Drei Tage waren vergangen, doch die Klerikerin ist bisher nicht erschienen. Oleff und Helana warten sehnsüchtig auf sie. Sie können einfach nicht glauben, dass sie nicht kommt. Der Waldläufer war im Dorf und hat sich nach der Klerikerin und den Kranken erkundigt. Da es keine Neuigkeiten gibt und es schon Nachmittag ist, kehrt der Elf in seinen Wald zurück. Nach wenigen Metern dreht er sich noch einmal um. Er ist allein. Der Elf seufzt leise und setzt seine Kapuze ab. Nur hier im Wald fühlt er sich sicher genug ohne seine Kopfbedeckung herum zu laufen. Er fährt die Narben in seinem Gesicht mit den Fingern ab und erschaudert. Nein, er will nicht daran denken, an diesen Tag als sein Leben zerstört wurde. Der Waldläufer schüttelt seinen Kopf und beginnt seine Runde im Wald, wie er es jeden Tag tut.
Auf einer Lichtung findet er ein Reh, das wie leblos auf dem Boden liegt. Er nähert sich und sieht es sich genauer an. „Nicht schon wieder." Der Waldläufer seufzt laut. Dieses Tier hat die gleichen Symptome wie die anderen Tiere, die schon gestorben sind und die kranken Menschen im Dorf. Er hebt das Tier auf und trägt es zu einem Gatter, das er neben seiner kleinen Hütte gebaut hat. Vorsichtig legt er das Reh auf den Boden. Der Waldläufer beschließt sich später um das Tier zu kümmern. Er setzt seinen Rundgang fort und hofft, dass er kein weiteres krankes Tier findet.
Der Elf ist schon eine Weile unterwegs und inzwischen ist es später Nachmittag. Schon bald würde die Sonne untergehen. Plötzlich hört er ein Geräusch. Das Rascheln kommt von keinem Tier, das er kennt. Langsam und vorsichtig schleicht er in die Richtung, aus der das Geräusch kommt. Er versteckt sich im Schatten und seine Schritte sind so leise, das keiner sie hören kann. Bald schon sieht er den Verursacher der Geräusche. Es ist eine Frau und von der Figur her eine Elfe. Sie hat ihm den Rücken zugewandt und starrt in den Wald. Sie trägt eine feine grüne Kettenrüstung. Der Waldläufer kennt diese Rüstungen. Es sind Kettenhemden, die speziell für Elfen gemacht wurden. Auf Ihrem Rücken trägt sie ein Schild und einen Rucksack. An ihrer Seite baumelt ein Kriegshammer. „Die Klerikern!" Der Waldläufer sagt das ein wenig zu laut, denn die Elfe dreht sich um und mit einer flinken Handbewegung hat sie ihre Waffe in der Hand. „Wer ist da? Kommt heraus!"
Der Elf steht da wie versteinert und starrt sie an. Sie ist wunderschön. Sie hat lange dunkelbraune Haare, durchsetzt mit roten Strähnen. Ihre Haut schimmert golden. Noch in seinem Leben hat er eine so schöne Frau gesehen und sein Herz schlägt gegen seinen Willen schneller. Er hebt seine Hand und streicht sich mit zittrigen Fingern über den Kopf. Der Elf wird kreidebleich. Hastig setzt er seine Kapuze auf. Diese hübsche Elfe soll auf keinen Fall sein von Narben entstelltes Gesicht sehen. „Ich weiß, dass da jemand ist. Also kommt heraus. Ich habe keine Angst vor Euch." Die Elfe kommt langsam auf ihn zu. Er hat keine Wahl und muss sich zu erkennen geben.
„Ich werde Euch nichts tun, Asarin." Der Waldläufer hofft, dass sie seine Aufregung nicht hört. Er tritt aus den Schatten heraus und zeigt sich der Elfe. Seine Hände hält er nach oben um ihr zu zeigen, dass er unbewaffnet ist. Asarin sieht ihn misstrauisch an. „Woher kennt Ihr meinen Namen?" Ihre Stimme ist melodisch und dem Elf laufen wohlige Schauer über den Rücken. „Wir haben Euch erwartet, Asarin." Er bemüht sich sie nicht anzusehen, aber er kann sein Gesicht nicht von ihr abwenden. Sie hat grüne Augen, die wie Smaragde leuchten. Die Elfe entspannt sich langsam und steckt ihre Waffe weg. „Dann seid Ihr aus dem Dorf Barenruh?" „Ich bin der Waldläufer und habe in diesem Wald eine kleine Hütte. Das Dorf ist nicht weit entfernt."
Die Elfe lächelt und geht auf den Waldläufer zu. „Ihr könnt Eure Hände runter nehmen. Es freut mich Euch kennen zulernen." Die Elfe strahlt den Waldläufer an und streckt ihm ihre Hand entgegen. Der Waldläufer senkt den Kopf. Langsam nimmt er ihre Hand. Ihre Haut ist so warm und zart. „Ich… ich bin Phedolas." „Es freut mich Euch kennen zulernen, Phedolas." „Die Freude ist ganz meinerseits." „Könnt Ihr mich ins Dorf begleiten?" „Sicher. Kein Problem. Es wird bald dunkel und wir sollten uns beeilen. Die Nächte sind gefährlich." „Gut. Danke, Phedolas." „Kein Problem." „Phedolas? Ihr könnt nun meine Hand loslassen." Asarin lacht und Phedolas lässt sofort ihre Hand los. Er hat nicht bemerkt, dass er sie noch immer gehalten hat. Er wird rot und ist froh, dass sie sein Gesicht nicht sehen kann.
Asarin läuft neben Phedolas als dieser sie zum Dorf begleitet. Sie laufen schweigend nebeneinander und gegen seinen Willen schaut Phedolas immer wieder zur Seite um einen Blick auf Asarin zu erhaschen. Er würde sich gerne mit ihr unterhalten, doch er weiß nicht, was er sagen soll. Asarin bricht das Schweigen letztendlich. „Wie lange seid hier Ihr schon Waldläufer?" „Ich bin schon 60 Jahre der Waldläufer von Barenruh. Natürlich bin ich schon viel länger Waldläufer, aber seid 60 Jahren bin ich in diesem Wald." „So lange schon? Ich bin seit einigen Jahren ständig auf Reisen. Ich frage mich manchmal, ob es je einen Ort geben wird, an dem ich mich niederlassen kann." Asarin schaut verträumt in die Ferne. Phedolas sieht sie an; ihm gefällt dieser Ausdruck in ihrem Gesicht. Er überlegt, was er als nächstes sagen könnte, doch inzwischen haben sie das Dorf erreicht und Oleff und Helana stürmen aufgeregt auf die beiden Elfen zu.
„Endlich seid Ihr da, Lady Asarin. Wir hatten schon gedacht…" Helana schluckt und nimmt die Hand von der jungen Elfe und schüttelt sie. „Willkommen in Barenruh, Lady Asarin." Oleff ist ein wenig gefasster als er ihre Hand nimmt und sie schüttelt. „Phedolas? Ihr seid zurück?" Erst jetzt hat Oleff den Waldläufer bemerkt. „Ich habe Asarin im Wald getroffen und sie ins Dorf begleitet. Ich… ich denke, ich sollte jetzt zurückgehen. Ich muss noch einiges erledigen. Oleff, sagt dem Bürgermeister bitte, dass ich ein neues krankes Tier gefunden habe." „Was? Ein weiteres Tier ist erkrankt?" Helana wird blass und holt tief Luft. Oleff nimmt seine Frau in den Arm um sie zu beruhigen. „Ich habe vor meiner Abreise um Heilsprüche gebetet und sie wurden mir gewährt. Ich kann also sofort nach den Kranken sehen und meine Heilmagie anwenden." Asarin schaut Oleff und Helana aufmunternd an. „Vielen Dank, dass Ihr mich ins Dorf begleitet habt, Phedolas. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder." Asarin sieht den Waldläufer lächelnd an, als sie seine Hand nimmt und sich verabschiedet. Phedolas bekommt kein Wort heraus. Er nickt ihr nur kurz zu bevor sich umdreht und kurz darauf im Wald verschwindet. Asarin sieht ihm irritiert nach.
Die junge Elfe folgt Oleff und Helana in das Haus, das als Krankenstation dient. Schweigend betreten die drei das Haus. Das Haus besteht aus nur einem Zimmer, in welchem die Kranken auf schmalen niedrigen Betten liegen. Asarin zählt insgesamt 20 kranke Personen. Sie läuft von Bett zu Bett und sieht sich die Kranken genauer an. Alle haben die Augen geschlossen und atmen flach. Die Haut ist merkwürdig hellblau verfärbt und an manchen Stellen hat sie schwarze Flecken. Bei einem Kranken öffnet Asarin das Augenlid und erschrickt, da sie nur das weiße im Auge sieht und keine Pupille. Die Haut fühlt sich kalt und trocken an. Alle Kranken haben ihre Haare verloren. Die Elfe hat so etwas noch nie gesehen.
Die Tür fliegt auf und ein dicklicher Mann stürmt herein. „Ihr müsst die Klerikerin sein, von der Oleff und Helana gesprochen haben. Willkommen in Barenruh. Ich bin Bürgermeister Kalonn." Der dickliche Mann steht vor Asarin und sieht sie nervös an. „Ich freue mich Euch kennen zulernen, Bürgermeister. Auch wenn ich wünschte, die Umstände wären besser." Asarin schüttelt die Hand von Kalonn. „Könnt Ihr etwas tun? Ihr seid unsere letzte Hoffnung." „Ich kann nichts versprechen, Bürgermeister. Doch ich werde alles tun, was in meiner Macht ist, um diesen kranken Leuten zu helfen."
Asarin schließt ihre Augen und beginnt ihre Heilzaubersprüche aufzusagen. Es dauert zwei Stunden, dann hat Asarin alle ihre Heilzaubersprüche aufgesagt. Sie atmet rasch, Schweiß läuft ihr von der Stirn und ihre Hände zittern. Langsam öffnet die Elfe die Augen und sieht sich um. Alle Kranken liegen unverändert in ihren Betten. Kein einziger ihrer Heilsprüche hat funktioniert. Asarin sinkt auf die Knie und faltet ihre Hände in ihrem Schoß. Helana ist sofort bei ihr und kniet neben ihr. „Ist alles in Ordnung mit Euch, Lady Asarin?" „Mir geht es gut. Doch ich muss euch leider sagen, dass keiner meiner Heilsprüche funktioniert hat. Ich habe die stärksten Heilzauber verwendet, die mir mein Gott geben kann, doch keiner hat geholfen." Asarin hat den Kopf gesenkt, als sie spricht. Helana bricht in Tränen aus. Oleff ist sofort bei ihr um sie zu trösten. Bürgermeister Kalonn lehnt sich an die Wand und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Was jetzt, Lady Asarin? Was sollen wir tun? Ihr wart unsere letzte Hoffnung… ich - ich mache Euch keine Vorwürfe. Ich bin sicher, Ihr habt alles getan, was Ihr konntet. – Lady Asarin? Was ist mit Euch?" Der Bürgermeister löst sich mit einem Ruck von der Wand und läuft zu Asarin, die wie leblos auf dem Boden kniet. Er stößt sie an und versucht mit ihr zu reden, doch die junge Elfe reagiert nicht.
Fortsetzung folgt
