58. Aus dem Hinterhalt
Nur mit großer Mühe hatte Hermine Matt wieder besänftigen können. Sie hatte ihm mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie mit ihm zusammen war und dass dies auch so bleiben würde. Und schließlich hatte Matt auch nachgegeben und sich mit der Gryffindor wieder ausgesöhnt.
Um diesen neu gewonnen Frieden nicht gleich wieder auszureizen, hatte Hermine beschlossen, Severus aus dem Weg zu gehen. Gut, sie hatte nichts anderes in den letzten Monaten getan. Doch jetzt achtete die junge Frau besonders penibel darauf, ihrem Tränkemeister nicht unnötig zu begegnen.
Doch dieses Theater spielte sie nicht nur, um Matt nicht wieder zu verärgern. Tief in ihrem Inneren schlummerte eine andere Wahrheit. Sie wusste, dass Severus eine seltsame Anziehung auf sie ausübte. Auch nach all der Zeit noch. Und sie tat alles, um sich gegen diese Anziehung zu wehren.
Doch leider konnte sie ihrem Lehrer nicht immer aus dem Weg gehen. Im Unterricht, bei ihrem Kampftraining und im Orden sollte sie ihn immer wieder begegnen.
Ein weiteres Ordenstreffen wurde im Fuchsbau gehalten. Diese Versammlungen hatten in letzter Zeit immer mehr zugenommen. Man merkte die Spannungen, die innerhalb des Ordens herrschten. Und man spürte die stetig steigende Bedrohung von Voldemort und seinen Anhängern.
Das Klima während des Treffens war seltsam bedrückend. Selbst Dumbledore schien an diesem Tag besonders ernst zu sein. Vor wenigen Minuten hatte Severus mit seinen Bericht geendet. Und er hatte wahrlich nichts Gutes berichten können.
Die Todesser schienen sich von Tag zu Tag zu vermehren. Immer mehr tauchten auf und überfielen unschuldige Zauberer und Muggel. Selbst vor der nicht-magischen Welt machten sie keinen Halt mehr.
Erst den Tag zuvor waren mehrere Todesser in ein Restaurant in Westlondon eingedrungen und hatten ein schauriges Blutbad angerichtet. Überlebt hatte niemand.
Auch Auroren waren in den letzten Tagen immer gezielter angegriffen worden. Es war mehr als deutlich, dass Voldemort die gegnerische Seite schwächen wollte. Das hatte er allein mit dem fehlgeschlagenen Übergriff auf Malfoy Manor geschafft. Doch dass er nun auch noch die übrig gebliebenen Auroren auslöschte, war ein Verlust, den der Orden nicht mehr kompensieren konnte.
Seitdem Severus seinen Bericht geendet hatte, herrschte eine gespenstige Stille im Fuchsbau. Niemand vermochte etwas zu sagen. Noch nicht einmal Moody, der sonst immer einen Kommentar auf den Lippen hatte.
„Die Zeiten stehen auf Sturm." Durchbrach schließlich der Direktor diese Stille. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit zu handeln."
„Können wir denn überhaupt noch handeln?" stellte Lupin die Frage offen in den Raum.
Ein Gemurmel brach aus. Jeder schien sich darüber seine eigenen Gedanken zu machen. Erst als Dumbledore beschwichtigend seine Hand hob und um Ruhe bat, verstummte das Gemurmel.
„Wir haben noch immer eine Chance." Sprach der Direktor. Doch jeden in diesem Raum war klar, dass er mit diesen Worten allein die Courage aufrechterhalten wollte.
„Unsere einzig gebliebene Chance ist Harry." Erwiderte Lupin und wirkte in diesem Moment besonders müde und abgespannt.
Sofort huschten alle Blicke auf Harry. Alle, bis auf Hermines und Severus´. Denn ihre Blicke trafen sich gegenseitig. Und keiner der beiden musste etwas sagen, um zu wissen, was der andere in diesem Moment dachte.
Hatten doch beide in der Zukunft miterleben müssen, was passierte, wenn Harry seine Bestimmung nicht erfüllen konnte.
Harry hatte einen kühnen und starken Ausdruck in den grünen Augen. Seine gesamte Körpersprache signalisierte, dass er sich dieser Aufgabe stellen würde, dass er versuchen würde, diese Welt von Voldemort zu befreien.
Zuversichtlich blickte er die Mitglieder des Ordens an. Beinahe stolz erwiderten Lupin, Mr. Und Mrs. Weasley und Dumbledore diesen kämpferischen Blick. Moody und Shacklebolt blickten den „Retter der Welt" ernst, beinahe nachdenklich an, Ron wirkte eher panisch und Matt schien sehr beeindruckt aufgrund Harrys Einstellung.
Severus und Hermine waren hingegen noch immer in ihren eigenen Gedanken gefangen. Die Erinnerung hatte sie wieder eingeholt. Eine Erinnerung an eine Zeit, die erst noch kommen würde.
Eine plötzliche heftige Erschütterung schreckte alle aus ihren gegenwärtigen Gedanken. Fragend blickten sie sich um, versuchten zu ergründen, woher das Geräusch gekommen war. Ein weiterer gewaltiger Knall schlug im Fuchsbau nieder. Dann herrschte eine dröhnende Stille.
Hermine krallte ihre Hand um ihren Zauberstab. Ihr Atem wurde lauter, schwerer. Ihr Blick war starr auf die Tür gerichtet – so wie auch all die anderen Blicke.
„Lauft!" dröhnte schließlich ein einziges Wort durch den kleinen Raum – gesprochen von Severus.
Er kannte dieses Geräusch, diesen gewaltigen Knall. Und er wusste, dass dies der Vorbote eines Massakers war.
„Macht, dass ihr hier weg kommt!" schrie er die Ordensmitglieder an, als sich noch immer keiner bewegte. Und endlich kam Bewegung in die Körper der Zauberer. So ruhig wie möglich, so schnell wie nötig, liefen sie zu dem Kamin – die wohl noch einzige Fluchtmöglichkeit.
Doch kaum hatte der erste Auror den Kamin betreten, schlug ein gewaltiger Fluch in der Mitte des Zimmers ein und riss es wie ein Stück Papier auseinander. Keine Sekunde später stürmten unzählige Todesser den Raum. Dann brach ein Kampf aus. Ein Kampf auf Leben und Tod.
Sofort wurde Hermine von Matt an eine Wand gedrängt. Er stand vor ihr, um sie zu schützen und feuerte ununterbrochen Flüche auf die Angreifer. Doch Hermine hatte nicht vor, sich vor diesem Kampf zu drücken. Sie war ein Mitglied des Ordens. Und daher würde sie auch kämpfen.
Mit Matt, der ihr nun Rückendeckung gab, kämpfte sie sich vor. Sie griff einen Todesser nach dem anderen an, wich den tödlichen Flüchen ihrer Angreifer aus, versuchte sich durch die Massen der Todesser durchzukämpfen, zu überleben.
Sie blickte sich um, suchte Harry. Es ging allein um Harry. Er war der Schlüssel, er war derjenige, der alles beenden konnte. Und schließlich fand sie ihn, umringt von Lupin, Shacklebolt und Dumbledore.
Der Direktor schleuderte mächtige Flüche auf die Angreifer, schaltete diese aus. Doch es waren zu viele. Immer mehr von Voldemorts Anhänger drangen in das nun völlig zerstörte Zimmer hinein.
Hermine wusste, dass der Orden hier in diesem beengten Raum, keine Chance hatte. Sie mussten hier raus, in den Hof, dort wo sie apparieren konnten. Denn das war die einzige Möglichkeit des Ordens nicht gänzlich ausgelöscht zu werden. Der jungen Frau war klar, dass sie in dieser Unterzahl nur verlieren konnten.
Sie blickte sich um. Versuchte herauszufinden, ob es einen Plan gab. Doch offensichtlich versuchte jeder nur sein eigenes Leben zu schützen. Und plötzlich fiel ihr Blick auf einen einzigen Todesser. Nicht weit von ihr entfernt, ziemlich an den Rand gedrängt, schien er beinahe zu verharren.
Er beobachtete, versuchte die Situation zu erfassen. Lange lag ihr Blick auf dieser Gestalt. Und auch wenn sie von einem langen schwarzen Umhang und einer Maske verhüllt war, wusste sie, dass es Severus war.
Woher er plötzlich seine Todesserrobe hatte, wusste sie nicht. Doch die Art, wie er sich bewegte, seine Aura, die sie auch in dieser Entfernung noch spüren konnte, verriet ihn.
Kurz hatte sie das Gefühl, dass er ihren Blick erwiderte, doch schließlich wand sie sich von ihm ab – einen Augenblick zu spät. Ein schwerer wuchtiger Körper prallte gegen die junge Frau, riss sie mit zu Boden.
Hart schlug sie auf den Boden auf. Als sich dieser gewaltige Schwindel, der sich bei dem Aufprall in ihr ausgebreitet hatte, wieder legte, blickte sie in zwei eklige blasse Augen.
Ein dicker Todesser lag auf ihr, war mit einem Fluch durch das Zimmer geschleudert wurden und hatten Hermine dabei mitgerissen.
Der Wahnsinn stand in den Augen des Todessers. Offensichtlich war er nicht schwer verletzt wurden. Und nun wollte er sich rächen. Rächen für den Fluch, der ihn eben gegen Hermine geschleudert hatte. Die Augen des Todessers zogen sich zu Schlitze zusammen, fixierten Hermine. Er fletschte seine ekligen gelben Zähne und ein fauliger Geruch strömte der Gryffindor entgegen.
Sie versuchte sich aus dieser Umklammerung zu befreien, doch der Todesser war zu schwer. Sein gesamtes Gewicht drückte auf die junge Frau und sie merkte, wie ihr das Atmen immer schwerer fiel.
Panisch blickte sie sich um. Sie suchte Matt. Wo war er nur? Doch Matt war nirgends zu sehen. Und auch die anderen Ordensmitglieder schienen mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Noch immer blickte der Todesser Hermine mit lüsternem Blick an. Offensichtlich hatte nun auch eher die Wirkung seines Gewichtes bemerkt und so verlagerte er dieses ein wenig, sodass nun noch mehr Massen auf Hermines schlanken Körper drückten.
Hermines Atem wurde langsamer, rasselnder. Sein volles Gewicht drückte auf ihrem Brustkorb, schnürte ihr die Atemwege ab.
„Geh… von mir… runter." Presste Hermine verbissen hervor. Doch sie hatte auch vorher gewusst, dass man mit Voldemorts Anhängern nicht verhandeln konnte. Doch ein Versuch war es wert. Vielleicht hörte sie ja auch jemand aus dem Orden.
Das hässliche Grinsen des Todessers wurde noch breiter. Doch seine Lippen blieben stumm. Die Gryffindor merkte, wie langsam ihre Konzentration schwand, wie die Luft immer dünner wurde, wie ihre Lunge langsam aufgab.
Sie röchelte. Ihr Körper versuchte noch irgendwoher diesen nötigen Sauerstoff zu bekommen. Doch er schaffte es nicht. Nur minimale Mengen konnte er in ihre Lungen befördern. Mengen, die zum Leben nicht reichen würden.
Starr hielt Hermine dem Blick des Todessers stand. Sie wollte nicht nachgeben, keine Schwäche zeigen. Auch wenn dies ihre letzten Minuten sein sollten. Ihr Blick wurde trüb und nur am Rande nahm sie dieses laute dröhnende Lachen war. Ein Lachen, dass von dem Mann kam, der sie gerade auf bestialische Weise zerquetschte.
Sie merkte, wie ihr Bewusstsein schwand. Doch Hermine wehrte sich dagegen. Sie wollte nicht aufgeben, sie wollte nicht sterben. Nicht jetzt, nicht so! Bilder liefen vor ihrem inneren Auge ab. Bilder, die sie nicht erwartet hatte.
Sie sah sich. Zusammen mit Severus. In der Zukunft, in der Vergangenheit, in der Gegenwart. Sie sah, wie sie wild übereinander herfielen, wie sie sich leidenschaftlichen küssten, sich gegenseitig trösteten und zart berührten, sich sanft liebten.
Und auch wenn ihr Bewusstsein immer mehr schwand, so fragte sie sich dennoch, warum sie ihn sah? Nur ihn! Wo war Matt? Warum sah sie ihn nicht?
Sie war verzweifelt und ein leises Röcheln entrang sich ihrer Kehle. Ein Röcheln, was ihr Letztes sein könnte. Ihr Körper krampfte, ihre Hände ballten sich aufgrund des Sauerstoffmangels zu Fäusten.
Ihr Blick war nun trüb, wirkte müde. Die Lider waren bereits halb geschlossen, der Mund weit geöffnet. Doch plötzlich durchflutete eine gigantische Menge dieser stickigen, von Kampf und Tod getränkten Luft ihre Lungen, breitete sich beinahe erfrischend in ihr aus.
Mit weit aufgerissenen Augen und wild nach Luft schnappend bäumte sie sich auf, doch sofort wurde sie wieder zu Boden gedrückt. Doch dieses Mal sanfter. „Tief durchatmen." Konnte sie eine beruhigende tiefe Stimme hören.
Eine Stimme die so schwarz wie die Nacht war, so liebkosend und geheimnisvoll wie purer Samt. Eine Stimme, die sie in ihrem Leben nie wieder vergessen würde.
Ihre Augen schauten sich noch durcheinander um, doch schließlich erfassten sie die Person, der diese vertraute Stimme gehörte. Und auch wenn ihr erneut diese grässliche Todessermaske entgegenstarrte, so wusste sie dennoch, dass sie nun in Sicherheit war.
„Severus." Würgte sie gequält hervor. Sie wusste nicht, warum sie seinen Namen sagte, warum sie es riskierte, dass er seine Tarnung verlor. Doch sie hatte es einfach aussprechen müssen. Diesen Namen, der dem Menschen gehörte, dem ihre letzten Erinnerungen gegolten hatten.
„Ich bin da." Hauchte er nur. Doch gleichzeitig blickte sich Severus um, wollte sichergehen, dass ihn hier niemand sah, wie er neben der jungen Frau kniete. Doch in diesem Tumult schien niemand mitbekommen zu haben, wie er den Körper des wuchtigen Todessers mit einem Fluch von Hermine geschleudert hatte.
Er wusste, dass er seine Tarnung damit hätte verlieren können. Doch lieber die Tarnung als Hermine. Schnell blickte er noch zu dem Todesser, den er niedergestreckt hatte. Doch der würde sich wohl so schnell nicht mehr bewegen können.
„Kannst du aufstehen?" fragte er Hermine. Sie konnten hier nicht ewig verharren. Irgendwann würde jemand auf sie aufmerksam werden. Und egal ob Todesser oder Auror. Probleme würde es so oder so geben. Denn erkennen konnte man ihn in seiner Robe nicht.
Warum oder wie Hermine ihn erkannt hatte, war ihm rätselhaft, doch darüber konnte er sich später Gedanken machen.
Noch etwas wackelig auf den Beinen rappelte sich Hermine wieder auf. Ihr Brustkorb fühlte sich noch immer schwer an. Doch so langsam hatte ihr Körper den Sauerstoffmangel kompensieren können.
Sie blickte Severus an. Nicht lange, aber dennoch mit einem Blick in den braunen Augen, der Severus das Atmen vergessen ließ. Er hatte so viele Emotionen in ihren Augen sehen können. Emotionen, die ihn verunsicherten. Waren sie für ihn bestimmt gewesen oder war Hermine einfach noch zu durcheinander. Er wusste es nicht und er konnte auch nicht sagen, ob er es wirklich wissen wollte.
Hermine zog sich dankend zurück. Langsam und mit gezücktem Zauberstab machte sie sich auf die Suche nach ihrem Partner – nach Matt. Auch wenn alles in ihr danach schrie, bei Severus zu bleiben.
„Hermine!" konnte sie ihn auch schließlich rufen hören. Sofort eilte sie zu Matt, der gerade einen Todesser niedergestreckt hatte.
„Ist alles in Ordnung?" fragte er seine Freundin mit einer nicht zu überhörenden Besorgnis in der Stimme.
„Mir geht es gut." Erwiderte sie mit einem zarten Lächeln. Dass ihr eben Severus das Leben gerettet hatte, verschwieg sie lieber. Das gehörte hier nicht her.
„Wir müssen hier unbedingt raus Hermine." Raunte Matt ihr zu, während er versuchte, zwei weitere Todesser auf Abstand zu halten.
„Ich weiß." Hauchte sie nur und blickte sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.
„Wir brauchen Verstärkung." Sprach der junge Mann erneut. „Aber bisher hatte noch niemand die Gelegenheit, die Auroren aus dem Ministerium zu benachrichtigen."
Hermine versuchte, den schnellsten Weg nach draußen ausfindig zu machen. Doch überall kämpften die Massen gegeneinander. Es war kein Durchkommen. Und so gab es nur eine Möglichkeit. Sie mussten sich nach draußen durchkämpfen.
Matt und Hermine sahen sich nur wenige Augenblicke an und dann sie wussten, was zu tun war. Sie nickten sich leicht zu, umschlossen ihre Zauberstäbe mit ihren Händen noch fester. Und dann bewegten sie sich auf die kämpfende und tödliche Masse zu.
Einen Fluch nach den anderen mussten sie abwehren. Sie hatten kaum die Chance, selbst einen Zauber loszuschicken. Allein die Verteidigung, das Überleben zählte.
Über die Monate hinweg waren die beiden ein eingespielten Team geworden. Und das sollte sich nun auszahlen. In beinahe blinder Zusammenarbeit kämpften sie sich Stück für Stück durch die Menge.
Todesser, die ihnen im Weg standen, mussten dies schmerzhaft erfahren, wurden teilweise meterweit durch das Zimmer gegen eine Wand geschleudert. Hermine und Matt selbst hatten unheimliches Glück. Bis jetzt waren sie nur von Flüchen der harmloseren Art getroffen worden.
Die junge Frau hatte eine große Platzwunde an der Stirn, doch Matt hatte die Blutung mit einem Zauber stoppen können.
Severus versuchte, so weit es seine Rolle als Spion zuließ, dem Orden zu helfen. Unbemerkt schaltete er ein paar Todesser aus. Doch auch sein Einsatz half dem Orden nicht weiter. Es war ein aussichtsloser Kampf. Ein Kampf, den der Orden nur verlieren konnte.
Plötzlich überfiel Severus ein eisiges grausames Gefühl. Sein Magen krampfte sich unangenehm zusammen, sein Puls fing an zu rasen. Langsam drehte er sich um. Er versuchte seine Atmung zu kontrollieren. Doch als er in das Antlitz des stämmigen Todessers blickte, den er vorhin niedergestreckt hatte, um Hermine zu retten, schaffte er es kaum noch, ruhig zu atmen.
Der Todesser hatte den Zauberstab auf Severus gerichtet, seine blassen gelbstichigen Augen hatten ihn fixiert, seine Lippen waren zu einer Grimasse verzogen. Und schließlich ertönte ein einziges Wort aus dem Mund des Todessers. Ein Wort, welches er schon so viele Male gehört hatte. Doch dieses Mal lief es ihm kalt den Rücken herunter. Verräter.
Stumm blickte er den Todesser an, seine Lippen formten bereits die beiden tödlichen Worte.
Severus wusste, dass er keine Zeit mehr haben würde, um seinen Zauberstab zu heben und zuerst einen Fluch loszufeuern. Er wusste, dass dies seine letzten Sekunden seines erbärmlichen Lebens waren.
Der Tränkemeister erwiderte diesen gierigen Blick, der nach Tod heischte. Er hatte nicht vor, jetzt nachzugeben. Wenn er starb, dann in Angesicht zu Angesicht.
Er konnte sehen, wie die gelblichen Augen des Todessers sich weiteten. Starr blickten sie Severus mit einem Mal an, sodass er glaubte, den Wahnsinn in diesen gelben Augen sehen zu können. Er wusste nicht, was das bedeutete. Warum lebte er eigentlich noch? Die Worte hätten längst gesprochen werden, die Wucht des Fluches ihn längst getroffen haben müssen.
Der Todesser wankte. Die Augen waren nun vollkommen erstarrt. Ebenso wie die gesamte Mimik, die Muskulatur, die Gestik. Dann fiel er um. Langsam, kraftlos und mit einem dumpfen Geräusch schlug er tot auf den Boden auf.
Wie gebannt blickte Severus die wuchtige Leiche an. Dann hob er seinen Blick. Abermals kroch es ihm eiskalt den Rücken hinunter, als er nur wenige Meter von ihm entfernt Hermine sah.
Sie sah ihn an. Ein seltsamer Glanz stand in ihren Augen. Ihren Zauberstab hatte sie noch immer auf die Stelle gerichtet, an der vor wenigen Augenblicken noch der Todesser gestanden hatte.
Severus schluckte schmerzlich und riss sich die Todessermaske von seinem Gesicht. Das durfte nicht sein. Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie ihre „Unschuld" geopfert? Für ihn! Er hatte ihr doch das Versprechen abgenommen, dass sie diesen grausamen Fluch nur anwenden solle, um IHR Leben zu retten – ihres und kein anderes.
Hermine konnte noch nicht so wirklich realisieren, was sie eben getan hatte. Sie hatte einen Menschen umgebracht. Sie hatte den Avada Kedavra angewandt, hatte ihrer Seele somit ein Stück ihrer Reinheit beraubt.
Doch sie hatte gesehen, wie sich der Todesser an Severus herangeschlichen und ihm Verräter zugezischt hatte. Eine gewaltige Angst hatte sie in diesem Moment überfallen. Die Angst Severus zu verlieren. Und so hatte ihr Körper schließlich die Kontrolle übernommen, den Zauberstab auf den Todesser gerichtet und diesen unverzeihlichen Fluch gesprochen.
Sie konnte deutlich das Unverständnis, den Unglauben in seinen schwarzen Augen sehen. Doch was erwartete er von ihr? Dass sie ihn einfach sterben ließ?
Sie versuchte ihn mit ihrem Blick irgendwie zu Verstehen zu geben, dass es in Ordnung war, dass er sich deswegen nicht schuldig fühlen musste. Doch dazu sollte sie nicht kommen. Denn plötzlich hatte das Kampfgetümmel aufgehört und eine Stille hatte sich ausgebreitet, die man beinahe hätte greifen können.
Alle Blicke waren nun auf Severus, Hermine und dem toten Todesser gerichtet. Und auch wenn die meisten von Voldemorts Gefolgsleuten bekanntermaßen nicht mit der größten Intelligenz gesegnet waren, so konnten sie dennoch eins und eins zusammenzählen.
Severus schloss für einen kurzen Augenblick seine Augen. Es war zu spät. Jetzt war es zu spät. Langsam glitt ihm seine Todessermaske aus der Hand, fiel in dieser Stille lautlos zu Boden. Der Maske folgte der lange schwarze Todesserumhang, an dem schon so viel unschuldiges Blut klebte. Raschelnd glitt auch er zu Boden.
Dann brach plötzlich das Chaos aus. Die Todesser stürmten wild auf Severus und Hermine zu, die Ordensmitglieder versuchten dies zu verhindern. Unkontrolliert und wild schossen die mächtigsten und grausamsten Flüche durch den Raum.
Zauberer wurden durch die Luft geschleudert, ein ohrenbetäubendes Geschrei hatte sich ausgebreitet.
Hermine sah, wie Severus sich vor einem Fluch abduckte. Dann wurde er mitgerissen, und schließlich verschlang ihn die kämpfende Meute.
