47. Auf der Suche nach dem eigenen Herz
„Ihr duzt euch?" fragte Albus den Tränkemeister mit einem so beiläufigen Ton in der Stimme, dass es schon mehr als auffiel.
„Nur außerhalb des Unterrichts." Gab Severus etwas verstimmt zurück.
„Ich nehme an, ihr duzt euch nicht erst seit gestern." Stellte Dumbledore nüchtern fest.
Severus hätte beinahe laut aufgelacht, wenn man sich die Umstände betrachtete. Erst erwischte Hermine ihn, wie er sich mit einer anderen Frau auf seinem Sofa räkelte und am nächsten Tag bot er ihr das Du an. Warum auch nicht.
„Nicht wirklich." Gab er schließlich mürrisch zurück.
„Es hat mich schon gewundert, dass du sie überhaupt beim Vornamen nennst." Stellte der Direktor weiter fest. „Aber dass du sie auch noch duzt."
Das war jetzt zuviel für den Tränkemeister. „Albus, was genau willst du mir damit sagen!" Er konnte diese Andeutungen nicht mehr ertragen. Sollte der alte Mann doch endlich sagen, worauf er hinaus wollte.
Doch Dumbledore machte einen auf unschuldig. „Ich will gar nichts damit sagen." Stellte er mit einem lieblichen Ton in der Stimme fest. „Ich finde es lediglich nur bemerkenswert."
Severus winkte daraufhin nur schnaufend ab. Es hatte ja sowieso keinen Zweck, mit Albus darüber zu reden. „Ich hab noch zu tun." Sprach Severus schließlich, um endlich einen Grund zu haben, von hier zu verschwinden.
*****
Angespannt stand sie Severus gegenüber. Verdammt, was war das denn für eine beschissene Situation!? Sie war mehr oder weniger gezwungen ihn anzublicken, denn andernfalls würde sie die Flüche nicht erlernen, die er gerade versuchte ihr beizubringen.
Hermines Herz pochte heftig, ihre Hände waren schweißgebadet, was angesichts der Situation alles andere als praktisch war. Ihren gezückten Zauberstab hatte sie auf ihn gerichtet – ausgerechnet auf ihn.
Um Severus und Hermine herum standen die anderen ausgewählten Ordensmitglieder. Sie alle hatten bereits ihre Lektion gelernt. Mit dunkler Magie war nicht zu spaßen, mit Snape schon mal gar nicht und die dunklen Künste waren auch nicht mal so nebenbei zu erlernen. Um sie zu erlernen, benötigte man seine gesamte Willensstärke und Konzentration. Und genau die fehlte Hermine im Augenblick.
„Könntest du dich ein bisschen mehr anstrengen." Raunte Severus sie an, nachdem er mehrere Minuten lang stumm mit angesehen hatte, wie diese junge Frau da vor ihm krampfhaft versuchte, ihre innere Ruhe zu finden.
„Tut mir leid." Nuschelte sie ihm nur betreten entgegen, vermied es aber ihn anzublicken.
„Das wird einen Todesser wenig beeindrucken, wenn du dich im Kampf dafür entschuldigst, dass du mit deinen Gedanken gerade ganz woanders bist." Kommentierte er zynisch.
„Ich bin mit meinen Gedanken durchaus hier!" fauchte sie ihn nun ungehaltener entgegen. Musste er sie ausgerechnet vor all den anderen so anpflaumen?
Severus presste seine Kiefer fest aufeinander. Wie sollte er dieser Gryffindor die dunkle Kunst lehren, wenn sie nicht bei der Sache war?! Er musste zugeben, dass er im Moment leicht überfordert war.
„Gut." Sprach er um Ruhe bemüht. „Dann werde ich noch mal von vorne anfangen."
Hermine zog eine Schnute. Hielt er sie nun für total bescheuert? „Ich bin nicht begriffsstutzig Severus." Mahnte sie ihn mit einer Stimme, die nur eine Frau haben konnte, die kurz vor einem Ausbruch stand.
„Du kommst mir aber heute so vor." Gab er auch sofort zurück.
„Das reicht!" schrie sie ihn an. Die anderen um sie herum hatte sie bereits ganz vergessen. „Ich bin nicht hier, um mich von dir beleidigen zu lassen! Entweder wir üben jetzt diesen vermaledeiten Zauber oder du kannst jemand anderen auf die Nerven gehen!"
Lupin und Matt warfen sich fragende Blicke zu, während Harry seine Lippen schürzte und leise pfiff. Es kam schließlich nicht oft vor, dass jemand den Tränkemeister solch eine Ansage gab. Und eine Schülerin schon mal gar nicht.
Severus versuchte nur krampfhaft ruhig zu bleiben. Wenn er das jetzt auslebte, was er in diesem Moment empfand, dann würde damit auch niemanden geholfen werden. Und so versenkte er lediglich stumm seinen intensiven aufgebrausten Blick in die braunen Augen Hermines.
„Haben wir´s jetzt?" fragte er nach mehreren Sekunden ruhig nach.
Hermine ballte ihre Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte sie Severus ein lautes NEIN entgegen geschrieen und wäre davon gerannt. Doch sie war kein Kind mehr und daher konnte man von ihr auch etwas mehr Verstand erwarten.
Sie straffte ihre Schultern, richtete ihren Zauberstab auf Severus und blickte ihn mit einem kämpferischen Funkeln in den Augen an.
Beinahe hätte Severus über ihren Anblick schmunzeln müssen. Genau das war es, was er hatte sehen wollen. Eine fuchsteufelswilde Gryffindor, die zu allem bereit war.
„Lass es uns zu Ende bringen." Rief sie ihm nur zu.
Zart nickte Severus, bevor er seine Position zum Angriff einnahm, mit einem Bein einen Schritt nach vorne tat, den Zauberstab beinahe anmutig in die Luft schwenkte und die Worte „Ciliaris" rief.
Hermine konzentrierte sich nun völlig auf den violetten Lichtstrahl, der mit einem Mal aus Severus´ Zauberstabspitze gestoben und auf sie zugerast kam. Ihre dunklen Pupillen nahmen nur noch den violetten Schleier wahr.
Wie von selbst hob sich die Hand, die ihren Zauberstab führte, noch ein Stückchen höher, vollzog eine ausholende Bewegung und rief den Gegenzauber, den ihr Severus die ganze Zeit über versucht hatte zu vermitteln.
Und tatsächlich. Dieses Mal zeigte er seine Wirkung. Doch der Druck, mit den der Gegenzauber sich aus ihrem Zauberstab presste, war so gewaltig, dass die junge Frau nach hinten geschleudert wurde und unsanft auf den Rasen zum liegen kam.
Mit verzerrtem Gesicht rieb sie sich den schmerzenden Rücken. Aber immerhin hatte sie Severus´ Lähmungsfluch abwehren können.
Ein großer dunkler Schatten trat vor die junge Frau. Vorsichtig blickte sie auf und sah in das seltsam wirkende Gesicht des Tränkemeisters. „Jetzt musst du dich nur noch auf den Beinen halten." Meinte er in einem Ton, den Hermine nicht recht einordnen konnte. War er sarkastisch oder anerkennend gewesen? Oder von beidem ein wenig?
Auch wenn sie es nicht genau deuten konnte, sah sie ihn leicht zornig an. Er sollte ruhig wissen, dass sie sich nichts gefallen ließ. Doch plötzlich geschah etwas, was sie ihren Zorn völlig vergessen ließ. Genau genommen, war sie so verwirrt, dass sie nichts anderes mehr fühlen konnte.
Aus einem unerklärlichen Impuls heraus hatte Severus ihr die Hand gereicht, um ihr aufzuhelfen. Er bereute diese Geste zwar im nächsten Moment sofort, jedoch zog er seine Hand nicht zurück. Das würde dann wirklich mehr als seltsam wirken.
Mehrere Sekunden lang konnte Hermine seine Hand einfach nur anblicken. Doch schließlich schaltete sich ihr Verstand wieder mit ein, der ihr laut und deutlich zurief, dass sie bald etwas machen sollte. Andernfalls würde es ziemlich peinlich werden.
Und so streckte sie ihre Hand aus und erfasste seine.
Als er sie berührte, war es ihm, als spüre er all die Traurigkeit ihres Herzens auf seiner Haut. Und es erschütterte ihn. Es erschütterte ihn, bis tief in seine Seele, so sehr, dass er ihre Hand nicht loslassen konnte, auch als er sie bereits hinaufgezogen hatte.
Er hatte keine Ahnung gehabt, wie zerrüttelt es in ihr aussah. Und er konnte es sich genauso wenig erklären, warum er das fühlte. Oder glaubte er das nur zu fühlen? Wollte er das fühlen?
Sie sahen sich an. So lange, so fragend, nach etwas suchend, so intensiv. Doch schließlich trennten sich sowohl ihre Blicke als auch ihre Körper voneinander, ohne eine Antwort gefunden, ohne etwas gesagt zu haben. Und das, obwohl noch so viel Ungesagtes zwischen ihnen stand.
*****
Die Wochen vergingen, vertrieben den Winter und holten den Frühling in die Schottischen Highlands. Knospen sprießen an den Bäumen, Blüten entfalteten sich in ihrer schönsten Pracht, die Vögel zwitscherten verliebt in den Tag hinein und die Sonne sandte die ersten warmen Strahlen zur Erde.
Hermine hatte in den letzten Wochen viele Praxiserfahrungen sammeln können. Zusammen mit Matt war sie auf zahlreiche Außeneinsätze geschickt worden. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass sie von Mal zu Mal anspruchsvoller und gefährlicher wurden. Nicht nur einmal waren Matt und sie in eine ziemlich heikle Situation geraten.
Doch immer waren sie lediglich mit ein paar Kratzern davon gekommen. Sie hatten sich immer auf den jeweils anderen verlassen können. Eine zuverlässige Rückendeckung hatte ihnen wohl schon mehrmals das Leben gerettet.
Matt hatte ihr schon zu Beginn ihrer Arbeit zugesichert, dass er immer auf sie aufpassen würde. Und das tat er auch – nicht nur bei der Ordensarbeit. Er war in den letzten Wochen so etwas wie ein Vertrauter für Hermine geworden. Das mochte auch daran liegen, dass er der Mensch war, mit dem sie am meisten Zeit verbrachte.
Ständig waren sie für den Orden unterwegs und auch außerhalb des Ordens hatten sie angefangen sich zu treffen. Meistens besuchte Matt Hermine hier in Hogwarts. Dann übten sie entweder ein paar Zauber oder aber sie redeten auch einfach nur über Gott und die Welt.
Hermine hatte sich mit der Zeit immer mehr eingestehen müssen, dass sie Matt auf eine gewisse Weise faszinierte. Er brachte sie zum Lachen, er war immer für sie da, er gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Aber vor allem lenkte er sie von dem Mann ab, an den sie nicht mehr denken wollte. Und dies hatte in den letzten Wochen auch ziemlich gut funktioniert.
Sie wusste nicht, was das zwischen Matt und ihr war. Aber es tat ihr gut. Vor allem ihrer Seele.
Die Gedanken an Severus hatte sie erfolgreich in den Hintergrund verdrängen können. Sie sahen sich zwar noch immer im Unterricht und bei dem Kampftraining. Aber ihre Konversation beschränkte sich auf ein Minimum.
Tief in ihr drin schmerzte es die junge Frau, dass sie sich über so viele Dinge noch nicht ausgesprochen hatten. Es stand noch so vieles zwischen ihnen und sie wünschte sich nichts mehr, als all dies endlich zu klären. Doch sie traute sich nicht den ersten Schritt zu gehen. Und außerdem stimmte dieser Wunsch mit ihrer Verhaltensweise, ihn so gut es ging aus dem Weg zu gehen, nicht überein.
Doch die Zeit sollte kommen, in der sie die Gelegenheit bekam, sich mit ihm auszusprechen. Hermine zitterte bereits jetzt schon, wenn sie daran dache, dass sie Einzelunterricht bei Severus verordnet bekommen hatte. Da sie aufgrund der Schule und der bevorstehenden Abschlussprüfungen nicht zu allen Treffen hatte kommen können und sie nun eine Menge aufzuholen hatte, musste sie jetzt Einzelstunden bei Severus nehmen.
Es graute ihr bereits jetzt vor den Tag, an dem sie sich seit Monaten das erste Mal wieder alleine gegenüber standen. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut.
Und dieser Tag sollte schneller kommen, als ihr lieb war.
*****
„Hallo" grüßte Hermine ihn, als sie am Treffpunkt, den sie für das Kampftraining vereinbart hatten, angekommen war.
Severus nickte ihr lediglich zu. Seine Stimmung war schon den ganzen Tag auf dem Nullpunkt gewesen. Allein der Gedanke an dieses Training hatte ihn wütend werden lassen. Doch Albus hatte ihn damit beauftragt und er hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als einzuwilligen.
„Kannst du dich noch an den Lexatis-Fluch erinnern?" fragte er sie auch sogleich ohne Zeit mit irgendwelchen Höflichkeiten zu verplempern.
Vorsichtig nickte Hermine. Er war schlechter gelaunt, als sie gedacht hatte. Na das konnte ja heiter werden.
„Erzähl mir was darüber." Forderte er schließlich in bester Lehrermanier und blickte Hermine dabei von oben herab an, sodass sie das Gefühl bekam, ganz klein und unwichtig zu sein.
Aber auch wenn ihr Körper schon wieder sämtliche Reaktionen auf sein raues Verhalten zeigte, ließ sie sich nach Außen hin nichts anmerken. „Der Lexatis ist ein dunkler Fluch der zweiten Klasse. Er quält seine Opfer nicht nur körperlich, sonder vor allem seelisch. Er verstärkt die größten Ängste einer Person und foltert diese solange damit, bis sie dem Wahnsinn verfällt."
Abermals nickte er ihr nur zu.
Stumm blickte Hermine ihn an. Ihr Blick wurde fragend, als er nichts weiter sagte. Wollte er nicht irgendetwas tun?
„Ich habe nicht ewig Zeit." Raunte er sie auch sogleich an.
Hermines Blick klärte sich ins unverständliche. Was war mit ihm denn heute los.
„Verdammt Hermine worauf wartest du!" schrie er sie plötzlich mit einer Intensität an, die sie zurückschrecken ließ.
Sie schluckte hart. Doch schließlich hob sie, um ihren Lehrer nicht noch mehr zu verärgern, ihren Zauberstab, richtete ihn auf Severus und wisperte „Lexatis".
Doch kaum hatte sich der mächtige Strahl aus der Spitze ihres Zauberstabs gelöst, wurde er auch sogleich mühelos von Severus abgewehrt.
„Das war lächerlich." Spie er ihr verächtlich entgegen.
Tief atmete sie ein und aus, um ihre Ruhe wieder zu finden. Doch er machte es ihr heute nicht gerade leicht. Abermals feuerte sie diesen dunklen Fluch auf ihn, doch sofort löste auch dieser sich in Nichts auf.
„Ich gebe dir keinen Unterricht, damit du dich wie ein Erstklässler anstellst." Sein Blick war unerbittlich auf sie gerichtet. Keinerlei Emotionen waren darin zu erkennen.
Hermine schluckte die Häme, die auf sie niederprasselte, hinunter, versuchte die Schmach nicht zu dicht an sich heran zu lassen. Und so schickte sie tapfer einen weiteren Fluch in seine Richtung.
Severus musste nur seinen Zauberstab leicht zur Seite schwenken und schon hatte er den Blitz abgefälscht und in Richtung der jungen Frau zurückgeschickt. Nur wenige Meter neben Hermine schlug der Fluch mit einer gewaltigen Kraft in den Rasen ein.
Geschockt sah sie auf das tote Gras. Innerhalb weniger Meter war nun alles Leben ausgelöscht. Mit einem einzigen Fluch. Schwer schluckend richtete sie schließlich ihren Blick wieder auf den Tränkemeister, der sie mit tiefschwarzen Augen ansah.
„Hör auf damit." Hauchte sie ihm schwach entgegen. Sie wusste nicht, warum sie das sagte, doch diese Worte hatten einfach aus ihr herausgewollt.
Er erwiderte nichts darauf. Schien ihre Worte einfach zu ignorieren. „Wir werden so lange üben, bis du einen mächtigen Lexatis produzieren kannst."
Müde schüttelte sie nur ihren Kopf. Schloss ihre Augen. Langsam ließ sie ihren Arm sinken und schließlich glitt ihr der Zauberstab wie ein Stück Seife aus ihrer Hand.
Beinahe ungläubig beobachtete Severus diese Szene. Er zog seine Stirn in Falten, konnte mit ihrem Verhalten gar nichts anfangen. Er wollte sie zurecht weisen, sie fragen, was dieser Unfug solle, doch als sie schließlich ihren Blick hob und ihre braunen Augen mit voller Wucht auf ihn trafen, verstummte er augenblicklich.
„Bitte lass uns endlich darüber reden." Sprach sie ihn mit bebender Stimme an.
Ohne es kontrollieren zu können, war seine erste Reaktion ein abfälliges Schnauben. „Ich wüsste nicht, was wir noch zu bereden hätten Hermine. Es ist alles gesagt." Seine Worte waren hart und sie schmerzten. Doch er hatte sie sagen müssen.
In dem Versuch, nicht gänzlich ihre Fassung zu verlieren, schloss sie ihre Augen. Wehement wehrte sie sich gegen die aufsteigenden Tränen, die sich einen Weg nach draußen suchten. Dass er das so sah, war hart. Aber sie wollte nicht aufgeben. Noch nicht.
„Es ist noch lange nicht alles gesagt." Erwiderte sie schließlich nur, jedoch ohne ihn anzublicken.
Aus irgendeinem Grund wollte Severus das alles nicht hören. Er hielt das nicht aus. Dieses Gespräch lief in eine völlig falsche Richtung. Ein Zorn packte ihn schließlich, der seinen Körper in Bewegung setzte. Er stürmte auf die Gryffindor zu, mit einem Blick in den Augen, der ihr den Atem raubte.
In einer fließenden Bewegung hob er ihren Zauberstab auf, erfasste ihren Arm und drückte ihr grob den Zauberstab wieder in die Hand. „Entweder du kämpfst jetzt oder das Training ist damit beendet." Fauchte er sie ungehalten an.
Ungläubig blickte Hermine ihn an. Was sollte das werden? Was wollte dieser verdammt sture Mann damit bezwecken?!
Eine Verzweiflung breitete sich in der Gryffindor aus, die sie so noch nie empfunden hatte. „Du kannst mich nicht ewig so behandeln."
„So? Wie behandele ich dich denn?" fragte er scharf zurück, ohne dabei einen Zentimeter von ihr zu weichen.
„Wie ein widerwärtiges Ungeziefer." Beantwortete sie ihm wahrheitsgemäß seine Frage.
„Ich behandle dich nicht anders als die anderen auch." Erwiderte er nur kühl, ließ sie abrupt los und ging zu seinem Ausgangspunkt zurück. „Können wir jetzt weiter machen?" fragte er sie schließlich so nüchtern und mit einer Langeweile in der dunklen Stimme, dass es für Hermine nun endgültig zu viel war.
„Verdammt noch mal Severus, es tut mir leid!" Schrie sie ihn mit einer Stimmgewalt an, die ihr sicherlich niemand zugetraut hätte – sie selbst eingeschlossen. „Es tut mir leid, was alles passiert ist! Es tut mit leid, dass ich dich beleidigt habe, dass ich ohne Erlaubnis in deine Räume eingedrungen bin und es tut mir verdammt noch mal leid, dass ich Gefühle für dich entwickelt habe, die über Hass und Abscheu hinaus gehen!"
Ihre Brust hob und senkte sich schwer und schnell, ihr Atem ging flach. Beinahe stur hatte sie ihren Blick auf Severus gerichtet, auch wenn sie sich im Moment am liebsten verkrochen hätte. Warum hatte sie das eben alles gesagt?
Stumm, festgewachsen, ohne jegliche Emotion blickte er sie an. Tief in ihm war etwas erschüttert wurden. Diese verdammte Gryffindor hatte doch tatsächlich all die Punkte angesprochen, die ihn so verletzt und verunsichert hatten.
Ja, er war noch immer verletzt aufgrund ihrer Vorwürfe, prädestiniert dafür zu sein, den falschen Weg zu beschreiten. Er wusste auch noch immer nicht, wie er mit diesem absolut peinlichen und demütigenden Vorfall vor ein paar Wochen umgehen sollte, wo Hermine ihn mit einer Prostituierten erwischt hatte. Sie konnte sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie sehr er sich dafür schämte.
Aber die größten Schwierigkeiten bereiteten ihm ihre Gefühle. Wie auch immer sie sein mochten, sie waren warm und positiver Natur gewesen. Und genau das war das eigentliche Problem. Er war es nicht gewohnt, so gesehen zu werden. Er kannte nur, dass man ihm mit Hass, Angst oder wenigstens einer gewissen Abneigung begegnete.
Warum konnte sie das nicht auch tun? Damit hatte er über die Jahre wenigstens gelernt umzugehen.
Hermine merkte, dass sie irgendetwas in ihm aufgerüttelt hatte. Denn seit einiger Zeit stand er einfach nur da und blickte mit starrem Ausdruck in den Augen ins Leere.
Diese Zeit hatte Hermine genutzt, um sich wieder ein wenig zu beruhigen. „Ich wollte nur, dass du das weißt." Flüsterte sie ihm traurig entgegen.
Abermals blickte sie ihren Lehrer vorsichtig an. Doch noch immer rührte sich Severus keinen Zentimeter. Langsam bekam die Gryffindor wirklich Angst. Sie hatte das Gefühl, dass sie ihn mit ihren Worten in einen erstarrten Zustand befördert hatte.
Hermine nahm all ihren Mut zusammen und ging auf ihn zu. Kurz vor ihm blieb sie stehen, ihre braunen Augen direkt auf ihn gerichtet. „Severus?" hauchte sie leise, doch die einzige Reaktion, die sie erhielt war, dass er sich von ihr abwandte, sich einfach wegdrehte.
Hart presste sie ihre Lippen aufeinander. Es tat so verdammt weh. Auch nach all der Zeit. Doch es sollte verdammt noch mal nicht wehtun! Dann sollte es halt so sein!
Die Gryffindor wusste, dass sie dieses Gespräch verloren hatte. Severus hatte es bestimmt – von Anfang an. Und er hatte letztendlich auch das Ende festgelegt. Mit tränennassen Augen ging sie ein paar Schritte zurück.
Sie blickte ihn an. In der Hoffnung, dass er doch noch etwas sagen würde. Doch er zeigte ihr auch weiterhin nur sprichwörtlich die kalte Schulter. Heiß lief ihr eine einzelne Träne die Wange herunter, blieb an ihrem Kinn hängen und tropfte schließlich lautlos zu Boden.
Dann wandte sich auch Hermine um. Um zu gehen, um aufzugeben. Doch ein letztes Mal hielt sie inne. Ein letztes Mal richtete sie ihren Blick auf den Mann, der nicht mit solchen Gefühlen umgehen konnte, die sie ihm entgegen brachte.
„Wenn du willst, dass ich dich irgendwann verachte, dann kann ich dir sagen, dass wir auf einem guten Weg dahin sind." Ihre Stimme war leise und ruhig gewesen, aber dennoch war sie mit solch einer Trauer durchtränkt gewesen, dass es Severus kalt den Rücken hinunter lief.
Er hörte ihre Schritte, wie sie sich von ihm entfernten, wie sie zum Schloss hoch liefen, wie sie immer leiser wurden und schließlich völlig verstummten.
Und erst, als er sich dessen sicher war, drehte er sich um. Seinen Blick heftete er an die Stelle, wo Hermine noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte. Er wusste nicht, was er nun tun oder fühlen sollte. Er fühlte sich elendig, obwohl er sich eigentlich hätte gut fühlen müssen.
Er hatte das erreicht, was er angestrebt hatte. Er hatte Hermine von sich gestoßen. Er hatte das getan, was er am Besten konnte. Doch warum fühlte er sich dann nicht befreit? Verdammt, er müsste sich doch jetzt frei fühlen!
