60. Zwischen Himmel und Hölle

24 Stunden später

In sich zusammengesunken und das Gesicht mit den Händen verdeckt, saß Hermine an Matts Krankenbett. Die letzten Stunden waren wie in einem Traum an ihr vorbeigezogen. Denn es waren Dinge passiert, die so unglaublich, grausam und schön zugleich waren. Doch sie hatte das Gefühl, dass sie das alles noch nicht richtig verarbeiten konnte.

Kurz nachdem sie mit Matt ins St. Mungos appariert war, hatte sie den Auroren im Ministerium eine Nachricht übermittelt, dass der Orden dringend Hilfe benötigte. Hunderte von ihnen waren daraufhin zum Fuchsbau appariert. Und da hatte die Schlacht erst so richtig angefangen.

Voldemort hatte sich persönlich mit in den Kampf eingemischt. Und es kam das, was hatte kommen müssen, das, worauf so viele Zauberer jahrelang gehofft, sich aber auch davor gefürchtet hatten. Voldemort hatte Harry herausgefordert.

Hermine wurde jetzt noch ganz schlecht, wenn sie allein an die Erzählungen dieses Kampfes dachte. Remus hatte ihr diese Neuigkeit übermittelt. Blutend und zerkratzt hatte er Hermine aufgesucht, um ihr mitzuteilen, dass es endlich überstanden war, dass Harry es nach einem langen unerbittlichen Kampf endlich geschafft hatte, Voldemort zu vernichten.

Doch Hermines Gefühle waren wie betäubt. Sie hatte in diesem Moment gar nichts sagen können. Sie konnte sich kaum freuen, spürte keine Erleichterung. Ihre Emotionen waren überfordert, konnten weder mit der Information, dass Severus sie liebte, noch dass Voldemort Geschichte war, umgehen.

Und noch etwas machte ihr zu schaffen. Matt. Seit sie hier im St. Mungos angekommen waren, lag er im Koma. Die Medimagier hatten ihn eingehend untersucht und schließlich Severus Diagnose bestätigt. Dieser Fluch war schwer zu heilen. Je länger er im Körper wüten konnte, desto geringer waren die Chancen auf eine vollkommene Genesung.

Die Medimagier hatten alles in ihrer Macht stehende getan. Jetzt hieß es nur noch abwarten. Es war weder klar, ob er bleibende Schäden davontragen noch ob er je wieder erwachen würde.

Seit nun gut 24 Stunden saß sie an seinem Bett, war ihm nicht von der Seite gewichen. Sie hatte geweint, so viele Tränen vergossen, weil sie sich so sehr schämte, weil sie sich so unglaublich schuldig fühlte, weil sie nicht wusste, was sie nun machen sollte.

Denn trotz Matts kritischen Zustands kam Hermine nicht umhin, sich große Sorgen um Severus zu machen. Lupin hatte berichtet, dass viele gestorben waren, sowohl Todesser als auch Ordensmitglieder. Doch er hatte ihr keine Namen genannt. Wahrscheinlich aus Rücksicht.

Und Hermine hatte auch nicht die Kraft aufbringen können, um nachzufragen. Das war alles so schnell gegangen. Lupins Erzählungen hatten beinahe surreal auf die junge Frau gewirkt. Alles was sie in ihrem Delirium aufgenommen hatte war, dass Voldemort besiegt war, dass aber noch immer hunderte von Todessern frei herumliefen.

Doch nun bereute sie. Seitdem Lupin wieder gegangen war, quälte sie diese Ungewissheit. Sie kam fast um vor Sorge, wollte unbedingt wissen, was mit Severus passiert war, ihn suchen. Doch diese Schuld, die sie Matt gegenüber empfand, hielt sie an seinem Krankenbett gefesselt.

Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Ängsten. Sie blickte zur Tür und herein kam Harry.

Sofort sprang Hermine auf und stürmte ihren Freund in die Arme. Es war das erste Mal seit dem Kampf, dass sie ihn sah.

„Harry" schluchzte sie nur und ohne noch irgendetwas dagegen unternehmen zu können, entluden sich all die aufgestauten Emotionen der letzten beiden Tage. Seine Nähe tat ihr gut, gab ihr wieder etwas Kraft zurück.

Harry hingegen schien ein wenig überfordert aufgrund der aufgelösten Hermine zu sein. Ein wenig unbeholfen tätschelte er der jungen Frau über den Rücken, versuchte sie so wieder zu beruhigen.

„Es ist alles gut, Mine." Sprach er leise und sanft. „Es ist endlich vorbei."

Seine Worte schienen tatsächlich Wirkung zu zeigen. Die junge Frau wurde ruhiger, das Weinen weniger. Schließlich löste sie sich ganz aus der Umarmung und sah Harry mit leicht geröteten Wangen an.

„Tut mir leid." Murmelte sie etwas verlegen und ließ sich wieder erschöpft auf den Stuhl fallen."

Auch Harry nahm sich einen Stuhl und zog ihn an das Krankenbett heran. „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest." Ein warmes Lächeln erreichte die junge Frau.

Hermine lächelte ihn leicht an, doch dann richtete sie ihren Blick wieder auf den im Koma liegenden Matt.

„Wie geht es ihm?" fragte Harry auch sogleich, als er den Blick seiner langjährigen Freundin gefolgt war.

Hermine zuckte beinahe resignierend mit ihren Schultern. „Die Medimagier können nicht viel sagen." Sie schluckte hart. „Weder ob… ob er je wieder aufwachen wird, noch ob er im Falle, dass er aufwacht, bleibende Schäden davonträgt."

„Er wird es schaffen." Erwiderte Harry nur.

Stark blickte sie ihn an. Zart nickte sie. Sie hoffte es. Sie hoffte es wirklich.

„Wie geht es dir?" fragte Hermine schließlich.

Dieses Mal war es Harry, der mit den Schultern zuckte. „Ganz gut denke ich."

Hermine hob ihre Augenbrauen. „Ganz gut?" fragte sie in einem beinahe ungläubigen Ton. „Du hast vor ein paar Stunden Voldemort besiegt und damit die ganze Welt gerettet. Und da geht es dir ganz gut?!"

Ein leises Grinsen breitete sich auf den Zügen Harrys aus. „Ich wollte nur bescheiden sein." Gab er schelmisch zurück.

Hermine konnte sich daraufhin ein zartes Lachen nicht verkneifen. Und dafür war sie Harry ungemein dankbar. Doch schnell wurde sie wieder ernster. Denn Augenblicklich kam der Gedanke an Severus zurück.

Ihr Herz bebte vor Angst und vor Aufregung, Schweiß brach aus ihren Poren. Doch sie musste es jetzt wissen. Sie musste wissen, ob es ihm gut ging. Und da war es ihr auch egal, dass es ausgerechnet Harry war, dem sie nun diese eine Frage stellen würde, die sich wie ein großer Knoten in ihrem Magen festgesetzt hatte.

„Wei… weißt du, wie… wie es Severus geht?" fragte sie schließlich in die Stille hinein.

Harry erwiderte ihren fragenden, ängstlichen Blick. Hermine wusste nur zu gut, dass man in diesem Moment all ihre Gefühle in ihren Augen lesen konnte. Doch das war ihr egal.

Harry atmete laut aus. Offensichtlich war er um Ruhe bemüht. Es kam Hermine wie eine Ewigkeit vor, bis er ihr schließlich antwortete.

„Ich weiß es nicht Mine."

Ihre braunen Augen bekamen einen panischen Glanz. Was sollte das heißen, er wusste es nicht?!

„Ich… ich würde diese Frage gerne beantworten, aber ich habe Snape in diesem Getümmel nicht mehr gesehen." Beinahe beschämt sah er die junge Frau an.

„Es muss ihn doch irgendjemand gesehen haben?" schluchzte Hermine verzweifelt auf. Und es war ihr egal, dass ihr dabei dicke Tränen über die Wangen liefen.

„Hermine" sprach Harry mit ruhiger Stimme, offensichtlich, um sie wieder zu beruhigen. „Glaub mir, nachdem Voldemort endlich gefallen war, war jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt. Man musste das erst einmal begreifen, verstehen können."

Hermines glasiger Blick war zu Boden gerichtet. Ein sachtes Nicken war die einzige Reaktion, die Harry bekam.

Plötzlich spürte die Gryffindor eine Hand, die sich sanft auf ihre Schulter legte und diese freundschaftlich drückte. Vorsichtig blickte sie auf und sah in die grünen Augen Harrys, die sie seltsam gequält anblickten.

„Warum liebst du ihn so?" flüsterte er Hermine entgegen.

Diese Frage traf sie so unvermittelt, dass ihr eine weitere Träne das Gesicht entlang kullerte. „Ich kann einfach nicht anders." Schluchzte sie laut auf. „Es ist wie Magie."

*****

Hermine schreckte auf. Orientierungslos blickte sie sich um und erkannte, dass sie in Matts Krankenzimmer war. Sie war an seinem Bett eingeschlafen. Das Gespräch mit Harry und die Sorge um Severus hatten sie in einen unruhigen von Albträumen geplagten Schlaf gezerrt.

Die junge Frau fühlte sich wie gerädert. Sie brauchte jetzt einen schwarzen starken Kaffee. Mit einem letzten Blick auf Matt, dessen Zustand nach wie vor unverändert war, erhob sie sich und verließ den Raum.

Sie strich sich über ihre schweren Lider und schleppte sich mit wackligen Beinen über den langen Gang. Dieser letzte Kampf hatte sie mehr mitgenommen, als sie zuzugeben bereit war. Und diese Krankenhausatmosphäre, dieser Geruch nach Desinfektionsmittel, Krankheit und Tod steigerten ihr Wohlbefinden auch nicht wirklich.

Es war viel los auf den Gängen, was angesichts der Tatsache, dass viele Opfer des Krieges hier behandelt wurden, nicht verwunderte. Zahlreiche Verletzte warteten auf dem langen kahlen weißen Gang, dass sie endlich aufgerufen und verarztet wurden.

Die junge Frau achtete nicht wirklich auf die Personen um sie herum. Sie war in ihren eigenen quälenden Gedanken gefangen. Doch plötzlich erhaschte ein fließender schwarzer Stoff ihre Aufmerksamkeit.

Sie blieb stehen, verharrte sofort auf der Stelle. Mit klopfendem Herzen, einer Angst und Hoffnung zugleich, die sich in ihr festkrallte, hob sie ihren Blick.

Ein gewaltiger Ruck ging durch ihren Körper, der einer angenehmen und erlösenden Leichtigkeit Platz machte. Da stand er. Nur wenige Meter vor ihr, sie ebenso überrascht und durcheinander anblickend, wie sie ihn.

Mit zittrigen Knien ging sie noch ein paar Schritte auf ihn zu, so als ob sie sich auch wirklich vergewissern musste, dass er tatsächlich vor ihr stand, dass er nicht nur ein Wunschgedanke war.

Severus hatte hier auf dem Flur gewartet, um seine Verletzungen behandeln zu lassen, als er Hermine bemerkte. Er wusste, dass er nicht gerade wie das blühende Leben aussah. Seine Kleidung war zerrissen und teilweise blutig von zahlreichen Wunden an Beinen, Armen und Oberkörper. Seine Haare waren zerzaust, sein Gesicht schmutzig von Schweiß, Blut und Dreck.

Und nun stand SIE vor ihm. Es schmerzte ihn beinahe körperlich sie zu sehen, ihre Nähe zu spüren. Severus fühlte sich seltsam in die Enge getrieben. Noch zu gut konnte er sich an sein unfreiwilliges Liebesgeständnis erinnern.

Hermine war wie in einer Starre gefangen. Sie konnte ihn einfach nur anblicken, seinen tiefen, fragenden aber auch gequälten Blick erwidern. Er lebt… er lebt und es geht ihm gut

Immer wieder hämmerten diese Worte durch ihr Bewusstsein, und sandten Wellen der Erleichterung und Freude durch den zarten Körper der jungen Frau. Er lebt…

Und plötzlich konnte sie nicht mehr an sich halten. Mit einem leisen Seufzer warf sie sich in seine Arme, drückte ihr Gesicht eng gegen seine Brust und fing heftig an zu weinen.

Im ersten Moment völlig überrumpelt, aufgrund ihrer Reaktion, konnte Severus einfach nur dastehen und verharren. Er hielt die Luft an, verkrampfte sich. Doch als er das leise Schluchzen hörte und merkte, wie sich Hermine um Halt suchend an ihn krallte, brach auch seine Mauer zusammen.

Laut ausatmend schlang er die Arme um ihren schlanken Körper und drückte sie sanft noch enger an sich. Er schloss die Augen und genoss diese unglaubliche Wärme, die seinen Körper durchflutete, ihren herrlichen blumigen Duft, der ihn umströmte und ihren zarten Körper, der so nahe gegen seinen gedrückt war, dass es ihn beinahe trunken werden ließ.

Hermine wäre gerne in diesen Mann hineingekrochen, wenn es ihr irgendwie möglich gewesen wäre. Seine Nähe, seine Umarmung tat ihr so gut, lies sie sich endlich wieder lebendig fühlen.

„Ich hatte solche Angst um dich gehabt." Wisperte sie in seine Kleidung hinein.

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, merkte sie, wie sich Severus etwas versteifte. Hermine löste sich ein wenig aus dieser Umarmung und sah ihn mit großen leuchtenden Augen an. „Das meine ich ernst." Sprach sie mit leiser rauer Stimme, als sie die Unsicherheit in seinen Augen lesen konnte.

Und unsicher war Severus in diesem Moment ungemein. Er schluckte hart, als er sich bewusst wurde, dass sie es wirklich ehrlich gemeint hatte, dass sie sich um ihn gesorgt hatte. Ein zartes Lächeln schlich sich über seine Lippen.

In diesem wahnsinnig magischen Moment völlig gefangen, legten sich Hermines Hände sanft auf sein Gesicht, umschlossen es. Sie blickte ihn an und die Sehnsucht in ihr gewann schließlich die Macht, als sie sein Gesicht zu sich heranzog und ihn unendlich zärtlich küsste.

Severus glaubte zu träumen, im Himmel zu sein. Er schwebte, als er ihre weichen Lippen auf seinen spürte. Sein gesamter Körper kribbelte, als er ihr endlich wieder so nahe sein durfte.

Es war wie ein unstillbarer Hunger, den beide versuchten zu bekämpfen. Und auch wenn sie es kaum schafften, so blieb dieser Kuss dennoch vorsichtig und sanft in seinem Wesen. Keine feurige Leidenschaft, kein treibendes Verlangen. Allein der Wunsch nach Zärtlichkeit und Nähe trieb die beiden zu diesem Kuss.

Lange und genießend lagen sie in den Armen des jeweils anderen. Sie küssten sich, sie hielten sich und fühlten sich.

Ein lautes und leicht gereizt klingendes Räuspern ließ Severus und Hermine diesen innigen Kuss beenden. Hermine löste sich aus dieser so schützenden Umarmung und sah sich der Stationsschwester gegenüberstehen, die sie seltsam pikiert anblickte.

„Der Arzt würde gerne wegen Ihres Lebensgefährten mit Ihnen reden Miss Granger."

Unsanft landete Hermine wieder auf den harten Boden der Realität. Beschämt blickte sie die Krankenschwester an. In ihrem Kopf wirbelte es wild umher. Hatte sie sich eben noch wie der glücklichste Mensch auf Erden gefühlt so empfand sie jetzt nur noch pure Verzweiflung.

„Ich… ich komme gleich." Erwiderte sie um Ruhe bemüht.

Die Krankenschwester hob nur ihre Augenbrauen und mit einem letzten abschätzigen Blick auf die beiden Personen, entfernte sie sich.

Stumm sahen sich Severus und Hermine an. Und sowohl in ihm als auch in der jungen Frau zerbrach etwas in diesem Moment.

„Du solltest zu ihm gehen." Durchbrach Severus diese gespannte Stille mit rauer Stimme.

Stumm schüttelte sie langsam ihren Kopf. Sie merkte, wie sich abermals heiße Tränen in ihren Augen sammelten. Wie konnte das alles nur passieren? Wie konnte man sich an einem Tag so verzweifelt und glücklich fühlen?

Als sie nichts erwiderte, befand Severus, dass es an der Zeit war zu gehen. Doch ihre nächsten Worte hielten ihn auf.

„Ich liebe dich." Hauchte sie ihm in ihrer Verzweiflung entgegen.

Severus schloss die Augen, als er sie diese Worte flüstern hörte. Er hatte sie sich so sehr gewünscht. Diese drei kleinen Worte. Doch jetzt schmerzten sie beinahe unerträglich, da er wusste, dass sie ihm noch nicht alles gesagt hatte.

„Aber… aber ich kann Matt jetzt nicht im Stich lassen."

Und da waren sie. Die Worte, die er erwartet hatte, auf die er aber noch lange nicht vorbereitet gewesen war. Tapfer erwiderte er ihren Blick. Irgendwie verstand er auch. Sie fühlte sich für seinen Zustand verantwortlich. Da war es nur normal, dass sie für Collin da sein wollte. Und das ging nur, wenn sie bei ihm blieb.

Severus nickte Hermine nur zu. Sagen konnte er nichts mehr. Innerlich schalt er sich selbst, wie er sich dieser süßen Versuchung von eben hatte hingeben können. Einen Moment hatte er tatsächlich geglaubt, jetzt würde alles gut werden. Einen Moment lang war er wirklich glücklich gewesen.