45. Neue Chancen für das Herz
Mit zitternden Knien und heftig pochendem Herzen stand Hermine vor Severus´ Räumen. Wie lange sie bereits dort stand, wusste sie nicht. Aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Schon vor Stunden hatte sie den Entschluss gefasst, sich bei ihm zu entschuldigen.
Doch als sie diese Entscheidung getroffen hatte, hatte es noch einmal zwei Stunden gedauert, bis sie sich überhaupt hatte aufrappeln können. Es hatte ihr eine Menge Kraft gekostet, hierher zu kommen.
Und jetzt, wo sie hier war, schaffte sie es nicht, einfach gegen diese verdammte Tür zu klopfen.
Es war bereits sehr spät. Doch sie glaubte nicht, dass Severus schon schlief. Hermine schloss für einen ruhigen Moment ihre Augen. Sie versuchte ihre Atmung zu kontrollieren, ihre innere Unruhe zu bändigen.
Sie hatte sich die ganze Zeit über gefragt, was sie ihm sagen sollte. Ob er ihr überhaupt zuhören würde, ob er sie abweisen würde? So viele Fragen wirbelten durch ihren Kopf, sodass ihr ganz schwindelig wurde.
Doch schließlich öffnete sie wieder ihre dunkelbraunen Augen und ein kämpferischer Glanz hatte sich in ihnen ausgebreitet. Sie war eine Gryffindor! Da würde sie es doch wohl schaffen, an eine Tür zu klopfen.
Und ohne noch weiter darüber nachzudenken, hob sie ihre Hand und klopfte zweimal gegen das massive Holz.
Sofort nahm eine Übelkeit von ihr Besitz und ihr Herz pochte so schnell, dass Hermine das Gefühl hatte, es würde ihr jeden Moment aus der Brust springen. Ihr Gehör schien sich nur noch auf das, was sich hinter der Tür abspielte zu konzentrieren. Alle anderen Geräusche hatte es ausgeschaltet.
Doch die Sekunden verstrichen und Hermine konnte nichts hören. Die Tür blieb verschlossen. Erneut überwand sie sich und klopfte noch einmal, nun ein wenig lauter.
Doch auch dieses Mal wurde sie nicht geöffnet. Die junge Frau sackte in sich zusammen. Doch sie wollte nicht aufgeben. Sie wollte sich endlich bei ihm entschuldigen, diese Last von ihrem Herzen nehmen.
Entschlossen ging sie zur nächsten Tür, die zu Severus´ Büroräumen führte. Auch hier klopfte sie an, doch als auch diese Tür verschlossen blieb, nahm sie noch einmal all ihren Mut zusammen, legte ihre eine Hand zitternd auf die Türklinke und drückte diese nach mehreren Augenblicken des Verweilens hinunter.
Und zu ihrer Überraschung ließ sich die Tür tatsächlich öffnen. Vorsichtig lugte die junge Frau in den Raum hinein. Doch er war dunkel und verlassen. Dennoch holte sie ihren Zauberstab hervor, sprach einen Lumos und trat in den Raum hinein.
Hermine wusste, dass sie nicht hier sein durfte, nicht ohne seine Erlaubnis. Severus würde sie verfluchen, wenn er sie jetzt hier erwischt.
Doch die weibliche Neugier trieb sie in sein Büro. Sie schritt an den großen Regalen vorbei, welche zahlreiche Bücher beherbergten. Beinahe andächtig strich sie mit ihren zarten Fingern über die alten verstaubten Buchrücken.
Gegenüber den Bücherregalen stand der große Schreibtisch aus massivem Holz, der mit zahlreichen Pergamenten übersäht war.
Dann fiel ihr Blick auf eine Tür. Eine Tür, die ihr zuvor noch nie aufgefallen war. Aber gut, wann war sie schon mal in Severus´ Büro gewesen. Hermine schritt auf die Tür zu und überlegte kurz, was sie jetzt tun oder besser lassen sollte.
Doch sie war eine Frau. Und wie Frauen nun einmal so sind, hören sie nicht auf ihre Vernunft, sondern auf ihre Neugier, die ihnen förmlich zu schreit, dass sie es doch endlich tun sollen.
Und so drückte Hermine auch diese Türklinke nach unten. Und auch dieses Mal ließ sie sich ohne weiteres öffnen. Lautlos öffnete sich die Tür und gab Stück für Stück den Raum dahinter preis.
Ein diffuses Licht schien ihr entgegen, so dass sie sich im ersten Moment die Hand vor die Augen halten musste. Doch als sie sich an diese Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, ging sie einen Schritt in den Raum hinein und erstarrte augenblicklich.
Fassungslos starrte sie auf eine Szenerie, die sich vor ihr abspielte und der Gryffindor wie ein böser Traum vorkam. Alles in ihr vereiste, ihr Herz schien in tausend Teile zu zerbersten, ihr Magen begann zu rebellieren.
Nur wenige Meter vor ihr räkelte sich Severus mit einer unbekannten Schönheit auf dem Sofa. Beider Körper waren nackt und eng umschlungen, der Schweiß ihres Liebesspiels glänzte verführerisch im diffusen Licht.
Die Frau mit langen roten Haaren und blasser Haut saß auf Severus´ Schoß und ritt ihn in einem atemberaubenden Tempo. Lautes lustvolles Stöhnen erfüllte den Raum.
Hermine schlug sich ihre Hand vor dem Mund. Die Übelkeit wallte in ihr hoch. Doch bewegen konnte sie sich noch immer nicht. Wie paralysiert musste sie auf diese beiden Personen starren, die so in ihrem leidenschaftlichen Akt vertieft waren, dass sie den Eindringling noch nicht einmal bemerkt hatten.
Doch dies war nur eine Frage der Zeit gewesen. Und so passierte schließlich das, was passieren musste. Severus öffnete für einen kurzen Moment seine Augen. Und was er sah, ließ ihn sich fragen, ob er sich die Person, die wenige Meter von ihm entfernt stand, nur einbildete oder ob er gerade tatsächlich beim Liebesspiel beobachtet wurde.
Severus brauchte mehrere Sekunden, bis er begriffen hatte, dass diese Hermine dort real war, dass sie tatsächlich dort stand und ihn mit weit aufgerissenen Augen panisch anblickte.
Und als sein Gehirn eben diese Erkenntnis gewonnen und verarbeitet hatte, packte er die Frau auf seinem Schoß, warf sie von sich runter und warf eine Decke über sich und der Frau. Dann richtete er seinen Blick verhängnisvoll auf Hermine.
Wenn Blicke hätten töten können, wäre Hermine mit Sicherheit auf der Stelle tot umgefallen. Die brutale Intensität mit der er sie anblickte, ließ sie vergessen zu atmen, zu denken, zu blinzeln.
„RAUS!" donnerte seine Stimme plötzlich unverhohlen und mit einer gewaltigen dunklen Präsenz durch den Raum und traf Hermine so hart und schmerzvoll wie ein Schlag in die Magengrube.
Und eben dieses eine Wort war es, welches sie aus ihrer Starre riss. Sofort setzte sich ihr Körper in Bewegung und rannte aus Severus´ Räumen durch das Büro zurück in den langen dunklen Korridor der Kerker.
Severus starrte noch mehrere Sekunden, nachdem Hermine bereits verschwunden war, auf die Stelle, wo sie gestanden hatte. Zornig und verwirrt saß er auf der Couch, die noch immer nackte Frau neben sich völlig vergessend.
„Verdammt!" schrie er plötzlich in die Stille hinein, warf die Decke, die er sich schnell übergeworfen hatte beiseite und erhob sich, um sich wieder anzukleiden.
Ein Donnerwetter tobte in seiner Brust. Wie hatte das nur passieren können? Wie zur Hölle war SIE hier rein gekommen? Er schloss doch sonst immer all seine Räume ab.
Ungläubig schüttelte er seinen Kopf, als er plötzlich merkte, wie sich eine zarte Hand von hinten über seine Brust tastete. Verführerisch und sanft liebkoste sie seine Haut, seine Brustwarzen. Doch Severus´ Lust war verraucht. Verdampft wie heißes Wasser.
Einige Augenblicke lang, ließ er sich die Berührungen gefallen, doch schließlich erfasste er grob die Hand und löste sie von seinem Körper. „Du kannst gehen." Sagte er der Frau nur mit strenger unhöflicher Stimme.
„Aber ich bin noch nicht mit dir fertig Severus." Liebsäuselte die Frau, die sich offensichtlich von seiner plötzlichen Abneigung nicht beirren ließ.
Erneut legte sie seine Hände auf seinen Körper. Doch dieses Mal reagierte Severus schneller. Wieder packte er grob die zarte Frauenhand, riss sie von sich und drehte sich dabei zu der Frau um. „Ich habe gesagt, wir sind fertig." Teilte er ihr abermals mit dunkler angsteinflößender Stimme mit.
Die Frau zuckte daraufhin nur mit ihren Schultern. Anscheinend ließ sie sich von dem Tränkemeister nicht wirklich einschüchtern. „Da kann man wohl nichts machen." Meinte sie, ohne dass aus ihrer Stimme herauskam, dass sie diese Unterbrechung in irgendeiner Art bereute.
Sie wirbelte herum, sodass ihr langes rotes Haar sich wie ein Teppich in der Luft ausbreitete. Dann nahm sie ihre Sachen und zog sich an.
„Hier ist dein Geld." Schnarrte Severus und warf ihr dieses auf den kleinen Couchtisch. „Der volle Preis." Ergänzte er noch mit gequältem Ausdruck im Gesicht.
„Wie großzügig Severus." Schnurrte die Frau, die sich nur einen langen schwarzen Umhang aus Samt übergezogen hatte. Wie eine Katze schmiegte sie sich kurz an den Tränkemeister an, um ihn ein letztes Mal lasziv über das Ohr zu lecken.
Severus nahm diese Geste unberührt entgegen.
Die Frau steckte ihr Geld ein und verschwand schließlich durch den Kamin mit einem gehauchten „Bis nächstes Mal."
Sobald die grünen Flammen des Flohpulvers die Frau verschlungen hatten, sacke Severus auf seinen Sessel zusammen. Er vergrub sein Gesicht in die Hände und atmete ein paar Mal tief durch.
Das, was eben passiert war, kann mit Abstand als tiefster Tiefpunkt betrachtet werden, den Hermine und er erreichen konnten. Nach all dem was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten zwischen ihnen vorgefallen war, waren sie nun am absoluten Nullpunkt angelangt.
Noch immer konnte er nicht verstehen, warum er seine Türen nicht verriegelt hatte. Und ständig musste er sich fragen, warum er ausgerechnet heute hier bleiben musste und nicht ins Bordell appariert war. Warum hatte er Miranda auch zu sich bestellen müssen?! Das hatte er doch sonst nie getan.
Viel zu groß war die Gefahr, in irgendeiner Weise erwischt zu werden. Und was würde das für einen Skandal geben, wenn man herausfand, dass der gemeine Tränkemeister aus den Kerkern auch menschliche Bedürfnisse hatte und sich diese von einer Prostituierten holen musste, die zufälliger Weise rote Haare hatte.
„Gott wie widerwärtig du doch bist." Raunte er sich selbst zu. In einem Zug erhob er sich und schritt zu seiner kleinen Hausbar. Er griff die erstbeste Flasche mit hochprozentigem Alkohol, entkorkte diese und nahm einen großen Schluck direkt aus der Flasche.
Heiß brannte der Alkohol in seiner Kehle. Doch er beruhigte den Tränkemeister auch auf eine gewisse Weise. Die Scham und dieses eklige Gefühl verschwammen mit jedem Schluck des Gebräus und irgendwann fühlte Severus einfach gar nichts mehr.
Gefühlstaub und im Rausch des Alkohols gefangen, lag er in seinem Sessel und starrte geistesabwesend in die züngelnden Flammen des Kamins.
*****
Mit tränennassen Augen und bebenden Körper saß Hermine am See. Sie hatte frische Luft gebraucht, doch den Schmerz über das eben Gesehene konnte ihr auch die kalte Winterluft nicht nehmen.
Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt, der eine unangenehme Kälte durch ihren Körper sandte. Doch es war ihr egal. Alles war ihr im Moment egal. Warum hatte sie auch einfach so seine Räume betreten müssen? Warum nur?!
Beinahe trotzig zog sie den Schleim, der sich in ihrer Nase gebildet hatte, hoch und wischte sich fahrig über das verweinte Gesicht. Doch unaufhaltsam kullerten ihr die Tränen das Gesicht hinunter. Sie konnte sie nicht stoppen, sie war machtlos.
Immer wieder sah sie dieses grausame Bild vor ihrem inneren Auge. Wie diese Frau auf ihn saß, wie…
Hier brach Hermines Gedankengang ab, denn plötzlich war eine Erkenntnis in ihr eingeschlagen, die ihre Übelkeit noch zusätzlich schürte. Erst jetzt kam ihr das Äußere dieser Frau wieder in Erinnerung.
Das lange wallende rote Haar, der blasse ebenmäßige Teint, der beinahe grazile Körperbau. Diese Frau war das Abbild der Frau, die Severus so sehr beschäftigte. Lily. Und in diesem Moment wurde ihr klar, dass er sie immer lieben würde. Dass sich Lily Evans für immer in sein Herz gebrannt hatte.
Hermine schluchzte laut auf, als dieser unglaubliche Schmerz sie überrollte. Zu wissen, nie von ihm geliebt zu werden, quälte sie auf solch bestialische Weise, dass sie sich in diesem Augenblick wirklich wünschte, tot zu sein.
„Hermine?" konnte sie plötzlich jemand ihren Namen flüstern hören.
Sie sah auf und blickte in das freundliche aber dennoch besorgte Gesicht von Matt.
Abermals wischte sich die Gryffindor mit ihrer Hand über das nasse Gesicht. Doch die Tränen konnte sie schon lange nicht mehr verbergen.
„Was machst du hier?" fragte sie ihn mit schwacher Stimme. Sie hatte eigentlich keine Kraft, jetzt mit jemanden zu sprechen. Sie wollte nur noch alleine sein.
„Ich war eben bei Professor Dumbledore. Aber das ist nicht wichtig." Würgte er das Thema ab und setzte sich neben die junge Frau auf den Stein. „Was ist passiert?" fragte er stattdessen.
Hermine schüttelte nur leicht ihren Kopf. Sie konnte darüber nicht reden. Nicht jetzt, nicht mit ihm. Eigentlich konnte sie mit niemanden darüber reden.
Besorgt blickten Matts blaue Augen sie an. Doch Hermine beachtete ihn gar nicht. Innerlich wünschte sie sich nur, dass er ging.
„Weißt du,…" sprach er schließlich mit ungewohnt ernster Stimme weiter. „…ich kenne mich zwar nicht so gut mit den Frauen aus. Aber wenn eine junge hübsche Frau, wie du es bist, so verzweifelt ist, kann nur ein Mann daran schuld sein."
Irgendwie berührten Matts Worte die Gryffindor. Vorsichtig hob sie ihren Blick und begegnete seinem.
„Was auch immer passiert ist, er ist es nicht wert, so zu leiden." Fügte er mit einem vorsichtigen Lächeln hinzu.
Hermine konnte nicht anders, als dieses Lächeln zu erwidern. Sie wusste nicht warum, aber plötzlich erschien ihr Matt gar nicht mehr so albern und übermäßig gut gelaunt. Seine Worte trugen eine Wahrheit in sich, die ihr Verstand aufgenommen, doch ihr Herz wohl noch lange nicht erreicht hatte.
„Es ist schwer, sich das einzugestehen." Meinte sie nur mit bebender Stimme.
„Das ist es." Bestätigte ihr der junge Mann.
Beide richteten ihren Blick nun auf den See, der ruhig und mit Reif bedeckt vor ihnen lag. Jeder hing seinen eigenen Erinnerungen hinterher. Doch für Hermine war dies der falsche Weg. Abermals schweiften ihre Gedanken zu Severus ab.
Wie er sie angesehen hatte. So voller Wut und Abscheu. Da war kein Gefühl der Wärme in seinen tiefen Augen gewesen. Nichts, was sie hätte wärmen können. Stumm rannen ihr wieder die Tränen hinunter. Egal was sie sagte, egal, was sie sich einredete. Es schmerzte zu sehr.
Stumm quälte sie sich, versuchte kein Geräusch von sich zu geben, um Matt nicht auf sie aufmerksam zu machen. Doch plötzlich spürte sie, wie sich ein Arm um sie legte und sie tröstend aber dennoch zurückhaltend berührte.
Diese kleine Geste brachte Hermines Dämme nun vollends zum Brechen. Laut seufzte sie auf, die Tränen flossen in Strömen. Und ohne sich noch weiter den so nötigen Trost verwehren zu können, ließ sie sich in seine Arme nehmen.
Er sprach kein Wort. Er hielt sie einfach nur fest, gab ihr Wärme und spendete ihr Trost. Und dafür war sie ihn in diesem Moment unendlich dankbar. Erschöpft vom vielen Weinen schloss sie sanft ihre Augen. Sie hörte sachte sein Herz schlagen und folgte diesem angenehmen, beruhigenden Rhythmus. So lange, bis sie schließlich in seinen Armen einschlief.
