsatz einteilte – auch mit Partner war das viel zu früh. Mal abgesehen davon, dass er von Albus´ Partnerwahl auch nicht gerade begeistert war. Er war viel zu jung und hatte kaum mehr Erfahrungen als Hermine. Zudem wirkte er mit seinem penetranten Dauergrinsen alles andere als respekteinflößend.
„Ihr werdet in zwei Tagen nach West-Sussex apparieren und diese beiden Todesser überführen. Weitere Ordensmitglieder sind natürlich in eurer Nähe, falls etwas passieren sollte."
Severus zuckte kaum merklich bei Albus´ letzten Worte zusammen. Hatte der alte Mann denn eine Minute lang über dieses Vorhaben nachgedacht? Er schickte zwei völlig unerfahrene Personen zu den Todessern. Gut, dieser Matt sollte zwar angeblich bereits ein paar Jahre Erfahrung haben, doch wenn Severus ehrlich war, traute er diesem Jungen nicht wirklich viel zu.
Hermine hingegen wusste nicht wirklich, ob sie sich über Albus´ Vertrauen freuen oder ob sie Angst haben sollte.
Sie kannte Matt noch gar nicht richtig und schon wurde sie mit ihm auf einen Einsatz geschickt. Die junge Frau versuchte den Rest des Treffens herauszufinden, was sie davon halten sollte. Doch zu einer Lösung kam sie nicht.
Schließlich unterbrach das Ende der Versammlung ihre wirren Gedankengänge. Sie blickte auf und bemerkte, dass Severus´ Platz bereits verlassen war. Sofort sprang sie auf und eilte mit schnellen Schritten aus dem Zimmer. Im Garten hatte sie ihn schließlich eingeholt.
„Severus?" rief sie ihm etwas unsicher nach.
Der Angesprochene blieb stehen, drehte sich jedoch nicht zu der jungen Frau um. „Was willst du?" kam es auch nur desinteressiert und beinahe genervt zurück.
Hermine schluckte. Sie konnte kaum den Mut aufbringen, um weiter zu sprechen. Doch wenn sie jetzt einen Rückzieher machen würde, wäre das noch schlimmer.
„Ich wollte nur wissen, ob… ob alles in Ordnung ist." Ihre Stimme war ruhig und leise gewesen. Doch eine gewisse Unsicherheit hatte sie nicht verbergen können.
„Sicher." Erwiderte er mit ungewohnt gefasster Stimme und drehte sich nun endlich zu Hermine um. „Ich bin nur mal wieder auf den falschen Pfad spazieren gegangen."
Bitter sah er sie an. Seine Worte hatten ihre Wirkung bei Hermine nicht verfehlt. Sie taten weh, gruben sich bis tief in ihre Seele hinein, rissen sie gewaltsam auf.
Entschuldigend sah sie ihn an, doch Severus ließ ihr nicht die Zeit, um noch etwas dazu zu sagen. Nur wenige Sekunden nachdem er ihr diese Worte hatte zukommen lassen, war er bereits zurück nach Hogwarts appariert.
Zurück blieb eine junge Frau, die innerlich zerrissen und aufgewühlt war und nach außen hin ihre Tränen der Verzweiflung nicht mehr verbergen konnte.
*****
Severus war wieder zurück in seine Räume gekehrt. Erschöpft und mit hämmernden Kopfschmerzen saß er in seinem Sessel und ließ sich von dem prasselnden Feuer im Kamin wenigstens ein wenig Wärme zurückgeben.
Das Treffen bei den Todessern letzte Nacht hatte ihn viel Kraft abverlangt. Der dunkle Lord hatte einmal mehr einen Beweis für seine Loyalität gefordert. Und pervers und krank wie der dunkle Lord war, hatte er von ihm natürlich verlangt, sich selbst zu geißeln.
Nur mit größter Anstrengung und Willensstärke, die er sich über die Jahre hinweg antrainiert hatte, hatte er sich selbst mit diversen Cruciati verstümmeln können.
Und nun brannte sein gesamter Körper wie die Hölle. Er hatte schon zahlreiche schmerzstillende Tränke genommen. Doch seine eigene Magie, die er gegen sich selbst gerichtet hatte, war so stark gewesen, dass kein Trank so recht helfen wollte.
Und zu allem Überfluss musste ihn Hermine auch noch fragen, ob alles in Ordnung sei. Er stöhnte laut auf, als er an ihren besorgten Gesichtsausdruck denken musste. Warum sah sie ihn so… so wie sie ihn halt sah? Er verstand nicht, wie eine hübsche junge Frau sich ausgerechnet in ihn verlieben konnte.
Sie sollte ihr Herz, welches noch so rein und liebevoll war, lieber jemand anderen schenken. Jemand, der es verdient hatte, jemand, der es auch haben wollte.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Genervt, aufgrund der Störung, nahm er seinen Zauberstab und öffnete damit die Tür. Herein kam, wie sollte es auch anders sein, ein freundlich lächelnder Albus Dumbledore.
„Darf ich dich kurz behelligen mein Lieber?" fragte er in einen Ton nach, der deutlich machte, dass, egal was Severus jetzt antwortete, er so oder so sich mit ihm unterhalten würde.
„Das tust du bereits." Erwiderte Severus daraufhin nur resignierend und bot Albus dennoch einen Platz auf dem gegenüberstehenden Sessel an.
Kurz herrsche ein Schweigen zwischen den beiden Männern, was Severus als beinahe angenehm empfand.
„Ich bin hier…" Nahm der Direktor schließlich das Wort wieder auf, „…da mir dein erboster Blick vorhin nicht entgangen ist."
„Das sollte er auch nicht." Gab Severus verbissen zurück.
„Ich kann mir denken, dass du meine Entscheidung nicht mit trägst." Sprach Albus weiter.
„Du hättest wenigstens vorher mit mir eine Absprache treffen können." Konterte Severus mit wütender Stimme. „Mal ganz abgesehen davon, dass es der reinste Wahnsinn ist, dass du die beiden jetzt schon auf einen Außeneinsatz schickst."
„Ich bin zuversichtlich, was das betrifft." Versuchte der Direktor Severus zu beruhigen. Doch dieser dachte nicht daran.
„Hermine und Mr. Collin haben sich gerade zweimal gesehen. Und du forderst, dass beide schon gut zusammen arbeiten? Wie soll das funktionieren, wenn sie sich nicht kennen?!"
„Bitte beruhige dich Severus." Meinte Albus sanft. „Ich habe meine Gründe, warum ich beiden schon einen solchen Auftrag gegeben habe.
Der Tränkemeister konnte daraufhin nur missbilligend schnauben.
„Matt ist ein hervorragender junger Auror. Seine Fertigkeiten sind sehr gut und er besitzt eine große Portion Mut. Ich bin mir sicher, dass er auf unsere Hermine gut aufpassen wird."
„Oh ja, daran habe ich keinen Zweifel. So wie Mr. Collin Hermine anschmachtet, wird er sich sicherlich zwischen sie und einem Todesser werfen." Meinte er bissig.
„Warum so zynisch Severus?" fragte der Direktor mit freundlichen blauen Augen nach.
„Als ich dir den Vorschlag unterbreitet hatte, Hermine einen Partner zur Seite zu stellen, dachte ich an einen erfahrenen Auror und nicht an einen solchen Hampelmann." Erwiderte Severus aufgebracht.
Auf Dumbledores Zügen breitete sich ein feines Lächeln aus. Ein Lächeln, was mehr als tausend Worte sagte. „Du findest ihn also zu jung?" fragte Albus in einem seltsamen Ton nach.
„Das habe ich doch eben gerade gesagt oder nicht?" antwortete der Tränkemeister um Beherrschung bemüht.
„Nun für Hermine ist er nicht zu jung. Ich würde sogar sagen, sie sind beide im richtigen Alter."
Severus kräuselte ungläubig seine Stirn. „Was willst du damit sagen? Willst du die beiden miteinander verkuppeln?"
„Wäre das ein Problem für dich?" hakte Albus mit großen fragenden Augen nach.
„Natürlich nicht!" kam auch prompt die Antwort zurück. Das war doch lächerlich. Warum sollte er ein Problem damit haben, wenn Hermine und dieser Matt miteinander… Hier brach er ab. Wenn er ehrlich war, wollte er lieber nicht genauer darüber nachdenken.
„Die beiden werden das schon schaffen." Sprach Albus erneut und erhob sich aus dem Sessel. „Du musst dir also nicht so viele Sorgen um Hermine machen."
„Ich mache mir keine Sorgen um sie!" ereiferte sich Severus wie ein Kleinkind, was beim heimlichen Naschen von Schokolade erwischt worden war und dieses nun leugnete.
„Sicher, das tust du nicht." Waren die letzten Worte des Direktors, bevor er den Tränkemeister wieder alleine ließ.
