51. Die Wunden eines Todessers
Die Uhr schlug neun Uhr abends. Hermine war alleine auf den langen Korridoren unterwegs. Als Schulsprecherin hatte sie das Privileg auch noch nach acht durch die Gänge von Hogwarts zu streichen.
Sie hatte kein bestimmtes Ziel. Eigentlich wollte sie sich nur bewegen. Den ganzen Nachmittag und Abend über hatte sie für die Abschlussprüfungen gelernt, die nur noch ein paar Wochen entfernt waren.
Leise schritt sie durch die Gänge und genoss diese beinahe erdrückende Stille. Doch die Ruhe tat ihr gut, half ihr, ihren Kopf wieder frei zu bekommen. Und das nicht nur von dem ganzen Gelerne.
Die gestrige Auseinandersetzung zwischen Severus und Matt ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Seitdem hatte sie weder ihren Lehrer noch ihren Freund gesehen. Und das war auch besser so, wie sie befand.
Es hatte sie gleichermaßen erschreckt, wie Matt sich verhalten hatte und wie der Orden Severus für seine Vergangenheit verurteilte. Es tat weh, wenn sie daran dachte, in welche Gefahren er sich immer wieder für eben diesen Orden begab, nur um diesen Krieg endlich zu beenden. Sah das denn niemand außer ihr? Und selbst sie hatte ihn in den vergangen Wochen nur Verachtung, Enttäuschung oder bestenfalls Mitleid entgegengebracht. Sie hatte seine wirkliche Aufgabe völlig aus dem Blick verloren.
Hermine realisierte, dass sie bereits vor der großen Halle angelangt war. Ihr Körper hatte sich von ganz alleine bewegt, während ihr Verstand nachgedacht hatte. Sie wollte noch ein wenig frische Luft schnappen, die schlafende Natur genießen. Doch plötzlich erschrak sie sich beinahe zu Tode, als sie eine große dunkle Gestalt an der Treppe zu den Kerkern stehen sah.
Doch schnell beruhigte sie sich wieder, als sie die Person erkannte. „Severus?" fragte sie vorsichtig, um ihn nicht auch noch zu erschrecken. Doch sie erhielt keine Reaktion. Sie runzelte ihre Stirn und schritt langsam auf ihn zu.
Dicht vor ihm blieb sie stehen. Erst jetzt bemerkte sie, dass er nicht seine normale Kleidung trug, sonders die wallende nachtschwarze Robe der Todesser. Es schnürte ihr die Kehle zu, als sie die weiße Todessermaske in seiner einen Hand erkannte.
Vorsichtig hob sie ihren Blick, begegnete seinem. Er sah sie an, mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen, der ihr angst machte. Noch nie hatte sie seine Augen so nüchtern, so teilnahmslos gesehen.
„Severus?" sprach sie ihn erneut an.
An seiner Mimik konnte sie erkennen, dass er sie verstand. Auch der klare Blick, mit dem er ihren begegnete, zeigte ihr das. Aber noch immer blieb er stumm.
Und plötzlich sank er ohne Vorwarnung auf die Knie, riss die junge Frau mit, da er sich instinktiv versucht hatte, an ihr festzuhalten. Und als Hermine das nächste Mal ihren Blick hob, gefror ihr das Blut in den Adern.
Ein feines Rinnsal aus Blut trat aus seinen Mundwinkeln. Seine schwarzen Augen blickten sie tief an, seine Haut war leichenblass.
„Severus, was ist passiert?" fragte sie ihn auch sogleich, doch im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass er ihr nicht antworten konnte. Eine Panik ergriff ihren schlanken Körper, die sie für einige Momente ihren kühnen Verstand verlieren ließ.
Doch schließlich zwang sie sich zur Ruhe. „Ich werde Hilfe holen." Sagte sie ihm und hatte sich bereits erhoben, um zur Krankenstation zu rennen, als seine Hand sie zurückhielt. Überraschend kräftig hatte sie sich um Hermines Handgelenk gelegt.
Sie blickte ihn an, als er versuchte, ihr irgendetwas zu sagen. Doch mehr als ein gurgelndes Geräusch schaffte er nicht. Hermine ging wieder in die Hocke und versuchte ihn so beruhigend wie möglich anzublicken.
„Du brauchst Hilfe." Sagte sie ihm schließlich. Ein ängstlicher Schimmer hatte sich über ihre braunen Augen gelegt.
Abermals öffnete er seinen Mund und das Rinnsal wurde größer. Eine ganze Menge Blut, die Hermine große Sorgen bereitete, strömte nun seinem Kinn entlang. „Räume." Verstand sie schließlich, doch sie wusste nicht, was er ihr damit sagen wollte.
Eine kalte Hand packte ihr Herz, als sie plötzlich Todesangst um ihn hatte.
„Meine Räume." schaffte es Severus erneut zu sprechen. Und dieses Mal verstand Hermine. Ohne noch weiter Zeit zu verlieren, half sie dem Tränkemeister sich aufzurichten. Sie stützte ihn, so gut sie konnte und zusammen schritten sie Stufe für Stufe die Treppen hinunter.
Ein furchtbares Röcheln hatte nun Severus´ Atmung ergriffen. Hermines Panik steigerte sich noch mehr, wenn das überhaupt noch möglich war. Ohne es wirklich zu merken, zog sie ihn nun schneller die Treppen hinab.
Und schließlich hatten sie die Tür zu seinen Räumen erreicht. Severus war mittlerweile so entkräftet, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Derweil stand Hermine vor einem weiteren Hindernis. Sie kannte das Passwort nicht. „Severus, wie lautet das Passwort?" fragte sie ihn mit nunmehr aufgebrachter Stimme.
Er versuchte sich zu konzentrieren, ihre Worte zu verstehen. Ihm war so schrecklich schwindlig.
„Severus" sprach sie ihn erneut an und legte zur Unterstützung ihre Hände sanft auf seine Wangen. „Das Passwort." Beinahe flehendlich sah sie ihn an. Er durfte jetzt nicht aufgeben. Nicht jetzt!
„Arithmantik" würgte er schließlich hervor.
Sofort wiederholte Hermine dieses Wort lauter und auch deutlicher und sofort öffnete sich die Tür zu seinen Räumen. Sie hievte ihn zum Sofa und legte ihn vorsichtig darauf ab. „Was muss ich tun?" fragte sie erneut so ruhig wie möglich, obwohl ihr Herz schmerzhaft raste.
„Schwarzer Trank." War alles, was er noch sagen konnte, bevor eine ganze Welle seines Blutes aus seinem Mund sprudelte und das Sofa und den Boden beschmierte.
Sofort eilte Hermine in sein Privatlabor. Doch als sie es betrat, hätte sie beinahe einen Nervenzusammenbruch bekommen. Unzählige Tränke stapelten sich in diesem Raum bis hoch an die Decke. Wie sollte sie da den richtigen finden?
Schnell rannte sie zu dem ersten Regal. Ihre Finger durchkämmten flink die Tränke. Doch ein Schwarzer war nicht dabei. Immer weiter suchte die junge Frau nach dem Trank, der Severus das Leben rettete. Doch verdammt, hier gab es keinen schwarzen Trank!
Doch plötzlich hatte sie eine Idee, die ihr Verstand neben dieser ganzen Panik und Angst noch zustande gebracht hatte. Sie zog ihren Zauberstab und murmelte einen Zauber, der Gegenstände nach gewissen Merkmalen sortieren konnte. Und in diesem Fall sortierte der Zauber nach Farben.
Nur wenige Sekunden später hatten sich alle Tränke mit derselben Farbe zusammengefunden. Rote, grüne, blaue, violette. Und schließlich fand sie ihn. Ganz hinten im Regal. Den einzig schwarzen Trank, den es hier offenbar gab.
Schnell ergriff sie die Phiole, um anschließend geschwind zurück in Severus´ Räume zu eilen. Hermine ging vor Severus in die Knie, entkorkte die Phiole und flößte ihm die schwarze Flüssigkeit vorsichtig ein.
Als Severus diesen bitteren Trank genommen hatte, sackte er mit seinem Oberkörper zurück auf das Sofa. Er schloss die Augen und langsam merkte er, wie er wieder atmen konnte, wie er wieder dazu in der Lage war zu schlucken, wie sich das wallende Blut in seinem Körper wieder beruhigte.
Hermine saß noch immer neben ihm und hatte, es ohne wirklich bemerkt zu haben, seine Hand erfasst, um sie nun zart zu halten. Doch Severus war diese Berührung ganz und gar nicht entgangen. Er hatte sofort diese Wärme gespürt, die sie ihm mit dieser Geste schenkte. Es war ein angenehmes Gefühl, ein Gefühl, was ihn vergessen ließ.
Besorgt blickten ihre rehbraunen Augen ihn an. Sie hatte sich wieder etwas beruhigt, da auch Severus ruhiger geworden war und das Blut aufgehört hatte, aus seinem Mund zu fließen.
Keiner von beiden konnte im Nachhinein sagen, wie lange sie dort so saßen. Schweigend, aber dennoch irgendwie verbunden. Doch schließlich öffnete Severus seine dunklen Augen und richtete diese auf Hermine. Sie erwiderte diesen Blick. Mit einem seltsamen Schimmer in ihren Augen.
„Wie geht es dir?" fragte ihn schließlich ihre liebliche Stimme. Sie war ihm noch nie so wunderbar vorgekommen, wie in diesem Moment.
„Besser als noch vor wenigen Minuten." Gab er langsam zurück.
Ein zartes, erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. Ein Lächeln, welches auch ihn erreichte. Und wenn er nicht bereits gelegen hätte, hätte es ihn glatt umgehauen.
„Erzählst du mir, was passiert ist?" Ihr Blick bekam nun etwas Vorsichtiges. Sie wusste, dass er nicht gerne über so etwas sprach. Doch sie wollte es wissen, sie wollte ihm zuhören, ihm helfen.
Lange blieb er stumm und sie schloss enttäuscht ihre Augen. Sie hätte es wissen müssen, dass er es ihr nicht sagte. Warum sollte er auch, dachte sie nur bitter. Nach all dem was zwischen ihnen vorgefallen war.
„Ich habe lediglich meine Strafe für meine Unachtsamkeit erhalten." Beantwortete er schließlich doch ihre Frage. Er hatte lange überlegt, ob er ihr antworten sollte oder nicht. Doch ihr vorsichtiger, milder Blick hatte ihn schließlich keine andere Wahl gelassen.
Fragend blickte sie Severus an. „Was für eine Unachtsamkeit?"
Dieses Mal war er es, der für wenige Augenblicke seine Lider aufeinander legte. Er hatte diesen Moment gebraucht. „Die Unachtsamkeit, dass du und Mr. Collin entkommen seid und Goyle getötet wurde – vom Orden." Fügte er noch mit einem seltsam gequälten Ausdruck im Gesicht an. Wussten doch beide, dass ER ihn getötet hatte. Aber das musste der dunkle Lord ja nicht unbedingt wissen
Erschrocken blickte sie ihn an. Er hatte sich wissentlich in Gefahr gebracht, nur um sie zu schützen. Er hatte sicherlich gewusst, dass Voldemort solch ein Verhalten bestrafen würde. „Du hättest sterben können." Hauchte sie ihm nur entgegen, doch ansehen konnte sie ihn dabei nicht. Denn mit einem Mal schämte sie sich erbärmlich für ihre Vorwürfe, die sie ihm gemacht hatte.
„Das gehört zum Todesser-Dasein dazu." Kam es nur ruhig zurück.
Als ihr Blick daraufhin zu seinem schnellte, konnte er Unglaube in ihren Augen sehen. „Wie kannst du das einfach so sagen?" Ihre Stimme kämpfte um Beherrschung, ihre Augen wurden mit einem Mal gefährlich glänzend.
„Hermine." Versuchte er die junge Frau wieder zu beruhigen, die nun ziemlich mitgenommen aussah. „Der dunkle Lord wollte mir lediglich zeigen, wo ich stehe und wo er steht. Ich bin noch immer ein wichtiges Glied in seiner Kette. Und so lange ich ihn immer wieder von meiner Loyalität überzeugen kann, habe ich größere Chancen zu überleben, als andere Todesser."
Hermine wusste nicht, ob sie das jetzt wirklich beruhigte. Voldemort war unberechenbar. Er würde jeden töten und dabei würde er auch vor seinen eigenen Leuten nicht Halt machen. Dessen war sie sich sicher.
Und auch Severus war realistisch genug, um dies zu wissen. Doch er hatte der Gryffindor einfach nur ein wenig ihrer Angst nehmen wollen.
Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, doch irgendwann wurde sich Hermine bewusst, dass ihre Hand mit Severus´ ineinander verschlungen war. Ohne es kontrollieren zu können blickte sie auf diese, um anschließend ihren Blick zu heben und Severus´ zu begegnen.
Sie sahen sich an. Und in beider Seelen wurden Gedanken laut, die eins dem anderen zu verhehlen suchte. Sie beendeten diese Berührung nicht, und auch an ihren Blicken hielten sie weiter fest. Es war ein Moment, in dem keiner so richtig wusste, was nun zu tun war und was nicht.
„Du solltest jetzt gehen." Raunte Severus der Gryffindor schließlich zu. Diese Situation war offensichtlich viel zu sentimental geworden. Und das würde beiden nicht gut tun.
Hermine nickte ihn nur stumm zu. Wahrscheinlich hatte er Recht. Sie sollte jetzt wirklich besser gehen. Rasch entzog sie sich nun doch seiner Hand und erhob sich. Severus tat es ihr gleich, um sie höflicher Weise noch zur Tür zu geleiten, doch dies sollte er auch sogleich bereuen.
Ein stechender Schmerz, den er bis jetzt noch nicht wahrgenommen hatte, fuhr durch seinen Oberkörper und ließ ihn laut aufstöhnen. Er presste seine Hand gegen die Rippen, konnte plötzlich nur noch stoßweise Atmen. Offenbar hatte er sich die Rippen angeknackst. Und er hatte es noch nicht einmal bemerkt.
„Was hast du?" vernahm er auch sogleich Hermines besorgte Stimme.
Er wollte abwinken, ihr sagen, dass es nicht so schlimm sei. Doch zum Reden war er nun abermals kaum in der Lage. Verdammt, was hatte der dunkle Lord mit ihm angestellt?
Plötzlich spürte er, wie ihn ihre warmen Hände abermals berührten. Sie hatte ihn an den Schultern erfasst und drückte ihn nun mit sanfter Gewalt zurück auf die Couch.
„Ich sollte mir das ansehen." Meinte sie schließlich nur und begann vorsichtig seinen langen wallenden Umhang aufzuknöpfen. Sanft aber dennoch resolut schlug sie seine Hand weg, als er ihr helfen wollte. Ein unwilliges Knurren erklang, doch sie ging nicht darauf ein.
Schließlich lag er im Hemd vor ihr und diese letzte Hürde traute sich die Gryffindor nicht einfach zu nehmen. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass sie ihn mit freiem Oberkörper sehen würde. „Darf ich?" hauche sie ihm entgegen. Ihre Augen dabei fragend auf ihn gerichtet.
Er hob eine Augenbraue und der Zynismus ihres Lehrers flackerte wieder in seinem Gesicht auf. „Es ist beruhigend zu sehen, dass du doch noch die eine oder andere Hemmschwelle besitzt." Sie Verstand das Necken und grinste nur frech zurück.
Mit geübten Griffen legte Hermine den blassen und von Narben bedeckten Oberkörper frei.
Ein dunkel violetter Bluterguss hatte sich auf der linken Seite seiner Hüfte gebildet. Dicht daneben wölbte sich die Haut unnatürlich nach außen.
Mit warmen Fingern tastete sie vorsichtig und mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend über seine Rippen, so wie Madam Pomfrey es ihr einst bei einem erste Hilfe Kurs gezeigt hatte. Als er mühsam beherrscht aufstöhnte, wusste sie, dass sie die gesuchte Stelle gefunden hatte.
Sie zog ihren Zauberstab, blickte Severus noch einmal an und als er ihr zunickte, murmelte sie den ersten Heilspruch, den man bei solchen Verletzungen verwendete. Und tatsächlich, er zeigte seine Wirkung. Die Schwellung ging zurück, seine Atmung wurde wieder gleichmäßiger, sein verkrampfter Körper entspannte sich.
Anerkennend blickte er sie an. Und als ob das noch nicht ungewöhnlich genug war, ließ er sie diesen Blick auch sehen.
Ihre Reaktion darauf war ein unsicheres Lächeln, ein scheuer Blick, der ihn an ein zartes Reh erinnerte.
„Danke" sagte er schließlich noch und das war etwas, was Hermine nun völlig aus dem Konzept brachte. Sie wandte ihre Augen von ihm ab, wirkte mit einem Mal nachdenklich.
Severus zog seine Stirn in Falten, als er diesen Umschwung bemerkte. Schon allein, dass er es bemerkt hatte, ließ ihn ins Grübeln kommen. Er hatte Angst, dass er abermals etwas Falsches gesagt, dass er sie erneut gekränkt hatte. Und das, ohne es gewollt zu haben.
„Hermine?" fragte er vorsichtig nach. Und er hoffte wirklich, dass sie ihm sagen würde, was sie gerade fühlte.
Die junge Frau konnte irgendwo von ganz tief her den Mut aufbringen, ihn anzublicken. Eigentlich hätte sie ihm nicht gesagt, was sie in diesem Moment dachte. Doch die Art, wie er sie anblickte, so fragend, beinahe vorsichtig, brachte sie schließlich doch zum Reden.
„Ich weiß einfach nicht, was du von mir hältst." Sprach sie mit brüchiger Stimme. „Ich kann es absolut nicht einschätzen." Unsicher blickte sie ihren Lehrer an. Nun war sie diejenige, die hoffte, dass sie eine Antwort bekam.
Langsam setzte Severus sich auf, knöpfte sich sein Hemd wieder zu, um nicht ganz so nackt vor Hermine zu sitzen. Lange überlegte er, was er ihr jetzt sagen sollte, doch schließlich beschloss er, seinen Gedanken einfach mal freien Lauf zu lassen. Etwas, was er zuvor noch nie getan hatte.
„Als ich dich vor sieben Jahren zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich gleich, dass du eine Gryffindor wirst. Die Art wie du dich in deiner neuen Umgebung umgesehen, wie du mit deinen Mitschülern gesprochen hast. Und ich habe schnell ein Urteil über dich gefällt. Von der ersten Sekunde an, warst du für mich eine unerträgliche eingebildete Besserwisserin, die ihr Wissen aus Schulbüchern heraus sog, um ein Lob zu erhaschen."
Kurz machte er eine Pause und begegnete nun Hermines erstauntem Blick. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass er sie so genau beobachtet hatte.
„Dieses Bild hat sich dann auch letztendlich in meinem Unterricht bestätigt. Ich habe nicht viel von dir gehalten, dass muss ich ganz ehrlich zugeben." Kurz schwenkte sein Blick zum Kamin, in dem mittlerweile ein Feuer entfacht war.
„Doch irgendwann hast du dieses penetrante Verhalten ständig alles besser zu wissen und deinen Arm in die Luft schnellen zu lassen, nur um ein Lob zu kassieren, gelassen – oder sagen wir besser eingeschränkt." Ein zartes Lächeln erschien auf seinen Zügen, welches Hermine hart schlucken ließ. Hatte er jemals so gelacht, wie in diesem Moment. Er sollte es absolut öfter tun.
„Dein anfängliches Wissen, welches du aus den Büchern gesogen hast, hatte sich in den Jahren mit deinen praktischen Erfahrungen gemischt. Und es kam der Tag wo ich nicht mehr umhin kam, mir einzugestehen, dass dein Verstand anders, besser und effizienter arbeitet, als der deiner Mitschüler."
Hermine merkte, wie sie rosa anlief. Das war wohl das erste wirkliche Kompliment von ihm, was sie je erhalten hatte. So lange hatte sie sich nach ein wenig Anerkennung gesehnt. Und jetzt, wo sie diese bekommen hatte, fühlte sie sich einfach nur peinlich berührt.
„Um es kurz zu machen." Nahm der Tränkemeister erneut das Wort auf. „Ich denke, mittlerweile bist du die schlauste Hexe, die ich je unterrichten durfte und ich bin mir sicher, dass du mit ein paar mehr Erfahrungen, mir in Zaubertränke durchaus eine Konkurrenz werden könntest."
Das war eindeutig zu viel für Hermine. Wie gelähmt saß sie, noch immer auf dem Boden kniend, vor Severus und starrte ihn mit fassungslosen Augen an. Sie hatte ja einiges erwartet und vielleicht hatte sie sogar gehofft, dass er irgendetwas Positives über sie sagen konnte. Doch das, was er ihr eben offenbart hatte, war mehr, als sie je zu hoffen gewagt hatte.
Leicht schnalzte Severus mit der Zunge, während er sich vom Sofa erhob. Mit vor der Brust verschränkten Armen stellte er sich vor dem Kamin. „Wenn du das irgendjemanden erzählst, gnade dir Gott Hermine." Fügte er an.
Doch er hatte diese Worte in einem Ton gesprochen, der Hermine leise lächeln ließ. „Das wäre aber mal eine gute Story für den Tagespropheten." Entgegnete sie nur spitz. Doch sie erhielt keine Reaktion von ihm.
Fragend blickte sie ihn an, als er vor dem Kamin bewegungslos verharrte. Sie hätte ihn gerne gefragt, was los war, doch sie hatte das Gefühl, dass sie besser abwarten sollte.
Severus wusste nicht woher es kam. Aber mit einem Mal hatte sich ein Wunsch in ihm festgesetzt, der ihn nachdenklich werden ließ. Er erinnerte sich noch deutlich an ihre Worte, die sie ihn einst hatte zukommen lassen. „Wenn du willst, dass ich dich irgendwann verachte, dann kann ich dir sagen, dass wir auf einem guten Weg dahin sind."
„Ich möchte nicht, dass du mich hasst." Wisperte er schließlich und sprach damit das aus, was ihm schon die ganze Zeit über auf der Seele gelastet hatte – ohne es wirklich zu merken.
Als er sich zu ihr umdrehte, sahen ihre braunen Augen ihn seltsam berührt an. Sie funkelten warm und wirkten in diesem Moment so tief und dunkel wie noch nie zuvor.
„Das tue ich auch nicht." Erwiderte sie schließlich nur. Ihr Herz hatte angefangen zu rasen. Seine letzten Worte hatten sie überrumpelt. Doch letztendlich waren sie zu ihr vorgedrungen und hatten sich ausgerechnet in ihr Herz eingepflanzt.
Er ist dein Lehrer! Meldete sich schließlich ihr Verstand wieder, als sie drohte in seinen Augen zu versinken. Sie riss sich förmlich aus diesem intensiven Blick und atmete einmal tief durch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Ihr Verstand hatte Recht. Er war ihr Lehrer. Mal ganz abgesehen davon, dass sie sowieso vergeben war. Severus hatte ihr Herz nicht gewollt und so hatte sie es Matt geschenkt. Und er würde auch sicher besser darauf aufpassen und nicht darauf herumtrampeln.
