49. Schande

Still saß Hermine auf einen Stuhl. Sie hatte alles um sich herum vergessen. Allein das regelmäßige Ticken der Wanduhr nahm sie wahr. Ihr Blick war besorgt, fixierte Matt, der kreidebleich und tief schlafend vor ihr lag. Man hatte ihn ins St. Mungos gebracht. Sofort nachdem der Orden eingetroffen war.

Ihre Hand hatte sie auf seine gelegt. Immer wieder drückte sie diese zart. Eine seltsame Beklemmung hatte von ihr Besitz ergriffen. Die Medimagier hatten ihr zwar gesagt, dass er außer Lebensgefahr war. Aber dennoch blieb die Furcht. Eine Furcht, dass er nie wieder so sein würde, wie vorher.

Und neben dieser Sorge verspürte sie noch eine ungeheure Wut. Eine Wut auf den Mann, der Matts Zustand zu verantworten hatte. Hermine hatte in den ersten Stunden nach diesen Vorfall überhaupt nicht gewusst, wohin mit ihren ganzen Gefühlen.

Sie hätte Severus so gerne angeschrieen, ihn verhext, ihn verflucht. Doch die Sorge um Matt war größer gewesen und so hatte sie sich ihm gewidmet und nicht Severus. Doch dieses starke Gefühl, welches unbedingt nach draußen durchbrechen wollte, wohnte noch immer in ihrer Brust. Und sie wusste, dass es nicht einfach so von alleine verschwinden würde.

Stundenlang saß sie an Matts Krankenbett. Besucher kamen und gingen. Medimagier kamen und gingen. Doch Hermine blieb. So lange, bis sie schließlich von einer Medihexe mit einem seichten Lächeln nach Hause geschickt wurde.

Sie hatte sich erst dagegen gewehrt, doch schließlich hatte die Schwester den längeren Atem und wohl auch die besseren Argumente gehabt. Hermine war müde, geschafft. Sie sollte sich schlafen legen, um bald wieder fit zu sein.

Und so apparierte sie zurück nach Hogwarts. Müde und mit schweren Schritten schleppte sie sich die sanften Hügel zum Schloss hinauf. Ihre Gedanken kreisten ständig um Matt, um Severus, um diesen grausamen Einsatz.

Plötzlich nahm sie eine Bewegung aus der Entfernung wahr. Abrupt blieb sie stehen, späte in die dunkle Nacht hinein. Jedoch schickte der Mond einen silbernen Schimmer zur Erde und so konnte sie die Person, die mit zügigen Schritten auf sie zukam, mehr als deutlich erkennen.

Sofort schien sich all ihre Wut, die sie empfand, wieder in ihrer Brust zu versammeln. Ein dicker Knoten knüpfte sich in ihr zusammen.

Severus hatte beschlossen, frische Luft zu schnappen. Er brauchte jetzt die kühle Nachtluft, um sich über das Geschehende im Klaren zu werden. Er wusste, dass er keine andere Chance gehabt hatte. Er wusste, dass er richtig gehandelt hatte, indem er die Aufmerksamkeit von Hermine auf Mr. Collin gerichtet hatte. Aber dennoch fühlte er sich schuldig. Denn er wusste ebenso, dass er mit dieser Tat dennoch Hermine verletzt hatte.

Er atmete tief ein. Er hatte die junge Frau vor körperlichen Schmerzen schützen können, doch den seelischen hatte er sie dafür ausgesetzt. Und er wusste nicht, ob dieser Preis zu hoch war, den er nun für seine Entscheidung bezahlen musste.

Er schritt die Ländereien in Richtung See entlang, wollte die Ruhe der Natur, des Abends genießen. Doch plötzlich vernahm er eine Person, die mehrere Meter vor ihm zum Stehen gekommen war.

Er erkannte langes wallendes Haar – ihr Haar. Für einen Moment schloss er die Augen. Er hatte gewusst, dass er irgendwann mit seiner Tat konfrontiert wurde, dass SIE ihn damit konfrontieren würde. Doch warum musste das jetzt sein?

Doch schließlich sah Severus selber ein, dass es dafür wohl keinen geeigneten Moment geben würde, dass er dafür nie bereit sein würde. Und so setzte er unbeirrt seinen Weg fort und schritt auf die junge Frau zu.

„Hallo" grüßte er sie beinahe vorsichtig. Doch eine Erwiderung erhielt er nicht. Stattdessen blitzen ihre tiefen braunen Augen ihn nur wütend an. Und er konnte bereits jetzt alles, was sie ihm sagen wollte und würde, in ihren Augen lesen.

„Wie geht es dir?" fragte er dennoch. Er wollte es wissen. Er wollte es wirklich wissen. Und gleichzeitig verstand er nicht warum. Warum war es ihm so wichtig, dass es ihr gut ging? Warum hatte er gestern solche Angst um sie gehabt, so wie er noch nie um jemanden Angst gehabt hatte.

„Im Gegensatz zu Matt geht es mir blendend." Beantwortete sie ihm mit einem gewissen Zynismus seine Frage.

Abermals schloss er für einen Moment seine Augen. Doch dieser Situation konnte er sich dadurch auch nicht entziehen.

„Warum hast du das getan?" Drang abermals ihre Stimme bitter an seine Ohren.

Er sah sie nur schweigend an. Wusste nicht, was er ihr darauf antworten sollte.

„Warum hast du ihn leiden lassen?" fragte sie erneut.

Doch noch immer blieb er stumm.

„Warum Severus?! Warum!?" ihre braunen Augen blickten ihn aufgewühlt entgegen. Ihre Wut hatte sich in pure Verzweiflung gewandelt. Sie wollte es verstehen, so gerne.

„Ich hatte keine andere Wahl." Antwortete er ihr schließlich und er wusste, dass sie sich damit nicht zufrieden geben würde.

„Doch die hattest du Severus. Und das weißt du auch." Kam es enttäuscht zurück.

Wenn sie wüsste, dachte er nur. Doch diesen Gedanken behielt er für sich. „Was hätte ich tun sollen Hermine? Ich habe nur versucht, irgendwie zu handeln." fragte er schließlich nach. Sie sollte es ihm sagen, es ihm erklären.

„Du hast ihm die Todesser auf den Hals geschickt!" schrie sie ihn nun an. Tränen standen ihr in den Augen. Das alles hier war zu viel für die junge Frau. Ihre Emotionen drohten sie zu überrumpeln.

Severus verzweifelte. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte. „Ich hatte keine andere Wahl!" versuchte er sich erneut zu verteidigen.

„Hör auf mir ständig zu erzählen, dass du nicht anders konntest. Du hattest eine Wahl und das weißt du!" ihre Augen blitzten ihn gefährlich an.

„Vielleicht hatte ich die. Aber die Wahl wäre auf dich gefallen Hermine!" entgegnete er mittlerweile ebenso aufgebracht wie sie.

„Dann wäre es halt so gewesen!" gab sie zurück.

„Verdammt verstehst du das nicht?! Die hätten dich vergewaltigt, erniedrigt!"

„Und so haben sie Matt erniedrigt!" beharrte sie auf ihren Standpunkt.

„Ich habe nun einmal so entschieden!"

„Aber du hattest kein Recht dazu Severus!"

„Aber ich hätte ein Recht dazu gehabt, einfach zuzusehen, wie sie dich quälen?" Ungläubig blickte er sie an, sein Atem ging schnell.

„Was hätte das für einen Unterschied für dich gemacht?" fragte sie aufgewühlt zurück.

„Einen großen!" erwiderte er auch prompt. Dann verstummten beide. Ihre aufgebrachten Blicke trafen sich, funkelten sich fragend, unwissend, was nun zu tun ist, an.

„Ich habe mich bereits schon einmal gegen dich entschieden." Seine Stimme war mit einem Mal leiser geworden, hatte an Stärke verloren. „Und das wollte ich nicht noch einmal wiederholen."

Hermine sah diesen großen dunklen Mann vor sich an. Mit seinen Worten konnte sie kaum umgehen, mit seinem seltsam verletzten Blick erst recht nicht. Sie hätte ihm gerne etwas gesagt. Irgendetwas. Doch das Gefühlschaos, was er mit seiner letzten Offenbarung in ihr ausgelöst hatte, verhinderte, dass sie auch nur ein vernünftiges Wort herausbrachte.

Severus bereute seine letzten Worte. Er wusste nicht, wo sie hergekommen waren, geschweige denn warum er ihr das gesagt hatte. Das ging sie eigentlich nichts an. Überhaupt nichts! Und dass sie darauf jetzt auch nichts erwiderte, verunsicherte ihn noch zusätzlich. Und so trat Severus die Flucht an.

Er musste weg von ihr, denn mit einem Mal kam es ihm hier stickig vor, obwohl er mitten auf den Ländereien von Hogwarts stand. Mit einem letzten dunklen Blick lief er an der Gryffindor vorbei und ließ sie alleine in der lauen Frühlingsnacht zurück.

*****

Eilig rannte Hermine die Gänge des St. Mungos entlang. Vor genau fünf Minuten hatte sie die Nachricht erhalten, dass Matt wieder aufgewacht und ansprechbar war. Sofort war sie zum Apparierpunkt auf Hogwarts gestürmt und schon war sie hier gewesen.

Unendlich lang kamen ihr diese Gänge vor. Sie waren so lang, dass sich die junge Frau sogar Gedanken über alles Mögliche machen konnte. Würde es ihm gut gehen? Hatte er Folgeschäden? Würde er weiterhin mit ihr im Orden arbeiten können? So viele Fragen schossen wie Blitze auf sie ein. Doch Antworten musste sie sich selber holen.

Vor der Tür von Matts Krankenzimmer angekommen, hielt sie trotzdem noch einmal inne. Sie atmete tief durch, bevor sie die Klinke erfasste, die Tür öffnete und eintrat.

„Hallo Matt." Grüßte sie ihn zaghaft und mit aufgeregt pochendem Herzen.

„Hermine!" erwiderte der Angesprochene erfreut und sogleich konnte man etwas in seinen Augen auffunkeln sehen.

Eine Erleichterung machte sich in der jungen Frau breit, als sie ihn so Strahlen sah wie eh und je. Auch sonst sah der junge Mann gut aus. Die äußerlichen Wunden waren alle abgeheilt, seine Haut trug eine gesunde Farbe, seine Augen waren nicht mehr mit diesen dunklen Schatten untermalt, wie noch am Tag zuvor.

„Wie geht es dir." Fragte Hermine auch sogleich, nachdem sie sich wieder den Stuhl an das Bett herangezogen und sich neben Matt niedergelassen hatte.

„Jetzt wo du da bist, geht es mir großartig." Gab er frei heraus zu und lächelte die junge Frau beinahe frech an.

Hermine wurde aufgrund seiner Worte ein wenig verlegen. Noch immer konnte sie nicht so richtig mit seinen Komplimenten umgehen. Sie wusste auch nicht, warum das so war.

„Und wie geht es dir?" fragte er, als sich plötzlich eine Stille zwischen ihnen ausgebreitet hatte, die sehr befangen wirkte.

Hermine zuckte nur mit ihren Schultern. Ihr Blick bekam etwas Verklärtes. „Mir ist nichts passiert." erwiderte sie schließlich und konnte es nicht verhindern, dass ihre Gedanken bei diesen Worten zu Severus abschweiften.

„Aber das ist ja auch egal." Fügte sie aus ihrer Starre wieder erwacht beinahe kämpferisch an. „Das Wichtigste ist, dass du wieder gesund bist."

Matt nickte Hermine daraufhin nur zart zu.

„Ich habe auch schon mit Severus gesprochen. Genauer gesagt, habe ich ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er absolut falsch gehandelt hat." Nahm Hermine erneut das Wort auf.

Doch statt eines erwarteten beipflichtenden Nickens erhielt sie von Matt lediglich einen fragenden Blick. „Warum?"

„Was warum?" fragte Hermine nach, da sie seine Frage nicht so ganz nachvollziehen konnte.

„Warum hast du ihn für sein Verhalten verurteilt?" formulierte er seine Frage nun ganz aus.

Hermine sah Matt mit großen Augen an. „Weil er absolut falsch gehandelt hat. Er hat die Todesser auf dich gehetzt!"

„Um dich zu schützen Hermine." Entgegnete Matt ruhig und mit einem warmen Lächeln auf den Lippen. „Er hat absolut richtig gehandelt. Ich an seiner Stelle hätte dasselbe getan."

Hermine musste diesen Brocken erst einmal schwer schlucken. Sie konnte oder besser gesagt wollte nicht verstehen, dass Severus nur so gehandelt hatte, um sie zu schützen. Denn wenn sie diese Erkenntnis zuließ, dann würde dies wieder alles auf den Kopf stellen.

Es passte ihr gerade so gut, dass Severus ihren Partner in Gefahr gebracht hatte. Egal aus welchen Gründen. Und an dieser Position hielt sie auch krampfhaft fest.

„Wie kannst du so etwas sagen?! Du wärst fast gestorben?" aufgebracht funkelten ihre braunen Augen ihn an.

„Hermine." Versuchte Matt seine Partnerin wieder zu beruhigen. „Lieber ich als du."

Hermine hätte beinahe bitter aufgelacht. Waren das nicht sinngemäß auch Severus´ Worte gewesen? Na großartig! Da können sich doch die beiden Männer auch gleich zusammentun.

„Ich glaube, du verstehst nicht ganz das Problem Matt." Entgegnete sie ihm, nun langsam wütend werdend. „Es geht nicht darum, warum Severus so gehandelt hatte, sondern DAS er so gehandelt hat. Es geht allein ums Prinzip!"

Sanft schüttelte Matt seinen Kopf. „Nein Hermine." Erwiderte er nur milde. „Es geht allein um ihn."

Geschockt blickte Hermine ihren Partner an. „Es geht mir nicht um ihn!" wehrte sie seinen Vorwurf mit aufgebrachtem Blick ab.

„Und warum regst du dich dann so über ihn auf?" kam auch sogleich die Gegenfrage.

„Weil er ein ungehobelter, schmieriger, gemeiner Bastard ist!" schrie sie ihm in einem plötzlichen emotionalen Ausbruch entgegen. Doch so schnell diese Explosion gekommen war, so schnell war sie auch wieder erloschen. Plötzlich verstummt, blickte sie ihn mit großen Augen an. Das hatte sie eben nicht wirklich gesagt, oder?

„Warum hasst du ihn so?" fragte Matt sie schließlich mit einem Glänzen in den Augen, was Hermine nun völlig durcheinander brachte.

Ein wenig irritierte sie seine Frage. Wie kam er darauf, dass sie ihn hasste? „Ich hasse ihn nicht." Meinte sie nur mit ruhigerer Stimme.

„Aber du verabscheust ihn." Stellte Matt klar.

Hermine wollte nicht darüber reden. Nicht über Severus. „Können wir bitte das Thema wechseln?" fragte sie ihn mit einem Flehen in der Stimme. Sie wollte sich nicht mit Matt streiten und schon gar nicht wegen Severus.

„Also schön." Ging Matt auf ihre Bitte ein. „Worüber möchtest du reden?"

Hermine zuckte daraufhin nur mit ihren Schultern. Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie keine Ahnung.

„Okay." Meinte der junge Mann nur daraufhin. „Dann lass uns über uns reden."

Ihre braunen Augen weiteten sich, fragend blickte sie ihn an. „Ü…über uns?" hakte sie noch einmal nach, nur um sicher zu gehen, dass sie das eben richtig verstanden hatte.

„Ich denke, du weißt, dass ich dich mag… dass ich dich sehr mag." Sprach Matt mit ruhiger Stimme.

Hermine war völlig überrumpelt. Sie hatte mit so einem Thema nicht gerechnet und sie wusste auch nicht, was sie zu seiner Äußerung nun sagen sollte.

„Matt, ich…" begann sie, doch sie wurde durch ihn unterbrochen.

„Du musst jetzt nichts sagen Hermine." Seine Augen sahen sie ehrlich an. „Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich mehr als nur Freundschaft für dich empfinde."

Sprachlos sah sie ihn an. Auch wenn dies nicht wirklich neu für sie war, da sie immer irgendwie gewusst hatte, dass er sich in sie verliebt hatte, musste sie dennoch diese Information erst einmal sacken lassen.

„Ich verlange nicht von dir, dass du mir jetzt sofort sagst, was du für mich empfindest. Und wahrscheinlich möchte ich das auch gar nicht wissen. Aber… aber vielleicht kannst du es mir irgendwann sagen." Beinahe hoffnungsvoll blickten seine blauen Augen sie an.

Hermine erwiderte diesen Blick. Und auch wenn sie im Moment wirklich nichts dazu sagen konnte, so hatten seine Worte dennoch ihr Herz getroffen. Ihr Herz galoppierte mit einem mal wild umher, ihr Bauch fing an zu kribbeln.

Sie hatte sich schon oft gefragt, was sie für Matt empfand. Ob es nur Freundschaft war oder vielleicht doch mehr. Und schließlich wusste sie, dass die Reaktion ihres Körpers ihr gerade mehr als nur eine deutliche Antwort gab.

Sie war die ganze Zeit über so sehr mit Severus beschäftigt gewesen, dass sie diese wunderbaren Gefühle für diesen ebenso wunderbaren Mann gar nicht realisiert hatte. Doch nun hatte ihr Körper endlich mal deutlich gesprochen.

Ein milder Ausdruck legte sich über ihre braunen Augen, ein sanftes, vorsichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen.

Dann erhob sie sich langsam und beugte sich zu Matt hinab, der sie seltsam anblickte. Und als ihre Lippen zart seine berührten, durchzog ein wohligwarmes Kribbeln ihren gesamten Körper und bestätigte noch einmal ihre neu gewonnene und so plötzliche Erkenntnis. Sie hatte sich verliebt.