55. Das Problem mit der Verlegenheit
Es war noch früh am Morgen, als Hermine erwachte. Das Zimmer lag in einem diffusen Halbdunkel, der Mond schickte seinen bereits schwachen milchigen Schein durch das Fenster.
Das Erste was Hermine wahrnahm, war der warme Körper, gegen den sie sich gekuschelt hatte. Träge glitten ihre Augen die nackte Männerbrust hinauf. Stück für Stück. Und als sie bei den schlafenden und entspannten Zügen Severus´ angekommen war, konnte sie nur schmerzlich ihre Augen schließen.
Es war schon wieder passiert. Abermals hatte sie sich auf eine Nacht mit ihm eingelassen. Doch jetzt war noch alles komplizierter als vorher. Schon allein der Gedanke an Matt bescherte ihr ein dermaßen großes schlechtes Gewissen, dass sie hätte heulen können.
Doch noch mehr schmerzte die Gewissheit. Die Gewissheit darüber, dass sie Severus noch immer liebte, dass sie nie aufgehört hatte, ihn zu lieben und dass diese Liebe in den letzten Monaten immer mehr gewachsen war.
Warum konnte sie nicht dasselbe auch für Matt fühlen? Warum kann man seine Gefühle nicht einfach ab- und anschalten, wie es gerade passt? Matt war immer gut zu ihr gewesen. Er behandelte sie mit Respekt und er liebte sie. Und sie liebte ihn auch. Aber auf eine andere Weise, wie sie es bei Severus tat. Das wurde ihr nun schmerzlich bewusst.
Hermine merkte, wie sich ein dicker Kloß in ihrem Hals bildete. Traurig und durcheinander blickte sie auf den Mann, der in ihr so viele Emotionen auslöste, dass sie diese nicht bewältigen konnte. Sie musste hier raus. Sofort!
Vorsichtig löste sie sich aus der gegenseitigen Umarmung. Sofort fing sie an zu frieren, als sie seinen Körperkontakt verloren hatte. Aber dennoch erhob sie sich leise und mit einem letzten sehnsüchtigen Blick zu ihm, verließ sie das Schlafzimmer.
Im Wohnzimmer suchte sie sich ihre Kleidung zusammen, um sich anzuziehen. Dann verließ sie seine Räume.
Als sie in den kalten und verlassenen Korridor hinaustrat, liefen ihr nun doch Tränen über die Wangen. Sie konnte nicht beschreiben, wie es ihr in diesem Moment ging. Sie fühlte sich ausgelaugt und dennoch so schwerelos. Sie litt und liebte zugleich und sie wusste, dass dies eine verhängnisvolle Mischung war.
Dazu kam ein Gefühl, welches sie nicht benennen konnte. Sie wusste absolut nicht, was sie von dieser Nacht halten sollte und vor allem, was Severus davon hielt. Warum hatte er wieder mit ihr geschlafen? War er so verzweifelt, dass er sogar mit ihr Vorlieb nahm?
Hermine schluchzte laut auf, als ihr dieser Gedanke kam. Der Gedanke, abermals nur als Lustobjekt benutzt worden zu sein.
Verdammt! Warum hatte dieser Mann noch immer solch eine Wirkung auf sie? Warum konnte sie ihn nicht einfach vergessen?
Doch dass er sie dieses Mal ganz anders behandelt hatte und dass ihr Herz dies auch gespürt hatte, wollte sie in ihrer Verzweiflung nicht sehen.
*****
Severus schritt mit starrer Miene über die Gänge von Hogwarts. Sein Gemüt war heute nicht das Beste. Eigentlich war es so trübsinnig wie schon lange nicht mehr. Und das Schlimme daran war, dass es wegen einer Frau war, wegen einer SCHÜLERIN, wegen IHR.
Eigentlich hatte er nicht erwartet, dass sie am Morgen noch neben ihm liegen würde. Eigentlich…
Aber dennoch hatte es Severus einen Stich versetzt, alleine nach dieser Nacht aufwachen zu müssen.
Er blieb stehen und strich sich seufzend über sein müdes Gesicht. Diese Nacht war ihm an die Substanz gegangen. Sie hatte ihn schwächer werden lasen. Und das gefiel ihm gar nicht. Doch am wenigstens gefiel ihm die Tatsache, dass er diese Nacht so genossen hatte. Sie hatte ihm etwas gegeben, auf das er so lange hatte verzichten müssen.
Doch im selben Moment wünschte er sich eigentlich nur, dass er diese Gefühle der letzten Nacht nie erfahren hätte.
Er schüttelte beinahe ungläubig seinen Kopf über seine eigenen Gedankengänge. Wer war er denn, dass er so etwas dachte?
Severus straffte daraufhin nur seine Haltung. Und mit einem starren dunklen Blick setzte er seinen Weg durch die Gänge von Hogwarts fort.
*****
Nur wenige Stunden später sah das schon wieder ganz anders aus. Er saß hinter seinem Pult, sortierte irgendwelche Papiere zusammen und wartete. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal auf seine Schüler gewartet hatte und dabei so nervös war.
Wenn er es sich recht überlegte, war er noch NIE in seinem bisherigen miserablen Leben vor seinem Unterricht nervös gewesen. Aber er hatte sich ja auch noch nie in solch einer Situation wie jetzt befunden. Weder hatte er je mit einer seiner Schülerinnen geschlafen, noch hatte er jemals zuvor annährend so etwas erlebt gehabt wie letzte Nacht.
Dieser Gedanke kam ihm beinahe etwas lächerlich vor. Er war ein erwachsener Mann und dennoch wirbelten solche Gedanken durch seinen Kopf.
Mit einem lauten Ausatmen legte er die Papiere schließlich beiseite, erhob sich und schritt zur Tafel, um die heutige Aufgabe anzuschreiben. Eigentlich benutzte er meistens seinen Zauberstab dafür, doch aufgrund der aktuellen Begebenheiten schrieb er die Aufgabenstellung von Hand an die Tafel – nur um sich ein wenig abzulenken.
Kaum hatte er dies erledigt, betraten auch schon die ersten Siebtklässler den Raum. Nach und nach füllte sich das Klassenzimmer. Severus versuchte so gut es ging, die rein kommenden Schüler zu ignorieren. Allein aus dem Grund um IHR nicht plötzlich gegenüber zu stehen.
Doch wie es das Schicksal nun einmal so wollte, hob der Tränkemeister genau in dem Moment seinen Blick, als Hermine mit Harry und Ron den Raum betrat. Sofort trafen sich ihre Blicke. Severus konnte ihren Blick absolut nicht einschätzen. Doch er wollte diesem auch nicht genauer nachgehen. Und so wandte er sich schließlich wieder von ihr ab.
Hermine wäre am liebsten wieder aus dem Klassenzimmer gestürmt, als sie, kaum dass sie den Raum betreten hatte, ausgerechnet ihn anblicken musste. Ihr Herz hatte eine seltsam verwirrende Bewegung ausgeführt, um anschließend in einem reißenden Galopp gegen ihre Brust zu schlagen.
Tapfer setzte sie sich auf ihren Platz – der leider Gottes noch immer in der ersten Reihe war. Beinahe verbissen versuchte sie Severus nicht anzublicken und sie hatte so das Gefühl, dass er dieselbe Taktik ging.
Der Unterricht nahm schließlich seinen Lauf, ohne dass sich Severus´ und Hermines Blicke einmal trafen. Er machte einen großen Bogen um die junge Frau, sie bemühte sich, nicht aufzufallen.
Doch je länger der Unterricht andauerte, desto bescheuerter kam beiden dieses Verhalten vor. Sie waren doch keine Kinder mehr. Sie waren erwachsene Menschen und sie würden doch wohl über das gestern Geschehene sprechen können.
Es war beinahe erstaunlich, wie sich derselbe Gedanke in beiden Köpfen festbiss. Und als es schließlich zum Ende des Unterrichts läutete, war Hermine die einzige Schülerin, die nicht fluchtartig das Klassenzimmer verließ – auch wenn ein Teil in ihr dies immer noch sehr gerne getan hätte.
Die Gryffindor wurde immer nervöser. Und als auch schließlich der letzte Schüler den Raum verlassen hatte, glaubte sie verrückt zu werden. Denn mit einem Mal war der Vorsatz, diese Sache zu klären, verschwunden.
Doch nun gab es kein Zurück mehr. Sie musste sich ihm jetzt stellen. Sie musste sich jetzt seiner „Entschuldigung" stellen, dass er nur mit ihr geschlafen hatte, weil er auch nur ein Mann war.
Severus hatte einen Anfang dieses unvermeidlichen Gesprächs so lange wie möglich aufgeschoben. Scheinbar hochkonzentriert hatte er die Trankproben seiner Schüler sortiert und in sein kleines Labor gebracht.
Er hatte völlig überflüssiger Weise abermals einige Aufsätze, die vereinzelt auf seinem Pult lagen, sortiert. Nach welchem Prinzip er die Schriften dabei ordnete, war ihm selber schleierhaft.
Doch irgendwann gab es nichts mehr zu tun. Auch keine Scheintätigkeiten ließen sich mehr finden. Und so konnte er nichts anderes tun, als sich zu Hermine zu drehen und sich nun ihr und dieser Nacht zu stellen.
Warum er deswegen so unkonzentriert und nervös war, konnte er sich selber nicht erklären. Es war ja nicht so, als ob sie das erste Mal miteinander geschlafen hätten. Bei den letzten Malen hatte er sich doch auch nicht so angestellt.
Eine zerreißende Stille hatte sich zwischen ihnen ausgebreitet. Niemand wollte den Anfang machen, das erste Wort sprechen. Denn erneut standen sie vor einem Problem. Was genau sollten sie dem anderen eigentlich sagen?
Sowohl Severus als auch Hermine wusste es nicht. Doch irgendwann war diese dröhnende Stille für Hermine so quälend gewesen, dass sie sich schließlich erbarmte und wenigstens das Gespräch anfing.
„Ich hoffe, ich habe dich heute Morgen nicht geweckt." Innerlich zuckte sie unter ihren eigenen Worten zusammen. Was für ein denkbar ungünstiger Einstieg in solch ein Gespräch.
„Hast du nicht." Kam es knapp zurück.
„Gut." Erwiderte Hermine nur.
Erneut schwiegen sie sich nur an. Vergessen war der Vorsatz einer Aussprache. Allein eine immense Verlegenheit beherrschte diese beiden Personen und machte sie somit unfähig, auch nur irgendeinen sinnvollen Satz zu formulieren.
„Es tut mir leid, was gestern Nacht passiert ist." Nahm dieses Mal Severus das Wort wieder auf. Doch auch er hatte eher eine ungünstige Äußerung gewählt.
Hermine musste daraufhin hart schlucken. Das hatte sie sich ja gleich gedacht, dass so etwas kommt. Und eigentlich sah sie das ja genau so. Doch warum fühlte es sich dann so schmerzhaft an?
„Du musst dich dafür nicht entschuldigen." Erwiderte sie schließlich nur noch in einem mechanischen Tonfall. „Ich hätte es ja stoppen können."
„Und warum hast du es dann nicht getan?" fragte Severus beinahe verzweifelt nach. Doch kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, bereute er diese auch schon wieder. Wie konnte er nur so etwas fragen?
Völlig überrumpelt aufgrund seiner ungewöhnlich emotionalen Reaktion, konnte sie ihn nur anstarren. Und anstatt ihm einfach irgendetwas zu antworten, stellte die junge Frau in ihrer völligen geistigen Umnebelung eine Gegenfrage: „Hätte ich es tun sollen?
Nun war es an Severus Hermine völlig überfordert anzublicken. Was sollte er darauf erwidern? Egal was er jetzt dazu sagte. Er konnte nur verlieren. Und so blieb er stumm.
Doch leider war sein Schweigen für Hermine Antwort genug. Langsam nickte sie nur mit ihrem Kopf, so als ob sie verstand. Doch sie verstand gar nichts. Ebenso wenig wie Severus.
„Das hättest du." Beantwortete Severus schließlich doch ihre Frage. Er hatte diese Worte nicht mehr zurückhalten können.
Sie blickten sich an. Und man konnte ihnen deutlich ansehen, dass sie sich unwohl fühlten.
„Ich bin noch immer dein Lehrer." Sprach Severus schließlich weiter. Denn so langsam wurde sein Verstand wieder klarer. Und dieser sagte ihm, dass allein er für das verantwortlich ist, was passiert war. Er trug die Verantwortung für sie, er war ihr Schutzbefohlener.
„Ich weiß." Erwiderte Hermine mit einem beinahe verbissenen Gesichtsausdruck. Sie wollte nicht, dass ihre Stimme so schwach und zittrig klang. Doch sie konnte nichts dagegen tun.
„Deswegen könnte ich meinen Beruf verlieren." Sprach er erneut. Nun wieder mit weniger scharfem Verstand. Denn hätte er nur einen Augenblick über diese Worte nachgedacht, dann hätte der Tränkemeister erkannt, dass sie völlig überflüssig waren.
Mit gehobenen Augenbrauen blickte sie ihn an. Seine letzte Aussage wollte sie nicht so ganz verstehen. „Das wirst du auch nicht." Gab sie knapp zurück. „Oder glaubst du, ich renne gleich zu Dumbledore und erzähle ihm, dass du mich verführt hast?"
Ihre Stimme war zum Schluss hin beinahe schrill geworden. Denn allein die Vorstellung solch ein Gespräch mit dem Direktor zu führen, kam ihr mehr als grotesk vor.
Severus merkte, dass er sich mit seiner letzten unüberlegten Aussage auf dünnes Eis begeben hat. Er hatte Hermine nicht unterstellen wollen, dass sie ihn verriet. Das traute er ihr schon lange nicht mehr zu. Doch leider hatte sie es wohl genauso aufgefasst.
„Das wollte ich damit nicht sagen." versuchte er Hermine wieder zu besänftigen. Doch ohne es wissen zu können, war dies der letzte Funke, der gefehlt hatte, um die Glut zu entflammen.
„Was wolltest du dann sagen Severus?" Ihre Stimme war nun lauter. Eine verzweifelte Nuance schwamm in ihr mit. „Warum kannst du nicht einmal klar und deutlich sagen, was du denkst? Warum muss man bei dir immer alles erahnen?" Ihre braunen Augen trafen auf seine Schwarzen.
Severus verstand diese Frau gerade nicht. Aber gut. Wann hatte er je die Frauen verstanden? Doch als er ihren aufgebrachten Blick sah, der ihm deutlich zeigte, dass sie auf eine Antwort von ihm wartete, musste er sich doch mit ihren letzten Vorwürfen auseinandersetzen.
Er atmete tief ein. Er wusste, dass er nie über seine eigentlichen Gefühle sprach. Doch das sollte SIE mittlerweile schon wissen. Warum verlangte sie das dann ausgerechnet jetzt von ihm? Warum sollte er sich klar und deutlich zu dieser Nacht äußern?
Mal ganz davon abgesehen, dass er, auch wenn er gewollt hätte, sich nicht dazu hätte äußern konnte. Denn er verstand es selbst nicht. Weder warum er das getan hatte, noch warum sie ihn jetzt so durcheinander brachte.
„Du solltest jetzt gehen." Sagte er schließlich nur und prellte Hermines Aufforderung somit erbarmungslos ab. „Sonst verpasst du noch deinen Unterricht."
„Ich habe jetzt eine Freistunde." Erwiderte sie resignierend. „Aber ich habe schon verstanden." Ihre letzten Worte waren mit solch einer Enttäuschung getränkt gewesen, dass es sie selbst erschrak. Aber dennoch beließ sie es dabei. Das Gespräch war damit beendet, ohne dass sie irgendetwas geklärt hätten. Sie schnappte sich mit Tränen in den Augen ihre Tasche und verließ, ohne ihn noch einmal anzusehen, den Raum.
Als die Tür hinter Hermine ins Schloss fiel, ließ sich Severus auf seinen Stuhl sinken. Er schloss seine Augen und versuchte zu ergründen, was gerade alles falsch gelaufen war. Aber eigentlich fiel diese Antwort ziemlich kurz aus: Alles. Es war einfach alles falsch gelaufen.
