54. Der Stein bröckelt
Kalt rieselte matter Schauer durch seine Adern, der beinahe all die Lebenswärme erstarren ließ. Seine Atmung ging rasselnd, sein Herz schien stehen geblieben zu sein. Er wusste nicht, ob er gerade lebte oder starb. Doch die letzten Worte, die er vernommen hatte, haben ihn etwas geraubt, ohne dass er lebensunfähig war.
Warum? Warum hatte Albus unbedingt diesen völlig wahnsinnigen Unterfangen, Malfoy Manor anzugreifen, zustimmen müssen? Warum verdammt! Warum hatte er es nicht verhindern können?!
Er selbst hatte sich in den Kampf gestürzt und versucht, so weit es ihm möglich war, dem Orden zu helfen. Doch SIE hatte er nicht gesehen, er hatte nicht auf sie aufpassen können. Es war einfach ein zu großes Durcheinander gewesen.
Irgendwann hatte er Albus´ Stimme gehört, die durch Legilimentik zu ihm durchgedrungen war. Er sollte von Malfoy Manor verschwinden. Seine Tarnung stand andernfalls auf dem Spiel. Er hatte nicht gehen wollen, aber gegen Albus´ Anweisungen war selbst er machtlos.
Er hatte nicht viel von dem Kampf mitbekommen, auch wenn er mittendrin gewesen war. Doch etwas war ihm ans Ohr gedrungen. Eine einzige Äußerung. Eine Äußerung, die Severus den Boden unter den Füßen gezogen hatte. Wir haben das Schlammblut erledigt.
Er konnte nicht mehr denken. Er konnte nicht mehr fühlen, er hatte sogar das Gefühl, dass er schon lange nicht mehr existierte. Das Einzige, was ihm gegenwärtig war, waren diese Worte, die sich zwei Todesser mit einer widerlich zufriedenen Grimasse zugeworfen hatten.
Im Nachhinein wusste er nicht mehr, wie er es nach Hogwarts geschafft hatte. Wie in Trance war er dorthin appariert. Eine innere Leere hatte von ihm Besitz ergriffen. Eine tiefe Wut und eine noch viel tiefere Trauer.
Doch so ganz schien es der Tränkemeister noch nicht realisieren zu können, was passiert war, dass SIE tot sein sollte. Ermordet, gequält, gefoltert von den Todessern. Er konnte es nicht glauben und er wollte es auch nicht. Er wollte nicht darüber nachdenken, was ihr Tod für Konsequenzen hatte. Er wollte nicht wissen, was für eine große Lücke sie hinterließ. Nein er wollte nicht wissen – nie mehr.
Beinahe mechanisch und mit starrem, trübem Blick betrat Severus das mächtige Eingangsportal von Hogwarts. Er war nur ein paar Schritte weit gekommen, als er plötzlich wie in Trance innehielt.
Langsam hob er seinen ungläubigen Blick. So quälend langsam, dass es ihn beinahe verrückt machte. Doch er wollte sich nicht beeilen, wollte sich die Zeit nehmen – wofür auch immer.
Und als er schließlich seinen Blick gehoben hatte, fragte er sich im ersten Moment, ob jemand einen makaberen Scherz mit ihm spielte. Nur wenige Meter von ihm entfernt, stand SIE. Ihre Haare waren zerzaust, ihr Umhang zerrissen, eine große Narbe zierte ihren linken Arm. Doch sie lebte. Sie musste leben… oder bildete er sich das nur ein?
Unentwegt blickte er sie an. Stumm erwiderte Hermine seinen Blick. Dieser gehetzte Blick in seinen schwarzen Augen wühlte sie auf. Noch nie hatte sie solche Emotionen in seinen Augen gesehen. Emotionen, die allein für sie bestimmt waren.
Sie konnte deutlich erkennen, wie Severus´ Blick erst langsam klarer wurde, wie er erst allmählich das Tatsächliche fassen konnte.
Er hatte die junge Frau vor sich nun schon so lange angesehen. Unentwegt, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Und erst langsam hatte er realisieren können, dass sie tatsächlich vor ihm stand, dass sie lebte.
Langsam schloss er seine Augen. Aus Erleichterung, vor Erschöpfung. Und wie er seine Lider aufeinander schlug, fiel auch die ganze grausame Angst von ihm ab.
Hermines Herzschlag begann mit einem Mal zu rasen, als sie diese Geste der Befreiung bei ihm sah. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, sie konnte nichts tun. Sie konnte ihn einfach nur anblicken und sich fragen, was das hier gerade zu bedeuten hatte.
Dann öffnete Severus seine Augen wieder und beinahe vorsichtig trafen sich ihre Blicke. Sie sahen sich an. Fragend, zurückhaltend. Verharrten einfach, ohne etwas anderes zu tun.
Hermine musste hart schlucken, als sich dieser Blickkontakt zu intensivieren drohte. Die Emotionen der beiden schienen überzupeitschen und hatten sich nun in ihre Augen vorgekämpft. Und sie versuchten es erst gar nicht, diese Gefühle, die der andere nun deutlich sehen konnte, zu verbergen.
Die Gryffindor war zutiefst verunsichert, als sie diese Wärme in seinen dunklen Augen sah. Eine Wärme, die sie so noch nie bei ihm wahrgenommen hatte. Eine Wärme, die allein für sie bestimmt war.
Sie war wie betäubt von dieser Wärme, ließ sich von ihr verführen und so verlor sie sich in den Tiefen seiner magischen Augen.
Severus ging es in diesem Moment auch nicht anders. Seinen Verstand hatte er schon lange zum Schweigen gebracht. Nun hörte er noch allein die Sprache seines Herzen. Es klopfte wild in seiner Brust. Seine Gefühle konnte er nicht mehr steuern.
Wie paralysiert standen sich diese beiden Personen gegenüber, in den intensiven Blicken des jeweils anderen hoffnungslos verloren. Doch schließlich riss sie ein leises Räuspern beinahe gewaltsam aus diesen zarten Moment.
Verwirrt trennten sich ihre Blicke und richteten diese nun auf die Person, die die beiden unterbrochen hatte. Mit einem seichten Lächeln stand Dumbledore vor ihnen. Sein Blick funkelte bedrohlich stark.
„Ich hoffe, ich habe euch nicht gestört." Fragte er mit einem unterdrückten Glucksen.
Eigentlich war das so ein Kommentar, bei dem Severus an die Decke gegangen wäre. Doch dieses Mal achtete er gar nicht darauf. Sein Bewusstsein war in völlig anderen Sphären unterwegs. Dennoch hatte der Tränkemeister seinen Blick auf Albus gerichtet.
„Ich würde dich gerne in meinem Büro sprechen." Meinte der Direktor, nachdem keiner der beiden etwas sagen wollte.
Nun war der Moment gekommen, in dem Severus hätte aufschreien können. Warum jetzt?! Ausgerechnet jetzt! Doch dieser so unglaublich ergreifende Moment zwischen Hermine und ihm war sowieso unwiederbringlich zerstört. Und so nickte er seinem Mentor lediglich leicht zu, bevor er ihm in Richtung Büro folgte.
Zurück blieb eine junge Frau, die ihren Blick noch immer auf die Stelle gerichtet hatte, auf der Severus bis vor wenigen Augenblicken noch gestanden hatte. Und auch wenn er bereits weg war, so konnte sie seine Aura noch immer spüren, seinen so vertrauten Duft riechen. Und wenn sie ihre Augen schloss, dann sah sie diesen Blick.
Diesen so unglaublich gefühlsstarken Blick, der sie beinahe umgehauen hätte. Sie wusste nicht, was da zwischen ihnen gerade passiert war. Das einzige was sie wusste war, dass es etwas völlig Neues gewesen war.
*****
Müde und erschöpft kehrte Severus nach gefühlten zwölf aber realen anderthalb Stunden von Albus zurück. Er hatte ihn berichten müssen, ob er im Kampfgetümmel etwas herausgefunden hatte.
Doch diese Frage war sowohl unsinnig als auch völlig überflüssig. Im Kampf fand man nichts heraus. Man versuchte lediglich zu überleben.
Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte sich dieser Angriff als Fehlschlag herausgestellt. Die Todesser waren in der Übermacht gewesen und nachdem die ersten Auroren gefallen waren, hatte sich der Orden für den Rückzug entschieden. Eine getötete Aurorin war wohl eine Muggel gewesen – aber zum Glück war es nicht Hermine.
Es lief ihm noch immer kalt den Rücken herunter, wenn er sich vorstellte, dass auch Hermine unter den Toten hätte sein können.
Er strich sich über die Augen, um die Müdigkeit fort zu wischen. Langsamen Schrittes ging er die verlassenen Kerker entlang und als er um die Ecke bog, die ihn zu seinen Räumen führte, fing sein Herz erneut an wie wild zu schlagen.
Zusammengekauert saß Hermine gegen die kalte Steinwand gelehnt – offensichtlich auf ihn wartend.
Sie blickte ihn nur an, als er sie entdeckt hatte. Und auch Severus wusste nicht so wirklich, was zu sagen war. Und so murmelte er nur das Passwort zu seinen Räumen. Als sich die Tür öffnete, nickte er der jungen Frau leicht zu und bedeutete ihr somit, in seine Räume einzutreten.
Langsam erhob sich Hermine, den Blick nun starr auf einen fixen Punkt gerichtet. Sie schlängelte sich an ihm vorbei hinein in seinen Wohnrau, Severus folgte ihr. Als sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, herrschte wieder diese beinahe dröhnende Stille zwischen ihnen.
Sie standen sich gegenüber, die Blicke waren nun wieder aufeinander gerichtet. Severus´ Hals war trocken, sein Herz pochte so laut gegen seine Brust, dass er es hören konnte. Er blieb stumm. Er wartete, dass sie etwas sagen würde, dass sie sich erklärte, warum sie hier war. Doch auch ihre Lippen blieben verschlossen.
Hermine hatte absolut keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Sie konnte sich noch nicht einmal erklären, warum sie eigentlich hier war, bei ihm. Sie merkte, wie sie nervös wurde, wie ihr Atem lauter und schneller wurde.
Severus konnte es kaum ertragen, dass sie einfach so vor ihm stand und nichts sagte, sich noch nicht einmal bewegte. Denn alles in ihm schrie plötzlich nach dieser Frau. Langsam ging er einen Schritt auf sie zu, ihren Blick nicht aus den Augen lassend.
Nun stand er direkt vor Hermine, so nahe, dass sich ihre Körper beinahe berührten. Auch sein Atem war lauter geworden. Er musste einfach schneller atmen, andernfalls würde er keine Luft mehr bekommen.
Langsam hob er seine Hand, ohne es steuern zu können. Sein Herz schien sich zu etwas entschieden zu haben, worüber er nun keine Kontrolle mehr hatte. Schließlich berührte seine Hand ihre Wange. Hauchzart, vorsichtig und unsicher. Und sie ließ diese zarte Berührung zu.
Beinahe quälend langsam strich er ihr Gesicht entlang und sandte somit einen wohligen Schauer durch den Körper der jungen Frau.
Schwer atmend nährten sie sich einander an. Kurz bevor ihre Lippen sich trafen, hielten sie inne, keiner wollte den letzten Schritt gehen, der so klein und doch bedeutend war.
Doch schließlich lehnte sich Hermine nach vorne. Ihre Lippen verschmolzen mit seinen zu einem flüchtigen Kuss. Nur einen kurzen Augenblick lang waren sie miteinander verbunden.
Als sie sich voneinander gelöst hatten, war das Atmen nun zu einem Keuchen geworden. Noch immer waren sich ihre Gesichter nahe, noch immer ruhte Severus´ Hand auf ihrer Wange. Fragend sahen sie sich an und schließlich kosteten sie abermals für einen kurzen Moment von den Lippen des anderen.
Erneut tauschten sie fragende, hoffende Blicke. Und als Severus die gleiche Sehnsucht in ihren Augen zu sehen glaubte, warf er auch die letzten Zweifel ab.
Und endlich küsste er sie mit einer Inbrunst, mit einer Zärtlichkeit, mit einer Verzweiflung, wie er noch nie in seinem Leben jemanden geküsst hat.
Mit derselben Intensität wurde dieser Kuss erwidert. Schlanke Arme hatten sich um seinen Hals geschlungen und seinen Körper somit eng gegen ihren gepresst. Ein Gewittersturm inklusive Orkan jagte durch beider Körper, trieb sie an, sich in diesen Kuss zu verlieren, sich den Berührungen des anderen hinzugeben, das eigene Herz zu verschenken.
Ohne diesen Kuss, der für beide scheinbar die Erlösung verkörperte, zu beenden, steuerten sie in das Schlafzimmer. Auf den Weg dahin fielen die Kleidungsstücke nacheinander zu Boden und verteilten sich im gesamten Wohnraum.
Im Schlafzimmer angekommen, traf nackte Haut auf nackte. Sie ließen sich in das Bett fallen, ineinander verschlungen küssten sie sich mit einer Innigkeit, die neu war. Bisher waren ihre Küsse wild und leidenschaftlich gewesen. Dieser hier war anders. Er war so vorsichtig und erforschend, als ob es der erste Kuss war, den sie teilten.
Langsam erkundeten Hände sanft den Körper des jeweils anderen, streichelten diesen, liebkosten ihn. Beide hatten jegliches Zeitgefühl verloren. Sie waren in ihrer eigenen Welt gefangen, wo allein sie existierten, wo der eine nicht ohne den anderen leben konnte.
In dem Moment, wo ihre Körper miteinander verschmolzen, wo sie endlich eins wurden, war es egal, dass draußen Krieg herrschte. Es war egal, dass diese Bindung aufgrund des Schüler-Lehrer-Verhältnisses verboten war. Es war egal, dass Hermine mit jemand anderem liiert war. Alles war egal.
Einzig der andere zählte, der die süße Qual hervorlockte, sie reizte und schürte. Ein leises Keuchen erfüllte den Raum. Sie liebten sich langsam – ungewohnt langsam. Ihre Blicke hielten einander fest, so dass der jeweils andere die gleiche glühende Sehnsucht in den Augen sehen konnte.
Es war neu für Severus, sich nicht nur auf einer körperlichen Ebene, sondern auf einem höheren, viel intensiveren Niveau zu vereinigen. Er schlief nicht einfach nur mit ihr, sondern er liebte sie mit ganzer Seele. Es trieb ihn nicht die Lust, sondern allein die Sehnsucht.
Langsam bewegten sie sich auf die Erlösung zu. Quälend langsam. Doch sie genossen diese so herbeigesehnte Zweisamkeit, die sie nicht mehr länger hatten unterdrücke können.
Hermine erfasste zart sein Gesicht mit ihren Händen, suchte seinen Blick, der so zärtlich verklärt war. Sie küsste ihn langsam und in dem Moment, als die Welle über ihr zusammenschlug, flüstere sie seinen Namen gegen seinen Mund.
Dieser Augenblick überwältigte Severus und löste den Funken in ihm aus, der nun auch seinen Körper in Brand versetzte. Der Funke, der ihn Hermine folgen ließ. Seine Erlösung schüttelte ihn, war so intensiv, dass diese bittersüßen Qualen allein mit einem innigen Kuss auszuhalten waren.
Dann kehrte Ruhe ein. Das Keuchen und Seufzen verebbte, die Herzschläge hörten auf wild zu trommeln. Eine unglaubliche Seligkeit hatte Severus und Hermine erfasst. Eng lagen sie aneinander gekuschelt, den anderen fest haltend.
Zart strichen Hände über Arme und Oberkörper, vorsichtige aber dennoch leuchtende Blicke wurden ausgetauscht, ein letzter sanfter Kuss wurde dem anderen geschenkt. Dann übernahm die Müdigkeit die Kontrolle und führte Severus und Hermine in eine Traumwelt, die in dieser Nacht nicht hätte schöner sein können.
