53. Ich weiß etwas, was du nicht weißt

Mit einem gewaltigen Knall schlug Severus auf die Platte des großen Holztisches. Augenblicklich herrschte eine beinahe gespenstige Ruhe innerhalb des Ordens. Alle Blicke waren auf den Tränkemeister gerichtet, auch der des Direktors.

„Wenn ihr dahin geht, dann ist das Selbstmord!" donnerte seine dunkle Stimme durch den Versammlungsraum. Anschließend kehrte wieder diese angespannte Stille ein.

Severus blickte jedes einzelne Mitglied an. Versuchte herauszufinden, was der- oder diejenige dachte, ob man ihn verstand.

Der Orden hatte morgen einen Angriff auf Malfoy Manor geplant, dort wo die wichtigsten Todesser des dunklen Lords saßen. Doch leider gab es irgendwo eine undichte Stelle, durch die dieses Vorhaben gesickert ist.

Nun wissen Malfoy und die anderen Bescheid. Severus selbst war vorhin erst bei Lucius gewesen und hatte mit angesehen, wie sie sich auf bestialische Weise auf den Angriff des Ordens vorbereiteten.

Die Todesser hatten sich unschuldige Muggel gefangen genommen und probierten nun die neusten und grausamsten Folterflüche an ihnen aus. Für die Todesser war es ein Mordsspaß gewesen, Severus war nur speiübel geworden.

Er hatte sofort eine Ordensversammlung einberufen, um den Mitgliedern von diesen Vorfällen zu berichten, doch die schienen alles andere als besorgt zu sein. Und nun stand er hier und versuchte die Auroren davon zu überzeugen, nicht anzugreifen. Aber bis jetzt war all sein Bemühen vergebens.

„Jetzt wo wir es wissen, gibt es keinen Grund, diesen Angriff zu stoppen." Sprach Moody, der Severus mit seinem beweglichen Augen zu durchleuchten schien.

Severus schnaubte entnervt auf. „Ich glaube, ihr wollt mich nicht verstehen." Sprach er so leise und drohend, dass seine dunkle Stimme seltsam im Raum widerhallte. „Malfoy hat all seine Kräfte mobilisiert, der dunkle Lord hat seine Hilfe angekündigt. Die wollen euch morgen ausrotten. Einen nach den anderen! Und ich sage euch, dass sie das schaffen werden, weil ihr in der Unterzahl seid."

Abermals blickten seine dunklen Augen in die Runde, doch niemand schien seinen Worten Bedeutung beizumessen.

„Wir sind alle gut ausgebildet. Mit den Auroren vom Ministerium kommen wir auf knapp fünfzig Mann." Nahm nun Shacklebolt das Wort auf. „Ich schließe mich Alastor an und sage, wir sollten kämpfen."

Ungläubig über so viel Kühnheit schüttelte der Tränkemeister nur seinen Kopf. „Wenn ihr morgen Malfoy Manor angreift, kann ich euch auch nicht mehr helfen." Zischte er die Ordensmitglieder an.

„Das erwartet auch keiner von dir Severus." Kam es prompt von Moody zurück.

Fest presste Severus seine Kiefer aufeinander. Warum tat er sich das hier eigentlich an? Warum kämpfte er so dafür, um dieses Unheil zu verhindern? Warum ließ er sie nicht einfach in ihren eigenen Tod stürzen? Eine kleine Stimme flüsterte ihm einen einzigen Namen zu. Einen Namen, der der Grund für all dies sein sollte. Doch er schob diesen Gedanken wieder beiseite.

„Warum stimmen wir nicht einfach ab?" sprach nun Dumbledore, als offensichtlich niemand mehr weiter wusste. Ein verhaltenes Nicken machte die Runde, bis es schließlich bei Severus angelangt war.

Dieser sah seinen Mentor nur wütend an. Konnte er sich das Ergebnis der Abstimmung doch bereits jetzt denken. Schließlich zuckte er nur resignierend mit seinen Schultern und fügte sich somit Albus´ Vorschlag.

„Also gut." Sprach der Direktor erneut und richtete seinen freundlichen, beinahe strahlenden Blick an die Mitglieder des Ordens. „Wer von euch würde morgen das Risiko eingehen und Malfoy Manor angreifen, um vielleicht einen wichtigen Schritt in Richtung Sieg gehen zu können?"

Sofort schnellten mehrere Arme in die Luft. Severus blickte abwartend in die Runde. Weitere Meldungen folgten nach und nach.

Schließlich blieb Severus´ Blick hängen. Bei Hermine hielt er inne, sah sie lange und intensiv an. Sie saß neben Matt, der sich von Anfang an gemeldet hatte. Hermines Arm hatte sich noch nicht gehoben. Die junge Frau erwiderte seinen Blick, sah ihn mit warmen Augen an.

Doch schließlich senkte sie ihre Lider. Und als sie sie wieder hob und abermals seinen Blick begegnete, wusste er, wie sie sich entschieden hatte. In ihm krampfte sich alles zusammen, als er ihren Entschluss in ihren Augen ablesen konnte, die ihn nun entschuldigend aber entschlossen zugleich anblickten. Und dann hob auch sie ihre Hand in die Luft und stimmte somit vielleicht für ihren eigenen Tod.

Die Enttäuschung, die Severus in diesem Moment empfand, konnte er nicht mehr verbergen. Seine schwarzen Augen sahen die Gryffindor ungläubig an. Doch irgendwann hielt er es nicht mehr aus und wand sich einfach von ihr ab. Damit war das Treffen für ihn beendet.

*****

Hermine saß auf ihrem Bett und lernte gerade für Geschichte der Zauberei. Doch so wirklich merken, konnte sie sich auch nichts. Es war spät am Abend, doch das war nicht das eigentliche Problem.

Dass, was die junge Frau so beunruhigte, war der morgige Angriff auf Malfoy Manor. Es graute ihr allein bei den Gedanken daran. Und wenn sie ehrlich war, dann konnte sie Severus´ Befürchtungen verstehen.

Aber sie konnte auch die Entscheidung des Ordens in gewisser Weise nachvollziehen. Sie wollten diesen verdammten Krieg endlich beenden, sie wollten Voldemort und seine Anhänger endlich zum Fallen bringen.

Doch ob diese Möglichkeit gerade morgen bestand, war fraglich. Sie vertraute Severus. Er hatte viele Jahre mit den Todessern gewissermaßen zusammengelebt. Er weiß wie sie denken, wie grausam sie sind. Und wenn er sagte, dass der Orden morgen nur verlieren kann, dann glaubte sie das auch.

Doch sie hatte sich gegen Severus´ Entscheidung und für den Orden entschieden. Die Enttäuschung in seinen Augen steckte ihr noch jetzt fest in den Knochen. Es hatte wehgetan, doch sie hatte es nicht ändern können.

Sie gehörte dem Orden an und sie würde kämpfen – zusammen mit Matt.

Hermine seufzte leise auf und ließ sich rücklings in die Kissen fallen. Sie vermisste Matt schon, wenn er nicht bei ihr war. Am liebsten hätte sie jetzt mit ihm gekuschelt. Sich in seine starken Arme geschmiegt und sich wegen morgen beruhigen lassen.

Doch er war nicht da. Er hatte noch was im Ministerium zu erledigen gehabt. Hermine musste zugeben, dass es nicht leicht war, eine Beziehung zu dieser Zeit zu beginnen. Sie sahen sich kaum, hatten nicht viel Zeit an ihrer Liebe zu arbeiten.

Doch bald würde es vorbei sein. Und dann konnten sie sich ganz ihren Gefühlen widmen. Mit einem seichten Lächeln schloss sie ihre Augen. Und plötzlich musste sie wieder an diese zarte Berührung im Tränkeunterricht denken.

Es war so angenehm gewesen, Severus´ warme Haut auf ihrer zu spüren. Ein sanfter Schauer hatte sie in diesem Moment durchflutet. Einen Schauer, den sie zu dieser Zeit noch zugelassen hatte. Doch jetzt verdrängte sie diese Gefühle, die allein bei dieser Berührung in ihr aufgewallt waren.

Das hatte rein gar nichts zu bedeuten. Severus war nur ein Freund, ein Bekannter, vielleicht ein Vertrauter. Aber er war nicht mehr der Mann, den sie liebte.

Ihre letzten Gedanken schmerzten sie. Dass was sie für diesen Mann empfunden hatte, war etwas Außergewöhnliches gewesen. Doch sie hatte es geschafft, diese Gefühle zu unterdrücken, sie zu vergessen. Sie hatte ein neues Leben begonnen. Ein Leben, wo Severus keinen Platz mehr hatte.

Ein lauter Knall ließ sie hochschrecken. Und auch wenn dieses laute Geräusch eines apparierenden Hauselfen ihr mittlerweile schon bekannt sein sollte, so erschreckte sie sich dennoch jedes Mal aufs Neue.

Mit gewohnt unsicherer Haltung überreichte das kleine Wesen Hermine eine Rolle Pergament, bevor er wieder mit einer letzten Verbeugung verschwand.

Mehrere Sekunden lang blickte Hermine das Stück Papier in ihrer Hand an. Sie hatte so eine Ahnung, von wem diese Nachricht verfasst worden war. Doch sie war sich absolut nicht sicher, ob sie so genau wissen wollte, was dort drin stand.

Doch schließlich entrollte sie das Pergament doch, um das Geschriebene zu lesen.

Hermine,

ich bitte dich inständig, morgen nicht an den Übergriff auf Malfoy Manor teilzunehmen. Das wäre glatter Selbstmord.

Severus

Hermine konnte nur ungläubig auf diese Zeilen starren. Warum schrieb er ihr diesen Brief? Warum verlangte er das von ihr?

Sie war verwirrt, aber dennoch kannte sie ihre Antwort auf seine Bitte. Die junge Frau setzte sich entschlossen an ihren Schreibtisch, nahm sich ein Blatt Pergament, tauchte ihre Schreibfeder in schwarze Tinte und setzte zum Schreiben an. Doch sie hielt inne.

Ohne etwas geschrieben zu haben, legte sie die Feder zurück an ihren Platz. Es hatte keinen Zweck, ihm das schriftlich mitzuteilen. Am besten sie würde es ihm gleich persönlich sagen. Und so erhob sich die junge Frau, schnappte sich ihren Umhang und machte sich auf den Weg in die Kerker.

Nachdenklich blickte Severus in das prasselnde Feuer seines Kamins. In der einen Hand hielt er noch immer die Feder, mit der er die Nachricht an Hermine verfasst hatte. Gedankenverloren strich er sich mit der Feder über sein Kinn.

Warum hatte er ihr diese Nachricht überhaupt geschrieben? Seit er das Stück Pergament vor wenigen Augenblicken einer Hauselfe gegeben hatte, fragte er sich genau dies. Warum wollte er unbedingt verhindern, dass sie dort morgen mitging, dass sie in die Falle tappte?

Doch egal wie lange er darüber auch nachdachte. Er fand einfach keine Antwort. Wahrscheinlich war einfach nur wieder der Beschützerinstinkt in ihm ausgebrochen, den die junge Frau irgendwie ständig in ihm aktivierte.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Für einen Moment schloss er seine tiefschwarzen Augen. Er wusste, dass SIE vor der Tür stand. Sein Herzschlag verschnellerte sich mit einem Mal auf unerklärliche Weise.

Er hatte kaum die Kraft, sich zu erheben. Aber dennoch zog er sich mehr oder weniger aus seinem Sessel, schritt zur Tür und öffnete diese.

Eigentlich hätte Severus auf die gewaltige Wucht ihrer braunen Augen vorbereitet sein müssen. Doch ihr Blick traf ihn wie ein Schlag. Ließ ihn sich mit einem Mal nur noch schwacher fühlen.

Er schritt zur Seite und ließ Hermine rein, ohne seinen Blick auf sie zu richten. Dennoch konnte er spüren, dass dieser fragend auf ihm lag.

„Warum schreibst du mir so etwas?" fragte sie Severus schließlich mit leiser Stimme. Dabei hielt sie ihm seinen Brief entgegen.

Trotz dieser Unmengen an Gefühlen, die auf ihn einströmten, konnte er nach außen hin seine kühle Maske wahren. „Du kennst meine Meinung über dieses Vorhaben." Gab er scharf zurück.

Hermine schloss für einen Moment ihre Augen. „Ja, die kenne ich." Erwiderte sie mit leiser Stimme. Sie öffnete ihre Augen wieder und begegnete erneut seinem starren Blick. „Und ich gebe dir Recht Severus. Es ist der reine Wahnsinn, was der Orden vorhat."

Erstaunt blickte er die junge Frau an. Damit hatte er nun wahrlich nicht gerechnet. Damit war sie wohl die einzige, die seine Bedenken teilte. Aber Severus wusste, dass ihre letzte Äußerung nach einem aber verlangte. Und damit sollte er auch Recht behalten.

„Aber dennoch kann ich deiner Bitte nicht folgen." Sagte sie ihm mit einem entschuldigenden Blick in den Augen.

„Warum nicht?" fragte er seufzend.

„Ich bin nicht dem Orden beigetreten, um mich aus den Sachen herauszuhalten, die mir das Leben kosten könnten." Antwortete sie ihm mit einer Souveränität in der Stimme, die ihn beeindruckte.

Und nicht nur die. Auch der Mut und ihre Loyalität, die sie mit dieser Einstellung bewies, imponierten ihn. Aber dennoch wäre ihm eine ängstliche und feige Hermine in dieser Situation lieber gewesen.

„Und außerdem…" Richtete sie erneut das Wort an den Tränkemeister. „Und außerdem kann und werde ich Matt nicht im Stich lassen."

Beinahe mechanisch nickte Severus der Gryffindor zu. Ihre letzte Aussage hatte ihn getroffen. Auf eine Weise, die er sich nicht erklären konnte. Wenn sie nur an diesem verdammten Übergriff morgen teilnahm, um diesem Collin zur Seite zu stehen, dann hatte er keinen Einfluss mehr auf ihre Entscheidung.

Er musste sich geschlagen geben. Er konnte sie von ihrem Vorhaben nicht mehr abhalten. Es war zu spät…

*****

Severus lag in seinem Bett. Die Arme hatte er hinter seinem Kopf verschränkt, die Augen waren auf die kahle weiße Decke gerichtet. Er wusste nicht, wie lange er schon hier lag. Wach, aufgewühlt, voller quälender Gedanken.

Immer wieder gingen ihn Hermines letzten Worte nicht aus dem Kopf. Sie ging in den Kampf für Matt. Um den Mann, den sie liebte, zu schützen. Und allein dieser Gedanke bewirkte, dass sich sein Magen schmerzhaft zusammenkrampfte.

Er konnte absolut nicht verstehen, was sie an diesen Hampelmann fand. Er war ein Jüngling, hatte stets dieses abartige Lächeln auf den Lippen und sein goldgelocktes Haar wehte ständig so verworren im Wind (und das regte ihn auf eine unerklärliche Weise dermaßen auf).

Ein leises Knurren entrang sich seiner Kehle. Warum zur Hölle dachte er überhaupt über so etwas nach? Es konnte ihm doch völlig egal sein, mit wem Hermine zusammen war.

Severus strich sich über das Gesicht und drehte sich anschließend auf die Seite. Er schloss seine Augen, doch Ruhe fand er dadurch trotzdem nicht. Er war unruhig, hatte Angst. Eine Angst, die er genau genommen gar nicht fühlen wollte.

Doch wenn er daran dachte, dass das morgen ihr letzter Kampf sein könnte, dann hätte er aufspringen und irgendwelche Gegenstände sinnlos zertrümmern können.

Abermals drehte er sich um. Dieses Mal auf die andere Seite. Er atmete laut aus, seine Augen waren nun wieder an die Wand gerichtet. Was hatte diese verdammte Gryffindor nur mit ihm angestellt, dass er sich solche Sorgen um sie machte?

Verdammt sie war seine Schülerin! Und die Art von Sorge, die er sich gerade machte, empfand man nicht für SCHÜLERINNEN!

Mit einem Ruck war er aus seinem Bett gesprungen und stand nun inmitten seines Schlafzimmers. Na wunderbar! Jetzt konnte er erst recht nicht mehr schlafen. Er wanderte durch sein Schlafzimmer, hin und her ohne zu wissen, was er nun tun sollte.

Doch schließlich ergriff er seinen Zauberstab und murmelte ohne weiter darüber nachzudenken „Expecto Patronus". Sein Patronus erschien inmitten des dunklen Zimmers und sandte einen sanften bläulichen Schein durch den Raum.

Severus merkte, wie er ruhiger wurde. Sein Patronus, der mittlerweile die Gestalt Lilys angenommen hatte, gab ihm die Kraft, die er brauchte.

Müde legte er sich zurück in sein Bett. Er drehte sich auf die Seite, schloss seine Augen. Und nur wenige Augenblicke später konnte er etwas fühlen, was sein Herz höher schlagen ließ. Eine plötzliche Wärme hatte ihn erfasst und ein sanftes Kribbeln hatte sich über seinen Arm ausgebreitet.

Langsam öffnete er seine Lider wieder und blickte direkt in die leuchtend grünen Augen Lilys. Sie hatte sich neben Severus gelegt, ihre Hand zart auf seinen Arm gebettet. Und diese Berührung war es, die dieses so angenehme Prickeln verursachte.

Er sah die Frau neben sich an. Einen Moment überlegte er, wie lange schon keine Frau mehr neben ihm gelegen hatte. Doch diesen Gedanken verwarf er schnell wieder. Stattdessen ließ er sich von ihrem intensiven Blick anziehen, um darin hoffnungslos zu ertrinken.

Ohne etwas zu sagen, zog er Lily zu sich heran und umarmte sie sanft. Er konnte sie fühlen – auf eine seltsame befremdliche Weise. Er spürte ihre Wärme, ihre Nähe.

„Ich bin da." Hörte er nur ihre zarte Stimme in seinem Kopf widerhallen.

Er blickte sie an. Lange, ohne sich zu bewegen. Eine unglaubliche Dankbarkeit durchflutete ihn in diesem Moment. Eine Dankbarkeit dafür, dass sie da war, dass sie ihm Trost spendete.

Dann schloss er seine Augen, genoss die Nähe, die genau genommen nicht existierte. Zart bettete er seinen Kopf gegen ihren, seine Umarmung intensivierte sich. Er wusste, dass dies nur für eine Nacht war, dass diese Frau neben ihm, morgen früh wieder verschwunden sein würde.

Doch für die Nacht war sie bei ihm. Gab ihm dass, wonach er sich so sehr sehnte, was er sich aber mit allen Mitteln verwehrte – Liebe.