Es war eine kurze, weitestgehend schlaflose Nacht für Blair. Als sie sich zum 100. Mal in dieser Nacht nach ihrem Wecker umdreht, war es 6.32 Uhr. Also gerade 5 Minuten später als das letzte Mal das sie darauf gesehen hatte. Blair war immer noch geschockt von dem was sie letzte Nacht getan hatte. Aber das war nicht das einzige Gefühl das sich in ihr ausbreitet wenn sie sich erinnert. Freiheit. Sie hatte sich frei gefühlt. Etwas das sie vorher nur sehr selten und nur außerhalb der Reichweite ihrer Mutter je gefühlt hatte – und selbst dann nicht so intensiv wie gestern.
Blair Waldorf war von klein auf zur Perfektion gedrillt worden. Als Tochter der erfolgreichen Modedesignerin Eleanor Waldorf und dem Staranwalt Harold Waldorf und Freundin des Sport-Wunderkindes Nathaniel Archibald hatte man stets höchste Erwartungen an sie. Gutes Benehmen, perfektes Auftreten, stets wohlgewählte Kleidung und ein makelloser Ruf. Nichts Geringeres erwartet man von ihr. Blair versuchte ihr ganzes Leben diesen Ansprüchen zu genügen – stets bemüht ein wenig Aufmerksamkeit auf sich lenken zu können. Die einzige Person in der ganzen weiten Welt bei der sie, sie selbst sein konnte, war Chuck Bass.
Aber Chuck war Chuck. Stets zugedröhnt und/oder betrunken und stets umgeben von einer ganzen Schar williger Frauen derer er sich gerne bediente. Chuck war emotionslos – ganz sicher war er das, sonst könnte er dieses Leben nicht mit solch einer Freude führen. Er traf sich nie zweimal mit derselben Frau. Das einzig konstante in Chucks Leben war sein Schal. Blair betete das Chuck Nate nichts von ihrer Kurzschlussreaktion und den Geschehnissen letzter Nacht erzählen würde. Beten. Das brachte sie auf eine Idee.
Blair stand auf, duschte und wählte ihr konservativstes Kostüm als das beste Outfit für das, was sie vorhatte. Ein Besuch in der katholischen Kirchen – zum Beichten. Sie selbst als Mitglied der anglikanischen Kirche hatte sich nie sonderlich mit Religion beschäftigt, aber nun da sie dringend die Hilfe einer höheren Macht zur Schadensprävention benötigte, erinnerte sie sich an das extrem langweilige Gespräch mit einer jungen Vorzeigekatholikin die ihr von dem reinigenden Gefühl der Beichte bei der Party neulich die Ohren vollgelabbert hatte. Als Blair endlich den Haarreif mit dem kleinen Schleier gefunden hatte, den ihr Vater ihr vor einer Weile aus Italien mitgebracht hatte, machte sie sich auf dem Weg zur Absolution.
Als Blair eine knappe halbe Stunde später vor der Kirche stand, nahm sie einen letzten tiefen Atemzug und schaltete ihr Handy aus. Sicher war sicher – und es wäre höchst peinlich, wenn das Handy in der Mitte der Beichte geklingelt hätte. Hätte die gute B zehn Sekunden länger gewartet, hätte sie noch die neuste Gossip Girl Nachricht lesen können…
Gesichtet: Unsere Queen Bee auf den Stufen der St. Jean Baptiste Kirche. Woher der plötzliche Drang zum Kirchgang, B? Hast du etwa etwas zu beichten? xoxo, Gossip Girl
Chuck lag noch in seinem bequemen Bett mit den Seidenlaken im Palace als sein Telefon auf dem Nachttisch vibrierte. Nachdem er Blair gestern Nacht nach Hause gebracht hatte, war er schnurstracks zum Hotel zurückgekehrt und war mit einem Lächeln beim Gedanken an Blair eingeschlafen. Sie war etwas besonderes….
Chuck beäugte sein Handy mit einem schläfrigen Auge. Es war nur Gossip Girl. So wichtig konnte es nicht sein…..Es traf ihn wie einen Schlag. Blair in der Kirche? Was ging da vor sich? Er brauchte weniger als 10 Minuten um zu duschen, sich anzuziehen und seinem Chauffeur Bescheid zu geben, vorzufahren.
Als Blair die Kirche verließ, fühlte sie sich erleichtert. Der Priester hatte ihr einige gute Ratschläge gegeben. Nachdenken – einfach. Kleider anbehalten – tzzz, also bitte. Kein Alkohol – naja, Jesus machte aus Wasser Wein und keinen Saft oder? Und schließlich den weniger guten Menschen aus dem Weg gehen – das könnte ein Problem werden doch Blair würde es versuchen. Immerhin war Chuck Nates bester Freund, nicht ihrer. Kaum hatte sie die Straße überquert, fuhr neben ihr ein allzu bekanntes Gefährt vor.
„Das ist der letzte Ort an dem ich erwartet hätte, dich zu finden!" sagte Chuck mit spöttischen Unterton aus der Limo heraus.
„Verschwinde sofort Chuck! Ich habe von Gott persönlich den Befehl erhalten dir aus dem Weg zu gehen." antworte Blair ihm schnippisch.
„Geh mir doch beim Frühstück aus dem Weg." schlug Chuck mit seinem typischen Lächeln auf den Lippen vor.
„Ich kann nicht. Den wie es Tradition am Tag vor meinem Geburtstag ist, werde ich b beim Juwelier ein paar Stücke zurücklegen lassen. Für Eleanor und…."
„Nate? Oh ich glaube nicht das wir dieses Jahr Happy Birthday singen werden!"
„Niemand weiß das wir uns getrennt haben Chuck! So soll es auch bleiben. Ich werde das wieder hinbekommen. Und ich denke nicht, dass Nate noch dein Freund wäre wenn er wüsste…:"
„Wie ich es genossen habe, seiner Freundin den Keuschheitsgürtel in dieser Limousine hier abzunehmen?"
„Die letzte Nacht wird nie wieder erwähnt, haben wir uns verstanden? Was mich angeht ist es nie passiert." Nachdem sie ihm das an den Kopf geworfen hatte, setzte Blair ihre Sonnenbrille auf und ging einen Schritt mehr zur Mitte des Bordsteins und fing an weiter zu laufen.
„Dann sehen wir uns wohl auf deiner Party, schätze ich." rief Chuck ihr nach.
„Du bist offiziell ausgeladen!" raunzte Blair zurück.
„Das hat mich noch nie aufgehalten, Waldorf!" schnaubte ein verärgerter Chuck zurück. Danach ließ er das Fenster wieder hochfahren und lehnte sich zurück. Er hatte sich gerade eine volle Portion der kaltschnäuzigen Perfektionistin Blair Waldorf abgeholt. Er fühlte den Ärger in seinem Magen Saltos schlagen. So war sie schon immer gewesen. Immer wenn etwas außerhalb des Blair-Waldorf-Lebensplans lag wurde es ausgeblendet. Chuck erinnerte sich plötzlich an Blairs elften Geburtstag.
Der Kindergeburtstag war im vollen Gange als Chuck völlig außer Puste am Waldorf Haus ankam. Sein Vater hatte das falsche Armband für Blair abgeholt, Chuck hatte das aber erst gemerkt, als sein Fahrer ihn bereits abgesetzt hatte, also lief er bis zum Juwelier, tauschte das Armband um und rannte so schnell er konnte zurück. Er nahm den Aufzug nach oben und traf auf eine allzu bekannte Szene. Alle Partygäste unterhielten sich oder spielten eines der vielen Spiele die Blairs Mutter zum Zeitvertreib hatte vorbereiten lassen. Nur Blair saß schmollend auf dem Sofa und betrachtete eifersüchtig eine lachende Serena die mit einem gut gelaunten Nate Twister spielte und sich gerade völlig in ihm verfangen hatte. Als Blair Chuck erblickte warf sie den beiden einen Blick zu schaute Chuck wieder an und rollte die Augen.
„Sieht so aus als hätten Serena und Nate Spaß."
„Ja, juhu. Freuen wir uns eine Runde für die beiden." sagte Blair mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Sie schüttelte den Kopf ein wenig und schaute nach unten auf ihre Füße. Chuck wurde das Herz schwer als er das sah. Er wusste nicht warum, aber es war so. „Serena bekommt immer alles." erklärte Blair mit gekränktem Unterton.
„Das stimmt nicht, Waldorf." Chuck lächelte sie an und hielt ihr die Tüte des Juweliers hin. „Es ist leider nicht verpackt, ich musste es gerade nochmal umtauschen gehen."
Blair hob eine Augenbraue und schaute ihn zweifelnd an während sie die Tüte aus seiner Hand nahm. Sie nahm die hübsche blaue Schatulle aus der Tüte und öffnete sie. Blair war geschockt. Es war ein wunderschönes Armband. Golden mit kleinen Schmetterlingen am Verschluss.
„Chuck, das hättest du nicht machen sollen. Das war sicher super teuer!"
„Als ob Geld eine Rolle spielen würde. Gefällt es dir, Blair?" Blair schaute ihn verdutzt an. Es war eine Weile her seit er sie das letzte Mal mit dem Vornamen angesprochen hatte. Sie war Waldorf, er war Bass. Das war ihr Ding.
„Es ist wunderschön. Vielen Dank." Sie strahlte ihn an und er fühlte sein Herz hüpfen. Warum das passierte würde die nächsten sechs Jahre ein Rätsel für ihn bleiben.
Bis zu der Nacht im Victrola an dem er sein Herz wieder hüpfen fühlte als die normalerweise spießige, konservative Blair ihr Kleid abstreifte um auf der Bühne seines Burlesk-Clubs zu tanzen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er war verliebt. Chuck Bass war tatsächlich verliebt.
Autor-Note: Also ich hoffe das Kapitel ist soweit unterhaltsam. Das nächste Update sollte es gegen Ende der Woche geben. xoxo
