Golden Eyes

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by CarpeDiem

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Akihito drehte den Schlüssel im Schloss herum und öffnete die Tür zu seiner Wohnung. Er betrat das kleine Apartment und ging dann in sein Schlafzimmer, um die Negative zu holen. Dazu zog er die Schuhe aus und stieg auf sein Bett, um eine bestimmte Deckenplatte darüber zu erreichen und sie anzuheben. Dahinter befand sich ein Hohlraum in der Deck, in dem mehrere Kabel verliefen und den Akihito als geheimes Versteck benutzte. Er nahm den Umschlag mit den Negativen heraus und setzte die Deckenplatte wieder ein.

Mai Sano war ihm ins Innere der Wohnung gefolgt und ihre dünnen Absätze machten ein durchdringendes Geräusch auf dem alten Holzboden. Sie war im Gang stehen geblieben und als Akihito mit dem Umschlag in der Hand aus seinem Schlafzimmer kam, sah sie sich in dem Bereich um, der sein Wohnzimmer und seine Küche war.

„Nette Wohnung", sagte sie, nachdem sie sich zu Akihito umgedreht hatte und ein amüsiertes Grinsen spielte um ihre roten Lippen. Akihito wusste nicht genau, was das sollte. Anscheinend hatte sie etwas anderes erwartet. Er antwortete nicht, sondern gab ihr stattdessen den Umschlag mit den Negativen.

Mai nahm ihn entgegen und ging zu Akihitos Küchentisch, wo sie den Umschlag öffnete und die Negative heraus holte, um zusammen mit den Abzügen der Bilder zu überprüfen, dass nichts fehlte.

„Vertrauen Sie mir etwa nicht?", fragte Akihito spöttisch und Mai hob den Kopf, um ihn mit einem schmalen Lächeln anzusehen.

„Nein", antwortete sie trocken, bevor sie damit fortfuhr, die Negative mit den Nummern in der Signatur der Bilder abzugleichen.

Während Akihito wartete, nutzte er die Gelegenheit um herauszufinden, was Mai Sano über ihn wusste. Sie kannte seinen Namen, so viel stand fest und die einzige Erklärung, die ihm dazu einfiel war, dass Asami ihr von ihm erzählt hatte. Das hätte Akihito jedoch nicht erwartet. Es würde allerdings erklären, warum sie von seiner Wohnung überrascht war. Mit Sicherheit hätte sie erwartet, dass Asami seinem Lover ein schickes Loft kaufen würde.

„Was hat Asami Ihnen über mich erzählt?"

„Dass du sein Liebhaber bist", antwortete Mai, ohne aufzusehen und Akihito schnaubte leise.

„Ja klar. Sie meinen wohl eher sein Spielzeug."

Mai legte einen Streifen der Negative, den sie gerade in der Hand gehabt hatte, bei Seite. Dann sah sie auf und blickte Akihito dabei direkt an. Ein sanftes Lächeln spielte um ihre Mundwinkel, als sie ihm antwortete.

„Du bedeutest Asami mehr, als du vielleicht glaubst und mehr, als er es dich sehen lässt."

Akihito verschränkte die Arme vor der Brust. Er glaubte ihr kein Wort, auch wenn ein Teil von ihm nichts lieber tun würde, als ihr zu glauben.

„Ach ja?", fragte er herausfordernd. „Und woher wollen Sie das wissen?"

Mai ließ den letzten Streifen der Negative sinken und schob sie dann zurück in den Umschlag. Mit beiden Umschlägen in der Hand, die nun alles Beweismaterial enthielten, das Akihito von dem Drogendeal hatte, drehte sie sich zu ihm um und lehnte sich an den Küchentisch.

„Du kannst es von mir aus weibliche Intuition nennen. Ryuichi Asami ist nicht so schwer zu durchschauen, wie er es gerne hätte", eröffnete sie ihn mit einem schiefen Lächeln. „Die Unterwelt funktioniert nach einfachen Regeln. Gefühle zu zeigen, bedeutet Schwäche, aber das heißt nicht, dass er keine Gefühle hat. Ich weiß wovon ich rede, denn ich bin auch eines seiner Spielzeuge - wie du es genannt hast. Und ich bin gerne sein Spielzeug, denn Asami ist einer der wenigen Männer, die es mit mir aufnehmen können. Außerdem ist der Sex mit ihm einfach fantastisch, aber das brauche ich dir ja nicht zu sagen."

Akihito spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss und er rot wurde. Er wandte den Blick ab, denn die Situation war ihm mehr als peinlich, aber gleichzeitig spürte er auch Wut und Enttäuschung in sich aufsteigen. Er hatte irgendwie damit gerechnet, dass Mai Sano ebenfalls mit Asami schlief, aber diesen Verdacht nun bestätigt zu bekommen, machte ihm mehr aus, als es sollte. Die Frau, die gerade an seinem Küchentisch lehnte, spielte ohne Zweifel in einer ganz anderen Liga als er. Gegen jemanden wie sie, hatte jemand wie er nicht die geringste Chance.

„Schade, dass ich mir einen anderen Liebhaber suchen musste."

Akihito sah auf, als er das hörte, nur um Mai Sanos selbstgefälligem Grinsen zu begegnen.

„Das letzte Mal, dass ich mit Asami geschlafen habe, war vor einem halben Jahr. Ein paar Wochen vorher hat er dich getroffen und als ich bei ihm anrief, sagte er mir, er habe kein Interesse mehr daran mit mir zu schlafen."

Es fehlte nicht viel und Akihito wäre der Mund aufgeklappt. Asami hatte eine Frau wie Mai Sano von der Bettkante gestoßen - und er sollte der Grund dafür gewesen sein! Er tat sich schwer damit, das zu glauben, aber die Anwältin machte nicht den Eindruck, als würde sie lügen. Und wenn das die Wahrheit war, dann bedeutete das, dass er Asami etwas bedeutete. Akihito hätte nur zu gerne geglaubt, dass er für Asami tatsächlich mehr war, als nur ein Spielzeug mit dem er sich die Zeit vertrieb, aber er wagte es nicht sich an diese Hoffnung zu klammern.

Mai Sano stieß sich unterdessen von seinem Küchentisch ab und hielt die beiden Umschläge in die Höhe.

„Ich werde jetzt gehen. Immerhin ich habe nun weswegen ich hergekommen bin. Denk darüber nach was, ich gesagt habe. Und mach dir keine Sorgen. Ich glaube nicht, dass Asami dich umbringen wird, wenn er aus dem Gefängnis kommt."

Damit drehte sich Mai Sano um und verließ seine Wohnung, während Akihito einfach stehen blieb und versuchte seine Gedanken zu ordnen.

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Die Sonne ging gerade unter, als Asami das Gefängnis durch das Haupttor verließ. Die letzten Strahlen des Tages tauchten den Himmel über Tokio in ein sattes rot, während die Sonne langsam hinter den Wolkenkratzern verschwand.

Hinter Asami wurde die Pforte wieder geschlossen, doch er verschwendete nicht einen Blick zurück, sondern ging auf seine schwarze Limousine zu, die bereits auf der Straße vor dem grauen Betonklotz wartete.

Der Oberstaatsanwalt hatte ihn weitere zwölf Stunden festgehalten, nachdem ihm mittgeteilt worden war, dass sich die Beweise gegen Asami einer nach dem anderen in Luft aufgelöst hatten. Es war nicht das erste Mal, dass Asami im Gefängnis gesessen hatte, aber abgesehen davon, dass er sich sehr wohl zu verteidigen wusste, wagte es selbst hinter diesen Mauern niemand ihn anzurühren.

Am gestrigen Abend war der Oberstaatsanwalt darüber informiert worden, dass man Nobuhiro tot in seiner Zelle gefunden hatte, ohne dass einem der Wachen etwas Ungewöhnliches aufgefallen wäre. Es war kein Problem gewesen den Dealer aus dem Weg zu räumen, auch nicht, nachdem Hirata ihn in Schutzhaft genommen und so gut versteckt hatte, wie er konnte. Daisaki war samt seiner Familie seit gestern Morgen spurlos verschwunden. Wie jeder Polizist hatte auch er einige Leichen im Keller gehabt, die nur darauf gewartet hatten, dass Asamis Leute sie fanden. Von da an war es leicht gewesen. Daisaki zu erpressen hatte sich als nicht weiter problematisch herausgestellt und Asami hatte ihm eine großzügige Summe Schweigegeld gezahlt, um weit weg von Tokio neu anzufangen. Währenddessen waren sämtliche Fotos aus den Akten in der Polizeistation verschwunden, direkt unter Hiratas Nase, und als der Detektiv Akihito angerufen hatte und von ihm die Negative verlangte, hatte der Junge ihm gesagt, dass am gestrigen Abend bei ihm eingebrochen worden sei, und dass die Negative gestohlen wurden.

Asamis Augen verengten sich, als er an Akihito dachte. Als Mai ihm am Telefon gesagt hatte, dass er es gewesen war, der die Fotos gemacht hatte, war Asami nahe dran gewesen den Hörer mit voller Wucht gegen die nächste Wand zu schlagen. Es kam nicht oft vor, dass ihm etwas seine Kontrolle entriss, aber die Wut über Akihitos Verrat hätte es beinahe geschafft ihn die Nerven verlieren zu lassen.

Akihito hatte ihn an die Polizei verkauft und Asami spürte, wie der Schmerz und die tiefe Enttäuschung darüber noch immer wie flüssiges Gift durch seine Adern schnellten. Er hatte gegen seine eigenen Regeln verstoßen, indem er Akihito so nahe an sich heran gelassen hatte, wie niemanden vor ihm. Es war ein Fehler gewesen den Jungen bei sich zu behalten, nachdem er angefangen hatte Gefühle für ihn zu entwickeln, die über die rein körperliche Anziehung hinaus gingen, aber dieses unerklärliche Verlangen nach etwas, das mehr war, als nur Sex, hatte ihn unvorsichtig und leichtsinnig werden lassen. Und nun bezahlte er den Preis dafür.

Jeden anderen, der es gewagt hätte ihn auf diese Art und Weise zu hintergehen, hätte man mittlerweile in einem schwarzen Plastiksack auf dem Grund der Tokio Bay gefunden, aber das galt nicht für Akihito. Sein Verrat reichte viel tiefer. Indem Asami zugelassen hatte, dass der Junge ihm wichtig wurde, hatte er ihm die Macht gegeben ihn zu verletzen. Asami hatte gewusst, was geschehen würde, wenn er einem anderen Menschen diese Macht über sich gab, aber er hatte ignoriert, dass so etwas nur auf eine mögliche Weise enden konnte. Jetzt war es zu spät und der Schmerz, den er über Akihitos Verrat empfand, führte ihm seine eigene Schwäche vor Augen.

Suoh stand bereits neben der Limousine und öffnete Asami die Tür, als er den Wagen erreichte. Asami stieg ein und der Ausdruck in seinen goldenen Augen war eiskalt, als er seinen Blick durch den Rückspiegel auf Kirishima, der auf dem Beifahrersitz saß, richtete.

„Wo ist er?"

Kirishima fragte nicht, wen Asami meinte, sondern antwortete angesichts des scharfen Tons in Asamis Stimme ohne zu zögern. „In seiner Wohnung."

„Bringt mich dorthin."

tbc.