56. Ein Abschied für immer

Severus konnte nicht behaupten, dass er in einer guten Laune war. Aber angesichts der Tatsache, dass er gerade im Fuchsbau saß, hundemüde war, da er vorhin Potter Einzelunterricht in den dunklen Künsten gegeben hatte, und sich Berichte über diesen völlig überflüssigen Angriff auf Malfoy Manor anhören musste, war dies auch nicht weiter verwunderlich.

Albus hatte dieses Treffen einberufen, um über das, was vorletzte Nacht auf Malfoy Manor passiert war, zu sprechen.

Für Severus war eigentlich klar, dass man darüber nicht sprechen musste. Es war eine dumme und überstürzte Idee gewesen, bei der zwei Auroren ihr Leben lassen mussten und mehrere Mitglieder des Ordens so schwer verletzt worden sind, dass sie noch nicht einmal an diesen Treffen teilnehmen konnten.

Er fragte sich da allen Ernstes, über was Albus da noch sprechen wollte. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte sich eine hitzige Diskussion entfacht, an der Severus selber nicht wirklich teilnahm. Warum auch. Die anderen kannten ja seinen Standpunkt.

„Wir haben uns zu früh zurückgezogen." Sprach Moody der mit einem kämpferischen Blitzen in den Augen von seinem Stuhl hochgesprungen war, die Hände zu Fäusten geballt hatte und nun nach und nach die verbliebenen Ordensmitglieder musterte. Außer Severus, den ließ er aus.

„Vielleicht hätten wir noch eine Chance gehabt." Ereiferte sich der alte Auror weiter. „Eine Chance diesen Krieg endlich zu beenden."

Severus konnte über diese pathetischen Worte nur innerlich seinen Kopf schütteln. Hatte dieser alte Narr denn gar nichts dazu gelernt? Sie konnten von Glück sprechen, dass sie „nur" zwei Leute verloren hatten – und er konnte von Glück sprechen, dass Hermine nicht unter ihnen war.

Als dieser Gedanke ihn geradezu überfiel, konnte er nicht anders, als sie anzublicken. Sie saß neben diesen Collin, die braunen Augen hochkonzentriert auf Moody gerichtet. Ihre Stirn war leicht in Falten gezogen, der Mund ein wenig verzogen. Scheinbar konnte sie Alastors Worte auch nicht so ganz nachvollziehen.

Ein seichtes Lächeln huschte kurz über seine Lippen, als sie schließlich auch eine Augenbraue in die Höhe hob. Das hatte sie eindeutig von ihm.

Doch schließlich erstarrte sein Lächeln, als er mit ansehen musste, wie dieser Hampelmann von Matt seinen Arm um sie legte, um Hermine enger an sich heranzuziehen. Ein Gefühl breitete sich in Severus aus, was sowohl schmerzlich als auch rasend war.

Er merkte, wie seine Schlagader am Hals heftig pulsierte, wie sich sein Körper verkrampfte. Er versuchte, diese Geste zu ignorieren, wollte seinen Blick von Hermine ablenken, doch er konnte nicht.

Doch das Schlimmste daran war, dass Hermine diese Umarmung zuließ. Sie wehrte sich nicht dagegen. Für einen kurzen Augenblick schloss die junge Frau ihre Augen.

Für Severus sah es so aus, als ob sie dies tat, um die Berührung zu genießen. Und als er das realisierte, hatte er das Gefühl, dass etwas in ihm zerbarst.

Doch er konnte nicht ahnen, dass sie ihre Augen schloss, um sich von diesem seltsam befremdenden Gefühl abzulenken, was Matts Nähe mit einem Mal in ihr ausgelöst hat.

Wie paralysiert sah er die beiden an. Er konnte seinen Blick nicht von ihnen nehmen, auch wenn er wusste, dass dies gerade ziemlich offensichtlich war.

Doch zu seinem Glück bemerkte weder Hermine noch dieser Collin seinen kurzen emotionalen Ausbruch. Schnell hatte sich der Tränkemeister wieder unter Kontrolle – zumindest äußerlich.

Inzwischen war die Diskussion, ob man diesen Angriff auf Malfoy Manor nun hätte weiterführen sollen oder nicht, noch hitziger geworden. Wild diskutierten die Mitglieder durcheinander, auch Matt Collin hatte sich nun mit eingebracht.

„Ich denke, Alastor hat Recht." Nahm Collin das Wort auf. „Es war eine gute Chance, um diesen Krieg endlich ein Ende zu setzen."

Daraufhin konnte sich Severus nun wirklich kein abwertendes Schnauben mehr verkneifen. Sofort schoss Matt fragende, wenn nicht sogar giftige Blicke zu dem Tränkemeister. „Was ist Ihr Problem?" fragte er ruhig aber dennoch leicht pikiert.

Severus konnte spüren, wie sein Blick noch eine Nuance dunkler wurde. War dieser Hampelmann wirklich so dumm oder tat er nur so?

„Sie sehen es also als gute Chance, den Krieg zu gewinnen, wenn wir in der deutlichen Unterzahl sind?" fragte Severus mit typisch öliger und überheblicher Stimme zurück.

„Das habe ich nicht behauptet." Ereiferte sich der junge Mann. Seinen höflichen Ton hatte er gegenüber Severus schon lange abgelegt.

„Dann muss ich mich wohl verhört haben, als sie eben erwähnten, dass dieser Angriff eine gute Gelegenheit gewesen wäre, den Krieg zu beenden." Raunte er Matt mit ernstem Ausdruck in den schwarzen Augen entgegen.

Die Züge des jungen Mannes wurden härter. „Ich habe Sie nicht um einen Kommentar gebeten." Gab er wütend zurück. „Aber um das hier zu klären: Ja, ich hätte auf Malfoy Manor weitergekämpft und ja ich glaube daran, dass wir es hätten schaffen können."

Severus´ Blick verengte sich. „Ihren Optimismus in allen Ehren. Aber sehen Sie sich doch hier mal um. Es ist heute nur die Hälfte der Mitglieder anwesend, weil der Rest verletzt im St. Mungos liegt. Zwei Auroren mussten ihr Leben lassen. Und wer weiß, wie viele noch gestorben wären, wenn dieser Einsatz nicht abgebrochen worden wäre."

„Es ist Krieg. Da muss man Opfer bringen." Gab Matt verbissen zurück.

Severus schüttelte nur seinen Kopf. „Aber man muss diese Opfer nicht unnötig herausfordern."

Überrascht blickte Hermine Severus an. Seine Worte erstaunten sie. Und sie kam nicht umhin, ihn für diese Einstellung zu bewundern. Seit wann sah er das so?

„SIE sind hier der Todesser. Sie sehen mit an, wie unschuldige Menschen in den Reihen Voldemorts gefoltert und zu Tode gequält werden, ohne was dagegen zu unternehmen. Und Sie wollen mir allen Ernstes etwas über unnütze Opfer erzählen?!" aufgebracht sahen sich die beiden Männer an.

Hermine hingegen sah Matt mit großen fragenden Augen an. Warum tat er das? Warum musste er Severus so demütigen?

Severus selbst wollte darauf einfach nichts mehr erwidern. Natürlich hatte er schon unzählige Male mit ansehen müssen, wie unschuldige Menschen starben. Doch er hatte auch nie eine andere Wahl gehabt. Albus hatte ihn vor mehr als zwanzig Jahren eine zweite Chance gegeben.

Eine Chance, die darin bestand, den dunklen Lord und seine Anhänger auszuspionieren – egal was passierte. Er hatte die Anweisung von seinem Mentor, seine Identität zu wahren – und die hielt er auch ein – egal was passierte.

Es hatte sich im gesamten Raum eine beinahe gespenstige Stille ausgebreitet. Alle Blicke waren auf Matt und Severus gerichtet. Selbst Albus schien für einen Moment sprachlos gewesen zu sein.

„Nun, wir alle wissen, dass Severus schon lange kein Todesser mehr ist." Versuchte der Direktor diese aufgeladene Stimmung zu dämpfen.

Doch diese Worte sollten nur noch alles verschlimmern. Mit einem gewaltigen Ruck war der Tränkemeister aufgesprungen, hatte den linken Ärmel seines Gehrocks hochgekrempelt und zeigte seinem Mentor das deutlich sichtbare schwarze Mal auf seinem Unterarm.

„Wir alle wissen, dass ich noch immer ein Todesser bin und dass ich es auch immer sein werde." Seine Stimme war wutverzerrt, seine Augen unergründlich schwarz. Er hatte es Leid, dieses Thema jedes Mal wieder aufs Neue zu diskutieren. Er hatte es Leid, sich auch nach so vielen Jahren diese Vorwürfe immer wieder anhören zu müssen.

Aber andererseits konnte er es sogar verstehen. Er hatte in seiner Jugend einen großen Fehler begannen. Und für diesen würde er nun sein ganzes Leben lang büßen.

Abermals hatte sich eine Stille ausgebreitet, die niemand durchbrechen wollte. Severus hatte genug von diesen starrenden, teilweise abwertenden Blicken. Allein Hermine sah ihn sanft und mitfühlend an. Doch das war beinahe noch schlimmer.

Ohne noch irgendetwas zu sagen, verdeckte er sein Mal wieder und verließ anschließend den Raum mit versteinerter Miene.

Er lief durch die Küche, hätte Molly Weasley dabei beinahe umgelaufen, nur um endlich von hier weg zu kommen. Er brauchte jetzt seine Ruhe, wollte alleine sein.

„Severus warte." Hielt ihn eine sanfte Stimme auf, als er bereits im Garten des Fuchsbaus angekommen war.

Er konnte nicht anders, als dieser Bitte nachzukommen. Er blieb stehen und wandte sich zu ihr um.

Hermine hatte es nicht ertragen können, wie dieses Treffen für ihn geendet hatte. Und so war sie ohne zu überlegen aufgesprungen und ihm nachgelaufen. Dass Matt sie dabei völlig verwirrt angeblickt hatte, war ihr in diesem Augenblick egal gewesen.

„Was willst du?" fragte er sie. Seine Stimme war nicht so scharf, wie er es gerne gewollt hätte. Doch er war zu müde, zu ausgelaugt.

„Es tut mir leid." Sprach sie schließlich nur. Ihre braunen Augen blickten ihn vorsichtig dabei an.

„Was tut dir leid?" fragte er nun strenger zurück. „Dass du dir das eben alles nur mit angehört hast ohne etwas zu sagen? Oder dass mich der Orden mal wieder diskret auf meinen größten Fehler hingewiesen hat?"

Hermine war durcheinander. Er war verletzt. Das war offensichtlich. Doch sie wusste nicht, wie sie nun damit umgehen sollte. Er tat ihr leid, doch das wollte sie ihm auf keinen Fall zeigen. Und so blieb sie einfach nur stumm.

Severus schnaubte nur laut auf. „Siehst du. Du weißt es selbst nicht."

Ihre Blicke trafen sich. Doch nur einen flüchtigen Augenblick verharrten sie ineinander.

„Du solltest wieder rein gehen." Meinte er schließlich mit nun stark unterkühlter Stimme. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen, dass sie ihn so ansah. „Dorthin, wo du hingehörst."

Hermine schluckte schwer. Seine letzten Worte hatten sie getroffen. Auch wenn dies nicht hätte sein sollen. Sie sah, wie er sich von ihr abwandte, wie er ging. Sie wollte ihn aufhalten, ihm so gerne sagen, dass sie an ihn glaubte, dass sie da war. Doch sie konnte es nicht. Und so ließ sie ihn apparieren.

*****

Bewegungslos saß Severus gegen einen mächtigen Baumstamm gelehnt. Er war nach dem Treffen direkt in den verbotenen Wald gegangen. Und nun saß er hier, an der Stelle, an der er sich immer zurückzog, wenn er nicht mehr weiter wusste, wenn er traurig oder einfach nur einsam war.

Jetzt war er hier, um sich zu beruhigen. Das Treffen hatte ihn aufgewühlt. Um genauer zu sein, hatte ihn das Zusammentreffen mit Hermine aufgewühlt. Er konnte es kaum noch ertragen, sie zu sehen – vor allem nicht mit diesem Hampelmann zusammen.

Ein leichtes Knurren entrang sich seiner Kehle. Seit wann machte er sich über so etwas Gedanken? Es konnte ihm doch völlig egal sein, was Hermine mit wem machte.

Und das war es auch! Es war ihm verdammt noch mal egal, dass Hermine mit diesem Collin zusammen war. Sie war ihm egal, alles war ihm egal.

Beinahe trotzig zog er seinen Zauberstab hervor und murmelte „Expecto Patronum." Er brauchte jetzt eine Ablenkung, etwas Nähe. Und er wusste, wo er diese bekam.

Der silberne Schein formte sich zu der edlen Hirschkuh, die ihn mittlerweile so vertraut wie kein anderer war. Mit grazilen Schritten nährte sie sich dem Tränkemeister, die großen Augen auf ihn gerichtet.

Als die Hirschkuh ihn erreicht hatte, hob sie leicht ihren Kopf und strich sanft mit ihrer kleinen Nase über Severus´ Wange, so als ob sie ihn trösten wollte. Für einen kurzen friedlichen Augenblick schloss er die Augen. Genoss die Nähe – ihre Nähe.

Doch schließlich trat die Hirschkuh einen Schritt zurück. Der Tränkemeister öffnete seine Augen, blickte seinen Patronus fragend an. Warum hatte er sich zurückgezogen?

Lange blickten sie sich an. Einen Moment, den Severus wohl nie vergessen würde. Dann verneigte sich die silberne Hirschkuh schließlich vor dem Tränkemeister. Und keine Sekunde später, begann sich ihre Gestalt aufzulösen.

Ihre Form wurde undeutlich, ihre Umrisse verschwammen ineinander. Der Körper der Hirschkuh wurde aufgelöst und plötzlich konnte man erkennen, dass sich Severus´ Patronus umformte. Die silbernen Massen gingen ineinander über, bildeten neue Formen.

Nach und nach wurden die Umrisse wieder schärfer, setzten sich wieder zu einem ebenen Körper zusammen. Und schließlich konnte man die neue Gestalt des Patronus´ erkennen.

Ungläubig blickte Severus seinen silbernen Patronus an. Er kannte diese Gestalt. Er schluckte hart, war beinahe unfähig zu atmen. Dass, was er nun sah, traf ihn hart. Er fühlte sich erschlagen und er wusste, dass dies nun sein Ende war. Denn noch einmal würde er das alles nicht durchstehen können.

Schmerzlich schloss er seine Augen, versuchte sich wieder zu beruhigen. Doch als er seine Augen wieder öffnete und direkt in das Antlitz seines Patronus´ blickte, wusste er, dass er nun keine Ruhe mehr finden würde.

Das konnte nicht sein. Das konnte einfach nicht wahr sein. Doch egal wie lange Severus auf die neue Gestalt seines Patronus´ starrte. Sie veränderte sich nicht. Nicht mehr. Die Gestalt blieb. Die Gestalt eines Otters.