59. Der Schatten der Erkenntnis

Hermine wollte zu Severus laufen, ihn wieder finden, doch plötzlich rammte sie jemand und riss sie somit zu Boden. Hastig rappelte sie sich wieder auf, wollte gerade ihrem Angreifer einen Fluch auf den Hals schicken, als sie diesen erkannte.

Matt hatte sie zu Boden gerissen und sie somit aus der Schusslinie eines schmerzhaften Fluches gebracht. Doch auch wenn er es hatte verhindern können, dass Hermine verletzt wurde, so hatte er es nicht geschafft, sich selbst zu retten.

Unter starken Schmerzen zusammengekrampft, wand er sich auf dem Boden und versuchte diese Qual irgendwie zu bewältigen.

Sofort stürmte Hermine zu Matt, versuchte herauszufinden, was er hatte. Doch die Krämpfe schüttelten ihn so stark, dass sie ihn kaum berühren konnte.

Ein weiterer Fluch schlug neben ihnen ein und machte Hermine bewusst, dass sie hier nicht bleiben konnte.

„Wir müssen hier verschwinden." Sprach sie ihn an und erfasste dabei seine schweißgetränkte Hand.

„Ich kann nicht." Presste der junge Mann unter Schmerzen hervor. Sein Blick lag gequält auf Hermine.

Sie schluckte. Noch nie hatte sie Matt so verletzt, so schwach gesehen. Noch nicht einmal bei ihrem misslungenen Einsatz in Goyles Haus. Immer war er der starke, gut gelaunte und stets optimistische junge Mann gewesen.

„Aber wir müssen hier weg!" meinte sie nun aufgebracht, da weitere Flüche auf die beiden niederprasselten.

Und ohne noch auf eine Erwiderung seitens Matts zu warten, schwenkte sie ihren Zauberstab und richtete den jungen Mann somit wieder auf. Blass und mit schmerzverzerrtem Gesicht kam er wieder auf die Beine.

Besorgt blickte Hermine ihn an, doch nachdem er ihr leicht zugenickt hatte, fasste sie ihn am Arm, um ihn ein wenig zu stützen. Dann zog sie ihn mit sich durch die völlig außer Kontrolle geratene Meute.

Im Nachhinein konnte Hermine nicht sagen, wie sie es geschafft hatten, nach draußen zu gelangen. Erschöpft sanken beide in einer dunklen Ecke nieder. Hier herrschte Ruhe. Niemand war hier, kein Todesser, kein Ordensmitglied.

Kaum dass sie saßen, widmete sich Hermine wieder dem verletzten Matt. Es machte sie beinahe wahnsinnig, dass sie keine äußeren Verletzungen finden konnte. Allem Anschein nach, hatte ihn ein schwarzmagischer Fluch getroffen.

Sie war keine Expertin auf diesem Gebiet. Aber das, was sie von Severus gelernt hatte war, dass die dunklen Künste früher oder später immer zum Wahnsinn oder Tod führten.

Hermine wurde panisch. Das war allein ihre Schuld. Nur weil sie sich auf Severus konzentriert hatte, war das passiert. Wäre sie aufmerksam gewesen, dann hätte sie vielleicht diesen Fluch auf sich zustürmen gesehen und Matt hätte sie nicht retten müssen.

Das schlechte Gewissen breitete sich in ihr wie ein bösartiges Geschwür aus. Und es drohte alles in ihr zu zerstören. Sie wusste absolut nicht, was sie machen sollte. Sie war heillos überfordert, konnte sich kaum noch beruhigen.

„Hermine" hörte sie schließlich seine immer schwächer werdende Stimme an ihrem Ohr.

Ihr Name brachte sie wieder zur Besinnung. Sie atmete einmal tief ein und begegnete dann seinem fiebrigen Blick.

„Es tut mir leid." Flüsterte sie ihm schließlich entgegen. Sie hatte es einfach sagen müssen. Sie hatte sich entschuldigen müssen, andernfalls hätte die Schuld sie erdrückt.

Er sah sie einen Moment ruhig an. Dann nickte er nur.

Hermine zog es das Herz zusammen. Er hatte es also gesehen. Er hatte gesehen, dass Severus sie abgelenkt hatte, dass sie nur Augen für ihn gehabt hatte. Verdammt! Das hatte Matt nicht verdient.

Er war immer für sie da gewesen, hatte sie aus diesem tiefen Loch geholt, in das Severus sie hinein gezogen hatte. Matt meinte es ehrlich mit ihr, er liebte sie. Severus hingegen hatte ihr mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass er nichts für sie empfand.

Diesen Aspekt redete sich sie junge Frau so penetrant ein, dass sie selbst diese intensiven Blicke und die letzte gemeinsame Nacht verdrängte, die eindeutig eine andere Sprache sprachen. Hermine war ahnungslos. Sie wusste nichts von Severus´ Gefühlen für sie.

Traurig hatten Matt und Hermine sich angesehen. Die Gryffindor hatte ihm so viel zu sagen. Doch sie schaffte es einfach nicht, ihre Gefühle in Worte fassen zu können. Ihre Emotionen waren im Moment zu durcheinander, zu undurchsichtig.

Noch hinzu kamen diese tiefen Gefühle für einen Mann, der sie gar nicht verdient hatte, der sie nicht wollte.

Doch sie konnte dagegen nicht ankämpfen, sie konnte sich nicht wehren. Severus hatte ihr Herz zu sehr eingenommen, als dass sie ihn jetzt noch daraus verbannen könnte.

Stumm lief ihr eine Träne die Wange hinunter. Sie wusste, dass es weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt war zum Weinen. Doch ihre Emotionen wallten mit einem Mal in ihr auf.

Alles kam wieder hoch. Die Zukunft, die Vergangenheit, diese unglaubliche Liebe zwischen dem künftigen Severus und der Regentin. Sie hatte in einigen Träumen und Erinnerungen einen Einblick in diese Liebe erhalten.

Diese Liebe war so unglaublich stark und schön gewesen. Eine Liebe, die nie existiert haben wird. Denn offensichtlich waren sie und Severus in ihrer Zeit nicht dazu bestimmt, sich zu lieben.

Wild schüttelte sie ihren Kopf, um sich von diesen quälenden Gedanken zu lösen. „Wir müssen hier weg." Flüsterte sie schließlich in die Stille hinein. „Du muss sofort ins St. Mungos."

Doch Matt reagierte gar nicht. Fragend sah sie den jungen Mann an. Und als sie seinen starren Blick bemerkte, der auf einen einzigen Punkt fixiert zu sein schien, folgte sie diesem und erschrak. Sie presste sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien.

Hermine und Matt saßen an eine Scheune im Garten des Fuchsbaus gelehnt. Diese Scheune gab den Blick frei auf das weite Feld, welches sich hinter dem Haus der Weasleys erstreckte. Doch Hermine sah jetzt nicht nur die Wiese und die Bäume. Sie konnte noch etwas anderes sehen. Etwas, was ihr überhaupt nicht gefiel, was ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ – Dementoren.

Hunderte von ihnen schwebten auf den Fuchsbau zu. Lautlos, dunkel und eine eisige Kälte mit sich bringend. Teile des Feldes waren bereits vereist, das Vogelgezwitscher war erloschen, das Leben hörte auf zu existieren.

„Weg hier!" Hörte sie Matt nur noch flüstern. Doch es war bereits zu spät. Die Dementoren hatten sie gewittert und ihre Fährte aufgenommen.

Hermine richtete ihren Zauberstab auf die dunklen Gestalten und beschwor ihren Patronus herauf. Doch dieser konnte den mächtigen Dementoren nicht standhalten. Es waren einfach zu viele.

Auch Matt konnte ihr nicht helfen. Er war schon lange zu schwach, um einen mächtigen Patronus heraufbeschwören zu können.

Immer wieder versuchte Hermine an etwas Schönes zu denken. Sie versuchte dabei, diese Totenkälte in ihren Gliedern zu ignorieren, sich ganz auf ihren Patronus zu konzentrieren. Doch egal, wie sehr sie sich auch anstrengte. Ihr kleiner Patronus in der Form eines Otters hatte den Dementoren nichts entgegenzusetzen.

Ihr wurde immer kälter. Sie merkte, wie langsam all ihre schönen Erinnerungen schwanden, wie die grausamen hingegen immer präsenter und quälender wurden. Sie rückte näher an Matt heran, versuchte ihn irgendwie von diesen Wesen abzuschirmen. Doch vergebens.

Mehrere Dementoren hatten sich aus der großen Masse gelöst und schwebten nun bedrohlich über die beiden Personen. Ein letztes Mal versuchte Hermine ihren Patronus heraufzubeschwören. Doch sie sollte noch nicht einmal dazu kommen, den Zauber auszusprechen.

Ein großer schwarzer Dementor hatte sich auf Hermine gestürzt und ihr seinen kalten Mund auf ihren gepresst. Die junge Frau riss die Augen auf, versuchte sich irgendwie zu wehren. Doch der Kuss des Dementors hielt an ihr fest.

Stück für Stück wurden ihr die schönen Erinnerungen geraubt. Erinnerungen an glückliche Zeiten, an ihre Eltern, an Harry und Ron, an Matt und schließlich auch an Severus. Und sie merkte dass diese Erinnerungen ihre stärksten, ihre glücklichsten waren. Denn ihr Verlust schmerzte sie am Meisten.

Sie hatte das Gefühl, ausgehöhlt zu werden. Unerbittlich saugte der Dementor sie aus, ließ ihr nur noch diese unglaublichen Qualen, Schmerzen und Leid.

Hermine merkte wie ihr Tränen unerbittlich über ihr Gesicht liefen, wie ihr Verstand versuchte, sich gegen den Wahnsinn zu sträuben. Doch lange würde er dem nicht mehr standhalten.

Plötzlich kniff die Gryffindor ihre Augen zusammen, da ein unglaublich heller bläulicher Schein sie so dermaßen blendete, dass es ihren Augen schmerzte. Nur wenige Augenblicke später merkte sie, wie der Dementor von ihr abließ, wie er fortgerissen wurde.

Vorsichtig öffnete Hermine ihre Augen. Sie sah die Dementoren wild umherfliegen. Sie waren in Aufruhr geraten, wurden von diesem mächtigen Licht in die Dunkelheit gedrängt. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die grelle Lichtgestalt. Und langsam konnte sie Umrisse erkennen. Umrisse, die eine Gestalt bildeten, die ihr so vertraut vorkam.

Denn dieses Licht bildete die Gestalt ihres Patronus´. Wie war das möglich? Sie sah, wie der Otter immer mehr Dementoren bekämpfte. Ein einziger kleiner Otter schlug hunderte Dementoren in die Flucht. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen so mächtigen Patronus gesehen.

Wie gebannt blickte sie auf das kleine Tier. Und plötzlich drehte es sich zu Hermine um und die junge Frau hatte das Gefühl, dass der Otter sie einige Sekunden lang neugierig fixierte. Doch schließlich ließ er von ihr ab und rannte los. Er rannte in die Menge der Dementoren hinein.

Ein gewaltiger silberner Schein implodierte und tauchte beinahe den gesamten Fuchsbau in einen glänzenden grellen Schein. Hermine musste sich abermals die Hand vor die Augen halten, um diese zu schützen.

Severus stand nur wenige Meter von Hermine und Matt entfernt. Er hatte die Ankunft der Dementoren gefühlt. Nach so langer Zeit als Spion hatte er seltsamer Weise ein Gespür für diese grausamen Wesen bekommen. Er hatte mitbekommen, dass auch der dunkle Lord eingetroffen war. Und er war nicht alleine gekommen. Er hatte eine ganze Armee von Dementoren mitgebracht.

Noch nie in seinem bisherigen Leben hatte er so viele Dementoren auf einmal bekämpft. Und noch in seinem Leben war sein Patronus so mächtig gewesen wie eben. Ein kleiner Otter hatte hunderte Dementoren ausgelöscht. Er konnte sich diese plötzliche Macht selber nicht erklären.

Schließlich kehrte der Otter zu seinem Herrn zurück. Kurz sahen seine Knopfaugen Severus an, dann löste er sich auf und mit ihm dieser unglaublich helle silber-bläuliche Schein.

Sofort war der Blick auf Hermine freigegeben. Er sah sie an und musste hart schlucken, als er ihrem völlig erstarrten Blick begegnete. Der Unglaube stand ihr ins Gesicht geschrieben, ihre braunen Augen funkelten ihn fragend an.

Für einen stillen Moment schloss Severus seine Augen. Sie weiß es, hämmerte es nur unerbittlich und beinahe schmerzhaft in seinem Kopf wieder. Sie weiß, was ich fühle.

Er versuchte all seine Kraft zu sammeln, die er noch besaß. Nur um erneut seinen Blick auf die junge Frau zu richten. Es schmerzte, es quälte ihn. Nie in seinem Leben hatte er das gewollt. Er hatte nicht gewollt, dass sie jemals erfahren würde, was er wirklich für sie empfand.

Er hatte mehr als 20 Jahre lang eine Frau still und heimlich geliebt. Allein Albus hatte von diesen Gefühlen gewusst. Und irgendwann hatte er sich damit arrangiert. Doch nun hatte ihm das Schicksal hart mitgespielt.

Er hatte nicht mehr daran geglaubt, je wieder so lieben zu dürfen. Doch nun, wo sein Herz allein für Hermine schlug, wünschte er sich, er würde sie nicht lieben. Es war quälend diese Frau jeden Tag zu sehen und zu wissen, dass sie einem anderen gehörte.

Aber er hatte sich wenigstens immer noch seine Würde wahren können. Doch jetzt, wo sie es wusste, hatte er diese auch verloren. Er konnte ihren Blick nicht mehr ertragen. Er wollte nicht für seine Gefühle bemitleidet werden und er wollte schon gar nicht, dass sie dazu irgendetwas sagte.

Und plötzlich erinnerte er sich an die Worte, welche ihn einst die Regentin gesagt hatte. „Du hast mir deine Liebe auf eine Art bewiesen, die nicht lügen kann."

Damals hatte er es nicht verstanden. Jetzt tat er es. Es war sein Patronus gewesen, damals wie heute, der Hermine seine Liebe gestanden hat.

Er versuchte nicht seine Fassung zu verlieren, versuchte ihr so ruhig wie möglich gegenüberzutreten.

„Bring ihn ins St. Mungos." Wies er die junge Frau schließlich an. Und er war mehr als froh darüber, dass er das Zittern aus seiner Stimme nahezu verbannen konnte. „Er wurde von einem schwarzmagischen Fluch getroffen, der ihn von innen heraus auffrisst. Sage den Medimagiern, dass er von dem Capularis getroffen wurde."

Mit diesen Worten wandte er sich schließlich von Hermine ab und ließ sie mit Matt wieder alleine. Mehr konnte er jetzt nicht tun.

Hermine hatte das Gefühl, dass ihr Herz sich gerade gleichzeitig überschlug und zerbarst. Dieses rasende Gefühl raubte ihr den Atem. Nur schwer konnte sie glauben, was sie da eben erfahren hatte.

Ihr erster Gedanke war gewesen, dass es nicht sein konnte, dass sie sich das alles nur einbildete. Doch nach und nach setzte sich diese so unglaubliche Erkenntnis in ihrem Verstand fest.

Severus´ Patronus hatte seine Form gewechselt. Er hatte sich von der grazilen Hirschkuh in einen Otter – in ihren Otter gewandelt. Sie konnte diese Gedanken kaum fassen, als sie sich schließlich der gesamten Bedeutung dieser Wandlung gewahr wurde.

Sie hätte lachen und weinen können. Wie oft hatte sie sich gewünscht, dass er ihre Gefühle erwiderte, dass er dasselbe empfinden würde wie sie. Und jetzt, wo sich dieser Wunsch tatsächlich erfüllt hatte, quälte sie diese Erkenntnis nur.

Es war zu spät. Verdammt! Warum hatte er auch so lange warten müssen? Warum hatte er ihr nichts von seinen Gefühlen erzählt?

Das hat er, widersprach da schließlich ihre innere Stimme. Sie schloss für einen kurzen Augenblick ihre Augen. Und plötzlich schlug die Erkenntnis über Hermine ein. Die sehnsuchtsvollen Blicke der letzten Wochen, die gemeinsame Nacht, die zarten Berührungen, seine Sorgen um sie. All das hätte ihr doch sagen müssen, dass sich da etwas zwischen ihnen verändert hatte, dass sich bei IHM etwas geändert hatte.

Starr blickte sie auf die Stelle, wo vor wenigen Augenblicken noch Severus gestanden hatte. Und plötzlich hämmerten seine letzten Worte auf die junge Frau ein. Bring ihn ins St. Mungos.

Sofort glitt ihr Blick zu Matt, der bewusstlos neben ihr lag. Sie schreckte förmlich auf, als sie ihn so regungslos dort liegen sah. Sie hatte nicht bemerkt, wie die Dementoren ihm sein Bewusstsein geraubt hatten.

Sofort drängte sie die Gedanken und Gefühle an Severus beiseite. Sie klammerte sich um Matt und apparierte schließlich mit ihm ins St. Mungos.