61. Den richtigen Weg finden
Mit einem wehmütigen, beinahe traurigen Blick saß Hermine in der großen Halle. Die Halle war prunkvoll geschmückt mit den Farben der vier Häuser. Girlanden schwebten in großen Höhen umher, auf denen der siebte Jahrgang zelebriert wurde.
Überall herrschte eine aufgeregte und gelöste Stimmung. Schüler alberten herum. Lehrer wirkten entspannt. Und sie hatten auch allen Grund dazu. Voldemort war gefallen, der Krieg vorbei, die Schule absolviert.
Denn trotz der großen Siegesfeiern und dieser taumelnden und feierlichen Stimmung hatten die Schüler des siebten Jahrgangs ihre Abschlussprüfungen schreiben müssen.
In den letzten vier Tagen hatten sie all ihre Prüfungen absolviert. Und jetzt waren sie frei – in vielerlei Hinsicht.
Doch Hermine fühlte sich alles andere als befreit. Seit dieser Krieg zu Ende war, fühlte sie sich kraftlos, antriebslos, traurig. Natürlich war sie erleichtert, dass man sich jetzt wieder ohne Gefahr außerhalb von Hogwarts bewegen konnte. Und natürlich war sie mehr als nur froh, dass die Menschen, die ihr am nächsten standen, diesen Krieg überlebt hatten.
Aber dennoch. Ein bitterer Nachgeschmack blieb. Seit ein paar Tagen war Matt wieder wach. Die Medimagier hielten es für ein kleines Wunder, dass er aus seinem Koma wieder erwacht ist. Doch leider nicht ohne Folgen.
Matt würde nie wieder laufen können. Der Fluch war zu lange in seinem Körper gewesen, hatte alle Nervenbahnen und Muskeln in seinen Beinen vernichtet. Es war ein Schlag für Hermine gewesen, als der behandelnde Arzt ihr dies mitgeteilt hatte.
Nie wieder würde Matt laufen können, nie wieder würde er in dem Beruf arbeiten können, den er so sehr liebte. Und all das war allein ihre Schuld.
Matt hatte diese Nachricht zumindest nach außen hin gefasst aufgenommen. Er hatte auch Hermine keine Vorwürfe gemacht, er hatte sie noch nicht einmal schräg angesehen. Doch Hermine wusste, dass auch er sich dieser Schuld bewusst war. Doch er liebte sie einfach zu sehr, als dass er sie dafür angeklagt hätte. Und dies war wiederum ein Punkt, den Hermine nicht verstehen konnte.
Mit Severus hatte sie seit der Begegnung im St. Mungos kaum gesprochen. Doch obwohl alles geklärt war und beide endlich wussten, was der andere fühlte, gingen sie sich dennoch beständig aus den Weg.
Lediglich bei ihrer Abschlussprüfung in Zaubertränke war sie ihm begegnet. Doch mehr als einen flüchtigen und vorsichtigen Blick hatten sie nicht gewechselt.
Hermine hatte in den letzten Tagen versucht, ihre Gefühle zu ordnen. Sie hatte oft und lange über das nachgedacht, was zwischen Severus und ihr im St. Mungos passiert war. Und sie wusste, dass es so nicht weitergehen konnte.
Es war ihr nicht leicht gefallen, ihr Innenleben zu ordnen und sie würde auch nicht so weit gehen und behaupten, dass sie es erfolgreich geschafft hätte. Doch wenigstens hatte sie soviel Ordnung rein gebracht, dass sie sich schließlich für einen Weg entschieden hatte, den sie in Zukunft beschreiten würde.
Diese Entscheidung war ihr verdammt schwer gefallen. Sie hatte die junge Frau gequält, ihr schlaflose Nächte gekostet. Doch Hermine hatte sich schließlich dazu durchgerungen. Und sie würde zu ihrer Entscheidung stehen.
Mit trübem Blick saß sie neben Harry, Ron und den anderen Absolventen. Der Reihe nach wurden sie aufgerufen, um ihre Abschlusszeugnisse überreicht zu bekommen. Hermine wusste, dass sie ganz zum Schluss drankam, da sie, wie nicht anders zu erwarten war, ihre Prüfungen alle mit einem Ohnegleichen bestanden hat.
Wie hatte sie sich doch früher über ein „O" gefreut. Es war eine Zeit lang ihr einziger Lebensinhalt gewesen. Doch jetzt war es ihr gleich. Sie hatte in ihren letzten beiden Schuljahren gelernt, dass es noch andere Dinge gab, die einen weitaus höheren Stellenwert trugen, als ein Ohnegleichen. Freunde, Vertrauen, Mut und Liebe.
All diese Sachen hatte sie erfahren. Und unter all diesen Sachen litt sie nun fürchterlich. Denn sie musste heute von Personen Abschied nehmen, die sie für lange Zeit oder nie mehr wieder sehen würde.
Bis jetzt hatte es Hermine wehement vermieden, in Richtung des Lehrertisches zu sehen. Alle Professoren hatten sich vor diesen aufgereiht und beglückwünschten jeden einzelnen Schüler, der sein Abschlusszeugnis erhalten hatte.
Auch Severus stand in dieser Reihe und schüttelte mit gewohnt mürrischem Gesichtausdruck die vielen Hände. Er vermied es ebenso in ihre Richtung zu blicken. Denn ein einziger Blick von ihr würde seine steinerne Maske zum Bröckeln bringen.
Dann wurde Hermines Name aufgerufen. Die junge Frau schloss für einen Moment ihre Augen, atmete tief ein und aus. Dann erhob sie sich, schritt langsamen Schrittes zu ihren Professoren.
Dumbledore empfing Hermine mit einem strahlenden Lächeln. Seine blauen Augen funkelten sie stolz an, als er ihr das beste Zeugnis in der Geschichte von Hogwarts überreichte. Kaum hatte sie das Stück Pergament in ihrer Hand, fing Dumbledore an zu klatschen. Die Professoren folgten ihrem Direktor, einer nach dem anderen. Und schließlich stimmten auch die Schüler mit ein.
Hermine merkte, wie sie rot anlief. Gerührt blickte sie in die klatschende Menge, verbeugte sich leicht zum Dank. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Hauslehrerin. McGonagall wirkte beinahe noch stolzer als der Direktor – soweit das überhaupt noch möglich war. Ihre Hauslehrerin wünschte ihr alles Gute, beglückwünschte sie und lud sie herzlich dazu ein, sie jederzeit zu besuchen.
Auch die anderen Professoren verabschiedeten sich herzlich von der Gryffindor. Doch die bekam schon gar nichts mehr mit. Denn in ihrem Bewusstsein war nur noch für einen Platz. Für den Mann, dem sie als nächsten gegenübertreten würde.
Zögerlich und mit zitternden Knien stellte sie sich ihm gegenüber. Langsam hob sie ihren Blick, versuchte sich während dieser kurzen Zeit irgendwie auf diesen Blickkontakt vorzubereiten. Doch als sie mit seinen schwarzen Augen verschmolz, wusste sie, dass man sich darauf nicht vorbereiten konnte.
Sofort wurde sie wieder an die Liebe zu ihm erinnert, als ihr Herz anfing wild gegen ihren Brustkorb zu schlagen.
Severus streckte schließlich seine Hand aus, um Hermines zu schütteln – so wie er es bei all den anderen Schülern auch getan hatte. Doch als sie seine Hand erfasste, war es so, als ob ihn eine gewaltige Wärme durchzog.
Überrascht, aufgrund dieser heftigen Reaktion, sah er sie an. Abermals drohte er sich in diesen braunen Augen zu verlieren. Doch bevor dieses geschehen konnte, räusperte er sich leise. Lange überlegte er, was er ihr nun sagen sollte.
Ihm war bewusst, dass er irgendetwas sagen musste. Doch was. Eigentlich hätte er ihr dasselbe zukommen lassen müssen wie auch den anderen Schülern. Ein paar unfreundliche Worte, einen mürrischen Blick.
Doch er war schon lange nicht mehr dazu in der Lage, Hermine wie die anderen zu behandeln. Und so entschloss er sich auch, ihr als Privatperson und nicht mehr als ihr Professor entgegenzutreten.
„Ich bin stolz auf dich." Raunte er ihr zu. Er merkte sofort die stechenden und verwirrten Blicke seiner Kollegen. Doch das war ihm egal. Hermine war offiziell nicht mehr seine Schülerin. Also hatte er auch das Recht, sie so vertraut anzureden.
Hermine konnte nicht anders, als ihn für seine Worte liebevoll anzublicken. Diese Worte hatten sie berührt, tief in ihrem Herzen. Und dass er das auch noch vor seinen ganzen Kollegen gesagt hatte, war etwas, das sie kaum greifen konnte.
Mit ihrer Reaktion hatte Severus nicht gerechnet. Die Art, wie sie ihn nun ansah, wie sie ihn anlächelte und dabei noch immer zart seine Hand festhielt, ließ ihn beinahe seinen Verstand verlieren. Was hätte er nicht alles dafür gegeben, sie jetzt einfach in seine Arme zu schließen, um sie zärtlich küssen zu können.
Doch schnell war dieser Moment zwischen den beiden wieder verflogen. Hermine wurde sich bewusst, dass dies wahrscheinlich das letzte Mal war, dass sie Severus berührte, dass sie ihm so nahe gegenüberstand.
Alles in ihr krampfte sich zusammen. Sie konnte diesen Schmerz nicht bewältigen und so ließ sie abrupt seine Hand los und wandte sich von ihm ab.
*****
Es war spät am Abend als Hermine sich erschöpft gegen einen großen Baum in der Nähe des Sees lehnte. Die Feierlichkeiten waren in der große Halle noch voll in Gange. Doch sie hatte keine Lust auf Jubel, Trubel und Heiterkeit.
Ihr war das alles zu viel. Sie war überfordert, mit diesem ganzen Abschied nehmen. Am liebsten würde sie die Zeit zurückdrehen, diese Schule erst gar nicht verlassen.
Wenn doch wenigstens Matt hier gewesen wäre. Er hätte sie aufgemuntert, auf andere Gedanken gebracht. Doch er war nicht hier. Er war noch immer im Krankenhaus.
Und so stand sie alleine hier mit ihren Sorgen und Gefühlen. Die Begegnung mit Severus bei der Zeugnisübergabe hatte ihr einmal mehr verdeutlicht, dass sie diesen Mann wahnsinnig liebte. Und sie wusste auch, dass sie Matt nie so lieben wird wie Severus.
Doch sie hatte sich entschieden – für Matt und gegen Severus. Matt würde sie glücklich machen, dessen war sie sich sicher. Er würde immer für sie da sein, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.
Nur das Gefühl würde fehlen, doch vielleicht würde sie mit der Zeit Severus vergessen und somit ihr Herz für Matt öffnen können.
„Du bist wohl auch vor dieser übertriebenen guten Laune geflohen." Drang plötzlich eine dunkle Stimme an ihr Ohr – seine Stimme.
Sie wandte sich ihm zu und sah ihn milde lächelnd an. „Das bin ich." Erwiderte sie nur mit einem verräterischen Funkeln in den Augen.
„Du hast es geschafft." Sagte er schließlich, da er nicht wusste, wie er diese aufkeimende Stille zwischen ihnen sonst hätte überbrücken können.
Hermine konnte ein leises Seufzen nicht verhindern. „Ich werde das hier alles schrecklich vermissen." Meinte sie mit einem wehmütigen Blick in Richtung des mächtigen Schlosses.
Auch Severus richtete seinen Blick auf Hogwarts. Es war so lange sein Zuhause gewesen. Doch er hatte das Gefühl, dass es nie wieder so sein würde, wenn Hermine jetzt ging.
„Was hast du jetzt vor?" fragte er sie und richtete dabei seinen Blick wieder auf die junge Frau.
„Ich habe einen Studienplatz an der Universität Oxford bekommen." Antwortete sie ihm mit leiser Stimme. „Im September geht es los. Bis dahin werde ich mich noch… um Matt kümmern."
Severus Herz krampfte sich bei der Erwähnung dieses Namens zusammen. „Wie geht es ihm?" fragte er dennoch um Ruhe in der Stimme bemüht.
Hermine zuckte nur mir ihren Schultern. „Er wird nie wieder laufen können."
Ihre Stimme war so brüchig, so verzweifelt gewesen, dass er sie so gerne in seine Arme gezogen hätte. Doch er hielt sich zurück. Er war nicht der Mann, der sie trösten sollte, denn ihm war durchaus bewusst, dass er eine gewisse Mitschuld an ihrem derzeitigen Zustand trug.
Auch ihm war nicht entgangen, dass Matt nur angegriffen worden war, weil Hermine ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hatte. Und er konnte deutlich in ihren Augen sehen, wie schuldig sie sich deswegen fühlte.
„Das tut mir leid." Hauchte er nur.
Sie sah ihn an. Traurig und gequält.
„Das meine ich ernst." Fügte er hinzu, als er sich ihres Blickes gewahr wurde.
Lange sahen sie sich einfach nur an. Keiner sagte etwas, stattdessen versuchten sie all ihre Gefühle und Gedanken über ihre Blicke auszudrücken.
„Severus…" hauchte Hermine schließlich beinahe verzweifelt, doch Severus hielt die junge Frau mit einem leichten Kopfschütteln davon ab, weiter zu sprechen.
„Nicht" hauchte er nur und blickte sie sanft dabei an.
Er konnte in ihren Augen all die Liebe für ihn sehen. Doch er konnte auch sehen, dass sie diese nicht leben konnte. Die Schuld, die sie Matt gegenüber empfand, verhinderte dies. Und so lange es diese unüberwindbare Barriere gab, würde er nichts unternehmen, nichts unternehmen können.
Es war grausam, zu wissen, geliebt zu werden, aber gleichzeitig die Gewissheit zu besitzen, dass diese Liebe unerfüllt bleiben wird. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen und er hatte das Gefühl, mehrere Sekunden lang nicht mehr atmen zu können.
„Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft." Wisperte er ihr entgegen. Ein dicker Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet, als ihm bewusst wurde, dass es nun hieß, Abschied zu nehmen.
Hermine konnte daraufhin nur nicken. Zum Sprechen war sie nicht mehr fähig. Dieser Abschied war grausam, kaum auszuhalten.
Eine einzelne Träne lief ihr die Wange hinunter. Severus überwand sich, ihr sanft die Träne wegzuwischen. Doch diese Berührung löste etwas aus, gegen das sich beide nicht mehr wehren konnten.
Beinahe ungeduldig überbrückten sie den letzten Abstand zwischen sich, schlangen die Arme um den Körper des anderen und zogen ihn zu einem innigen Kuss heran. Mit einer verzweifelten Leidenschaft, die beinahe schmerzte, küssten sie sich. Hungrig, zart und zutiefst erschüttert. Denn beiden war klar, dass dies der letzte Kuss sein sollte, den sie teilten.
Ihre Lippen verschmolzen hungrig miteinander, jede einzelne Sekunde dieses Kusses wurde ausgekostet. So als ob beide dieses Gefühl für immer abspeichern wollten. Dass sie es nie vergessen wollten, wie es war, den Menschen zu küssen, den man so sehr liebte.
Völlig außer Atem lösten sie sich voneinander. Doch noch immer verharrten sie nahe beieinander, den eigenen Körper eng an den anderen gedrückt. Zart hielt Severus ihr Gesicht mit seinen Händen fest, schloss für einen Moment die Augen und sog den lieblichen Duft, den sie verströmte, tief ein. In diesem Augenblick fühlte sich Severus vollkommen. Er hielt Hermine in seinen Armen, war ihr nahe und das nicht nur körperlich.
Doch schnell holte die Realität ihn wieder ein. Langsam öffnete er die Augen. Schwer atmend
Sahen sie sich an, drückten sich noch dichter an den anderen heran. Doch dies geschah mit dem Wissen, dass ihre Zeit ablief.
Sanft lehnte er seine Stirn gegen ihre, strich mit seinen Händen über ihre Wange. Und mit einem zärtlich gehauchten „Leb wohl.", beendete er diese liebevolle Berührung und trat einen Schritt zurück. Er hob seinen Blick und ein letztes Mal verschmolz dieser mit ihrem.
Dann wandte er sich von ihr ab und ging zurück in Richtung Schloss.
Tränen strömten über das Gesicht der jungen Frau. Alles in ihr schmerzte, ihr Herz schrie sie förmlich an, dass sie ihn aufhalten sollte. Doch Hermine hatte eine Entscheidung getroffen. Und so ließ sie ihn gehen – vielleicht für immer.
